Warum ich nicht libertär bin

Ich war kürzlich auf einem deutschen libertären Blog, dessen Namen ich leider vergessen habe. Der Autor empfiehlt dort viele der Bücher, die ich ebenfalls meinen Lesern ans Herz lege. Doch direkt daneben empfiehlt er außerdem ein libertäres Buch, das prinzipiell gegen Patent- und Urheberrechte argumentiert.

Aus diesem Anlass möchte ich einmal mehr erläutern, warum ich ernsthafte Probleme mit vielen „libertären“ Positionen habe und wie sich Objektivisten wie ich von anderen Libertären unterscheiden.

Urheberrechte

Das wirft, nebenbei gesagt, die Frage auf, ob der Autor dieses Buches ein Problem damit hätte, wenn die Leute sein Buch raubkopieren oder ob das in Ordnung für ihn wäre? Ich kann dazu als Buchautor nur sagen, dass sich Raubkopien so anfühlen, als würde ein Kannibale in meine Hand beißen. Und wer das als Autor allzu viel anders sieht, der hat nach meinem Dafürhalten keine künstlerische Integrität. Wer als Urheber oder Erfinder nicht die Einstellung teilt, dass sein Werk SEINES ist – seines!, seines!, seines! – der weiß einfach nicht, was es bedeutet, etwas zu erschaffen.

(Da ein Libertärer gerade bezweifelte, dass es Libertäre gibt, die das geistige Eigentum ablehnen, vgl: Roderick T. Long. The Libertarian Case Against Intellectual Property Rights. Es ist eines der großen Streitthemen unter Libertären und einflussreiche Libertäre lehnen das geistige Eigentum in der Tat ab.)

Die „philosophischen“ Gründe gegen den staatlichen Schutz von Ideen lauten u.a., dass 1. Ideen nicht materiell und somit angeblich nicht real wären und / oder 2. individuelle Menschen nicht wirklich die Urheber von Ideen seien, sondern Ideen sich automatisch durch Evolution fortpflanzen, siehe Dawkins „Meme“ und / oder 3. weil sich neue Technologien und gute Ideen schneller verbreiten, wenn niemand für ihre Urheberschaft Geld verlangt (pragmatisches Argument).

Meine kurzen Antworten: 1. Ideen sind in der Tat nicht materiell, aber trotzdem real („nicht-reduktionistischer Naturalismus“). Der Materialismus ist der „Mystizismus des Muskels“ und teilt die marxistische Auffassung, dass die materielle Basis den ideellen Überbau bestimme. Seltsame Meinung für Libertäre. 2. Gute, neue Ideen entstehen ausschließlich durch die Akkumulation von relevantem Wissen und einem bewusst eingeleiteten und aufrecht erhaltenen rationalen Denkvorgang – auch wenn vielen Erfindern der letzte gedankliche Schritt zu ihrer Erfindung nicht bewusst war und sie dummes, mystisches Zeug von „im Traum erfunden“ und „göttliche Eingebung“ faselten. 3. Wenn sie bereits erfunden sind, könnten sich neue Ideen und Technologien zwar schneller verbreiten, wenn sie jedem gratis zur Verfügung stehen – aber kaum noch jemand wird etwas erfinden, wenn er die Früchte seiner gedanklichen, konzeptuellen Arbeit nicht ernten darf.

Libertäre werten augenscheinlich das Eigentumsrecht sehr hoch. Doch dann möchten einige von ihnen ausgerechnet die großen Innovatoren, Erfinder, Wissenschaftler, Denker und Künstler, ausgerechnet diejenigen der Früchte ihrer Arbeit berauben, welche die Gesellschaft am meisten voranbringen – es ist atemberaubend. Entweder das, oder diese Variante des Libertarismus ist wirklich nur die Ideologie von radikalen Crony Capitalists. Also von Unternehmern, die kein Problem damit haben, sich mit allen Mitteln Vorteile zu erschleichen, die sie sich nicht verdient haben – und sei es gar die Beraubung der Besten unter uns.

Und das ist wirklich das Erstaunliche an der libertären Bewegung. Libertäre vertreten häufig ein zusammenhangloses Gemisch aus vernünftig begründbaren Positionen und verrücktem Zeug. Es ist verwunderlich, dass sie sich so häufig auf Ayn Rand beziehen, obwohl Rand die libertäre Bewegung geradezu verabscheute – was anhand zahlreicher Zitate klar nachvollzogen werden kann. Ich verstehe nicht, wie es jemand fertigbringt, sich mit Ayn Rand zu schmücken und dann zum Beispiel gegen Urheberrechte zu argumentieren. Obwohl doch Rand in ihrem Werk The Fountainhead die Urheberrechte so streng auslegte, dass darin ein Architekt ein Gebäude, das er entworfen hat, lieber mit Dynamit in die Luft sprengt, als es von seinem Auftraggeber verunstalten zu lassen.

