Verteidigung von Ayn Rand, Teil XY

Klaus Kastner hat eine aktuelle Kritik von Ayn Rand und ihrer Philosophie verfasst und mich gebeten, auf diese zu antworten. Dies möge nunmehr geschehen. Auf Zitate aus Herrn Kastners Kritik folgen meine Einwände und Erläuterungen.

Im Reich des Verstandes gibt es keine wirklichen, sondern bestenfalls wahrgenommene Widersprüche.

In der Realität gibt es keine Widersprüche. In den Köpfen der meisten Menschen gibt es unzählige Widersprüche. Die Vernunft dient dazu, die Realität zu erkennen.

Darüber hinaus ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Autorin auch die Frage, in wieweit sie selbst in ihrem persönlichen Leben nach der von ihr leidenschaftlich vertretenen Philosophie lebte, von überragender Bedeutung.

Die Glaubwürdigkeit von Ayn Rand ist für die objektivistische Philosophie von ebensolcher Bedeutung wie das persönliche Leben von Isaak Newton für die Gravitationstheorie.

Schon gar nicht bei einem Philosophen bzw. ‚Prediger‘ einer neuen Moralität. Dieser muss die von ihm selbst postulierten Maßstäbe einer neuen Moral beispielhaft vorleben.

Bestenfalls schon. Es wäre theoretisch trotzdem denkbar, dass ein Philosoph sich kein bisschen an seine eigene Philosophie hält, sein Leben lang nur das Gegenteil tut, und seine Philosophie könnte trotzdem vollkommen wahr sein. Denn die Philosophie macht, wie die Wissenschaft, überprüfbare Aussagen über die Realität.

Es ist eigentlich ganz einfach: Ist es eine Tugend, die unter normalen Umständen (wenn man nicht mit Gewalt bedroht wird, etc.) die Wahrheit zu sagen und also niemals zu lügen, um damit einen Vorteil zu erschleichen? Nun könnte ein Philosoph, der so etwas behauptet, die ganze Zeit nur gelogen haben. Ayn Rand hat dies behauptet und sie hat manchmal über sich selbst gelogen, was sie sich, wie in meinem biografischen Artikel über sie erläutert, im kommunistischen Russland aus Selbstschutz angeeignet hat. Ayn Rand hat sich also nicht in vollem Maße an die Tugend gehalten, die sie als rational begründete und anderen empfahl. Ist es darum nun richtig, zu lügen? Ist mit Ayn Rand nun auch die Tugend der Ehrlichkeit unglaubwürdig?

Offensichtlich nicht.

Er darf auch nicht auf einen Teil seines Lebens verzichten, um andere glücklich zu machen. Sich selbst glücklich zu machen, ist die größte Verantwortung des Menschen sich selbst gegenüber.

Die technisch richtige Formulierung lautet, dass man nicht einen höheren Wert einem niedrigeren Wert aufopfern sollte. Man darf also sehr wohl Verzicht üben, um andere glücklich zu machen – andere Menschen, die einen Wert für einen selbst haben. Zum Beispiel die eigenen Kinder, der Partner oder auch nur Freunde oder Kollegen. Das tut jeder Nicht-Psychopath ständig und mir bereitet es große Freude, dies zu tun.

Nicht Gefühle bestimmen zwischenmenschliche Beziehungen, sondern rationale Überzeugungen.

Das ist falsch. Ich habe die Rolle der Gefühle in meiner Einführungsvorlesung über den Objektivismus näher erläutert. Gefühle spielen eine wichtige Rolle im Objektivismus, sie sind lediglich keine Erkenntnisquellen. Man erkennt nicht dadurch, was 2 + 2 ist, indem man das Ergebnis wählt, das sich am besten anfühlt! Gefühle sind unbewusste Einschätzungen dessen, was die Werte des Menschen befördert und was sie bedroht. Die Quelle von Gefühlen ist entweder die rationale Integration von Erfahrungen (z.B. „Machos haben mich immer wieder betrogen und sich als unzuverlässig erwiesen, also werde ich nicht mehr mit Machos ausgehen“) oder sie werden durch Zufall erzeugt, wenn Menschen Ideen akzeptieren, die sie irgendwo hören („Der Macho da drüben ist echt scharf – vergiss deine schlechten Erfahrungen, du dummes Ding!“). Gefühle sollten also die rational ausgewerteten Erfahrungen – dazu werden auch wissenschaftliche Fakten gezählt – widerspiegeln, die man gemacht hat.

