Kapitalismus: Gesundheit und sozial Schwache

Ich wurde schon von mehreren Lesern gebeten, die Themen „Gesundheitsfürsorge“ und „sozial Schwache“ in Bezug auf den Laissez-faire-Kapitalismus zu behandeln. Die objektivistische Literatur zum Thema ist an die amerikanische Situation angepasst. Die Prinzipien lassen sich zwar übertragen, aber für einen detaillierten Artikel müsste ich ein Expertenwissen über das deutsche Gesundheitssystem mein Eigen nennen können und da stoße ich an meine Grenzen. Stattdessen möchte ich einige Gedanken und Literaturtipps präsentieren, um die grundsätzlichen Ideen und Zusammenhänge aufzuzeigen.

Wie, so lautet die Frage, wäre im Laissez-faire-Kapitalismus für Geringverdiener und Kranke gesorgt? http://www.feuerbringer-magazin.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif

Gegenseitige Hilfe

Meines Wissens gibt es niemanden unter den kapitalistischen Denkern außerhalb gewisser Randgebiete der libertären Bewegung, die bezweifeln, dass Armut und Niedriglohnbereiche ein gesellschaftliches Problem darstellen, auf das man eine Antwort geben muss. Ayn Rand sagte einst: „Wer kümmert sich um den Schuhputzer? Der Schuhputzer.“ Was von ihren Gegnern als rücksichtslose Anmerkung gewertet wurde, war ihrerseits so gemeint, dass es sich bei der Frage, wer sich um einen anderen, erwachsenen Mitbürger „kümmern“ soll, um eine an sich bereits entmündigende Frage handelt, die den Mitbürger als Objekt betrachtet, mit dem nach Gutdünken anderer Menschen zu verfahren sei.

Das soll aber nicht bedeuten, dass der Schuhputzer nur auf sich alleine gestellt wäre. Ayn Rand selbst engagierte sich für sozial Schwächere und finanzierte beispielsweise einige Semester das Studium einer vielversprechenden Studentin. Das passt zwar nicht zu ihrem Image, aber sie hatte eine im Grunde „gewöhnliche“ bürgerliche Haltung zum Thema der privaten Wohlfahrt. Sie war der Meinung, dass Wohlfahrt keine Staatsaufgabe ist, dass es Menschen gibt, die Wohlfahrt undankbar ausnutzen (wie Hank Reardens Familie in Atlas Shrugged) und man sie ihnen in solchen Fällen entziehen sollte und dass es Menschen gibt, welche die Wohlfahrt nutzen, um andere von sich abhängig zu machen und Macht über sie auszuüben. Aber darum war sie nicht generell gegen private Wohlfahrt.

Es gibt mehrere Lösungsansätze in Abwesenheit eines Sozialstaates wie Hilfe zur Selbsthilfe, private Förderer und private bürgerliche Tugenden wie Barmherzigkeit. Im Sozialstaat sind die eigenen Möglichkeiten für soziales Engagement stark begrenzt, da der Staat den Individuen große Teile ihres Einkommens abnimmt. Die Kinder singen bei uns Sankt-Martins-Lieder, um sich an den Heiligen zu erinnern, der die Hälfte seines Mantels mit einem frierenden Bettler teilte. Dann werden sie gezwungen, die Hälfte ihres Mantels stattdessen dem Staat zu übergeben und können ihn nicht länger mit dem Bettler teilen, selbst wenn sie wollen.

Im Kapitalismus wären Großzügigkeit, Mildtätigkeit, Barmherzigkeit bedeutendere Werte, als sie es heute sind – und sein können. Die Gläubigen unter den Liberalen betonen derweil die Hilfe, die religiöse Gemeinschaften anbieten. Für mich als Atheisten ist das natürlich keine befriedigende Antwort – ich möchte nicht aus Versicherungsgründen einer religiösen Gemeinschaft beitreten müssen.

Hier kommt eine Institution ins Spiel, die es in den verhältnismäßig kapitalistischen Gesellschaften der USA und England im 19. Jahrhundert gegeben hat. Man hat es bislang offenbar kaum für nötig gehalten, sie zu erforschen, deshalb ist sie wenig bekannt. Der Historiker David Beito beschreibt sie in seinem Essay „Mutual Aid for Social Welfare: The Case of American Fraternal Societies“ im kostenfreien Buch After the Welfare State. Ein beträchtlicher Anteil von 30% der erwachsenen, männlichen Bevölkerung der USA war im Jahre 1920 Mitglied in Organisationen zur gegenseitigen Hilfe, den „Fraternal Societies“. Diese sind durch Eigeninitiative der Bürger entstanden und waren nicht das Produkt von politischen Entscheidungen. Das gewaltige Netzwerk von Organisationen gegenseitiger Hilfe wurde dann unter anderem durch den Wohlfahrtsstaat abgelöst.