Abtreibung, Kinderrechte und Nicht-Intervention

Der amerikanische Abgeordnete Ron Paul ist der bekannteste Libertäre. Er vertritt zugleich vernünftige Positionen, die für den klassischen Liberalismus typisch sind, sowie kompletten Unsinn. Beispielsweise ist er ein überzeugter Abtreibungsgegner und befürwortet die staatliche Intervention gegen Frauen, die abtreiben möchten. Das zeigt, wie Ayn Rand über Ronald Reagan aufgrund seiner ähnlichen Haltung gegenüber der Abtreibung sagte, dass er das Konzept individueller Rechte überhaupt nicht verstanden hat und keineswegs als dessen Verteidiger auftreten kann. Ein Mensch hat erst von Geburt an Rechte, weil er erst dann eine biologisch unabhängige Lebensform ist – man kann auch über einen begrenzten Schutz für einen Fötus einige Monate vor der Geburt sprechen -, aber ein Embryo, ein Zellhaufen, der sich durch nichts substanziell von anderen Zellen einer Frau unterscheidet, wie ihren Haaren, ein Embryo kann getötet werden. Und um den geht es schließlich fast immer bei der Abtreibung. Hier ist die Frau diejenige, deren Rechte betroffen sind und welche die Entscheidung treffen kann, ob sie ein Kind möchte oder nicht.

Es gibt auch einige wenige Libertäre wie Murray Rothbard, die Kindern selbst nach der Geburt einen Anspruch auf selbst lebensnotwendige Verpflegung durch die Eltern absprechen. Demnach müssen Eltern ihre Kinder, auch Säuglinge und Kleinkinder, nicht verpflegen. Der Grund lautet, dass die Kinder existenziell von den Eltern abhängig sind, deren Eigentumsrecht absolut ist. Objektivisten sagen, dass die Entscheidung für Kinder aus diesem Grund eine Verpflichtung der Eltern bedeutet, für die Kinder zu sorgen, bis sie für sich selbst sorgen können (in unserem Rechtsstaat müssen die Eltern sogar im Zweifelsfall ein Leben lang für ihre Kinder sorgen). Da argumentieren Libertäre gerne mit ihren typischen Naturzustands-Szenarien. Beispielsweise: Was ist, wenn die Eltern von irgendeinem Naturstamm durch die Gegend ziehen und aufgrund einer Dürre oder Eiszeit nicht genügend Nahrung für sich und ihre Kinder finden? Dürften sie dann ihre Kinder notfalls verhungern lassen? Aus objektivistischer Sicht erübrigt sich diese Frage, weil individuelle Rechte ohnehin nur im Kontext einer zivilisierten Gesellschaft gelten. Naturvölker kennen das Konzept der Rechte überhaupt nicht. (Um der Frage nicht auszuweichen: Ich denke schon, dass Eltern ihre Kinder in so einem absurden Extremfall, der in unserem Land niemals, niemals vorkommt, verhungern lassen dürften, um selbst überleben zu können).

Zu einem anderen Thema: Ron Paul gibt als Chef-Libertärer dieselben uninformierten Kommentare von sich wie linke Kriegsgegner, nur dass er sie mit der „Nicht-Intervention“ begründet. Er ist ein Gegner selbst der Nato-Mitgliedschaft der USA und sämtlicher Auslandseinsätze des US-Militärs. Die Nicht-Intervention, jedenfalls im objektivistischen und klassisch-liberalen Sinne, bezieht sich aber lediglich darauf, dass sich Staaten aus den Angelegenheiten anderer freier Staaten, die keine Gewalt gegen sie einleiten, heraushalten sollten. Eine Nicht-Intervention ist keineswegs angeraten, wenn es um feindliche Staaten wie den damaligen Irak oder um terroristische Gruppierungen geht. Davon abgesehen haben Tyranneien generell keine Souveränitätsrechte.

Rufmord, Umweltschutz und Betrug

Dann wäre da noch die verbreitete Idee, dass der Staat nicht gegen Rufmord und vergleichbare „verbale Vergehen“ vorgehen sollte. Rufmord ist de facto jedoch eine Art Diebstahl („indirekte physische Gewalt“, wie Objektivisten das nennen), weil durch falsche Behauptungen der Ruf eines Händlers zerstört wird und er somit ohne Eigenverschulden durch die Initiative eines anderen Menschen Kunden, Geld und somit Werte verliert. Darum ist Rufmord ein gewaltsamer Angriff auf eine andere Person und sollte sehr wohl strafrechtlich verfolgt werden.

