Objektivismus und Krieg

Es gibt verschiedene, teils gegensätzliche Haltungen unter Objektivisten zum Thema „Krieg“. Der Grund dafür sind divergierende Aussagen von Ayn Rand. Es gibt die philosophierende Ayn Rand und es gibt die persönlich betroffene, ungeduldige Ayn Rand. Die persönlich betroffene Ayn Rand, die sich an ihre Zeit als Kind in Russland erinnerte und daran, was die Kommunisten mit ihrer Familie und ihren Bekannten angestellt hatten (vertrieben, enteignet oder erschossen), ließ sich zu verstörenden und blutdürstigen Aussagen hinreißen. Die philosophierende Ayn Rand hat Vernünftiges zum Thema beizutragen. Besser durchdacht ist jedoch die Position eines anderen Denkers.

(Hinweis: Dieser Beitrag befasst sich mit verstörenden ethischen Randthemen. Er ist nur Menschen mit starken Nerven zu empfehlen, die über schreckliche Dinge wie Krieg und Terrorismus rational nachdenken möchten.)

Ayn Rand gegen sich selbst

Hier einige Zitate von Ayn Rand zum Thema Krieg, die sich direkt widersprechen:

„Falls wir in den Krieg gegen Russland ziehen, dann hoffe ich, dass die ‚Unschuldigen‘ zusammen mit den Schuldigen zerstört werden. […] Niemand muss sich Aggression gefallen lassen und sein Recht auf Selbstverteidigung aufgeben, weil er befürchtet, jemand anderen zu verletzen, sei er schuldig oder unschuldig. Wenn dich jemand mit einer Waffe angreift und du einen Funken Selbstvertrauen hast, dann antwortest du mit Gewalt, egal, wer er ist oder wer hinter ihm steht.“

> Eine reichlich  hitzköpfige Aussage, die mit Ayn Rands erwachsener Philosophie unvereinbar ist. Leider hat ausgerechnet das einflussreiche Ayn Rand Institute diese Aussage zu einer der Grundlagen ihrer völlig abgedrehten Position zum Thema Krieg gemacht. Laut der folgenden Aussage von Rand verliert hingegen gerade derjenige, der Zivilisten angreift, alle seine Rechte:

„Welche Rechte die Palästinenser auch einmal gehabt haben mögen […] so haben sie alle Rechte verloren, nicht nur auf Land, sondern auf menschlichen Kontakt. Falls sie Land verloren haben und als Antwort darauf zum Terrorismus gegriffen haben – zur Tötung unschuldiger Zivilisten – dann verdienen sie alles, was irgendwelche Kommandosoldaten ihnen irgendwo antun mögen und ich hoffe, dass die Soldaten erfolgreich sind.“

Schließlich gibt es noch die Ayn Rand, die in Extremsituationen einen anderen, besonderen Kontext sieht, in der eine reduzierte Moral gilt:

„Aber formell, als Moralphilosoph, muss ich sagen, dass in solchen Notfallsituationen niemand vorschreiben könnte, welche Handlung angemessen ist. […] Was auch immer ein Mensch in einer solchen Situation zu tun entscheidet, ist richtig – subjektiv.“

Die letzte Aussage passt zum philosophischen System des Objektivismus. In der Tat ist Moral kontextuell bedingt. Unter normalen Umständen, also in einer freien, zivilisierten Nation ist das Stehlen beispielsweise falsch. Lebt man jedoch in Nordkorea und muss stehlen, um zu überleben, dann ist es nicht falsch. Ebenso ist das Töten in einem liberalen Rechtsstaat falsch (außer in seltenen Extremfällen zur Selbstverteidigung), aber lebt man im Mittelalter oder in einer anderen barbarischen Gesellschaftsordnung, dann ist das Töten nicht unbedingt falsch, sondern kann notwendig sein. Die empfehlenswerte amerikanische Serie Game of Thrones gibt reichlich Material, um darüber nachzudenken, ob in einer solchen Gesellschaftsordnung das Töten immer falsch wäre.

