Humanismus damals und heute

„Humanismus“ ist ein schillernder Begriff, der so freundlich klingt, dass sich fast jeder damit identifizieren möchte. Der historische Urquell des Humanismus ist die Epoche der Renaissance. Und wie sich nicht zuletzt bei der Lektüre von „Die Würde des Menschen“ von Giovanni Pico della Mirandola offenbart, hatten die Renaissance-Humanisten ein Menschenbild, das dem Menschbild vieler heutiger Humanisten diametral entgegengesetzt ist.

(Update: Generelle Entwicklungen des heutigen Humanismus herausgearbeitet)

1. Humanismus heute

1. Generell hat der Humanismus heute eine politisch linke Tendenz. Organisierte Humanisten fordern tendenziell eine Ausweitung des Sozialstaates sowie staatliche Wirtschaftseingriffe. Der Renaissance-Humanismus neigte eher dazu, die Möglichkeiten, die durch den freien Handel eröffnet wurden, zu begrüßen.

2. Weiterhin gemein ist dem Humanismus der Anspruch, eine menschenwürdigere Welt gestalten zu wollen. Der Mensch liegt jedoch nicht mehr uneingeschränkt im Zentrum der humanistischen Wertehierarchie. Vor allem die von Peter Singer gegründete moderne Tierrechtsbewegung zollt ihren Tribut, wie überhaupt die moderne Öko-Bewegung. Das geht vom Tier- und Umweltschutz bis zu der Einforderung von Rechten für Tiere. Es ist nicht mehr garantiert, dass Menschen, die sich als Humanisten sehen, überhaupt ein positives Menschenbild teilen. Durch die Überschneidung der linken und humanistischen Ideologie trifft man häufiger Humanisten an, die den Menschen als zerstörerische, irrationale und nicht länger eher als kreative und vernunftbegabte Lebensform ansehen. Mit diesem negativen Menschenbild geht die Überzeugung einher, der Mensch müsse durch den Staat umzäunt und geleitet werden.

3. Moderne Interpretationen der Evolutionsbiologie verleiten viele Humanisten zu einer übertriebenen Relativierung der besonderen Eigenschaften des Menschen. Die Wertschätzung der Vernunft- und Erkenntniskraft des Menschen tritt zurück im Vergleich zu angeblichen angeborenen, „instinktiven“ Verhaltenstendenzen. Im Bereich der Ethik wird das Einfühlungsvermögen, das Mitleid als Richtlinie betont und nicht länger eine philosophisch begründete, rationale Ethik vertreten.

4. Materialistische Interpretationen moderner neurowissenschaftlicher Forschung verleiten viele Humanisten dazu, den freien Willen zu relativieren oder ihn ganz zu leugnen. Ein materialistisch-deterministisches Menschenbild tritt an die Stelle des Menschen als Schöpfer seiner selbst.

5. Gemein ist Humanisten weiterhin eine hohe Wertschätzung der Naturwissenschaften. Heute ist allerdings eine deutliche Tendenz auszumachen, alle Wissenschaften auf die Naturwissenschaften reduzieren zu wollen. Dabei wird die einzigartige Identität des menschlichen Geistes reduziert oder relativiert.

6. Humanisten teilen weiterhin eine distanzierte und kritische Haltung zur organisierten Religion. Auch gläubige Humanisten sind keine Fanatiker, sondern haben eine relativ aufgeklärte Sicht auf ihren Glauben. Die Tendenz geht bei säkularen Humanisten in Richtung eines kämpferischen Atheismus und weg von einem versöhnlichen Humanismus im Sinne von Lessings Ringparabel.

2. Humanismus damals

Giovanni Pico della Mirandola fragt in „Die Würde des Menschen“ aus dem Jahre 1486, warum der Mensch das wunderbarste Geschöpf der Welt ist. Mirandola schreibt, dass ihm die bemerkenswerten Eigenschaften des Menschen, die gemeinhin angeführt werden (bzw. damals angeführt wurden) noch nicht ausreichen, um die Großartigkeit des Menschen zu erfassen. Zu diesen Eigenschaften zählt Mirandola: „[…] dass der Mensch das Bindeglied zwischen den Kreaturen ist, enger Freund der hohen Wesen und König der niederen, der Interpret der Natur durch die Schärfe seiner Sinne, durch die fragende Neugier seines Verstandes und durch das Licht seiner Intelligenz, das Intervall zwischen der Ewigkeit und dem Fluss der Zeit und, wie die Perser sagen, das eherne Band der Welt, […].