Auch, was Betrug angeht, haben viele Libertäre eine haarsträubende Meinung. Selbst Ludwig von Mises, der generell der vernünftigen Fraktion angehört, sprach sich gegen staatliche, gesetzliche Prävention gegen die Wahrheit verzerrende Produktwerbung aus. Wenn jedoch etwa ein Süßwarenhersteller behauptet, sein Produkt enthalte 80% Milch, es enthält aber nur 10% Milch, dann ist dies eine falsche Behauptung, um einen unverdienten Wert zu erhalten. Wenn man möchte, könnte man dies auch als Variante des Diebstahls ansehen – indirekte Gewalt. Man tut so, als würde man einen Wert gegen einen anderen tauschen wollen, doch lügt man über die Natur des Wertes, den man anbietet. Und der Handelspartner wäre nicht bereit gewesen, das Geld für den Wert zu bezahlen, hätte er die Wahrheit über das gewusst, was er gegen sein Geld eintauschen möchte. Natürlich kann und sollte der Staat dagegen vorgehen. Und nach meinem Dafürhalten auch gerne, indem er selbst eine Klage einreicht, ohne dass ein Privatmensch das tun müsste. Oder, indem er gesetzlich Regeln für die Werbung festschreibt (was er de facto in Deutschland auch getan hat).

Was Umweltschäden angeht, war Ayn Rand uneins mit sich selbst (und es ist der einzige logische Widerspruch, der mir in ihrer Philosophie aufgefallen ist). Der Grund für ihre mangelnde Entscheidungskraft für eine Position lautet wohl, dass das konkrete Vorgehen fallbedingt entschieden werden kann, solange die Prinzipien eingehalten werden. In Ayn Rand Answers: The Best of Her Q & A sagt sie an einer Stelle, dass der Staat gegen Umweltschäden, die den Menschen belasten, präventiv mit Hilfe von Gesetzen vorgehen könne und an anderer Stelle, dass der Staat nur aufgrund von Klagen von Privatmenschen gegen Umweltverschmutzer vorgehen sollte. Nur: Wenn es hinreichend klar ist, dass ein Privatmensch durch sein Handeln die Umwelt auf eine Weise verschmutzen wird, dass die Rechte seiner Mitmenschen dadurch verletzt werden, warum sollte der Staat nicht auch präventiv dagegen vorgehen dürfen, indem er solche konkret definierten Handlungen untersagt? Warum sollte er zusehen müssen, wie jemand eine Quelle vergiftet und dann abwarten, bis die ersten Menschen sterben und die ersten trauernden Angehörigen Klage einreichen? Klingt für mich wie völliger Quatsch. Klar sollte der Staat Gesetze zum Schutz der Menschenrechte etablieren und für deren Einhaltung sorgen.

Anarchismus

Es gibt ferner auch Libertäre, die für die Abschaffung des Staates eintreten. Ihrer Auffassung nach würde sich dann eine Art zivilisierter Naturzustand im locke’schen Sinne entwickeln (als ob Locke nicht selbst dagegen argumentiert hätte!). Ohne Regierung könnten die Menschen friedlich miteinander handeln und Verträge abschließen. Seine Regierung, inklusive Gerichte, Militär und Polizei, könnte jeder selbst kaufen. Die Regierungen stünden miteinander im Wettbewerb.

Das ist ein kindlich-naiver utopischer Quatsch, den man als erwachsener Mensch kaum glauben oder ernstnehmen kann. Genau solche Fantasien ziehen den Libertarismus, aber auch den Liberalismus und Kapitalismus allgemein, in den Augen der Öffentlichkeit in den Dreck und degradieren ihn zu einer Randposition von irgendwelchen Spinnern. Ayn Rand identifizierte diese Haltung als Variante des Kollektivismus. In einem Zustand ohne Regierung würde genau das wieder entstehen, was tausende Jahre lang in einem solchen Zustand die Regel war: Ein Zustand ewiger Stammesfehden, das Ende der Zivilisation.

Jeder würde seine Privatpolizei und sein Privatmilitär auf die anderen hetzen, um ihnen ihre Sachen zu klauen – sicher würden das seine eigenen Gerichte kaum verurteilen. Darum nannte Ayn Rand Libertäre die „Hippies der Rechten“ – auch sie wollen eine Rückkehr zur „Natur“, nur dass sie sich den Naturzustand leicht anders vorstellen als linke Anarchisten. Linke Anarchisten glauben, ohne Regierung würden sich die Menschen in Gruppen selbst regieren, in Gruppen, wo nur der Konsens von allen Mitgliedern eine Entscheidung bewirken kann. Bis auch der letzte Abweichler und Selber-Denker der Massenmeinung unterworfen ist, geschieht gar nichts. Völlig klar, wozu das führt.