In diesen Organisationen hatten sich Arbeiter und Förderer zusammengetan, um sich gegenseitig in schlechten Zeiten beizustehen. Entsprechend sorgfältig wurde dann auch geprüft, ob ein wirklicher Bedarf für Hilfe besteht und wie der zu Fördernde bislang mit Hilfe umgegangen ist. Diese Gesellschaften nahmen Mitglieder unabhängig von ihrem Glauben auf. Sie hatten ihre eigenen Regeln und Leiter, die nach einer bestimmten Periode neu gewählt wurden.

Mir erscheint es jedenfalls so, dass die Organisationen zur gegenseitigen Hilfe eine gute Möglichkeit waren, wie sich Menschen mit geringem Einkommen für harte Zeiten versichern konnten. Wenn man einer solchen Organisation beitrat, verpflichtete man sich dazu, auch anderen zu helfen und man nahm nicht einseitig Hilfe von privaten Förderern entgegen. Im Sozialstaat ist der hilfsbedürftige Mensch eine anonymisierte Menge von Kennzahlen. Seine persönliche Lage und sein Hintergrund werden anhand grober Kriterien eingeteilt und er erhält Hilfe laut den Kriterien, die er erfüllt – nicht aufgrund seiner individuellen Situation. Im Kapitalismus zählt das Individuum, und auch das hilfsbedürftige Individuum.

Private Krankenfürsorge

Die private Krankenversicherung ist eine weitere Option neben den Organisationen zur gegenseitigen Hilfe. Es stimmt zwar, dass die Beiträge zu privaten Krankenkassen im Alter sehr hoch werden, nur steigt in einer normalen Karriere auch das Einkommen immer mehr an. Zudem weiß man es als privat Versicherter, dass die Beiträge später höher werden und kann dies bis zu einem gewissen Grad einplanen. Das Argument, dass neue medizinische Erfindungen im Kapitalismus nur den besser Verdienenden zur Verfügung stehen, würde ich damit kontern, dass es unter einem sozialistischen System erheblich weniger neue medizinische Erfindungen gibt – und dass sich erfahrungsgemäß neue Erfindungen in einer freien Gesellschaft rapide ausbreiten und für immer mehr Menschen schnell bezahlbar werden. Zaubern kann auch der Staat nicht, entgegen der Vorstellung jener, die Gott durch den Staat ersetzt haben.

Die Alternative zur privaten Vorsorge ist die staatliche Krankenversicherung, die von ihren kapitalistischen Kritikern als eine Art Pyramidenschema angesehen wird. Dieses System kann sehr leicht ausgenutzt werden von Menschen, die nicht wirklich krank sind und die gerne Ernährungstipps von ihrem Arzt haben möchten oder jemanden zum Reden.

Ebenso ist man weniger angehalten, auf seine Gesundheit zu achten, wenn man ohne Folgen für die eigenen Versicherungsbeiträge so viel trinken, rauchen, Drogen einwerfen kann, wie man möchte – die Gemeinschaft bezahlt es sowieso. Das Gegenargument lautet, dass diese Menschen dann auch früher sterben, aber das ist natürlich nicht unbedingt der Fall. Und schon sieht man, zu welchen problematischen Argumentationsstrukturen die Logik eines sozialistischen Gesundheitssystems führen muss.

Eigentlich sollte es jedem selbst obliegen, sein Leben verantwortlich zu führen oder zu rauchen, trinken, etc., wie er es selbst möchte. Nur kollidiert dieser liberale Gedanke, den ich natürlich teile, mit einem sozialistischen Versicherungssystem. Hier werden sich die Mitglieder irgendwann fragen, ob die Beiträge wirklich endlos steigen können (was sie in Deutschland und anderswo tun) – oder ob man für manche Menschen vielleicht nicht länger zahlen möchte. Die erste Stufe der Reaktion auf diese Fragen können wir bereits beobachten. Der Staat hat die Leistungen der staatlichen Gesundheitskassen auf eine bestimmte Liste von „notwendigen“ Behandlungen reduziert, die individuell sehr sinnvolle Behandlungen nicht länger ohne massive Gegenleistung zulässt. Das Endergebnis dieser Entwicklung ist das, was wir bereits als Ergebnis genau jenen staatlichen Versicherungssystems, das Bismarck einst einführte, in Deutschland kennenlernen durften.

Die Nazis argumentierten, dass der Staat Menschen, die für die Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, nicht weiter gesundheitlich behandeln sollte. Und diese kühle Berechnung haben sie dann umgesetzt in Form der Euthanasie und schließlich der gezielten Ermordung von Kranken und Behinderten. Eine Perversion der staatlichen Gesundheitsfürsorge – oder ihre logische Folge? Wir werden es früh genug erfahren.

