Alleine gegen den Rest der Welt

„In allen Zeitaltern gab es Menschen, welche die ersten Schritte auf neuen Wegen gingen – mit nichts bewaffnet als mit ihrer eigenen Vision. Ihre Ziele waren unterschiedlich, aber sie alle teilten dies: Dass ihre Schritte die ersten waren, der Weg war neu, die Vision nicht von anderen geborgen und die Antwort, die sie erhielten – Hass. Die großen Schöpfer – die Denker, die Künstler, die Wissenschaftler, die Erfinder – standen alleine gegen die Menschen ihrer Zeit. Jeder große neue Gedanke wurde bekämpft. Jede große neue Erfindung wurde niedergemacht.“ (Ayn Rand, The Fountainhead)

Aus dem Briefwechsel zwischen Galileo und Kepler geht hervor, dass sich die beiden Mit-Schöpfer des kopernikanischen Weltbilds (neben Kopernikus selbst) in ziemlich genau der Rolle und Situation sahen, wie Ayn Rand sie beschrieb.

Galileo an Kepler: „[…] ich beglückwünsche mich für das außergewöhnlich große Glück, einen solchen Mann als Kameraden bei dem Streben nach Wahrheit zu besitzen. Denn es ist so schlecht, dass es so Wenige gibt, die die Wahrheit suchen und so Viele, die einer falschen philosophischen Methode folgen. […] Ich habe zahlreiche unmittelbare und mittelbare Argumente für die kopernikanische Auffassung aufgeschrieben, aber bislang habe ich es nicht gewagt, sie zu veröffentlichen, da mich das Schicksal von Kopernikus selbst, unserem Meister, abschreckte. Er hat in den Augen Weniger einen unsterblichen Ruhm erlangt, aber er wurde von einer unendlichen Menge ausgelacht und ausgebuht (denn so groß ist die Zahl der Schwachköpfe).“ (13. Oktober 1597)

Kepler an Galileo: „[….] So hat mich ein großes Verlangen ergriffen, deine Beurteilung meines Buches zu hören. Denn ich halte es so, dass ich all jene, denen ich schreibe, dazu dränge, mir ihre ehrliche Meinung zu sagen; glaub mir, ich ziehe die schärfste Kritik eines einzigen intelligenten Mannes der gedankenlosen Zustimmung der großen Masse vor.

Ich hätte mir nur gewünscht, dass du, der du eine so tiefe Einsicht gewonnen hast, einen anderen Weg wählen würdest. Du rätst uns, anhand deines persönlichen Beispiels und in diskret verhüllter Art, uns vor der allgemeinen Ignoranz zurückzuziehen und uns nicht zu enthüllen und achtlos den gewaltsamen Angriffen des Gelehrtenmobs auszusetzen […]. Aber nachdem in unserer Zeit zunächst von Kopernikus und dann von vielen sehr gelehrten Mathematikern eine ungeheure Aufgabe angegangen wurde und wenn die Versicherung, dass die Erde sich [um die Sonne] bewegt, nicht mehr als etwas Neues betrachtet werden kann, wäre es dann nicht besser, den Wagen mit unseren gemeinsamen Anstrengungen an sein Ziel zu ziehen, wo wir ihn jetzt schon auf den Weg gebracht haben, und gemeinsam, mit mächtigen Stimmen, das gemeine Volk niederzuschreien, welches die Argumente wirklich nicht sorgfältig abwägt?“ (16. März 1598)

Angesichts der Ermunterung Keplers veröffentlichte Galileo seine Entdeckungen. Während schon zu Kopernikus Lebzeiten eine Kontroverse um das kopernikanische Weltbild entbrannt war, so erfolgte das kirchliche Verbot, dieses zu lehren oder öffentlich zu verbreiten, erst, nachdem sich Galileo doch entschlossen hatte, seine Theorie bekanntzumachen. Galileo wurde von der Inquisition Folter angedroht und er vertrat das kopernikanische Weltbild nicht länger öffentlich. Daraufhin sperrte ihn die Kirche zu Hause ein. Kepler geriet immer wieder in Schwierigkeiten wegen seiner Forschung. Die Universität von Tübingen wollte ihn wegen angeblicher Häresien nicht mehr aufnehmen. Seine Mutter wurde aufgrund einer Science-Fiction-Geschichte von Kepler über eine Reise zum Mond wegen Hexerei angeklagt.

Ein Kommentar zu “Alleine gegen den Rest der Welt

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Grundsätzlich ist das Szenario, dass die eigene Meinung fast umfänglich der Meinung der Menge entgegensteht, ein gutes Zeichen.
    Es ist die Voraussetzung dafür recht zu haben, wenn etwas Besonderes geschaffen werden soll.

    Blöderweise sind Millionen Blöde in ähnlicher Situation.

    MFG
    Dr. W

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