Dabei war die ursprüngliche Idee von konkurrierenden Regierungen, wie John Locke sie formulierte, gar nicht so dumm. Er meinte damit nur etwas völlig anderes als die Anarchisten. Für John Locke hat eine Regierung in einer geografischen Region eindeutig das Gewaltmonopol. Jeder, der dort lebt, muss sich der Regierung unterwerfen. Niemand kann sich seine Privatarmee kaufen. Allerdings: Jeder, der mit der Regierung dieser geografischen Region (dieses Landes) nicht einverstanden ist, sollte das Recht haben, das Land zu verlassen und in ein beliebiges anderes Land zu ziehen. Dieses Ideal teile ich durchaus.

Die Akademiker

Nun gibt es eine Reihe von libertären Akademikern, die oben genannte Positionen, oder jeweils einige davon, vertreten. Etwa Hans-Hermann Hoppe, Walter Block und Murray Rothbard. Sie werden als Fachautoritäten von ihren Anhängern akzeptiert, weil sie in Universitäten lehren. In der Tat ist ihr Denkfehler auch absolut typisch für Akademiker: Rationalismus. Sie beginnen ihr Denksystem, wenn sie denn eines haben, mit bestimmten Prämissen (z.B.: jeder Mensch ist der Eigentümer seiner selbst) und folgern dann ihre gesamte Philosophie aus diesen Prämissen. Der Objektivismus hingegen setzt nicht nur auf Deduktion, sondern auch auf Induktion – Schlussfolgerungen aus empirischen Beobachtungen der Realität. So behütet man sich vor Hirngespinsten. Indem man sich anschaut, wie die Dinge wirklich sind.

Zudem betont der Objektivismus die Gültigkeit von Aussagen in einem bestimmten Kontext. Der Objektivismus sollte gar ursprünglich „Kontextueller Absolutismus“ genannt werden. Beispielsweise ist der Wettbewerb eben nur etwas Gutes innerhalb einer etablierten kapitalistischen Gesellschaft, überwacht von einem Minimalstaat. Ein Wettbewerb zwischen verfeindeten Banden ist nichts Gutes, nur weil man ihn „Wettbewerb“ nennen könnte – wenn man nicht viel von klaren Definitionen hält.

Fazit

Libertäre vertreten unterschiedliche politische Positionen vom Anarchismus bis zum Minarchismus (Minimalstaat), ohne dass sie für irgendeine bestimmte Philosophie stehen würden. Zwar gibt es auch Libertäre, deren Positionen meinen (also den objektivistischen) entsprechen, aber die unsinnigen Haltungen zahlreicher Vordenker aus diesem Lager führen zu falschen Assoziationen. Meiner Ansicht nach hatte Ayn Rand Recht, sich davon mit klaren Worten zu distanzieren.

Ich habe nun trotzdem im Philosophiebereich geschrieben, dass Objektivisten in Hinblick auf ihre politischen Ansichten zu den Libertären gerechnet werden. Sieht man sich einzig die politischen Ansichten an, bin ich somit natürlich auch selbst irgendwo im libertären Spektrum und in der libertären intellektuellen Tradition verortet. Die Meinungsverschiedenheiten mit Libertären der anarchokapitalistischen Ausrichtung bestehen weiterhin.

Zum Thema gibt es auch zwei detailliertere Artikel von mir:

Sollte man die Regierung privatisieren?

Libertärer Zirkus

23 Kommentare zu “Warum ich nicht libertär bin

  1. stefan sagt:

    Geistiges Eigentum ist eben nicht 1:1 mit materiellem Eigentum gleichsetzbar. Ich kann ein Auto besitzen, obwohl mein Nachbar auch schon eines hat – dies ist bei einer extremen Auslegung des geistigen Eigentums nicht der Fall da dieses immer ein Monopolrecht darstellt.

    Genau aus diesem Grund sind reine Ideen nicht patentierbar, sondern nur konkrete technische Umsetzungen.

    Im Bereich der Software ist das Patentrecht komplett dysfunktional – die Prüfung ob die eigene „Erfindung“ nicht schon von jemandem anderen patentiert wurde verschlingt heute schon weit mehr Zeit und Geld als die Erfindung selbst.

