Ist Alice Schwarzer ein Opfer?

„Frauen und Männer sind Opfer ihrer Rollen – aber Frauen sind noch die Opfer der Opfer“, sagte die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer einst. Doch nun ist Schwarzer selbst ein Opfer – das Opfer einer Rufmordkampagne der „Medien“ – findet sie jedenfalls. Doch nicht nur sie, auch andere Menschen sehen Schwarzer als Opfer. Zum Beispiel erhielt sie Unterstützung bei ihrem Besuch einer Berliner Grundschule, wo sie das Bewusstsein für die Gleichwertigkeit von Menschen, die sado-masochistische Sexualpraktiken bevorzugen, stärken wollte.

Schwarzer hatte im Juli 2012 den Sado-Maso-Roman Shades of Grey verteidigt und tritt seitdem für die gleichberechtigte Würde von Sado-Masochisten ein. So auch in der Berliner Grundschule. Der junge Mohammed Dahab erhob sich nach drei Stunden Unterricht, zeigte mit dem Finger auf Schwarzer und sagte: „Ey, mir is scheiße langweilig! Fick dich, du Opfer!“

Doch ist Schwarzer wirklich ein Opfer?

Die Frauenrechtlerin hat einen schweren Fehler begangen. Nicht etwa ihre Steuerhinterziehung. Steuern sind Diebstahl und ihre Nicht-Bezahlung ist lediglich die Weigerung, sich freiwillig von irgendeiner Mehrheit in irgendeiner beliebigen geografischen Region berauben zu lassen. Wenn man auf der Straße von einer Gruppe Banditen überfallen wird, dann wird man nicht sagen: „Oh, die sind in der Mehrheit, also dürfen sie ihre Kinder mit meinem Geld auf die Schule schicken.“ Darüber besteht unlängst ein gesellschaftlicher Konsens.

Aber Schwarzers Verteidigung des Romans Shades of Grey – damit hat sie gezeigt, dass sie eigentlich nicht für Frauenrechte eintritt, sondern für schlechte Bücher. Alice Schwarzer ist ein Opfer – das Opfer eines trivialen Literaturgeschmacks, der unsere Gesellschaft ergriffen hat. Die Debatte über die Steuerhinterziehung hat Schwarzer bewusst eingefädelt, um davon abzulenken, dass Dieter Bohlen ein größeres Verständnis von literarischer Qualität besitzt als sie.

Mit ihrer Erklärung über die Steuerhinterziehung lenkt Schwarzer sogar doppelt vom Thema ab. Sie schreibt:

Rufschädigung? Klar. Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse. Und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass manche bei ihrer Berichterstattung über mich gerade jetzt auf Recht und Gesetz pfeifen? Jetzt mitten in der von EMMA angezettelten Kampagne gegen Prostitution, wo es um Milliarden-Profite geht.

Journalisten haben demnach ein dringliches Interesse daran, die Milliarden-Profite der Zuhälter zu bewahren. Nur darum berichten sie über die Steuerversäumnisse der unerschütterlichen Verteidigerin der Frauenrechte, Alice Schwarzer. Ansonsten hätten die Journalisten das Thema gar nicht behandelt. Das klingt zwar ungemein plausibel, aber Schwarzer erwähnt es lediglich, um von ihrem fragwürdigen Literaturgeschmack abzulenken. Ihr eigentliches Vergehen wiegt viel schwerer. Shades of Grey ist scheiße und Schwarzer will es nicht einsehen.

Wieso will sie es nicht einsehen? Hat sie jahrelang den Deutschunterricht geschwänzt?

Es gibt Fehler, die kann man nicht wieder gutmachen. Zum Beispiel Rufmord. Steuerfehler aber, wie ich einen gemacht habe, kann man wieder gutmachen (Und das sieht auch das Gesetz ausdrücklich so vor). Und genau das habe ich getan.

Steuerfehler mag man wieder gutmachen können. Das interessiert im Grunde auch niemanden. Aber eine so grobe literarische Fehleinschätzung, wie Schwarzer sie mit Shades of Grey an den Tag legte, wird die Frauenrechtlerin noch lange verfolgen. „Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt“, schrieb Schwarzer über das Buch. Als ob die Protagonistin „Anastasia Steele“ irgendetwas denken würde!

Unsere Gesellschaft ist auch ein Opfer. Sie kann das Wichtige nicht vom Unwichtigen unterscheiden. Ewig halten wir uns mit Nichtigkeiten auf, anstatt über Literatur zu reden. Das literarische Quartett gibt es seit 2001 nicht mehr. Ein Ersatz ist nicht in Sicht. Eine so einflussreiche Person wie Alice Schwarzer findet einen trivialen Schundroman großartig. Am Ende lesen die Schüler nur noch Romane über Sado-Maso-Spielchen anstatt Goethe und Thomas Mann.

Also, liebe Journalisten: Hört auf, über Schwarzers Steuerhinterziehung zu berichten. Hört auf, vom eigentlich Wichtigen abzulenken. Sonst fühlt sich Schwarzer am Ende so verfolgt, dass sie ins Ausland geht.

Ich habe in Deutschland versteuerte Einnahmen darauf eingezahlt in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen.

Obwohl…

2 Kommentare zu “Ist Alice Schwarzer ein Opfer?

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Frau Schwarzer, die der Schreiber dieser Zeilen noch aus ihren Anfängen in den Siebzigern kennt, sie war Sozialistin, sogar vglw. streng, ist Opfer und Täter.
    Nicht schlecht auch ihre in den Siebzigern/Achtzigern getätigte Rechtfertigung islamischer Strenge.
    Auf die Frauenunterdrückung in jenem Biotop angesprochen, konnte sie, bar jeder Fremdenfeindlichkeit, erklären: ‚Das sind Paschas. Die sind eben so.‘

    Ansonsten hat sich die Dame ganz ordentlich gemacht, sie hat ihre Meinungen teilweise umstellen können uns teilweise einen klaren Blick entwickelt.

    Als Opfer ihrer Kultur konnte sie sich aber nie von dem Motif lösen, dass Prostituierte nicht etwa eine freiwillige Dienstleistung erbringen, sondern irgendwie unterdrückt sein müssen.

    Insgesamt kann die Note 3- vergeben werden für die Lebensleistung.

    MFG
    Dr. W

  2. sba sagt:

    Ich versteh den ganzen Aufriss nicht. Als ich die Nachricht hörte, dachte ich blauäugigerweise „Selbstanzeige und Strafgeld bereits bezahlt – ist doch rechtlich alles in Ordnung. Nur das mit dem ‚Kavalliersdelikt‘ kommt jetzt nicht mehr hin, da brauchen wird jetzt ein anderes Wort für.“ – Was passiert: Jetzt gab es Aufregerreden über „Oberschichtenkriminalität“ und wie das „der Gesellschaft“ schaden würde. Nette Leute. Da wünscht man sich ja fast, ein Leben lang wirtschaftlich zu versagen um denen nicht irgendwann mal ausversehen ins Fadenkreuz zu laufen.

    Und SM vs. Goethe…naja. Den Begriff gab es zu seiner Zeit zwar nicht, aber naja (wobei ich über SoG keine Meinung äußern kann). Halte ich die Lage für ähnlich, wie bei Homosexualität: Solange das Thema derart intensiv promotet wird, wird damit definitiv nicht so umgegangen, wie damit umgegangen werden sollte: Als privater Vorliebe, die jeweils nur sehr wenige Außenstehende was angeht.

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