Quatsch mit Laktose

Das Interesse an "Laktoseintoleranz" in Deutschland nimmt zu (Bild: Google Trends)

Das Interesse an „Laktoseintoleranz“ in Deutschland nimmt zu (Bild: Google Trends)

Wie es ausschaut, ist die ganze Welt neuerdings Laktose-intolerant. Da ich selbst Bullshit-intolerant bin, stößt mir die Invasion laktosefreier Lebensmittel als edle Lifestyle-Produkte in so ziemlich jedem Café, Bäckerei, Kneipe und Restaurant sauer auf.

Nun existiert natürlich ein Phänomen namens „Laktose-Intoleranz“ wirklich, allerdings ist es im Grunde ausgeschlossen, dass es zuvor niemandem aufgefallen ist, wie unverträglich Laktose-Produkte für ihn doch sind, und die Leute erst jetzt seit ein paar Jahren kollektiv bemerken, dass sie keine Milch und andere Laktose-haltige Produkte vertragen. Jetzt, wo überall laktosefreie Produkte angeboten werden. Mir selbst ist seit Kindertagen bewusst, dass ich an Heuschnupfen leide. Nach einer Hyposensibilisierung sind die Symptome zurückgegangen, aber ich bemerke sie noch immer, jährlich zur selben Zeit. Es ist schlichtweg unvorstellbar, dass mir erst aufgefallen wäre, dass ich an Heuschnupfen leide, sobald in den Geschäften überall Mittelchen dagegen angeboten würden.

Entweder man hat eine Allergie oder Lebensmittelunverträglichkeit, oder man hat sie nicht. Solche Dinge sind keinen spontanen, individuellen Trends unterworfen. Ich habe nicht eines Tages ein genetisch bedingtes Leiden wie die Laktose-Unverträglichkeit und am nächsten Tag ein anderes Leiden, je nachdem, was gerade im Trend liegt. Dass ich Recht habe und viele Leute einfach nicht mehr richtig ticken, sobald es um Ernährung (oder irgendetwas) geht, erkennt man an den Kommentaren zu kritischen Artikeln über die Laktose-Hysterie.

Ein Beispiel ist Die Laktose-Hysterie von Kathrin Burger auf süddeutsche.de. Die Autorin bezweifelt keineswegs, dass es wirklich Menschen gibt, die an Laktose-Intoleranz leiden. Sie weist lediglich darauf hin, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die es sich einbilden. Die Kommentare zum Artikel bei lebensmittelallergie.info passen zum Titel: Sie sind hysterisch. Nun kann es einen durchaus aufregen, wenn man selbst an einer Allergie oder Unverträglichkeit leidet, und einem dies nicht geglaubt wird. Mir wurde als Kind nicht geglaubt, dass ich an einer damals äußerst heftigen Pollenallergie litt und einige Lehrer und Betreuer waren der Auffassung, ich sei nur zu faul zum Sport. Da entwickelt man schon gewisse Abneigungen, nicht nur gegenüber Pollen. Aber im Falle dieses SZ-Artikels wurde niemandem persönlich abgesprochen, an einer Unverträglichkeit zu leiden. Es wurde lediglich eine allgemeine Tendenz festgestellt und belegt, laut der sich viele Menschen, was ja lange nicht alle Menschen sind, gewisse Unverträglichkeiten nur einbilden. Und sich darüber aufzuregen, ist bescheuert. Sich auf die Art und Weise darüber aufzuregen, wie die Kommentatoren dort, ist noch einmal einige Stufen bescheuerter.

Und bevor ich mich sooo abfällig über diese Zeitgenossen äußere, sollte ich „ meine Hausaufgaben machen“ und eben recherchieren!

Niemand hat sich abfällig über irgendwen geäußert in diesem Artikel. Geschweige denn, „sooo abfällig“.

Laktose-Hysterie: demnach wären ja nahezu alle Säugetiere und ca 75% der Weltbevölkerung „ hysterisch“…..die Pharmaindustrie  dürfte sich freuen!