“I swear by my life and my love of it that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for the sake of mine.” Eine doppelte Verneinung als Basis des pursuit of happiness„Sag ‚nein‘ zum Leben“ statt „Sag ‚ja‘ zum Leben“?

Eine „doppelte Verneinung“ ist im Englischen ein Slangausdruck mit zwei Verneinungen nacheinander, z.B. „Don’t call me no nigger, man!“ Davon abgesehen kann man die Aussage (die Hauptaussage von Rands Der Streik) auch positiv formulieren: „Ich werde nur für mich selbst leben und ich werde auch andere nur für sich selbst leben lassen!“ Damit sagt man „ja“ zum Leben. Inhaltlich ist das dieselbe Aussage. Man kann in der Tat darüber streiten, welche Formulierung geeigneter ist, damit habe ich kein grundsätzliches Problem. Ob die Aussage selbst positiv oder negativ ist, unterscheidet sich jedoch davon, ob die Formulierung der Aussage positiv oder negativ ist.

Aus dem Buch muss man schließen, dass Verneinungen eher zu Selbstquälerei führen. Die Helden des Buches kämpfen über weite Strecken mit sich selbst. Sie quälen sich bei ihrem pursuit of happiness. In Wirklichkeit kommt happiness im Buch fast nie vor.

Das sehe ich anders. Hank Rearden und Dagny Taggard lieben grundsätzlich ihren Kampf – es ist ein Kampf für das Leben. Sie nutzen das volle Ausmaß ihrer Kräfte, um auf moralisch anständige Weise produktiv tätig zu sein. Was ihnen weniger gefällt, ist der Kampf gegen diejenigen, die sie mit Gewalt vom Leben abhalten wollen. Das muss einem auch nicht gefallen, aber der Kampf gegen die Feinde des Lebens (Nihilisten) gehört bis zu einem gewissen Grad zum Leben in unserer Welt dazu – aber viel weniger in der objektivistischen Gesellschaftsordnung. Die beiden Helden sind häufig sehr glücklich, auch bei ihrer Affäre.

Natürlich war ihr Nietzsche bestens bekannt, sonst hätte sie ihn nicht ablehnen können. Aber trotzdem war Ayn Rand von Nietzsche nicht beeinflusst?

Rand war von Nietzsche beeinflusst und sie sagte nicht die volle Wahrheit diesbezüglich. Sie hatte allerdings auch einen Grund, dies nicht zu sagen, der über Eitelkeit hinausgeht: Sie wollte nicht, dass die mystischen und biologistischen Aspekte von Nietzsches Philosophie (Mensch als triebgesteuertes Tier ohne Willensfreiheit) mit Rands eigener Philosophie (Mensch als heldenhafter, freier Kämpfer für seine Werte) verwechselt wird. Es war natürlich ein persönlicher Fehler von Rand, etwas anderes zu behaupten, wofür man sie – aber nicht ihre Philosophie, die eine solche Lüge nicht zulässt – auch verurteilen kann.

Wo genau unterscheidet sie sich da von Kant?

Kant war ein Nihilist. Er gebrauchte seinen Verstand, um die Macht des Verstandes, die Realität erkennen zu können, zu leugnen. Kant war laut dem Objektivismus einer der drei bedeutendsten Philosophen überhaupt (Plato, Aristoteles, Kant), denn Kant begründete eine völlig neue Art zu denken. Leonard Peikoff nannte sie „D“ wie „Desintegration“. Kant war der „Allzerstörer“, wie ihn der deutsche Aufklärer Moses Mendelssohn zu seinen Lebzeiten schon nannte. Für nähere Erklärungen, siehe: http://aynrandlexicon.com/lexicon/kant,_immanuel.html

Altruismus, des Mitgefühls für andere

„Altruismus“ bedeutet im Objektivismus – und laut der ursprünglichen Wortbedeutung – nicht „Mitgefühl für andere“, sondern „Selbstaufopferung“.

Wir wissen jedoch nicht, wie viel mehr [Steve Jobs] hätte geben können, wenn er ein anderer Menschentyp gewesen wäre.

