Abtreibung ist ein Recht

Roger Köppel möchte Liberale im aktuellen Weltwoche-Editorial überzeugen, dass Abtreibung ihren Prinzipien widerspreche. Ich wurde als liberaler Denker von Stefan Millius darum gebeten, auf Herrn Köppels Argumente einzugehen und meine Position zur Abtreibung darzulegen. Das werde ich nunmehr tun. Eine Replik.

1. Verwechslung des Potenziellen mit dem Tatsächlichen

Roger Köppel schreibt:

„[Abtreibungen] laufen auf das antilibe­rale Bestreben hinaus, das Recht eines entstehenden Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben zu annullieren.“

Herr Köppel setzt voraus, dass „entstehende“ Menschen ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Diese Prämisse wird im Text nicht begründet. Der involvierte Denkfehler ist die Verwechslung des Potenziellen mit dem Tatsächlichen. Ein entstehender Mensch ist noch kein Mensch und hat also noch keine Rechte. Menschen haben erst von Geburt an Rechte.

Man könnte ebenso argumentieren, dass bereits geborene Menschen „entstehende“ Leichen wären. Und wie Leichen sollte man sie demnach ordnungsgemäß beerdigen oder verbrennen. Oder man könnte sagen, dass man zu Weihnachten seinen Gästen eine „entstehende“ Weihnachtsgans serviert statt einer tatsächlichen Weihnachtsgans. Eine entstehende Weihnachtsgans ist eine Gans, die noch nicht geschlachtet und zubereitet wurde. Oder man könnte sich als „Professor der Physik an der Universität zu Heidelberg“ bezeichnen und den Lehrstuhl einfordern, der einem als ein solcher Professor zusteht, obwohl man eigentlich nur ein „entstehender“ Professor der Physik an der Universität zu Heidelberg ist – wenn man Glück hat.

„Die Abtreibung ist ein mit der liberalen Philosophie nicht vereinbarer Übergriff der Mutter auf das Leben ihres noch nicht geborenen Kindes.“

Die Abtreibung ist nur in dem Sinne ein Übergriff auf das Leben des noch nicht geborenen Kindes, wie die wiederholte Entscheidung eines Paares, Verhütungsmittel zu gebrauchen, einem Übergriff auf das Leben ihrer unzähligen noch nicht geborenen Kinder gleichkommt. Im Grunde macht sich demnach jeder, der nicht jede Gelegenheit nutzt, ein Kind in die Welt zu setzen, schuldig, sich am Leben seiner noch nicht geborenen Kinder vergangen zu haben.

„Aber ist ein im Entstehen begriffenes ­Individuum so umfassend «Eigentum» der Mutter, dass die Mutter damit machen kann, was sie will?“

Ein Embryo ist eher ein Teil der Mutter, denn das Eigentum der Mutter. Es handelt sich bei einem Embryo um lebende menschliche Zellen der Mutter – und das gilt ebenso für die Zellen in ihrem Blinddarm. Diese Zellen enthalten auch DNA vom Vater, aber sie sind biologisch und existenziell in den Körper der Mutter eingebunden und von ihren Körperfunktionen abhängig. Ein Embryo ist nichts anderes als ein Zellhaufen. Wenn ein Zellhaufen Rechte haben soll, so wäre in diesem Kontext die Begründung von Rechten relevant, wie Herr Köppel sie sich vorstellt. Wann hat etwas oder jemand Rechte und wann nicht?

Aus Sicht der objektivistischen Philosophie von Ayn Rand hat ein Mensch von Geburt an Rechte, sobald er ein unabhängiges biologisches Lebewesen ist. Ab diesem Zeitpunkt müssen sich die Eltern um das Kind kümmern, bis es für sich selbst sorgen kann. Der Grund lautet, dass sie sich für das Kind entschieden haben.