    • Der Erfinder des Autos räumt dir in deinem Szenario indirekt gegen ein Entgeld das Nutzungsrecht für seine Erfindung ein. Mit dem Auto kannst du machen, was du willst, aber der Erfinder bleibt der Erfinder. Das ist einfach eine Tatsache. Man kann auch als Autor seinem Verleger das Verwertungsrecht einräumen und man bleibt trotzdem für alle Zeit der Urheber.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Vielleicht lässt sich der Eigentumsgedanke geistige oder immaterielle Werte betreffend aus liberaler (vs. libertärer) Sicht wie folgt bearbeiten:
        Ist ein Schutz geistigen Eigentums für die Gesellschaft oder den Staat nützlich, ist er, eine gewisse Schaffenshöhe vorausgesetzt, zu implementieren.
        Denn ansonsten kommen andere und bauen besser funktionierende Gesellschaften auf.

        An und für sich könnte aber zumindest gedacht werden, dass geistiges Eigentum nicht schützenswert ist bzw. der Schutz dem Inhaber (durch Geheimhaltung) obliegen muss.

        MFG
        Dr. W

        • Was den Schutz geistigen Eigentums geht, bin ich mit der deutschen Gesetzeslage weitgehend einverstanden. Im UrhG ist näher ausgeführt, was wann schützenswert ist – wie du ja schon erwähnst, muss es eine gewisse Schöpfungshöhe haben und irgendwo materiell manifestiert sein. Ideen, etwa in Form von Romanen, gehören schon in die Öffentlichkeit, ich sehe also nicht, wie man sei einfach durch Geheimhaltung schützen sollte. Es geht ja beim Urheberrecht nicht darum, dass niemand die eigenen Ideen zur Kenntnis nehmen oder mit denen arbeiten dürfte. Er muss einfach nur den Urheber anerkennen und ggf. ihn entlohnen, das ist alles.

          • Dr. Webbaer sagt:

            Die liberal-libertäre Frage war, wie schützenswert geistiges oder immaterielles Eigentum bzw. Nicht-Eigentum genau ist.
            Es könnte ja einerseits geheim gehalten werden, wenn es nicht gerade eine Publikation ist, >:->, andererseits ist mir der Wert unklar, wenn es nicht geheimhaltugsbedürftig ist, gar in die Menge gelangen soll.

            Und hier könnte der Markt entscheiden?!
            Bzw. Systeme die es so oder so handhaben?

            MFG
            Dr. W

          • sba sagt:

            Falls man sich einmischen (und etwas Anlauf nehmen) darf…nehmen wir mal Rearden-Metall als Beispiel.

            Rearden hat die Zusammensetzung (die Formel) erforscht, die notwendig war, damit der Werkstoff die Eigenschaften aufweist, die er haben wollte. Das geistige Eigentum besteht in der Formel und dem Verfahren der Legierung.
            Dann hat er Dinge daraus hergestellt und diese Dinge verkauft. Quasi publiziert wurden also Manifestationen der Formel und des Verfahrens, während F und V selbst bei Rearden verblieben. Explizit lag also Geheimhaltung vor, implizit nicht, da es theoretisch möglich gewesen wäre, die Zusammensetzung des Metalls zu analysieren und das Verfahren experimentell zu rekonstruieren (praktisch wollte man ihn im Roman zwingen, sein Wissen offenzulegen).
            Während die explizite Geheimhaltung ohne weiteres möglich ist, ist die implizite Geheimhaltung unmöglich, solange mit Hilfe des Wissens, welches das im Beispiel genommene geistige Eigentum ist, Dinge hergestellt und in den Verkauf gebracht werden. Wenn es nun jemandem gelingt, mittels eines Gegenstandes aus Rearden-Metall dieses Wissen zu erwerben, kann der das für sein Privatvergnügen ja machen, dieses Wissen außerhalb einer Zusammenarbeit mit Mr. Rearden komerziell zu verwenden, wäre allerdings Diebstahl an Mr. Rearden. Andersherum könnte Rearden Lizenzen für die Verwendung seines Verfahrens ausstellen. Aber nur, wenn sein geistiges Eigentum (in dem Fall eher: Das Patent) auch bei impliziter Offenlegung rechtlich geschützt ist.

            Bleiben als Problem noch Doppelerfindungen übrig (ich glaube mich zu erinnern, dass das Telefon und/oder die Glühbirne zeitlich recht nah zueinander unabhängig voneinander erfunden wurden). Solange dies geografisch hinreichend getrennt geschieht, ist die Lösung auch geografisch (verschiedene Patente in verschiedenen Ländern). Bleiben übrig echte Doppelerfindungen innerhalb des selben Rechtsgebietes. Bislang gilt „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ (dadurch, dass man bei einer Patentanmeldung nachweisen muss, dass es die Erfindung nicht bereits gibt). Sehe ich insofern problematisch, als Prinzipien, Ideen und deren Anwendung dadurch implizit wie natürliche Ressourcen behandelt werden: Als etwas, das einfach so vorhanden ist, und wer es zuerst findet und Laut gibt, hat halt Glück gehabt.

