Mündlich überlieferte Verirrungen

Tradierte Aberrationen„Mündlich überlieferte Verirrungen“ lautet der ins einfache Deutsch übersetzte Titel von Michael Wollmanns neuestem Buch „Tradierte Aberrationen“. Die Sammlung philosophischer Aphorismen erscheint dabei keineswegs verirrt. Vielmehr ist das Werk runder und ausgereifter als seine Vorgänger.

„Chancengleichheit gibt es für jene, die im Nichts aufgehen können.“

Was bedeutet dieser Aphorismus? Wenn ich Bücher lese und etwas nicht sofort oder recht schnell verstehe, liegt das häufig daran, dass das Ausgesagte gar nicht verstanden werden soll oder kann. Bei den „Tradierten Aberrationen“ ist das anders. Da lohnt es sich, über einen Weisheitsspruch länger zu reflektieren. Ich verstehe den obengenannten Aphorismus wie folgt: Wir haben die gleichen Chancen, wenn wir das Nichts als unsere Ausgangsbasis akzeptieren und von dort aus aufzusteigen bereit sind. Will heißen: Wenn alle Menschen auf die kleinste Gemeinsamkeit reduziert und somit keine individuellen Menschen mit eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten mehr sind, dann haben sie dieselben Chancen wie andere Menschen. Wenn niemand irgendeine Ahnung von Malerei hat, dann können alle Menschen gleichermaßen Maler werden – dann haben sie die gleiche Chance auf den Malerberuf. Chancengleichheit ist somit ein nihilistisches Konzept.

Vielleicht bedeutet der Aphorismus auch etwas ganz anderes. Aber selbst wenn, so hat meine Deutung für mich dazu beigetragen, meine eigenen Gedanken zu schärfen. Das Nichts ist recht häufig Gegenstand von Wollmanns Aphorismen und nimmt fast schon die Position eines Leitmotivs ein. Aber es gibt auch viele andere, etwa: „Manche stellen sich so dumm an, dass die Festanstellung unausweichlich wird“. Dieser Aphorismus hat mich an die Beamten im örtlichen Rathaus erinnert. Diese reden immerzu und ausschließlich von ihrem Urlaub – egal, bei welcher Gelegenheit ich dort aufkreuzte, es ging immer nur um Urlaub. Zugegeben: Einmal ging es um eine bevorstehende Hochzeit, wobei dieses Gespräch aber mit einem Ausblick auf die Flitterwochen endete. Also ging es doch wieder um Urlaub. Ich fragte auch andere Ortsansässige, ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht hätten und sie bestätigten, dass die fleißigen Bienchen in jenem Gebäude tatsächlich ausschließlich über ihren Urlaub sprechen. Entweder die sind unterfordert oder denen geht es erheblich zu gut, wenn Sie mich fragen.

Eine wohltuende Abwechslung war immerhin mein Besuch des Auslandsamtes vor ein paar Jahren, denn dort sprach die Mitarbeiterin mit ihrem Mann am Telefon darüber, was sie noch für die Kinder einkaufen musste. Selbstverständlich während der Arbeitszeit und während ich ihr gegenübersaß und auf eine Erläuterung meiner Optionen für einen Auslandsaufenthalt wartete. Nach einer Weile ließ sie mich mit einer Broschüre gehen und bei meinem nächsten Besuch warf sie mich gleich aus ihrem Büro und schickte mich zu einem Kollegen. Denn jeder Mensch in Deutschland hat ein Recht auf Kinder, auch und vor allem während der Arbeit. Zudem ist meine geduldige Schweigsamkeit, während ich auf die Antwort auf eine einfache Frage vom dafür Zuständigen warte, erfahrungsgemäß eine schwere Belastung für manche Menschen. Vielleicht sind meine Fragen zu philosophisch („Gibt es noch Plätze in Irland?“).

Ich schweife nur ein wenig ab, denn mit diesen Gedanken möchte ich illustrieren, welche Assoziationen die Weisheitssprüche auslösen können. Beim Versuch, einen Aphorismus nachzuvollziehen, prüft man, ob und wie er mit den eigenen Erfahrungen in Einklang zu bringen ist.