Rechte erlauben dem Menschen, frei zu denken und zu handeln, was aufgrund der Identität des Menschen als das rationale Tier eine Überlebensnotwenigkeit ist. Die Quelle der individuellen Rechte ist also das metaphysische Identitätsaxiom. Der Mensch muss rational denken und handeln, um zu überleben. Da die Ethik eines Menschen, der als Mensch leben möchte, von den Bedingungen seiner Existenz abgeleitet ist, muss die Politik, die sein Zusammenleben mit anderen Menschen regelt, ihm das Recht einräumen, seiner Natur gemäß zu handeln. Oder er kann nicht als Mensch leben. Wer als Mensch leben möchte, sollte aus rationalem Eigeninteresse auf seine individuellen Rechte insistieren. Wer nicht als Mensch leben möchte, braucht nichts weiter zu tun.

Der Mensch hat Rechte aufgrund seiner Natur als rationales Tier. Ein Zellhaufen ist kein rationales Tier und hat somit keine Rechte. Spricht man einem Zellhaufen Rechte zu, dann muss man anderen Zellhaufen ebenso Rechte zusprechen, da sie die grundlegend selbe Identität als Zellhaufen besitzen. Wenn alle Zellhaufen Rechte haben, kann sich der Mensch nicht mehr ernähren, da er Zellen von Pflanzen oder Tieren für sein Überleben konsumieren muss.

 2. Verwechslung des Hypothetischen mit dem Tatsächlichen

Roger Köppel schreibt ferner:

„Niemand will abgetrieben werden. Und kaum jemand würde es rückblickend begrüssen, nicht geboren worden zu sein.“

Nun, ich könnte mich kaum darüber beschweren, nicht geboren worden zu sein, wenn ich nicht geboren worden wäre.

Da bin ich mir außerdem nicht sicher, ob das mit dem Geboren-werden so eine gute Idee war, denn es macht wenig Spaß, als liberaler Intellektueller ständig Selbstgespräche zu führen. Wenn ich mir eine Meinung über ein Thema bilden möchte und zudem Geld mit meiner Publikation dieser Meinung zu verdienen gedenke, so begebe ich mich zunächst in eine Bibliothek und informiere mich über die wichtigsten Positionen und deren Begründung zum gegebenen Thema – und bei jener Tätigkeit wäre Herr Köppel definitiv auf die Gegenargumente gestoßen, die ich hier genannt habe. An meinen bisherigen Diskussionen mit Journalisten (oder mit irgendwem) beurteilt, hält sich die Begeisterung für eine solche Herangehensweise in engen Grenzen. Vielmehr ruft man lieber Kollegen, Freunde und „Experten“ (von denen alle eine Agenda haben) an und lässt sich verbal von ihnen fünf Minuten lang erklären, was man zu denken hat. Für irgendetwas muss das ganze Networking ja gut sein. Außerdem gibt es Deadlines. In der Weltwoche wird man Zeuge des Ergebnisses einer solchen Methode.

Nun denn. Die Idee, ich wäre nicht geboren worden, ist rein hypothetisch und hat als solche ebensowenig mit der Realität zu tun wie eine potenzielle Möglichkeit. Ich könnte ebenso fragen: Hätte man Hitler und Stalin abtreiben lassen sollen? Oder was wäre, wenn ich nicht als ein Mensch, sondern als Thunfisch geboren worden wäre? Was, wenn die Barbaren Rom nicht zerstört hätten? Was, wenn ich den Artikel von Herrn Köppel nicht gelesen und stattdessen David Kelleys „Die Kunst des Denkens“ gelesen hätte? Was, wenn Herr Köppel seinen Artikel nicht geschrieben und stattdessen David Kelleys „Die Kunst des Denkens“ (The Art of Reasoning) gelesen hätte? Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

3. Abtreibung ist ein moralisches Recht

Abtreibung ist ein moralisches Recht und eine Entscheidung dafür oder dagegen sollte alleine der Mutter überlassen werden. Denn es ist ihr Recht auf Leben, um das es hier geht – nicht um das Lebensrecht eines Zellhaufens. Die Elternschaft ist eine enorme Verantwortung, die man sich genau überlegen und für die man sich bewusst entscheiden muss – oder man entscheidet sich bewusst dagegen. Für junge Menschen, die ehrgeizig um ihre berufliche Karriere kämpfen, die aber noch arm sind und die zu intelligent und gewissenhaft sind, ihr Kind vor eine fremde Türschwelle zu legen oder es zur Adoption freizugeben – und die ein moralisches Problem damit haben, andere Menschen für ihr Kind zahlen zu lassen – für diese jungen Menschen ist ein Verbot der Abtreibung ein Todesurteil.