            Und dann wäre da noch die Vergemeinschaftung – in D sind die Rechte an einem Werk nur einmal vererbbar und erlöschen 70 Jahre nach dem Tod des Schöpfers automatisch. Heißt: Träger der Urheberrechte sind lebende natürliche Personen. Das Patentrecht kann analog dazu vorgehen – stark zeitverzögerte lizenzfreie Vergesellschaftung von Kenntnissen. Die Firma des ursprünglichen Erfinders hätte den Vorteil eine 70-jährigen Vorsprunges vor allen Wettbewerbern, und andererseits sind nur wenige Entdeckungen so grundlegend, dass sie nach einem solchen Zeitraum noch relevant sind.

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Mal am Rande angefragt: Sind Liberale in den Staaten nicht schon deshalb libertär, weil ‚liberal‘ von den Linken begrifflich gemopst worden ist (damit die nicht als kollektivistisch dastehen müssen)?

    MFG
    Dr. W (der die im Artikel beschriebene Problematik mit den real existierenden Libertären natürlich auch kennt)

    • In den USA schon. Objektivisten sagen inzwischen auch, sogar das Ayn Rand Institute, dass sie politisch libertär sind. Ich bleibe aber bei Ayn Rand, die meiner Ansicht nach genau wusste, warum sie sich von den Libertären distanzierte.

      • Leopold Stotch sagt:

        Ich nenne mich inzwischen auch schon „libertär“ statt „liberal“, damit wenigstens noch jemand nach meiner Meinung fragt, statt mir gleich Unsinn zu unterstellen. Bei „liberal“ denken sie doch nur, dass ich so einer wie Christian „wir sind keine Kapitalisten“ Lindner bin. Auch wenn die hiesigen Linken sich nur ab und zu mal „liberal“ nennen, den Begriff haben sie genauso unbrauchbar gemacht wie in den USA. Interessanterweise haben sich aktuell einige Linke den Begriff „libertär“ vorgeknöpft, um ihn genauso zu ruinieren: nach der Wahl bezeichnete ausgerechnet ein Grünenpolitiker seine Horde als „libertär“, wenig später prangte das Wort groß und sinnlos auf einem Prospekt des Alibri-Verlags. Vielleicht muss ich dann doch bald auf „Objektivist“ umsteigen. Habe bislang noch nicht genug von Ayn Rand gelesen, aber ich arbeite daran.

        • sba sagt:

          Schon merkwürdig. Sonst halte ich solche Namensspielchen immer für nur marginal „wichtig“, weil wichtiger als die Ausdrücke deren Definitionen (die Begriffe hinter Termen) sind/ sein sollten – theoretisch könnten wir auch „krunt“ sagen, solange der Index stimmt.

          Und aus dem Nähkästchen: Ich komme gar nicht dazu, mich „Objektivist“ zu nennen. Mein persönlicher Schwerpunkt ist die Ethik, aus der folgt politisch Liberalismus, anthropologisch Realismus, ästhetisch romanticism (den ich nicht vernünftig übersetzt bekomme, ohne Blödsinn zu verzapfen), in die Erkenntnistheorie arbeite ich mich noch ein, letztlich vermute ich aber, dass es auf einen wissenschaftlichen Standard hinaus läuft, der evtl. gegenüber dem, den ich bereits verwende, in Nuancen unterschieden ist (wo man dann ja korrigieren kann).
          In der Summe bezeichne ich mich als „Randianer“ (woran Gene Roddenberry nicht ganz unschuldig ist; in Andromeda wird eine Ayn-Rand-Station erwähnt und auch wenn die Nietzscheaner ziemliche Holzköpfe sind, taucht immerhin einmal das fehlübersetzte Stichwort „erleuchteter [enlightened] Egoismus“ auf.) – im selben Sinne, wie „Lutheraner“: Als an die von der referrierten Person vorwärtsgetriebenen Prinzipien gebunden (was in letzterem Fall, wie Novalis durchaus zutreffend urteilt, der Einzug der Philologie in die Bibelwissenschaft ist.)

          Und nun? – Ich denke nicht, dass man sich seine Begriffe wegkapern lassen sollte. Bloß, weil irgendjemand meint, irgendetwas reclaimen zu müssen, muss das nicht automatisch richtig sein (bei mir im Umfeld ist das hauptsächlich der Term „wirtschaftlich“ – das meiste von dem, was darunter „verstanden“ wird, ist eigentlich eher kriminell), und wenn es falsch ist, sollte man schon Gegenwehr stattfinden lassen. Auch, wenn es schwierig ist, unter 10.000 falschen Liberalen als 10.001ter das richtige Ding zu vertreten. Es ist dieser kleine Stachel im Fleisch des Gegners, der den Unterschied zwischen Kapitulation und dem Weiterbestehen irgendwelcher Erfolgschancen ausmacht.