Steve Jobs war ein irrationaler Mystiker und obwohl er selbst anderer Meinung war (er war ein Fan von Atlas Shrugged und meinte, er habe sich stets an Hank Rearden orientiert), hat seine Variante des Egoismus nicht viel mit der objektivistischen Variante zu tun. Im Gegenteil. In Ihrem Beispiel führen Sie, Herr Kastner, seinen Gerichtskampf an, damit Jobs keinen geringfügigen Unterhalt für eine uneheliche Tochter zahlen muss. Sie haben zuvor die Hauptaussage von Atlas zitiert, laut der man andere Menschen nicht ausbeuten soll. Wie passt das zusammen?

Leider erkennt Danneskjöld nicht, dass er selbst ein Robin Hood ist; nur eben im umgekehrten Sinn. Beide wollen Gerechtigkeit, aber Gerechtigkeit ist auch eine Frage der Wahrnehmung und des Standpunktes; sie kann nicht objektiv und rational bestimmt werden. Haben die Juden Jesus gekreuzigt oder hat Jesus seine Kreuzigung provoziert? Was ist die Wahrheit? Pontius Pilatus hat die richtige Antwort gegeben: Was ist schon Wahrheit?

Und da haben wir, mit Verlaub, den möglichen Grund für ihre ganze Kritik und den Grund für meine ungeduldige Reaktion darauf. Nur Nihilisten fragen so etwas wie: Was ist schon Wahrheit? Ich denke, Sie kritisieren Rand und ihre Philosophie, um wieder an das glauben zu können, woran sie wahrscheinlich zuvor schon geglaubt haben: An gar nichts. Und das respektiere ich überhaupt nicht.

Und ja, die Gerechtigkeit kann objektiv und rational bestimmt werden. Alles andere ist Willkür, Scheinprozess, Volkstribunal. Gerade darum geht es ja in der objektivistischen Ethik: Die Begründung objektiver Ethik.

Es sind nicht die „top 1%“, sondern vielmehr sind es die Mittelständler, die das Rückgrat vieler Volkswirtschaften ausmachen.

Das hat Ayn Rand auch so gesehen:

“A nation’s productive—and moral, and intellectual—top is the middle class. It is a broad reservoir of energy, it is a country’s motor and lifeblood, which feeds the rest. The common denominator of its members, on their various levels of ability, is: independence. The upper classes are merely a nation’s past; the middle class is its future.”

„Die wahre Elite einer Nation ist die Mittelschicht – sie ist die moralische, intellektuelle und produktive Elite. […] Die oberen Schichten sind nur die Vergangenheit einer Nation, die Mittelschicht ist ihre Zukunft.“ Deutlicher geht es nicht mehr. Also warum die Kritik an Rand? Weil Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, Herr Kastner, und trotzdem meinten, Rand auseinandernehmen zu müssen. Bestenfalls. D’Anconia wird vom heldenhaften Rearden gehasst, bevor Rearden erfährt, dass D’Anconia tatsächlich doch kein nutzloser Playboy ist.

O’Connor’s wiederholt geäußerte Sehnsucht, für den Rest seines Lebens auf die kalifornische Ranch zurückzukehren, wurde von Ayn Rand mit den Worten “He loves New York. He hated California“ abgetan.

Ayn Rand hat sich das tatsächlich eingeredet. Es stimmt, dass O’Connor seine Farm liebte und lieber dort geblieben wäre. Aus Liebe zu Rand, und weil er ihre Potenzial und ihre Bedeutung erkannte, ist er trotzdem nach New York mitgekommen und hat seinen geringeren Wert einem höheren Wert geopfert – was zwar tragisch, aber auch in Ordnung ist.

Eher ein Mensch, der unruhig mit sich selbst kämpft und Schwierigkeiten hat, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen.

Rand hatte keineswegs Schwierigkeiten, ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen. Im Gegenteil war ihr scharfer, durchdringender Blick legendär. Sie war lediglich nervös, weil sie im Fernsehen war. Wer schon einmal vor der Kamera stand, weiß, warum (wobei man es sich abgewöhnen kann, inzwischen komme ich recht gut damit zurecht).

Eine Frau, die in Atlas Shrugged seitenlang (und vollkommen unnötigerweise) über die weibliche sexuelle Erfüllung referierte und bei deren Beobachtung man durchaus zweifeln konnte, ob sie eine solche Erfüllung schon einmal erlebt hat.