Über die zweite Aussage Rands kann man sich streiten. Verdienen Terroristen wirklich „alles“, was ihnen Soldaten antun könnten? Also auch Folter? Ist es wichtig, was mit gerade rechtzeitig verhafteten Terroristen gemacht wird, die gerade dabei waren, sich absichtlich auf Marktplätzen und Cafés in die Luft zu jagen, um möglichst viele Zivilisten zu töten? Einige palästinensische Terroristen haben sich sogar vor ihren Anschlägen absichtlich mit Aids infiziert, damit ihre zersplitternden Knochen in jüdische Kinder eindringen und sie mit Aids anstecken, wenn sie die Kinder schon nicht tödlich verletzen. Wenn die Mutter von so einem Kind sagt, dass es ihr egal ist, was mit solchen kranken Bastarden geschieht – so wüsste ich rein ethisch kein Argument, wie ich ihr widersprechen könnte. Allerdings kenne ich viele Argumente, die dagegen sprechen, Folter politisch zu legalisieren. Mit anderen Worten gibt es gute Gründe, warum Polizisten und Soldaten niemanden foltern dürfen. Der Objektivismus unterscheidet zwischen Politik und Ethik. Wenn ein Polizist jemanden foltert, der definitiv gerade dabei war, sich auf einem Marktplatz in die Luft zu jagen und Frauen und Kinder in den Tod zu reißen oder schwer zu verwunden – so müsste der Staat den Polizisten dafür bestrafen, denn er hat gegen Gesetze verstoßen. Er soll Kriminelle verhaften und sie nicht foltern.

Krieg mit allen Mitteln?

Was das Ayn Rand Institute sich aus den nicht zu Ende gedachten Aussagen Ayn Rands zusammengebastelt hat,  ist reichlich absurd. Yaron Brook, der Leiter des ARI, schreibt in Just War Theory versus American Self-Defense, dass Amerika „alles, was nötig ist“ tun darf, um islamische Regimes, die den Terror unterstützen, unschädlich zu machen. Dazu zählt er die Auslöschung ganzer Städte. Ferner soll Folter von Terroristen durch Soldaten offiziell sanktioniert werden. „Falls und bis zu dem Grad, dass Folter eine effektive Technik ist, um amerikanische Leben zu retten und sie gegen jene eingesetzt wird, die Gewalt gegen uns einleiten, dann ist sie moralisch obligatorisch.“ Man muss also Terroristen foltern, wenn es effektiv ist, um den Krieg zu gewinnen. Generell sollte man laut Brook zivile Verluste vermeiden, aber wenn man die Zivilisten bei möglichst effektiven Angriffen nicht aussondern kann, so soll man sie „ohne zu zögern“ töten. Ferner: „Je nach den Umständen können Führer, Soldaten und Zivilisten zu den legitimen Zielen in einer feindlichen Nation zählen“, schreibt Brook. Er sieht die gesamte feindliche Nation als Aggressor an, der unschädlich gemacht werden muss. Brook verteidigt konsequenterweise die Bombenangriffe auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg. Und er verteidigt die Angriffe auf Zivilisten der Südstaaten während des amerikanischen Bürgerkrieges (Nord- gegen Südstaaten).

Damit verlässt Brook allerdings den rationalen Egoismus und begibt sich auf utilitaristisches Terrain. Wie sollte man messen, wie man möglichst „effektiv“ einen Krieg gewinnen kann, in Abwesenheit jeglicher moralischer Schranken? Vielleicht wäre ein Krieg gegen den Iran sehr schnell zu Ende, wenn wir einen Virus entwickeln, der iranische Kinder dahinrafft? Würde man die afghanischen Zivilisten töten, so könnten sich die Terroristen nicht länger aus ihren Reihen rekrutieren. Man könnte sich alles Mögliche ausdenken, was da „effektiv“ sein könnte, um einen Krieg zu gewinnen.

Was Brook sich da zusammengesponnen hat, ist nicht unbedingt geeignet, um den Ruf von Ayn Rand und ihrer Philosophie zu verbessern. Ich finde, dass er sich von seinem Hass auf „kollektivistische, nihilistische Araber“ zu einer wenig durchdachten, irrationalen Haltung verführen ließ.

Vernünftige Kriegsphilosophie

Glücklicherweise gibt es noch die Atlas Society, die sich vom ARI abgespalten hat, als diese ihren Verstand verloren hat. Sie vertritt eine erheblich vernünftigere Haltung zum Thema Krieg.

Grundsätzlich, da sind sich alle Objektivisten einig, dürfen Kriege nur geführt werden:

1. Zur Selbstverteidigung. Die einzig angemessene Antwort auf Gewalt ist Gewalt und

2. Mit dem Ziel, eine Bedrohung zu beenden

Sie sind sich ferner einig:

3. Angriffskriege sind nie legitim.

Es kann schon ausreichen, dass eine Nation definitiv plant, eine andere Nation anzugreifen – etwa, wenn die politischen Führer dies offiziell ankündigen – damit Selbstverteidigung vorliegt. Man muss nicht warten, bis die erste Atombombe auf Berlin fällt.