          • Leopold Stotch sagt:

            Du hast Recht, es ist wichtig, auf den richtigen Begriffen zu bestehen und sie nicht kapern zu lassen. Ich scheue halt den Aufwand, immer erklären zu müssen (und zwar ungefragt) was ein Liberaler eigentlich ist.

            Aus so gut wie jedem falschen Liberalen dürfte man aber die Luft rauslassen können, indem man ihn einfach mal bittet den Begriff seinerseits zu definieren.

  3. Thomas Leske sagt:

    Hans-Hermann Hoppe sagt, dass Normen in einer Privatrechtsgesellschaft darauf abzielen Konflikte zu lösen. Normen die Konflikte erzeugen sind demnach eine Perversion.

    Geistiges Eigentum schränkt willkürlich die Möglichkeit ein, von anderen zu lernen (Stefan Kinsella). Es kann daher keine konfliktvermeidene Norm sein.

    Es zwingt Sie niemand, etwas zu tun, wofür Sie nicht bezahlt werden. Ich kann auch nicht einfach unaufgefordert den Rasen meines Nachbarn mähen und mir dann einbilden, ich hätte Anspruch auf Bezahlung.

    • Und das Recht auf materielles Eigentum schränkt willkürlich die Möglichkeit ein, die Dinge anderer Menschen zu nutzen. Es kann daher keine konfliktvermeidende Norm sein.

      Wirklich unheimlich, wie Anarchokapitalisten das Recht auf geistiges Eigentum bezweifeln. Und dann Leute anzeigen, die ihre Bücher klauen.

      Wer, glaubst du, wird noch etwas erfinden, schreiben, lehren, wenn ihm seine Ideen nicht länger gehören und jeder seine Bücher raubkopieren, eine Aufzeichnung seiner Vorträge ins Netz stellen, sein Patent nehmen und das Ding selbst produzieren kann? Niemand.

      Und genau so etwas gibt dem Kapitalismus einen schlechten Ruf.

      • Thomas Leske sagt:

        „Und das Recht auf materielles Eigentum schränkt willkürlich die Möglichkeit ein, die Dinge anderer Menschen zu nutzen. Es kann daher keine konfliktvermeidende Norm sein.“

        Die Einschränkung ist bei materiellen Dingen aber notwendig, weil ich nicht mit demselben Auto zum Bäcker fahren kann, während jemand anders gleichzeitig damit ins Freibad fährt.
        Die Norm ändert nichts daran, dass Autos knapp sind. Aber sie verhindert einen Krieg um Autos. Also ist sie eine konfliktvermeidene Norm.

        „Wer, glaubst du, wird noch etwas erfinden, schreiben, lehren, wenn ihm seine Ideen nicht länger gehören und jeder seine Bücher raubkopieren, eine Aufzeichnung seiner Vorträge ins Netz stellen, sein Patent nehmen und das Ding selbst produzieren kann? Niemand.“

        1. Entsteht kein Konflikt dadurch, dass sich jemand dagegen entscheidet, ein Buch zu schreiben, an einer Erfindung zu tüfteln usw.
        2. Die Ökonomen Boldrin und Levine zeigen in ihrem Buch „Against Intellectual Monopoly“ wie Kreative ohne geistiges Eigentum von ihrer Arbeit profitieren und geschichtlich profitiert haben. Die beiden sind keine Anarcho-Kapitalisten. (Sie verzichten zwar nicht auf das Urheberrecht für ihr eigenes Buch, bieten es aber seit Jahren gebührenfrei zum Herunterladen an.)

        Z. B. hat die US-Künstlerin Nina Paley (deren Comics ich auf meiner Seite übersetze) enorme Probleme gehabt, die Musikrechte für ihren preisgekrönten Independend-Film „Sita Sings the Blues“ zusammenzubekommen. Nach dieser Erfahrung hatte sie vom Urheberrecht so die Schnauze voll, dass sie sich entschlossen hat, den Film unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen. Mit Merchandising-Artikeln in ihrem Online-Shop hat sie inzwischen mehr Geld eingenommen als mit dem besten Angebot eines konventionellen Filmverleihs. (Und das obwohl jeder diese Merchandising-Artikel nachahmen darf!)