Rand hat selbst gesagt, dass die Sexszenen in ihren Büchern Wunschträume von ihr sind (aber natürlich nicht nur, sondern auch Bestandteil ihrer Philosophie. Romantische Literatur ist eine Idealisierung des Lebens). Ich sehe nichts Unnötiges an ihren Ausführungen. Sie war sexuell mit Frank nicht zufrieden, weil er nie initiativ Sex mit ihr wollte. Unter anderem darum auch die Affäre mit Nathaniel. (Warum weiß ich sowas eigentlich, obwohl es mich gar nicht interessiert? Nur um die unendlichen Ad Hominems gegen Rand abzuwehren, die leider mit ihrer eigentlich interessanten Philosophie assoziiert werden!).

Branden teilte ihr – durchaus rational – mit, dass der Altersunterschied ein romantisches Verhältnis mit ihr nicht mehr ermöglichte und dass er schon seit langem ein Verhältnis mit einer jungen Studentin hatte.

Von wegen! Rand hatte Branden mehrmals explizit gefragt, ob ihn der Altersunterschied stört. Vielleicht hätte sie das durchaus akzeptiert. Aber Branden hatte es stets geleugnet, bis zum Ende. Er hatte nämlich Angst, sein Nathaniel Branden Institute zu verlieren. Übrigens war es auch dann gar nicht der wahre Grund. Der wahre Grund war, dass Branden die objektivistische Ethik persönlich gar nicht teilte und also aus guten Gründen annehmen konnte, seine Macht, die ihm so viel bedeutete, zu verlieren. Dazu kam Rands einschüchternder Charakter – sie verurteilte nämlich gerne Menschen, die es verdienten. Und man hat ungerne mit jemandem Sex, vor dem man sich fürchtet.

Ayn Rand, die leidenschaftliche Gegnerin von staatlichen Sozialtransfers jeglicher Art, registrierte sich bei der staatlichen Medicare und Social Security, deren Leistungen sie in Anspruch nahm.

Ayn Rand war auch zuvor schon offiziell und öffentlich der Meinung, dass man alle Leistungen nutzen sollte, die man vom Staat erhalten kann – schließlich zahlt man ein Leben lang Steuern. Was Rand auch nicht zu knapp getan hat. Noch immer müssen die Verlage für ihre millionenfach verkauften Bücher Steuern abführen.

Das Buch ist wesentlich zu lang für eine Version des ‘Marxismus der Rechten’. Marx & Engels benötigten nur einen Bruchteil der Seiten, um ihr Kommunistisches Manifest darzustellen.

Ayn Rand wollte auch keine Arbeiter und Bauern aufhetzen, ihre Arbeitgeber zu ermorden. Sie wollte eine rationale Philosophie anschaulich machen.

John Galt brauchte 3 Stunden, um in seiner Rede seine Überzeugungen darzulegen und man darf zweifeln, ob die Zuhörer am Ende seine Rede wirklich verstanden haben. Ob sie darin etwas Positives erkannten oder das Gegenteil. Mit Sicherheit haben alle Angst verspürt. Es war eine Rede, die an Big Brother von George Orwell erinnert.

John Galts Ansprache erinnert mich kein bisschen an Big Brothers Rede. Sie dürfte nur diejenigen Menschen daran erinnert haben, die Galts Verurteilung verdienen.

Im Gegenteil, die Geldtheoretiker von heute, die mächtigen Notenbanker, sind den gutmeinenden Umverteilern von Atlas Shrugged, Wesley Mouch, Dr. Ferris & Co., nicht unähnlich. Sie bestimmen über gigantische Vermögenstransfers von reich zu arm; von Sparern zu Schuldnern. Darauf ist Francisco d’Anconia in seiner Geldromantik nicht eingegangen.

Ihnen muss doch klar sein, dann sich Ayn Rands Philosophie auch gegen die staatlichen (!) Notenbanken richtet. Wie es ist möglich, dass Ihnen das nicht klar ist? Selbst, wenn man es nicht explizit recherchiert, drängt sich der Gedanke doch stark auf.

Gleichzeitig gibt es kein menschliches Individuum, das – wenn ganz alleine auf sich gestellt – in der Welt überleben könnte. Zumindest nach der Geburt braucht es die Unterstützung (den Altruismus) einer Mutter.

Das ist kein Altruismus. Die Mutter setzt sich für ihre höchsten Werte ein, die sie frei gewählt hat (ihre Kinder). Das ist ein großer Aufwand. Aber es ist kein Opfer im objektivistischen Sinne.