4. „Kriege sind das zweitgrößte Übel, das menschliche Gesellschaften ausüben können.“ (Ayn Rand – die Tyrannei ist dabei das größte Übel).

5. Der freie Handel ist das Gegenteil von Krieg und der größte Gegenspieler des Krieges

Der Krieg ist also kein Zustand, in dem man gerne verweilen möchte. Ferner sind Kriege zum Plündern nicht akzeptabel – also die Art von Krieg, die Faschisten geführt haben. Yaron Brooks Haltung zum Krieg wurde als „faschistisch“ kritisiert, aber streng genommen ist sie das nicht. Auch laut Brook dient Krieg nur zur Selbstverteidigung. Allerdings sind die Mittel, die er für zulässig erachtet, um einen Krieg zu gewinnen – alles, was „nötig“ ist – im Effekt kollektivistisch und willkürlich. Was ist schon „notwendig“?

Allerdings, und da gibt ihm auch die Atlas Society Recht, ist es noch schwerer geworden als jemals zuvor, zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten zu unterscheiden. In islamischen Diktaturen werden Terroristen von Teilen der Bevölkerung ausgerüstet, versteckt, versorgt und nach ihrem Anschlag als Märtyrer gefeiert. Auch verstecken sie sich häufig hinter „zivilen Schilden“, zum Beispiel in Kindergärten und Schulen. Allerdings haben das amerikanische und das israelische Militär das Problem vergleichsweise gut unter Kontrolle. Die Soldaten werden dazu ausgebildet, Zivilisten von Terroristen zu unterscheiden, so gut wie es irgend möglich ist.

Ich finde vor allem die Ausführungen des Philosophen John Locke zum Thema Kriegsführung aufschlussreich – und besser als alles, was Objektivisten dazu geschrieben haben (und dabei vereinbar mit unserer Philosophie). John Locke hat selbst im Falle des Krieges eine streng Rechts-basierte und individualistische und an Gerechtigkeit orientierte Philosophie. Er schreibt in Two Treatises of Government, Buch 2, Kapitel 16 unter anderem:

1. Der Sieger in einem gerechten Krieg kann mit den besiegten feindlichen Kämpfern tun, was er für richtig hält – aber nicht mit jenen, die am Krieg unbeteiligt waren.

2. Das Volk ist nicht kollektiv für die Verbrechen seiner Führer verantwortlich. Es hat kein Recht, den Führern die Aufgabe zu übertragen, Angriffskriege zu führen. Die Regierung dient dem Schutz der Rechte der Bürger, nicht der Verletzung der Rechte anderer. Das Volk kann ein solches Recht nicht auf seine Führer übertragen, weil es selbst nie ein solches Recht hatte.

3. Schuld ist individuell. Darum hat der Sieger keinen uneingeschränkten Anspruch auf das Eigentum der Besiegten. Der Vater mag in einem ungerechten Krieg gekämpft haben, aber seine Kinder sind dafür nicht verantwortlich. Also sollten sie nicht ihres Erbes beraubt werden. Der Sieger darf nur das Eigentum der feindlichen Kämpfer nehmen, aber nicht den Anteil seiner Frau und seiner Kinder.

4. Der Sieger hat keinen Anspruch auf das besiegte Land. Das dortige Volk hat das Recht, seine eigene, neue Regierung zu bestimmen. Wenn sich der Sieger in einem gerechten Krieg zum Diktator über das besiegte Volk ernennt, so hat das besiegte Volk das Recht, ihn zu bekämpfen.

Fazit

John Locke erinnert uns an etwas, das wir niemals vergessen dürfen und das uns ermöglicht, auch in Kriegszeiten human zu bleiben: Schuld und Verantwortung sind stets individuell. Tyrannen sind Tyrannen – aber ihr Volk ist kein Tyrann; feindliche Soldaten sind feindliche Soldaten – doch ihre Kinder und ihre Frauen sind keine feindlichen Soldaten. Gerechtigkeit ist individuell. Jeder soll das bekommen, was er verdient. Es ist kein Verbrechen, in einem Land geboren zu werden, das einen Angriffskrieg auf ein anderes Land anfängt. Es ist kein Verbrechen, der Sohn oder die Tochter eines Tyrannen oder eines feindlichen Kämpfers zu sein. Wer einen feindlichen Kämpfer unterstützt, trägt dafür die Verantwortung, aber nicht für alles, was der feindliche Kämpfer tut.

Der Individualismus ist die Grundlage einer gerechten Philosophie des Krieges. Vor allem Objektivisten sollten das eigentlich wissen.