Für das Kind müssten sie ihre Zukunft aufgeben und wären zu einem Leben von hoffnungsloser Schufterei reduziert, um für ihr Kind sorgen zu können. Um Ayn Rand zu zitieren:

„Ich kann mir nicht recht den Geisteszustand einer Person vorstellen, die wünschen könnte, einem seiner Mitmenschen einem solchen Horror auszusetzen. Ich kann mir den dafür nötigen Grad des Hasses nicht vorstellen, der Frauen in Kreuzzügen gegen Abtreibung herumlaufen lässt. Es ist jedenfalls Hass, den sie ausstrahlen, nicht Liebe für die Embryos, was ein Haufen Blödsinn ist, den niemand erfahren kann, sondern Hass, ein virulenter Hass auf ein namensloses Objekt. An der Intensität des Hasses jener Frauen gemessen würde ich sagen, dass es um ihr Selbstvertrauen geht und dass ihre Furcht metaphysisch ist. Ihr Hass richtet sich gegen menschliche Wesen als solche, gegen den Verstand, gegen die Vernunft, gegen Ehrgeiz, gegen Erfolg, gegen Liebe, gegen irgendeinen Wert, der dem menschlichen Leben Glück beschert. Passend zur Unehrlichkeit, die das intellektuelle Gebiet dieser Tage dominiert, nennen sie sich „Pro-Life“.

Welches Recht kann irgendwer für sich beanspruchen, das Leben von anderen abzuschaffen und ihnen ihre persönlichen Entscheidungen vorzuschreiben?“ (Ayn Rand: The Age of Mediocrity. The Objectivist Forum. 3. Juni 1981).

Ergänzung: Die Argumentation bezieht sich auf die ersten Schwangerschaftsmonate. Mit „Zellhaufen“ ist „Zellhaufen“ gemeint – ein Embryo. Ein Fötus ist kein Zellhaufen mehr. Er hat zwar ebenso keine Rechte, aber man kann über einen gewissen gesetzlichen Schutz für Föten in den letzten Schwangerschaftsmonaten durchaus vernünftig reden. Die Abtreibungsdebatte dreht sich in der Regel um die Frage, ob Embryonen abgetrieben werden dürfen, nicht Föten kurz vor der Geburt. Das sollte wohl nur aus medizinischen Gründen erlaubt sein, wenn der Fötus geschädigt ist oder das Leben der Mutter bedroht ist.

Eine detaillierte Argumentation für ein Recht auf Abtreibung bieten die objektivistischen Philosophen Ari Armstrong und Diana Hsieh hier an: http://www.theobjectivestandard.com/issues/2011-winter/abortion-rights.asp

16 Kommentare zu “Abtreibung ist ein Recht

  1. Jana sagt:

    Zu Punkt 2 ein interessanter Exkurs in aktuelle Gefilde der Rechtsphilosophie:
    http://www.dradiowissen.de/wrongful-life-schadensersatz-fuer-angeborene-behinderung.38.de.html?dram:article_id=225114

    „In Israel konnten behinderte Kinder dagegen klagen, dass sie nicht abgetrieben wurden. Die juristische Begründung dieser Klage wird auf den Begriff „Wrongful Life“, also fehlerhaftes Leben, gebracht – mittlerweile hat der israelische Oberste Gerichtshof die Rechtsprechung geändert. Klagen dürfen nun nicht mehr die behinderten Kinder selbst, sondern nur noch deren Eltern.“

    • Niklas sagt:

      Es würde mich interessieren, wie die Entschädigung dieser Kinder aussieht. Letztlich kann diese Entschädigung nur der sofortige Tod sein, da ein Rechtsspruch doch eigentlich darum bemüht sein sollte, die Verhältnisse herzustellen, die dem Recht gemäß sind.
      Schadensersatz ist dagegen nicht dem Recht gemäß, da dieses Kind keinen Anspruch oder kein Recht darauf hat, ein normales Leben zu führen, da dies nicht seiner Natur, sprich seinen Erbanlagen gemäß wäre.

