Was gerade als moralisch gilt

Die Antworten auf meine Umfrage Was ist moralisch? sind recht interessant und ausgewogen. Sieben Leute finden zum Beispiel, dass der deutsche Fernseh-Philosoph Richard David Precht höchstpersönlich die Moral verkörpert, während fünf Abstimmende ihn von einer Brücke stoßen möchten, um einen Zug aufzuhalten. Einer hält sich daran, „was die Partei sagt“ und ein weiterer hat nur „das Wohl der arischen Herrenrasse“ im Sinn. Nun, dann ist der Zustand der Moral in Deutschland weitaus besser, als ich dachte.

Immerhin fünf Abstimmende hören „auf ihr Gewissen“, wenn es um moralische Fragen geht. Nur: Was ist das Gewissen und wo kommt es her? Hat jeder Mensch dasselbe Gewissen? Hören die Taliban auf ihr Gewissen, wenn sie Ungläubigen den Kopf abhacken? Und Kim Jong Un, wenn er Leute in eines seiner Konzentrationslager schickt? Vielleicht bedeutet „auf das Gewissen hören“ dasselbe wie „das tun, was sich richtig anfühlt“. Schließlich ist das Gewissen keine Entität im eigenen Kopf, die uns Befehle erteilen würde. Wir hören ja nicht wirklich Stimmen. Wenn mein Gewissen spricht, höre ich mit meinen Ohren gar nichts. Wann fühlt sich eine Handlung also richtig an? Und warum sollte etwas objektiv richtig sein, wenn es sich richtig anfühlt? Im Grunde betrifft die Ethik alle unserer frei gewählten Handlungen. Ethik beantwortet schließlich die Frage, wie wir handeln sollen. Sie umfasst somit auch Handlungen wie Morgens aufstehen, Duschen und Mittagessen. Wie oft duscht man sich? Was isst man zu Mittag? Wenn man darauf nun die fundamentale Antwort gibt: „Ich höre auf mein Gewissen“ – was sagt denn das Gewissen zu der Frage, was ihr zu Mittag essen sollt? Wer das albern findet: Da die objektivistische Philosophie das eigene Leben als Mensch als Maßstab der Ethik sieht, können wir uns durchaus auf dieser Basis die Frage stellen, welche Ernährung unserem Leben mehr dient und welche weniger.

Auch die Antwort, dass moralisch sei, was gerade als moralisch gelte, verursacht vielleicht mehr Probleme, als sie löst. Angenommen, euer Sohn hat sich in der Pause mit einem anderen Jungen geschlagen, der eurem Sohn sein Pausenbrot klauen wollte. Ihr glaubt, dass das moralisch sei, was gerade in eurer Gesellschaft als moralisch gilt. Wer diese Antwort gibt, ist in der Regel keineswegs der Auffassung, dass wirklich das moralisch ist, was die Gesellschaft meint – sondern etwas anderes. Aber was? Das, was sich subjektiv für ihn richtig anfühlt? Nun muss er, je nachdem, wie er die Antwort meint, entweder herausfinden, was „gerade als moralisch gilt“ in Punkto Schulhofschlägereien und seinem Sohn muss er dann predigen, was auch immer die Meinung „der Gesellschaft“, also anderer Menschen als ihm selbst zu diesem Thema ist. Oder er sagt seinem Sohn, was sich für ihn richtig anfühlt. „Es ist richtig, dass du den Kerl verdroschen hast, mein Sohn, denn es fühlt sich für mich spontan richtig an.“ Oder: „Es ist falsch, dass du den Kerl verdroschen hast, weil es sich für mich falsch anfühlt.“ Viel Spaß damit.

Richard David Precht findet ihr sowieso nur moralisch, um mich zu ärgern.