Der libertäre Rationalist

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Murray Rothbard: For a New Liberty

Mit For a New Liberty: The Libertarian Manifesto wollte der amerikanische Anarchokapitalist Murray Rothbard seine Ansichten einem breiten Publikum nahebringen. Ich habe mir bislang etwa ein Drittel des Audiobooks angehört und bin mir nicht sicher, ob ich den Rest wirklich erfahren möchte. Wahrscheinlich höre ich lieber Safranskis Goethe-Biografie weiter.

Bei manchen Themen ist Rothbard durchaus in der Lage, interessante Einsichten zu liefern und Zusammenhänge aufzuzeigen, die einem noch nicht klar waren. Seine Antwort auf die Frage, ob man in einem vollen Theater „Feuer“ schreien darf, obwohl kein Feuer ausgebrochen ist – über die Bedeutung und die Grenzen der Meinungsfreiheit –, finde ich zum Beispiel überzeugend. Laut Rothbard darf man es nicht, weil man somit in die Eigentumsrechte des Theaterbesitzers und auch der zahlenden Zuschauer eingreift. Diese haben dafür gezahlt, eine Vorstellung sehen zu dürfen und diese Leistung erhalten sie nicht, wenn sie jemand mit sinnloser Panikmache unmöglich macht. Generell bedeutet Meinungsfreiheit, dass man selbst alles mit eigenen Mittel (etwa mit den eigenen Medien) oder durch freiwillige Übereinkunft mit anderen äußern darf, was man will, und andere Menschen dürfen zuhören oder es bleiben lassen. Niemand muss einem ein Forum zur Verfügung stellen, um die eigene Meinung dort äußern zu können. Da es hierzulande ein öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt, mögen dort allerdings andere Regeln gelten.

Allerdings habe ich selbst mit Rothbards Auffassung der Meinungsfreiheit ein Problem, weil er auch die Anstachelung zu Straftaten für durch die Meinungsfreiheit gedeckt sieht. Wenn jemand dazu aufruft, Läden zu plündern und Gebäude in Brand zu stecken, so muss ja niemand der Aufforderung nachkommen. Jeder hat schließlich einen freien Willen. Nur, wenn der Auffordernde selbst mitmacht, so macht er sich strafbar. Demnach könnte, wenn man den Gedanken weitertreibt, im Grunde auch jeder einen Mord oder Terroranschlag mit anderen zusammen planen und diese vorbereiten und organisieren – solange er sie nicht ausführt, ist im Grunde alles in Butter und er gebraucht nur sein Recht auf „freie Meinungsäußerung“ und sein Recht, die Zutaten für eine Bombe auf dem freien Markt ordnungsgemäß einzukaufen, etc. Was für ein Quatsch.

Erhellend fand ich Rothbards Ausführungen über den Militärdienst. Einen verpflichtenden Wehrdienst sollte es ohnehin nicht geben, aber Rothbard erläutert zudem, warum auch das Desertieren nicht oder nicht so hart bestraft werden sollte. Für die Fahnenflucht drohen in Deutschland bis zu fünf Jahre Gefängnis. Wenn jedoch jeder Mensch, auch der Berufssoldat, über sein eigenes Leben bestimmen darf, dann darf er sich auch dazu entscheiden, seinen Beruf zu kündigen. Zwar verpflichten sich Soldaten vertraglich für eine bestimmte Zeit zum Dienst, aber damit geben sie nicht ihr Leben in die Hände des Staates. Ein Bäcker, der einen Arbeitsvertrag für ein Jahr unterschreibt und dann nach drei Monaten bemerkt, dass er das Backen inzwischen verabscheut, der wird nicht fünf Jahre lang ins Gefängnis geworfen, nur weil er nicht mehr backen möchte. Er wird vielleicht moralisch dafür verurteilt und andere Bäckereien möchten ihn vielleicht nicht mehr einstellen, aber er begeht keine mit Gefängnis strafbare „Bäckerflucht“. Das ist bei einem Soldaten nicht anders. Höchstens, wenn er andere Menschen durch die Verletzung seiner Dienstpflicht gefährdet, könnte man ihn belangen.