  2. Brutha sagt:

    Das ein Mensch erst ab der Geburt Rechte hat d’accord,
    allerdings ist die Abtreibung so wie sie gerade geregelt ist sinnvoll.
    Denn auch schon im Bauch der Mutter erlangt das Embryo nach ca. 3 Monaten erste Sinneswahrnehmungen.
    Vergleicht man nun die Mutter mit z.B. einem Haus indem man zur Miete wohnt, so darf die Person der das Haus gehört sehr wohl entscheiden ob die betreffende Person darin wohnen darf oder nicht. Will man dem Mieter allerdings kündigen, sofern nicht mehr in der Probezeit(3 Monate) hat auch der Mieter anrecht auf eine angemessene Kündigungsfrist um sich eine neue Bleibe zu suchen. Ausnahmen wären schwerwiegende Mängel/Gefahr für die Vermieterin.
    Sie sehen, ein ungeborenes Kind hat eingeschränkten Schutz,auch wenn es noch nicht die vollständigen Rechte hat, die es nach der Geburt als rationales Tier bekommt.
    Nun zu sagen das bis zur Geburt des Kindes die alleinige Entscheidungsgewalt bei der Mutter liegt ist somit falsch.

    Grüße Brutha

  3. spkr42 sagt:

    Deine Argumentation mit dem Neugeborenen als „unabhängige Lebensform“ kann ich nachvollziehen.
    Aber ist ein Neugeborenes wirklich ein „rationales Tier“? Was definiert Rationalität in diesem Kontext?

    Viele Grüße!

    • @spkr42: Obgleich sich Macbeth Findlàich auf Facebook allerlei Mühe gegeben hat, es zu bestreiten, so wird man doch durch die Geburt ein individueller Mensch. Ein Fötus ist vollständig von der Mutter abhängig, biologisch und existenziell. Seine Nährstoffe erhält er durch die Nabelschnur und er lebt in der Mutter. Ein geborener Säugling lebt sein eigenes Leben außerhalb der Mutter. Er atmet seine eigene Luft, isst sein eigenes Essen und bewegt sich selbst von Ort zu Ort. Er kann seine Mutter zeitweise oder dauerhaft verlassen, um von jemand anderem umsorgt zu werden, und er kann dennoch überleben.

      Der Geist eines Säuglings befindet sich natürlich noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Und doch erlaubt ihm die Geburt, ein Verständnis der Welt zu erwerben und in einem sozialen Kontext zu existieren. Ein Säugling versteht graduell immer mehr und lernt mit der Sprache schließlich konzeptuelles Denken. Zunächst lernt er, seinen Geist zu fokussieren und Entitäten voneinander zu unterscheiden. „Mama“ ist ungleich „Papa“. Der Schnuller geht in den Mund und das Holzspielzeug nicht. Im Mutterleib gibt es nichts zu lernen. Es ist auch noch nicht nötig, um zu überleben. Wenn die Funktion des Bewusstseins eines rationalen Tiers darin besteht, das, was existiert, zu erkennen, so ist dies eine Funktion, die das Bewusstsein erst nach der Geburt ausüben kann. Und nicht in einem engen, dunklen Raum fast ohne Sinnesreize.

  4. Rüdiger sagt:

    – Das Verbot der Abtreibung ein „Todesurteil“ für die nicht abtreibende Mutter. Ein Todesurteil! Sorry, tot ist nur der Embryo im Falle der Abtreibung. Das sagt mir meine Ratio. Tot ist man nicht, weil man seine „freie Entfaltung“ nicht ganz so glatt leben kann, wie es das liberale Weltbild von einem erwartet.

    Z.B. weil man sich nach der Geburt von einem unerwünschten Kind trennen und es zur Adoption freigeben muss, statt es vorher so schön bequem auf Kassenkosten und mit den besten Wünschen unserer Gesellschaft im Mutterleib töten zu lassen.

    – Der Embryo ist dagegen nur ein „Zellhaufen“. Da wird nichts getötet. Würdest Du das auch einer Gianna Jessen ins Gesicht sagen?