„Auch die Uneigennützigkeit hat man sich selbst zuzuschreiben“

„Auch die Uneigennützigkeit hat man sich selbst zuzuschreiben“ ist in wunderbarer Aphorismus, der den Altruismus ad absurdum führt. Am Ende ist auch die Selbstlosigkeit eine egoistische Entscheidung. „Die Brüderlichkeit kam mit Kain und Abel ist die Welt“ finde ich ebenso schön gehässig. „In einer geistesträgen Zeit wird sich kaum noch jemand zu einer eigenen Haltung durchringen können, was schwere Haltungsschäden zur Folge haben wird.“ Das kann man wohl laut sagen. „Wenn Kultur angeboten werden muss, kann etwas mit dem Aufgebot schon nicht stimmen“ ist ein weiterer Favorit. Das mag wohl bedeuten, dass etwas mit den Leuten nicht stimmen kann, denen etwa der Staat Kultur anbieten muss – oder die der Meinung sind, er müsste das. Wahrscheinlich nur meine libertäre Interpretation. „Auf Dauer überwiegt bei der Kurzweil die Langeweile“ verstehe ich als Warnung vor der ewigen Suche nach neuen Reizen. Wer den Sinn des Lebens in einer Aufeinanderfolge von Vergnügungen (Sex, Drugs and Rock and Roll) sucht, wird sich bald langweilen.

Von den Aphorismen abgesehen gibt es noch einige Skizzen, Notizen, Blogeinträge und Briefwechsel in „Tradierte Aberrationen“. Diese sind in einem einheitlich stilisierten, elaborierten Deutsch verfasst, das mich ein wenig an Goethe erinnert. Diese verleiten ebenso zum Nachdenken.

Im Buch werden immer wieder einmal Selbstzweifel laut, warum der Autor so ein Werk mit philosophischen Aphorismen überhaupt schreibt. „Vilhelm Ekelund pflegte zu sagen, dass er in vierzigjähriger Tätigkeit ganze vierzig Leser zu finden vermocht hätte. Ich weiß in glücklich zu schätzen“. Ich denke, darauf habe ich eine gute Antwort gefunden. Erstens hat es einen zivilisierenden und bildenden Effekt auf einen Menschen, wenn er beim Lesen gewinnbringend aufgehalten wird. Wenn er einerseits weiterlesen will, als hätte er eine spannende Detektivgeschichte vor sich, aber zugleich doch erst darüber brüten muss, was er nun gerade gelesen hat. Das erfordert Selbstdisziplin. Und wenn er dabei auch zu Ergebnissen gelangen kann, die ihn weiterbringen. Zudem, grob gesagt, wird ein Mensch, der über einen philosophischen Aphorismus brütet, mit geringerer Wahrscheinlichkeit seine Frau erschlagen. Eine zivilisierende Wirkung eben. Zweitens mag man nicht viele Leser mit solchen Büchern zu dieser Zeit an jenem Ort gewinnen, aber immerhin sind diese Zeit und jener Ort in der Lage, solche Bücher und ihre Autoren hervorzubringen. Das verspricht ein gewisses Potenzial. Und drittens dauert es einfach eine Weile, bis man einen gewissen Bekanntheitsgrad – und ein immer besseres Können – erreicht hat.

Vielleicht sollte ich mir das selbst deutlicher bewusst machen. Dann wird auch das Buch, an dem Michael Wollmann und ich selbst gerade arbeiten, endlich einmal fertig.

Siehe auch meine Rezension des Vorgängers Entgrenzte Grauzonen. Ich befürchte, meine Besprechungen seiner vorherigen Bücher sind im Archiv meines vorherigen, gelöschten Blogs aufzufinden.

Einige von Wollmanns Aphorismen sind jedenfalls so gut, dass ich mir vorgenommen habe, sie in Zukunft an geeigneter Stelle zu zitieren. Ich kann die „Tradierten Aberrationen“ jedem empfehlen, der seinen Geist nutzbringend gebrauchen möchte. Wer klarer denkt, versteht die Welt und sich selbst besser.

Tradierte Aberrationen
ISBN-13: 978-3-95488-747-7
1. Auflage 2014
Engelsdorfer Verlag
Sprache: Deutsch
Taschenbuch, Format: 19×12
69 Seiten, zahlr. sw. Abb.

Preis: 7,30 EUR
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