Wen interessiert die Weltbevölkerung? Es geht um Deutschland und hier sind viel weniger Menschen Laktose-intolerant, als sie es glauben.

Im Anschluss regen sich die organisierten Intoleranten über die Glosse Die Minus-L-Variante von Werner Bartens auf. Die ist von 2010 und noch immer spukt dieser Laktose- und Sinn-befreite Wahn in unseren Cafés und co. herum. Lügen haben lange Beine. Auch die Lügen, die man sich selbst erzählt.

Ich würde es den Autoren Burger und Bartens wirklich wünschen, wirklich `mal ca 6 Wochen
an all` den „ Mode-Erscheinungen“ zu leiden, an ignorante Ärzte zu geraten, ihre Jobs zu verlieren……..am Existenzminimum dahin zu vegetieren………
ob sie dann immer noch „ die große Klappe haben werden“ ?

Mal angenommen, ich würde an Laktose-Intoleranz leiden und an ignorante Ärzte geraten, die es nicht erkennen. Würde ich darum meinen Job verlieren und am Existenzminimum dahinvegetieren – nur weil ich Laktose nicht vertrage? Verlieren die Asiaten wegen so etwas ihre Jobs?

Aber eigentlich hat meine Tochter ja gar nichts… das hab ich mir für sie einfallen lassen weil ich auch mal im Trend liegen wollte… außerdem wollte ich mein Kind mal ein wenig ärgern… Riesen-Gaudi!

Um das mal klar zum Ausdruck zu bringen: Die Journalisten meinen nicht Sie oder Ihre Tochter persönlich und auch Werner Bartens hat ausdrücklich betont, dass es echte Betroffene auch in Deutschland gibt. Sich dadurch persönlich angesprochen und angegriffen zu fühlen, ist völlig verrückt.

Es ist nur absolut ärgerlich, dass solche Beiträge überhaupt geschrieben werden dürfen –sie gehen an der Realität vorbei, es wurde nicht ordentlich recherchiert und sie diffamieren Betroffene, die womöglich ihren Job ( wegen dieser „Modeerscheinung!) verloren haben….

Ja, es ist schon ärgerlich, diese Meinungsfreiheit. Diese Freiheit, irrationale Wahnvorstellungen und Trends zur Selbst-Stilisierung als empfindsamer Öko-Mensch beim Namen nennen zu dürfen.

Die Ermahnungen, wir sollten zu einem „natürlichen Lebensstil“ zurückfinden und uns wieder „natürlich ernähren“, dürfen natürlich nicht fehlen und sind allerorts zu finden, wenn mal wieder die Ernährung ein Thema ist. Die natürliche Ernährung unserer gesunden Vorväter heißt übrigens „Verhungern“ oder „Mangelernährung“. Vor dem Kapitalismus wurden die Leute im Schnitt 40 Jahre alt. Jetzt wollen die Hobbits, dass wir zur „Natur“ zurückkehren.

Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881 (© Statistisches Bundesamt)

Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881 (© Statistisches Bundesamt)

Ich fühle mich selbst schon krank wegen all dieser Befindlichkeits-Produkte überall. Es hat einst nett und kreativ angefangen mit Karamell-Cappuccinos und Zimt-Espressos zur Weihnachtszeit. Man kam sich schon ein wenig gepudert und mit Goldlöffel im Mund geboren vor dabei, das Zeug zu trinken, aber es war zumindest nicht irrational, sondern erfüllte einen gewissen, geschmacklichen Zweck.

Jetzt, mit diesen Sonderprodukten für Veganer, Vegetarier, Pseudo-Allergiker, Pseudo-Laktose-Intolerante und andere Phobie-Patienten und Selbst-Stilisierer trinke ich nichts anderes mehr als einen verdammten Pott Kaffee, wenn ich überhaupt noch in einem Café aufkreuze. Inzwischen kommt man sich darin vor wie in einer Klinik für Sterbenskranke, wie in einer Kommune für politische Ideologen oder wie in einem Edelbordell und nicht mehr wie an einem Ort zum Abschalten und Wohlfühlen für zurechnungsfähige, normale Menschen.