    „Ein entstehender Mensch ist noch kein Mensch und hat also noch keine Rechte. Menschen haben erst von Geburt an Rechte.“

    Der Schritt von „im Mutterleib“ zu „aus dem Mutterleib“ kann es nicht sein. Das frisch geborene Kind ist genausowenig ohne fremde Hilfe lebensfähig wie das noch in der Gebärmutter geborgene. Natürlich kann das Kind noch keinen Vertrag unterzeichnen. Es geht ja nicht darum, ob es Verträge unterzeichnen kann, sondern ob es ein Mensch ist. Und das ist es selbstverständlich auch schon im Mutterleib!

    Egal wie schön Du Dir das in Deiner Philosophie zurechtredest.

    Jeder Versuch, zu sagen: Bis zum 56. Tag der Schwangerschaftswoche ist es ein Zellhaufen und danach erst ein Mensch, ist willkürlich. Und wenn das so ist, steht es uns auch nicht zu, diesen Menschen zu vernichten, denn in unserer Zivilisation gibt – oder vielleicht gilt eher: gab es mal – ein Tötungsverbot.

    Sorry – so sehr ich auch in einigen anderen Punkten beipflichte – bei diesem Thema bin ich so weit von Dir weg, wie es nur sein kann.

    • Kontext beachten. Es gibt im Kapitalismus keine Abtreibung auf Kosten anderer. Dafür würde ein Objektivist nie argumentieren.

      • 2. Eine biologisch unabhängige Lebebsform ist nicht unbedingt existenziell unabhängig.

        3. Ein ungewolltes Kind kann das Leben von Menschen zerstören.

        4. Was also ist deine Position und warum ist sie nicht willkürlich?

        • 5. Das würde ich Gianna Jessen definitiv ins Gesicht sagen. Sie wäre nicht auf der Welt, hätte man sie im embryonalen Stadium abgetrieben, also könnte sie sich weder darüber freuen noch dies bedauern, dass man sie abgetrieben hat, bevor sie als Person überhaupt existierte.

        • Niklas sagt:

          Bis wann ist denn eine Abtreibung ihres Wissens nach legitim? Sie machen die Unterscheidung zwischen Zellhaufen und Mensch! Wo ist der Übergang? Wieso machen sie eine Unterscheidung zwischen Pränataler und Postnataler Abtreibung? Die alten Römer und die alten Griechen, die Blüte der Philosophie, kannten diese Unterscheidung nicht? Wieso sollte man nicht jedes Kind, dass auf die Mutter in irgendeiner Weise angewiesen ist, töten? Was ist denn moralisch der Unterschied, ob man ein Kind nach der Geburt auf eine fremde Türschwelle legt oder ob man es abtreibt? Der einzige Unterschied ist doch, ob man das Kind dabei sieht oder nicht, ob man zu ihm eine Beziehung aufgebaut hat.

          Ihre Vergleiche hinken, an jeder x-beliebigen Stelle. Der Mensch ist im Mutterleib nicht „entstehend“, er ist ein Mensch. Er ist zu einem höheren Grad auf seine Umwelt angewiesen als der geborene Mensch, doch hier eine Grenze zu ziehen, ist willkürlich. Entweder der Mensch ist ein Mensch oder nicht. Und jeder Mensch bleibt zu einem gewissen Grad immer auf seine Umwelt angewiesen, den selbständigen Menschen gibt es nicht.

          Auch die moralische Keule brauchen sie hier nicht schwingen. Ein rational denkender Mensch, der diese Bedenken hat, würde niemals Sex haben, weil er sich gegen Fortpflanzung bewusst entscheidet und als rationaler Mensch seine Triebe im Griff hat und sie zu seinem Nutzen steuern kann. Abtreibung ist dementsprechend antievolutionär, da hierbei künstlich in die Evolution eingegriffen wird, um diese zu verändern, statt sich dem Modell des Rechtes des Stärkeren zu unterwerfen.

          Dementsprechend muss doch gesagt werden: Jede Frau, die willentlich das Sperma eines Mannes in sich aufnimmt, ist so dumm, dass sie jegliches Recht auf Abtreibung versagt hat, da sie nicht rational gehandelt hat, weil sie alle folgenden Probleme, die zu einer Abtreibung führen könnten, hätte bedenken müssen und zu dem Schluss kommen müssen, dass – wenn sie diese Probleme nicht verkraftet – sie keinen Sex hätte haben dürfen.