Mir wäre jedenfalls ein Gesundheitssystem lieber, das niemals die Frage aufkommen lässt, ob irgendeine Mehrheit oder irgendwelche Herrscher für die Behandlung bestimmter Menschen länger aufkommen sollten. In einem privaten Versicherungssystem stellt sich diese Frage nicht. Da erhält jeder die Gesundheitsleistungen, die er sich selbst aufgrund eines frei abgeschlossenen Vertrages ausgesucht hat. Wenn die Kasse nicht zahlt, wird sie verklagt, und zahlt noch einmal oben drauf. Bezüglich derjenigen, die Probleme haben, sich privat zu versichern, siehe die Ausführungen oben über Organisationen der gegenseitigen Hilfe sowie private Wohlfahrtsorganisationen.

Perfekt ist keines der Systeme. Das Problem besteht darin, dass unsere Gesundheit für uns einen theoretischen unbegrenzten Wert hat. Nur haben wir in keinem System eine unbegrenzte Menge Geld. Die höchsten Kosten entstehen bei der Behandlung von sterbenskranken Menschen. Ich habe mich entschieden, nicht um die letzten Tage und Wochen meines Lebens zu kämpfen, wenn ich wirklich weiß, dass es nur noch Tage oder Wochen sein können. Damit möchte ich allerdings lieber mir selbst Schmerzen und meiner Familie Geld und Sorgen ersparen, als irgendeinem anonymen Kollektiv, das mich aufgrund der Systemlogik am liebsten tot sehen will, damit die Beiträge nicht weiter ansteigen und mehr Geld für Menschen übrig ist, die anderen mehr bedeuten als ich.

Ergänzung: Wie angemerkt ist der Artikel eine idealisierte Gegenüberstellung der beiden Modelle private und staatliche Gesundheitsfürsorge. In Deutschland gibt es ein Mischmodell, bei dem Vor- und Nachteile der beiden Systeme hineinspielen. Die private Krankenversicherung ist von staatlichen Bestimmungen geprägt, aber zumindest können sich die Bürger auch privat versichern und müssen nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung verweilen. Unter bestimmten Umständen können sie auch von der privaten in die gesetzliche Versicherung zurückwechseln. Zudem gibt es verschiedene gesetzliche Versicherungen. Das Ergebnis ist schwer zu durchschauen. Ich meine aber, dass ein Einblick in die Reinsysteme auch hilft, unser Mischsystem besser zu verstehen.

Literatur

Ergänzung: Arprin empfiehlt diesen Artikel über die Frage, ob eine rein private Wohlfahrt ausreichen wird: http://bleedingheartlibertarians.com/2013/12/will-private-charity-be-enough/

Leonard Peikoff: Medicine. The Death of a Profession (u.a. zur Frage, warum die Kosten der Krankenversicherungen ständig ansteigen)

Verschiedene Autoren: After the Welfare State

Tibor Machan: Generosity: Virtue in the Civil Society

6 Kommentare zu “Kapitalismus: Gesundheit und sozial Schwache

  1. Lorena sagt:

    Das Gesundheitssystem ist nunmal ein 2-Klassensystem. Das war lange Zeit so, und ist nun leider wieder so. Die gesetzlichen KK’s kommen einfach nicht auf Touren. und wenn man sich keine private Krankenversicherung leisten kann, wartet man und wartet und wartet, oder kann sich manche spez. Behandlungen gar nicht leisten..

  2. Martin sagt:

    Ebenfalls noch eine Ergänzung: Es gibt ein etwas aktuelleres Beispiel für die Auswüchse eines staatlichen Gesundheitssystems als die Nazis. Das Argument würde von Linken eh nicht ernst genommen,sowas würden gute „linke“ Sozialisten ja eh nie tun, nur die „rechten/nationalen“ Sozialisten.

    Ein besseres Beispiel wären m.E. die Zwangssterilisierungen z.B. in Schweden und anderen skandinavischen Ländern, bis in die späten 70er Jahre hinein.

  3. Corolin sagt:

    Es wird erwähnt, dass die meisten Kosten der Krankenkasse durch die Pflege in den letzten Lebensmonaten entstehen. Das mag zwar viel sein, jedoch sollte man nicht die Verwaltungskosten der Krankenkassen, die hier kaum erwähnt werden, aus den Augen lassen. Ansonsten eine schöne Gegenüberstellung.

  4. Hans Lorenz sagt:

    naja, das mit der privatisierung des gesamten gesundheitssystems ist so ne sache.. sind wir dann nicht bei dem system wie in den usa? wer sich keine krankenversicherung leisten kann, hat pech und wird gar nicht behandelt – bzw muss alles aus der eigenen tasche zahlen?

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