Selbst, wer bereits Veganer ist, kann mit der Selbstgeißelung nicht bedenkenlos aufhören, siehe: Verbraucherschützer: Zu viel Salz und Fett in veganem Essen.

Ergänzung: Trotz einer gefühlte Milliarde Hinweise darauf, dass es echte Betroffene gibt, die man natürlich ernst nehmen muss, bringen es manche Betroffene fertig, sich nun über meinen Artikel hier aufzuregen. Also, noch einmal zum Mitschreiben: Natürlich ist es für die echten Betroffenen sehr praktisch und willkommen, wenn laktosefreie Speisen großflächig angeboten werden. Damit habe ich gar kein Problem. Wenn die wütenden Kritiker doch einmal ihre Äuglein auf die Art der Präsentation dieser Speisen richten würden und auf das durchschnittliche Profil der Menschen, die sie kaufen, so dürfte sich ihnen derselbe Eindruck aufdrängen, der sich mir aufdrängt: Dass manche Menschen einen Lifestyle-Trend aus ihrem sehr realen Leiden gemacht haben. Nun müsste man sich als rationaler Menschen über DIE aufregen und nicht über ihre Kritiker. Oder? Es ist so, als gäbe es einen Trend, dass Menschen nur, um cool zu sein, Chai-Lattes mit Allergietabletten (wie ich sie nehmen muss) zu sich nehmen würden. Nun rege ich mich doch nicht über die Blogger auf, die diese Menschen kritisieren – sondern ich rege mich über diese Menschen auf, die mein Leiden zu einem Trend für pseudo-coole Großstädter machen.

Literaturtipps:

Spiel mit der Angst

Der Feind in meiner Nahrung

Das große Geschäft mit den unnötigen Lebensmitteln

Die Laktose-Hysterie

Die Minus-L-Variante

Und ich habe wieder eine Umfrage für euch zum Thema vorbereitet:

[yop_poll id=“3″]

7 Kommentare zu “Quatsch mit Laktose

  1. freeman sagt:

    Die Laktose-Sache, wie auch andere „modische“ Krankheiten – vor ein paar Jahren waren „Pilze im Darm“ der letzte Schrei – hat den Charakter einer Verschwörungstheorie.

    Zwar nicht in dem Sinne, daß deren Vertreter (bis auf die allerdümmsten) tatsächlich von einer finsteren Verschwörung gegen sich ausgehen, sondern in dem Sinne, daß sie damit eine Universalerklärung für alle großen und kleinen Widrigkeiten ihres Lebens haben:

    – Bauchschmerzen: Laktose
    – Konzentrationsschwäche: Laktose
    – Ausbildung nicht geschafft: Laktose
    – Beziehung zerbrochen: Laktose
    und so weiter.

    Es gibt genug Leute mit tatsächlicher Laktoseintoleranz, aber im Gegensatz zu den Hypochondern machen die oft gar kein so großes Theater darum, denn sie haben wirkliche Symptome und können diese dadurch auch in Bezug zum Rest der Welt bringen.

  2. Martin sagt:

    Diese Steindummheit hier ist ja wirklich nicht zu übertreffen:

    „Laktose-Hysterie: demnach wären ja nahezu alle Säugetiere und ca 75% der Weltbevölkerung „ hysterisch“…..die Pharmaindustrie dürfte sich freuen!“

    Wie man so dumm sein kann, zu behaupten, „Nahezu alle Säugetiere“ seien laktoseintolerant. Damit wäre das Säugetier wohl kein Erfolgsmodel geworden…. Tatsächlich gibt es nur EIN Säugetier, das laktosefreie Milch produziert, der Seelöwe.