Soziologisches Verhalten ist ein Produkt der Evolution, und die Wechselwirkungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sind wohl untersucht.

Na dann. Dann verhalte ich mich einfach automatisch richtig, im Sinne der Evolution, und brauche keinen Verstand und keine Philosophie mehr.

Wer die Debatte Individualismus vs. Kollektivismus führen möchte, ist besser beraten, die „Constitution of Liberty“ oder „The road to serfdom“ zu lesen

The Road to Serfdom ist ein inhaltlich zu inkonsequentes und willkürliches, formell ziemlich schlechtes, konfuses Werk. Hayek war Rand stilistisch und intellektuell weit unterlegen. Hayek gab sogar zu, Galts Rede überhaupt nicht verstanden zu haben. Also wirklich: Rand und Hayek beide zu kennen und sich für Hayek zu entscheiden, das will gar nicht in meinen Kopf! Aber es ist vermutlich ohnehin nicht ernstgemeint, sondern ein typischer Ausdruck der üblichen Rand-Kritik, die Ayn Rand als „ernsthaften Denkern“ unterlegen darstellt, über die unsere Elite nur bei einem Glas Champagner lachen kann, anstatt daran zu ersticken.

Ayn Rand behauptet, dass der Mensch rational ist und dass alle jene, die nicht rational sein können, es nicht verdienen, Mensch zu sein.

Unsinn. Wer nicht rational ist, sollte die Folgen seiner Handlungen tragen – wie auch Menschen, die rational sind. Mehr nicht.

Natürlich gibt es viele Menschen, die aufgrund ihres Intellektes, ihrer Begabung, ihrer Prägung, etc. in der Lage sind, rational zu denken und ihr Leben auf rein rationalen Prämissen aufzubauen.

Wie zum Beispiel alle Menschen.

Wäre der Mensch ein rationales Wesen, dann gäbe es keine Religionen.

Dass der Mensch rational ist, bedeutet, dass er zu logischem, konzeptuellen Denken fähig ist und dass er auf diese Weise erfolgreich lebt. Es bedeutet nicht, dass jeder Mensch immer rational denkt.

Wer diese Toleranz nicht hat, muss in Kauf nehmen, einmal so verzweifelt zu enden wie Friedrich Nietzsche oder — Ayn Rand

Friedrich Nietzsche endete nicht verzweifelt, sondern geisteskrank, in Folge von Syphilis. Ayn Rand war am Ende ihres Lebens nicht mehr so gut gelaunt, weil ihr Mann vor ihr gestorben war, was sie schwer mitgenommen hat.

Es ist nicht vermeidbar, dass eine Philosophie, die nur auf das ‚Selbst‘ unter Ausschluss des ‚Anderen‘ abstellt, ihre Anhänger in Isolation und Einsamkeit enden lässt.

Schön – und was hat das mit dem Objektivismus zu tun?

Abschließend eine Ayn-Rand-Einschätzung von Barack Obama, die ich für sehr treffend halte

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, Sie haben wirklich Ayn Rands Philosophie gründlich missverstanden und haben nur ein oberflächliches Wissen darüber. Oder Sie wissen ganz genau, was sie da tun.

3 Kommentare zu “Verteidigung von Ayn Rand, Teil XY

  1. Martin sagt:

    Naja… „Die Glaubwürdigkeit von Ayn Rand ist für die objektivistische Philosophie von ebensolcher Bedeutung wie das persönliche Leben von Isaak Newton für die Gravitationstheorie.“

    wäre Newton eines Tages einfach aus der Umlaufbahn geflogen, hätte man die Gravitationstheorie sicher überdenken müssen 😉

    • sba sagt:

      Sicher, aber das selbe gilt, wenn statt Hernn Newton John Smith aus Houston, Texas das selbe passiert wäre. Prinzipien sind von Personen unabhängig.

