Was hätte „nach dem Sozialismus“ geschehen müssen?

Die kommunistischen Regimes sind Geschichte. Wenige Diktaturen in Nordkorea, China und Kuba bleiben bestehen, aber die große Auseinandersetzung zwischen dem Westen und seinem egoistischen, individualistischen Ideenfundament und dem Osten mit seiner altruistischen, kollektivistischen Basis liegt in der Vergangenheit. Das Komische ist nur: Der Streit wurde beendet wie eine alte Dampflokomotive, die plötzlich nicht mehr mit Kohlen versorgt wird und die mitten auf der Strecke stehenbleibt. Der Lokführer und die Arbeiter im Maschinenabteil steigen unvermittelt aus und gehen nach Hause.

Der große historische Schnitt ist ausgeblieben. Es hat Aufarbeitungen von Verbrechen gegeben, auch einige Aufarbeitungen von falschen Ideen – die wichtigsten davon zu wenig beachtet (und manche wurden schon geäußert, bevor der Kommunismus die Macht ergriff). Aber was es nicht gegeben hat: Den großen Schlussstrich, die Beerdigung der Ideen, die den Kommunismus möglich gemacht haben. Die entschlossene Würdigung der Ideen, die dem individuellen Menschen im Westen ein glückliches Leben im Wohlstand ermöglichen. Den neu erblühten Stolz auf die freie Zivilisation. Irgendwie hat es der Kommunismus geschafft, einfach zu Ende zu gehen, wie eine alte mechanische Wanduhr, die sich nicht mehr aufziehen lässt.

Der Verrat der Intellektuellen

Den großen Sieg der Freiheit hat es nicht gegeben. Der Westen ist am Ende einfach stehengeblieben und ist nach Hause gegangen. Schon während des Kalten Krieges ist er eingeknickt mit seiner Verständigungspolitik, mit seinen Kompromissen und viele, wenn nicht die meisten seiner Intellektuellen haben sogar offen mit dem Totalitarismus sympathisiert – jetzt bezahlt der Westen die Rechnung. Jemand, der schon eingeknickt ist, kann nicht mehr einknicken. Oder aufstehen. Wie steht man auf ohne Rückgrat – und ohne Motivation? Der amerikanische Historiker Alan Charles Kors schreibt in seinem Artikel Can there be an „After Socialism“?:

„Die Pathologie der westlichen Intellektuellen hat sie zu einer ablehnenden Beziehung zur Kultur verpflichtet – zu freien Märkten und individuellen Rechten – zu einer Kultur, welche die größte Linderung des Leids; die größte Befreiung von Mangel, Ignoranz und Aberglauben; und den größten Zuwachs von Belohnungen und Chancen in der Menschheitsgeschichte  hervorbrachte.

Diese Pathologie erlaubt westlichen Intellektuellen, um den Mount Everest der kommunistischen Opfer ohne Tränen, ohne einen Skrupel, ohne einen Akt der Reue oder einer Neubewertung des Selbst, der Seele und des Geistes herumzulaufen.

Seit mindestens einer Generation befindet sich die intellektuelle Verachtung der liberalen Gesellschaft – als Zivilisation, als Menge von Institutionen und als Ideenkonstellation – im Kern der Geisteswissenschaften und der weichen Sozialwissenschaften. Diese Entwicklung ist schneller geworden, hat sich nicht verändert, trotz der Tatsache, dass es nun keine intellektuelle Entschuldigung mehr dafür gibt, bestimmte Wahrheiten zu ignorieren.

Wir wissen, dass freiwilliger Austausch zwischen Individuen, die unter der Herrschaft des Rechts als moralisch verantwortlich betrachtet werden, Wohlstand und ebenso eine unerreichte Vielfalt menschlicher Wahlmöglichkeiten geschaffen hat. Ein solches Modell war stets auch die Bedingung für die Selbstentfaltung und die Freiheit. Im Gegensatz dazu erzeugen zentral planende Regimes Armut und unvermeidliche Entwicklungen in Richtung des Totalitarismus und der schlimmsten Machtmissbräuche. Dynamische Freimarkts-Gesellschaften, die auf Rechte-basiertem Individualismus gründen, haben das gesamte menschliche Verständnis von Freiheit und Würde für einst ausgegrenzte Gruppen verändert. Das gesamte „sozialistische Experiment“ endete hingegen im Stillstand; ethnischem Hass; der Abwesenheit selbst der geringsten Voraussetzungen ökonomischer, sozialer oder politischer Erneuerung; und in kategorischer Verachtung für die Selbstentfaltung ebenso wie für Minderheitenrechte. Unsere Kinder kennen diese wahren Gegensätze nicht.

Was die Mea Culpas angeht, so warten wir vergeblich auf sie von jenen, die behaupten, es nicht gewusst zu haben oder die sich noch immer dazu entschließen, es nicht zu lernen.“

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