        Ich weiß zwar nicht, ob du ohne Urheberrecht von deiner Arbeit leben könntest. Jedenfalls werde ich aber nicht z. B. zu einem Vortrag über Tierrechte eingeladen, nur weil ich deinen Artikel zu dem Thema gelesen habe. Und als Ethik-Lehrer in diesen Fragen werde ich auch nicht engagiert. Du bräuchtest ja keine Filmaufnahmen von deinen Vorträgen zulassen. Und wenn die Menschen, die sich für ein Thema besonders interessieren, ihr Geld nicht schon für Bücher ausgeben müssten, wären sie vielleicht auch eher bereit Eintritt zu zahlen, oder gar einen Privatlehrer zu engagieren.

        • Ich weiß zwar nicht, ob du ohne Urheberrecht von deiner Arbeit leben könntest.

          Da sind Sie immerhin weiter als ich. Ich weiß nicht, ob ich mit Urheberrecht von meiner Arbeit leben könnte. Ich weiß nur, dass Sie mir das bisschen, was ich habe, auch noch nehmen möchten.

          • Thomas Leske sagt:

            Dass die allermeisten Künstler und Autoren auch mit Urheberrecht auf keinen grünen Zweig kommen, spricht doch gerade für die Abschaffung des Urheberrechts!
            Boldrin und Levine rechnen vor, dass Stars wie J. K. Rowling auch ohne Urheberrecht Millionen verdienen würden, wenn auch nicht ganz so viel wie mit.
            Seien Sie froh, dass die Dame ihre Idee, einen Zauberschulenroman zu schreiben, nicht patentieren lassen konnte! Sonst wäre es das Aus für Ihren „Terry Rotter“!

    • Andreas D. sagt:

      „Geistiges Eigentum schränkt willkürlich die Möglichkeit ein, von anderen zu lernen.“

      Geistiges Eigentum schränkt die Möglichkeit ein, von den geistigen Leistungen anderer ohne Gegenleistung zu profitieren.

      Die Möglichkeit, von anderen zu lernen, ist abhängig von der Zustimmung des Lehrers sein Wissen weiterzugeben. Die unfreiwillige Weitergabe von Wissen wäre das Ergebnis von Diebstahl oder Folter.

      • Thomas Leske sagt:

        Wenn ich nicht von den geistigen Leistungen anderer ohne Gegenleistung profitieren könnte, wäre ich gar kein Mensch. Ich habe z. B. die Wörter der deutschen Sprache nicht erfunden und benutze sie trotzdem ohne Genehmigung.

        Beim geistigen Eigentum ist schon alleine die Schutzdauer willkürlich. Eigentum an Gegenständen verfällt nicht 70 Jahre nach dem Tod, sondern kann von Generation zu Generation weiter vererbt werden.

        • Die ist nicht willkürlich. Die Schutzdauer für geistiges Eigentum soll einerseits dem Urheber dienen und andererseits seinen unmittelbaren Nachkommen. Damit sollen Anreize für geistige Produktivität geschaffen werden. Ich empfehle, einfach mal das Urheberrecht zu lesen, darin wird auch alles genau definiert (etwa, wer ein Urheber ist und welche Werke geschützt sind): http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/

          • Thomas Leske sagt:

            Das Erneuerbare-Energien-Gesetz will auch nur bestimmte Anreize schaffen, und regelt ganz klar, wer wem wie tief in die Tasche greifen darf …

            So funktionieren alle sozialistischen Gesetze: Der Markt produziert angeblich zu wenig von irgendetwas, und schon hat der Staat die Ermächtigung für einen Eingriff.

          • Der Markt kann also gar nicht genügend Raubkopien produzieren? Gilt das eigentlich auch für deine Comics?

  4. Thomas Leske sagt:

    „Der Markt kann also gar nicht genügend Raubkopien produzieren? Gilt das eigentlich auch für deine Comics?“

    Es gibt keine Raubkopien! Ich kann mit den Comics immer noch machen, was ich will, egal wieviele Kopien es auf der Welt gibt.

    Die Comics stehen unter der CC-BY-SA-Lizenz, was der Abschaffung des Urheberrechts durch sich selbst so nahe kommt, wie unter den heutigen Gesetzen möglich:

    http://mimiandeunice.minimalstaat.de/content/weitergabe

    Nina Paley verkauft ihr Mimi&Eunice-Comic als Buch für 20 US-$:
    http://questioncopyright.com/misinfobook.html

    Wenn du also mit dem Verkauf meiner Übersetzungen ein Geschäft machst, war ich eben zu langsam oder zu ängstlich. (Ich könnte aber immer noch ein paar Mark verdienen, wenn du auf meiner Website Werbung für das Buch schaltest.)

    (Im perfekten Wettbewerb und auf lange Sicht ist der Gewinn für alle Geschäftsleute null. Aber wir leben nicht in einer solchen Welt!)

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