Leider sind andere Ideen Rothbards uninformiert, wenig durchdacht, naiv, weltfremd und teils völlig banane. Seine Meinung etwa, dass niemand ein Recht auf seinen „Ruf“ habe und somit Rufmord legal sein sollte, ist kaum überzeugend. Beim Rufmord (Üble Nachrede, Verleumdung, Diskreditierung) werden absichtlich falsche Behauptungen über eine Person gestreut. Dadurch entsteht sehr wohl ein persönlicher und materieller Schaden – denn andere Menschen möchten weniger gerne Verträge mit jemandem eingehen oder Produkte bei einem Händler kaufen, der einen schlechten Ruf hat. Wenn jemand behauptet, dass Lidl vergiftete Brötchen verkauft, obwohl das nicht so ist, dann greift er widerrechtlich in das Eigentumsrecht von Lidl ein. Wenn jemand behauptet, der örtliche Bäcker backt Kinder in seine Brote, dann entsteht für den Bäcker ein materieller und persönlicher Schaden, für den er überhaupt nicht verantwortlich ist.

Und so geht es weiter mit allerlei absurden Ideen, was alles aus einem konsequenten Libertarismus angeblich folgen müsse. Die Privatisierung der Polizei und von Gerichten wäre ja schon katastrophal genug, aber die abgefahrenste Idee Rothbards – das ist wohl sein „Kindermarkt“ (siehe The Ethics of Liberty). Er findet, dass Eltern das Recht haben sollten, ihre Kinder verhungern zu lassen oder sie auch auf dem freien Markt zu verkaufen. Eltern sollen Kinder zwar nicht physisch verletzen dürfen, aber sie hätten das Recht, die Kinder zu vernachlässigen. Zudem kann es ja nicht sein, dass Kindern das Arbeiten verboten wird. Dadurch erfahren sie „einen Nachteil gegenüber ihren erwachsenen Konkurrenten“. Die Kinder sollen wiederum von ihren Eltern weglaufen und sich neue Eltern suchen dürfen, wenn ihnen das nicht passt. Irgendwie sollen alle Beteiligten vom freien Kinderhandel profitieren. Vom gehandelten Produkt, welches das „Eigentum“ der Eltern sein soll, vielleicht einmal abgesehen. Im Moment räumt der Staat manchen Adoptionsorganisationen laut Rothbard einen monopolartigen Status ein und setzt den „Preis von Kindern“ auf null fest. Und Preisfestsetzung ist ja „sozialistisch“. Aber wir brauchen keine Sozialisten, um den Kapitalismus zu zerstören, das bekommt Rothbard mit seinen durchgeknallten Ideen und Argumenten auch alleine hin.

Insgesamt kann ich höchstens „fortgeschrittenen“ Libertären die Werke Rothbards empfehlen, also solchen, die mit den Argumenten von anderen Denkern vertraut sind und somit auch nicht den verrückten Vorschlägen Rothbards zustimmen. Auf der anderen Seite wäre es wahrscheinlich besser, einfach die Werke von überlegenen libertären Denkern zu lesen. Und Rothbard zu ignorieren. Philosophisch lautet sein Fehler „Rationalismus“, da er sein gesamtes Weltbild von einigen Prämissen deduktiv ableitet, ohne die induktive Methode anzuwenden – also ohne den Tatsachen der Realität eine allzu große Beachtung zu schenken. Rothbards Anarchokapitalismus ist weltfremdes Elfenbeinturm-Lehnstuhldenken par excellence.

Für nähere Kritik an anarchokapitalistischen Ideen, siehe meine Artikel:

Sollte man die Regierung privatisieren?

Libertärer Zirkus

Ein Kommentar zu “Der libertäre Rationalist

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Danke für Ihre Einschätzung, die ich teile; eigentlich sollte dieser Mann auch im Theater „Feuer!“ rufen dürfen.
    MFG
    Dr. W (der die liberale Bemühung immer noch als revolutionär versteht und ihr gerade, wie es auch (niedere) Sozialisten tun, das Bemühen um das Allgemein- oder Gesellschaftswohl unterstellt)

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