  2. Klaus Kastner sagt:

    Sehr geehrter Herr Müller,

    vielen Dank für die ausführlichen Erläuterungen. Zu Ihrem letzten Punkt zuerst: ich habe nur ein sehr, sehr oberflächliches Wissen über Ayn Rand’s Philosophie. Ich hatte es geschafft, meine ersten 6 Lebensjahrzehnte zu durchlaufen, ohne je auf Ayn Rand gestoßen zu sein. Nicht einmal während meiner 23 Jahre mit Amerikanern; nicht einmal während meines Studiums in den USA. Ich glaube, es war der Vize-Präsidentschaftkandidat Paul Ryan, durch den ich erstmalig auf Ayn Rand aufmerksam wurde. Damals hatte ich einen vernichtend abfälligen Blogpost von Paul Krugman über Ayn Rand gelesen. Von daher hatte Ayn Rand einen gewissen Startvorteil bei mir, weil niemand so schlecht sein kann, wie Krugman ihn manchmal macht. Ich machte etwas Recherche, hörte aber bald wieder damit auf, weil ich sehr viel Fanatismus auf der Seite der Ayn-Rand-Anhänger verspürte; vor allem „Fanatismus der Bekehrten“.

    Es war erst kürzlich, dass mich ein jahrzehntelanger Freund, der mit meiner TINSTAAFL-Überzeugung bestens vertraut ist („there is no such thing as a free lunch“), um meine Meinung zu Atlas Shrugged ersuchte. Er hatte das Buch in seiner Studentenzeit ‚verschlungen‘ und vor 20 Jahren noch einmal. Jetzt, im Alter von 75 Jahren, wollte er das Buch noch einmal lesen, um das ‚Parasitentum der heutigen Gutmenschen‘ besser verkraften zu können. Ich rang mich also durch, die knapp 1.200 Seiten zu lesen und gab meinem Freund meine Meinung. Seine Reaktion auf meinen Essay war: „Ohne die Person Ayn Rand, ihre Rationalität oder Moralität zu betrachten, habe ich die Story verschlungen, so wie ganz früher die Karl May Schinken. Ich neige halt dazu, mehr zu konsumieren als zu reflektieren. Ich war hingerissen – und bin es noch immer – von der Vorstellung: die ‚Wertschöpfer‘ streiken und die ‚Sozialschmarotzer‘ sollen sehen, wie sie zurechtkommen“. Auch ich hatte mich vor fast 60 Jahren für Kara ben Nemsi, Old Shatterhand und Winnetou begeistert, ohne darüber darüber zu reflektieren, ob es solche Lichtgestalten in der Wirklichkeit gibt. Deswegen habe ich in meinem Essay gesagt, dass ich Atlas Shrugged als ‚einen aufwühlenden, wenn nicht sogar aufputschenden und packenden Roman‘ empfunden habe. Vor allem hat mich fasziniert, welche Argumente Ayn Rand Rearden & Co. bei deren Dialogen mit den Gutmenschen in den Mund gelegt hatte.

    Ich hielte es für besser, wenn man die Person Ayn Rand vom Buch Atlas Shrugged trennen könnte (was man nicht tun kann). Hätte Ayn Rand sich nach der Buchveröffentlichung in die Anonymität zurückgezogen, hätte das Buch m. E. eine andere, positivere Wirkung gehabt. Ihr anschließender Kreuzzug für ihre neue Philosophie und Moralität hat jedoch dazu geführt, dass sich kaum eine Kritik auf die Handlung des Buches bezieht, sondern fast nur auf die Philosophie (und die teilweise extremen Äußerungen) von Ayn Rand und auf ihre kontroversielle Persönlichkeit.

    Sie haben die von mir zitierte „doppelte Verneinung“ ins Positive umformuliert und sagen, dass die Aussage inhaltlich trotzdem die gleiche ist. Das ist für mich ein ganz großer Knackpunkt in der ganzen Thematik. Wenn ich etwas positiv formulieren kann, warum in aller Welt würde ich es negativ formulieren? Was ist es in meiner Psyche, das mich buchstäblich blockiert, die positive Version meiner Überzeugungen der negativen vorzuziehen? Welche Version würden Sie bei Ihren Kindern bevorzugen, wenn Sie sie in die Ayn-Rand-Philosophie einführen werden? Dieser Negativismus zieht sich durch alles, was ich bisher von und über Ayn Rand gelesen habe. Ein Kritiker zählte z. B., wie oft das Wort „contempt“ im Buch The Fountainhead vorkam. Ein anderer hatte das Gefühl, dass er beim Lesen von Atlas Shrugged auf jeder Seite den Ruf verspürte „To a gas chamber – go!“ Das sind doch nicht pure Einbildungen! Ich selbst habe beim Lesen von Atlas Shrugged ähnliche Wahrnehmungen gehabt. Was ist das für eine verletzte – vielleicht geniale -, aber dennoch kranke Seele, die so schreibt?