          Gleichzeitig verliert sie in diesem Augenblick das Recht über ihren Körper, da sie im Moment des Eindringens des Spermas in ihren Körper sowohl ihre Gebärmutter als auch ihre Eizelle einem Spermium zur Verfügung stellt. Im Moment des Verschmelzens des Spermium und der Eizelle gehören diese Zellen nicht mehr ihr, sondern sie ist nur noch Trägerin eines anderen menschlichen Wesens, dem sie aus freien Stücken diesen Platz überlassen hat. Zwar ist das Kind zu 100% von ihr abhängig, doch dies kann keine Rechtfertigung für einen Mord sein, sondern bringt lediglich eine deutlich höhere Verantwortung mit sich.

          Diese Frau kann nicht auf Moral oder Mitgefühl spekulieren, da diese Frau zuerst Sex hatte und danach über die Folgen nachgedacht hat und damit fahrlässig gehandelt hat. Sie selbst hat sich damit als „nicht rational denkend“ entpuppt und verliert damit ihre Rechte als rationales Tier.

          • Ein rational denkender Mensch, der diese Bedenken hat, würde niemals Sex haben, weil er sich gegen Fortpflanzung bewusst entscheidet

            Wieso sollte es für jeden rational sein, sich gegen Kinder zu entscheiden?

            antievolutionär, da hierbei künstlich in die Evolution eingegriffen wird, um diese zu verändern, statt sich dem Modell des Rechtes des Stärkeren zu unterwerfen

            Erstens ist die Evolution nicht das „Recht der Stärkeren“, sondern die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Zweitens ist irgendein schwachsinniges Verständnis der „Evolution“ nicht die Grundlage meiner Ethik. Sondern die relevanten Tatsachen der Realität im vollen Kontext.

            Die Geburt macht den Menschen zu einem biologisch unabhängigen Wesen. Wenn man keine Grenzen ziehen darf, darf man nicht kategorisieren, darf man keine abstrakten Begriffe bilden, darf meine keine Begriffe bilden, darf man keine Entitäten voneinander unterscheiden, darf man nicht denken. Und genau das ist die Grundlage von Ihren Behauptungen.

            Gleichzeitig verliert sie in diesem Augenblick das Recht über ihren Körper, da sie im Moment des Eindringens des Spermas in ihren Körper sowohl ihre Gebärmutter als auch ihre Eizelle einem Spermium zur Verfügung stellt.

            Und wer hat dann das Recht auf den Körper der Frau? Darauf läuft es nämlich hinaus. Dass andere Menschen der Frau vorschreiben dürfen, dass sie ein Kind gebären und es aufziehen muss, ob sie will und kann oder nicht. Wo kommt dieses Recht eigentlich her?

            Diese Frau kann nicht auf Moral oder Mitgefühl spekulieren, da diese Frau zuerst Sex hatte und danach über die Folgen nachgedacht hat und damit fahrlässig gehandelt hat.

            Also, um das mal klarzustellen: Erstens gibt es Kondome, mit denen man Sex haben kann, ohne Kinder in die Welt zu setzen. Zweitens ist Sex, natürlich auch für Frauen, etwas grundsätzlich Gutes. Ich finde zwar, man sollte nur mit Menschen Sex haben, die man liebt – aus Eigeninteresse – aber ich würde niemals jemandem das politische Recht streitig machen, mit jedem Sex zu haben, der freiwillig einwilligt.

  5. Dr. Webbaer sagt:

    Es fällt jedenfalls schwer das Recht auf Abtreibung absolut zu sehen, wenn kein Hund mehr ungestraft getreten werden darf.

    Ihr Kommentatorenfreund regt an bestimmte Ethik nicht als liberal oder illiberal zu betrachten, sondern als außerhalb des Liberalismus stehend, wie bspw. auch der Glaube an religiöse Entitäten oder an die Wirksamkeit bestimmter Statussymbole oder an die Treue der Ehefrau.