  3. Rüdiger sagt:

    Kultisch hierzu:
    http://www.metacafe.com/watch/an-vHGXJYJnh7uJ/burn_after_reading_2008_lactose_intolerant/

    – Is that goat cheese?
    – Chêvre? Yes.
    – Cause I have a lactose reflux, and I can’t…
    – You’re lactose intolerant?
    – Yeah, but I… Or you have acid reflux?
    – They’re different things.
    – I know what they are.
    – So you misspoke.
    – Well, thank you for correcting me.

  4. Franzl sagt:

    Also mir fehlt auf das auch diese „glutenfrei“-Nummer gut läuft 😉 Letztens suchte ich im Supermarkt diabetiker Schokolade, was stelle ich fest. Die Abteilung für Schokolade mit Zuckeraustauschstoffen (nein, Aspartam führt NICHT zu Krebs !!!!! – aber vielleicht kommt das auch mal endlich in der Gesellschaft der Hysteriker an !!!) ist gegen eine „Glutenfrei-Abteilung“ ausgetauscht worden….daneben die “ Laktosefreie Zone “ . An sich mag ich ja Modetrends, aber manchmal nervt es nur noch !

  5. Skeptiker sagt:

    Es gibt zweifellos auch Menschen, die unter einer bestimmten Erkrankung leiden, aber, beispielsweise aufgrund der Seltenheit der Erkrankung oder weil es schwer zu diagnostizieren ist, nicht als Kranke erkannt werden. Einige dieser Leute werden von ihren Mitmenschen möglicherweise für Simulanten, Hypochonder oder Betroffene einer psychischen Störung gehalten.
    Es gibt einige sehr plausible Beispiele dafür und einige Leute, für die das zutrifft. Im Einzelfall bleibt deshalb immer eine gewisse Restwahrscheinlichkeit.

    Jetzt, mit diesen Sonderprodukten für Veganer, Vegetarier, Pseudo-Allergiker, Pseudo-Laktose-Intolerante und andere Phobie-Patienten und Selbst-Stilisierer

    1. Das Wort „Pseudoallergie“ hat bereits eine andere Bedeutung:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudoallergie
    Beispielsweise die dünnen Fäden der Eichenprozessionsspinner können AFAIR so eine Reaktion auslösen. Das nur nebenbei.
    2. In dieser Aufzählung werden (mindestens) drei sehr verschiedene Dinge zusammengefasst:
    – Vegetarier oder Veganer sind Leute, die, aus welchen Gründen auch immer, sich dafür entschieden haben, auf den Verzehr von Fleisch oder allgemein tierischen Produkten zu verzichten.
    Es handelt sich hierbei um eine freiwillige Entscheidung, die das Individuum ggf. selbst (für sich) begründen muss. Ist es nicht das, was ein Individualist sich wünscht?
    – Pseudo-Allergiker, die sich selbst stillisieren.
    Hier stellt sich die Frage: Wieso tut jemand so, als wäre er ernsthaft krank?
    – Personen mit Phobien, denen man deshalb allgemein eine rationale Reaktion auf bestimmte Umweltbedingungen absprachen würde.

    Ich habe nicht eines Tages ein genetisch bedingtes Leiden wie die Laktose-Unverträglichkeit und am nächsten Tag ein anderes Leiden[…]

    Das setzt aber voraus, dass es sich um ein rein genetisch bedingtes Leiden handelt. Soweit ich weiß gibt es aber auch einige erworbene Erkrankungen, die solche Symptome verursachen können. Allerdings muss ich zugeben, dass mein Wissen hier seine Grenzen hat…

  6. Andreas D. sagt:

    Laktosefrei, glutenfrei, frei von Farbstoffen, Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern, ganz generell frei von E-Stoffen, zuckerfrei, frei von tierischen Eiweißen und Fetten, fair gehandelt, gekauft beim Biobauern, gebacken mit belebtem Wasser, angereichert mit Bachblütenextrakten. Ach ja: gentechnikfrei! Zum Schluss ernähren sie sich nur noch von Licht, Luft und Liebe: Licht, das sie nicht vertragen, Luft, die ihnen Angst einjagt und Liebe, die ihnen niemand schenkt. Und sterben.

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