Das, was den Menschen aber wirklich zum wunderbarsten Geschöpf der Welt macht, lässt Mirandola Gott in einer Botschaft an die Menschen zum Ausdruck bringen: „Die Natur anderer Kreaturen wurde vorherbestimmt, sie ist umgrenzt durch die Zäune, die Wir [= Gott] ihr setzten. Du, der du nicht durch Grenzen umzäunt bist, sollst für dich selbst deine eigene Natur bestimmen, in Übereinkunft mit deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich dich gegeben habe. Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, damit du von dort einfacher erkunden kannst, was es auf der Welt gibt. Wir haben dich weder himmlisch noch irdisch gemacht, weder sterblich noch unsterblich, sodass du freier und ehrenvoller der Macher und Gestalter deiner selbst sein kannst, sodass du dir jede Form geben kannst, die du bevorzugst.“

Della Mirandola erläutert diese Worte wie folgt: „Vom Augenblick ihrer Geburt bringen Tiere vom Mutterschoß all das mit, wie Lucilius sagt [Anm.: Gaius Lucilius], was sie besitzen sollen. Von Anfang an oder kurz darauf waren die höchsten spirituellen Wesen das, was sie für alle Ewigkeit sein werden. Als der Mensch geboren wurde, stattete ihn der Vater mit allen Arten von Samen aus und mit den Keimen von jeder Lebensart. Die Samen, die jeder Mensch kultiviert, werden wachsen und in ihm Früchte tragen. Falls diese Samen vegetativ sind, wird er wie eine Pflanze sein; falls sie empfindsam sind, dann wird er wie die Tiere werden [vgl. Schmidt-Salomons „mitfühlendstes Tier“]; falls sie rational sind, dann wird er wie eine himmlische Kreatur sein; falls intellektuell, dann wird er ein Engel sein und ein Sohn Gottes.“

„Denn“, so Mirandola ferner, „es war der Mensch, der aufgrund seiner Wandelbarkeit und seiner Fähigkeit, seine eigene Natur zu verändern, wie Asklepios von Athen bemerkte, in den Mysterien durch Prometheus symbolisiert wurde.“ [Anm.: Prometheus ist der „Feuerbringer“].

Bei Mirandola ist der christliche Hintergrund erkennbar, zugleich scheint bereits das Feuer der Aufklärung durch seinen Text. Der Mensch ist hier zwar ein Geschöpf Gottes, aber er hat die Macht, sein eigenes Leben frei zu bestimmen. Er kann sich für verschiedene Lebenswege entscheiden, die Mirandola hierarchisch auflistet und bewertet.

Der Mensch kann wie eine Pflanze sein (Ayn Rand verortete meditierende Buddhisten in dieser Kategorie), wie ein Tier (die Egoisten der irrationalen Variante, die nur auf ihren unmittelbaren, materiellen Vorteil bedacht sind und ihre philosophischen Fürsprecher, die Materialisten, Skeptiker, Pragmatiker und Hedonisten), er kann rational sein (wie Unternehmer, Künstler, Arbeiter oder irgendwelche produktiven, rationalen Menschen) oder er kann die Stufe eines Intellektuellen erreichen (womit Mirandola vermutlich Philosophen meint).

Das wäre schon einmal eine gute Orientierung für das eigene Leben. Die objektivistische Philosophie unterscheidet allerdings nicht wertend zwischen rationalen Menschen und Intellektuellen – die Intellektuellen sind laut dieser Philosophie als „Denker“ auf derselben Ebene wie andere rationale Menschen verortet, etwa Unternehmer und Künstler. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft kann man schließlich nicht von jedem Menschen erwarten, als professioneller Denker tätig zu sein.

Man sieht: Der Humanismus war einst humanistisch. Für manche ist er es noch immer, für andere weniger.

6 Kommentare zu “Humanismus damals und heute

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Kollektivistische und ökologistische Humanisten sind ein Problem, in der Tat.
    MFG
    Dr. W (der allerdings auch mit der Objektivistischen Ethik nicht warm wird)

  2. Sorry, jetzt habe ich wohl aus Versehen einen Kommentar gelöscht…

  3. sba sagt:

    „Materialistische Interpretationen moderner neurowissenschaftlicher Forschung“

    Hurra, es gibt Gegenbewegung: DRadio Mediathek, Sendung „Forschung Aktuell“ vom 05.02.14; 16:48h „Die Komplexität der Gefühle“. US-Forscherin Kristen Lindquist vom Carolina Affective Science Lab scheint im Wesentlichen Anhaltspunkte zur Bestätigung von Rands Theorie über das Zustandekommen konkreter Emotionen gefunden zu haben. Auf der Instituts-Website heißt es dazu „Our on-going lines of research are united by the psychological constructionist hypothesis that emotions are composed of more basic psychological processes such as body states and knowledge about emotion concepts.“ (http://www.unc.edu/~kal29/index.html) Verstehe ich so, dass der Körper auf best. Reize in bestimmer Weise reagiert (Hormone etc.) und der Geist seinerseits auf die Körperreaktion reagiert. Und jetzt denken wir mal an Einstein. Bei dem haben die experimentellen Nachweise auch ewig gedauert.

  4. Joachim sagt:

    Sehr schöner Artikel. Nur zum letzten Satz würde ich anmerken wollen, daß die Ideen des Humanismus ihre Gültigkeit doch gar nicht eingebüsst haben. Es behaupten heute nur die Fasilschen, Humanisten zu sein – eine orwellsche Verdrehung halt.

    „Wir machen keine neuen Erfahrungen. Aber es sind immer neue Menschen, die alte Erfahrungen machen.“ (Rahel Varnhagen)

  5. Joachim sagt:

    .. nicht ‚die Fasilschen‘, sondern ‚die Falschen‘ sollte es heissen🙂

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