    MFG
    Dr. W

  6. Störk sagt:

    Vor kurzem ist in Westfahlen ein wenige Monate altes Baby in einer Wohnung mit vollem Kühlschrank und fließend Wasser verhungert und verdurstet, weil die Mutter für eine Party in die nächste Großstadt gefahren und erst 4 Tage später zurückgekehrt ist.

    Ein Baby kann eben nicht „seinen Verstand benutzen, um Entscheidungen zu treffen, die seinem (Über-)leben förderlich sind“. Solange es weder laufen noch sprechen kann, ist es ebenso absolut von seiner Mama abhängig wie ein Fötus. Umgekehrt kann ein 7-Monats-Frühchen im Brutkasten ebenso „ohne Mutter lebensfähig“ sein wie ein adoptierter Säugling – die Mutter muß halt durch andere Menschen und technische Hilfsmittel ersetzt werden. Wenn man „Menschsein“ und „Anspruch auf Menschenrechte“ daran festmacht, daß jemand „Handeln und Verhandeln“ kann wie ein Mensch, dann könnte man der obengenannten Mutter keinen Vorwurf machen – und religiösen Traditionen, die die Beschneidung von Jungen „lieber 8 Tage nach der Geburt als 8 Jahre später“ durchführen, erst recht nicht. Bei der Einordnung von Fossilien zählt ja auch erst als Mensch, was „auf zwei Beinen geht und spricht“.

    Meine Tochter hat das Kriterienpaar „Aufrechter Gang und Sprache“ erst mit 2 Jahren vollständig erfüllt. Stephen Hawking erfüllt dieses Kriterienpaar schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Dennoch möchte ich weder Kleinkinder noch Lähmungspatienten mit Tieren gleichsetzen.

    Mein Ansatz ist daher streng spezieszistisch: Mensch ist, was genetisch zur Spezies Mensch gehört. Ein neuer Mensch entsteht in jenem singulären Ereignis, wenn sich ein neuer diploider Chromosomensatz aus einen väterlichen und einem mütterlichen Anteil zusammensetzt. Ein „Zellhaufen“ ist genau dann ein Mensch, wenn ein Vaterschaftstest beweisen könnte, daß beide Elternteile dieses Zellhaufens Menschen sind. Dies ist die einzige Definition, die Ungenauigkeiten, Willkür und Wischi-waschi vermeidet.

    Übrigens trifft ein neu entstandener Mensch, also die befruchtete Eizelle, bereits in den allerersten Stunden nach seiner Zeugung eine Entscheidung von lebensbestimmender Tragweite: nämlich die, sich entweder in der Plazenta einzunisten und dort zu wachsen, oder direkt den Abgang zu machen. Zweiteres kommt öfter vor als man denkt und wird von den Eltern oft garnicht bemerkt (die Frau hat die Tage vielleicht ein wenig stärker als sonst, wenn überhaupt) aber ersteres ist eine fundamentale Entscheidung eines Lebewesens unserer Spezies, die man soweit irgend möglich respektieren sollte.

    • Zum Thema wird bald ein Interview mit Ari Armstrong von mir zu lesen sein. Er ist ein amerikanischer Objektivist, der auf das Thema spezialisiert ist.

      • Wo mir das gerade auffällt: „Übrigens trifft ein neu entstandener Mensch, also die befruchtete Eizelle, bereits in den allerersten Stunden nach seiner Zeugung eine Entscheidung von lebensbestimmender Tragweite: nämlich die, sich entweder in der Plazenta einzunisten und dort zu wachsen, oder direkt den Abgang zu machen.“

        Das ist keine „Entscheidung“. Das ist ein automatischer physischer, dann biologischer Vorgang.

        • Störk sagt:

          Jede unserer Entscheidungen ist durch innere und äußere Variablen determiniert – Determinismus an sich ist kein Grund, die Entscheidung, ob ein Embrio sich einnistet oder es bleiben läßt, anders zu nennen als meine Entscheidung, ob ich heute abend noch einen Tee trinke oder nicht. (In meinem Fall spielen ein paar mehr innere Variablen eine Rolle, insbesondere die Stärke meines Hustens)

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