8 Kommentare zu “Objektivismus und Krieg

  1. Dr. Webbaer sagt:

    John Locke erinnert uns an etwas, das wir niemals vergessen dürfen und das uns ermöglicht, auch in Kriegszeiten human zu bleiben: Schuld und Verantwortung sind stets individuell.

    Dann wären wohl Kriegsverbrechen auf Seiten der WW2-Alliierten festzustellen.
    Blöderweise wollten die den Krieg unbedingt gewinnen, aus vorstellbaren Gründen, und zudem sollte die Zahl der eigenen Gefallenen (das waren oft junge Söhne und junge Familienväter) begrenzt werden.
    So wie sich das manche heutzutage vorstellen, nämlich dass die Kriegsführung einer zum Kriege gerechtfertigten Partei von einer Heerschar von Rechtspflegern begleitet wird, ist es nicht.
    Wenn es um das „Eingemachte“ geht, können viele sittliche Theoretisierungen diskontiert werden.
    MFG
    Dr. W

    • Also können wir tatsächlich Atombomben auf islamische Städte werfen und die afghanischen Kinder mit biologischen Waffen ausrotten? Wenn nicht, warum nicht?

      • Wie das mit Kollateralschäden ist, inwieweit man sie vermeiden kann oder nicht, darüber kann man ja reden. Aber man sollte schon erst einmal das Ziel haben, sie zu vermeiden. Und um das Ziel zu haben, muss man verstehen, wer für was in einem Krieg verantwortlich ist, wer ein legitimes Ziel ist, und wer nicht (und ggf. nur im Weg steht).

        • Dr. Webbaer sagt:

          Wie das mit Kollateralschäden ist, inwieweit man sie vermeiden kann oder nicht, darüber kann man ja reden. Aber man sollte schon erst einmal das Ziel haben, sie zu vermeiden.

          Dem schließt sich Ihr Kommentatorenfreund gerne an, aber das ‚erst einmal‘, dem er sich auch angeschlossen hat, steht einer umfassenden sittlichen Theoretisierung entgegen.

      • anti3anti sagt:

        Moralisch ja, politisch nein.

        • Die Unterscheidung hängt mit dem objektivistischen Moralverständnis zusammen. Demnach dient die Moral einer Person individuell selbst. Wenn also etwas politisch akzeptabel, aber moralisch falsch ist, so bedeutet das in der Regel, dass eine Person das politische Recht haben sollte, sich selbst zu schaden (z.B. Drogen zu nehmen), während individuelle Entscheidungen moralisch falsch sein können, weil sich die Menschen selbst damit schaden. Die Politik befasst sich mit dem Zusammenleben der Menschen, die Ethik mit dem Leben eines individuellen Menschen. Bei der Politik geht es also um unser Verhältnis zu anderen Menschen. Ein individueller Mensch sollte sich also selbst schaden dürfen (politisch), aber es wäre ein Fehler für ihn selbst, dies zu tun (Moral).

          In diesem Fall hängt die Unterscheidung mit dem Gewaltmonopol des Staates zusammen. Im Kontext eines liberalen Rechtsstaats werden Kriminelle vor Gericht gestellt und das Gericht sorgt dann mit seiner Entscheidung für Gerechtigkeit. Ein Bürger darf keine Selbstjustiz üben. Ein Polizist als Staatsdiener erst recht nicht und steht noch einmal deutlicher in der Pflicht, die Gesetze zu achten.

          Einen beim Anschlag aufgehaltenen Selbstmordattentäter zu foltern wäre außerhalb des Kontexts eines Rechtsstaates nicht unbedingt ethisch falsch. Da es den Rechtsstaat gibt, darf man ihn nicht foltern und muss ihn festnehmen.

  2. Falk sagt:

    „Was gerade als moralisch gilt“ in Deiner Umfrage war von mir.
    das war eine Art zynische Definition, weil Moral auch immer ein Kind ihrer Zeit ist.
    Ich musste bei dem Thema an die Katzenverbrennungen und öffentlichen Hinrichtungen im England des 17. Jh. denken.
    Das Buch von Stephen Pinker „Gewalt“ hat mich ziemlich beeinflusst. Ehre ist archaisch und gewaltfördernd.
    Auch die Gewalt gegen Zivilisten im 2. Weltkrieg war damals im Rahmen, heute unvorstellbar.
    Ich denke, je mehr Moral wir uns leisten können, desto moralischer handeln wir.
    Moral ist auch ein Kind des Fortschrittes.
    Je besser es uns geht, desto „moralischer“ können wir uns verhalten.

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