    Ich habe Ayn Rand’s „Kündigungsbrief“ an Nathaniel Braden gelesen. Eher eine Dissertation, als ein Brief. Durch das ganze Schreiben zieht sich ein einziger Faden — nicht das, was sie schreibt, ist das worum es in Wirklichkeit geht, sondern das, was sie mit keinem einzigen Wort erwähnt — nämlich: ihre persönliche Verletzung über die Art und Weise, wie Branden die Beziehung beendet hatte. Hätte sie doch einfach geschrieben „Ich habe kein Problem damit, dass ich für Dich zu alt bin, aber dass Du mich belogen hast, finde ich niederträchtig!“ Man hätte daraus entnommen, dass sie ein Mensch ist. Stattdessen versucht sie, mit genialen Argumenten zu zeigen, dass sie sich nicht als Mensch mit menschlichen Schwächen fühlt. Als Peter Keating einmal ein ähnlicher Faux-pas gegenüber Howard Roark im Buch The Fountainhead passiert, läßt Ayn Rand Howard Roark ganz ruhig fragen: „Peter, warum entblößt Du Dich so sehr vor mir?“ Diese Frage hat sie sich offenbar beim „Kündigungsbrief“ selbst nicht gestellt.

    Ich fühle mich geschmeichtelt, dass ich mit der Wahl von Steve Jobs offenbar nicht ganz falsch gelegen bin. Ich wußte nicht, dass Jobs von Atlas Shrugged begeistert und dass Hank Rearden für ihn ein Vorbild war. Ich musste jedoch bei Hank Rearden oft an Steve Jobs denken. Ob jetzt Jobs ein Objektivist oder ein irrationaler Mystiker war, ist mir vollkommen gleichgültig, weil mir die Kompetenz fehlt, dies zu beurteilen.

    Und damit bin ich beim Punkt der Kompetenz, auf den unsere differenzierten Meinungen m. E. zurückgehen. Sie verfügen ganz offensichtlich über erhebliche Kompetenz auf dem Gebiet der Philosophie; ich nicht. Wenn Sie mich korrigieren, dass es nicht um „das Reich des Verstandes“ geht, sondern um die „Realität“, dann muss ich erst einmal in mich gehen, um herauszufinden, welches Verbrechen ich denn mit meiner Formulierung begangen habe. Am Ende komme ich zum Schluß, dass ich eh die Realität gemeint habe, von der Sie spechen, es nur nicht so kompetent formulieren konnte und dann fällt mir eben nicht mehr ein, als „sorry“ zu sagen.

    Um den Objektivismus als Philosophie zu diskutieren, bin ich sicherlich nicht kompetent. Deswegen kann ich auf dieser Ebene auch nicht mit Ihnen diskutieren. Meine Ebene ist die pragmatische und praktische: ich lese ein Buch und mache mir Gedanken über den Inhalt; ich recherchiere eine Person und mache mir Gedanken über das Recherchierte. Und wo ich auf Fragen und/oder wahrgenommene Widersprüche stoße, bringe ich sie so zum Ausdruck, wie ich sie wahrnehme und nicht unbedingt so, wie andere es von mir erwarten könnten. Wenn sich dann daraus eine Diskussion ergibt, wunderbar. Man lernt immer dazu.

    Wenn Sie mich trotzdem einordnen wollen, dann sage ich Ihnen, dass ich ein unverbesserlicher Verfechter des TINSTAAFL-Konzeptes bin (falls es Sie interessiert, hier ist ein diesbezüglicher 10-teiliger Essay, den ich vor fast 20 Jahren veröffentlich hatte: http://tinstaafl-kleingut.blogspot.co.at/2011/07/prologue.html). Wer wirklich am Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft interessiert ist, sollte den Menschen nicht einreden, dass es Gratismittagessen gäbe. Stattdessen sollte man die Menschen aufklären, dass vermeintliche Gratismittagessen zur Abhängigkeit von jenen führen, die die Mittagessen verteilen. Wenn Sie mir jetzt sagen, dass genau das auch der Gedanke des Objetivismus ist, soll mir das recht sein. Wenn Sie mir sagen, dass es genau das Gegenteil des Objektivismus ist, ist mir das auch recht.

    Ich erfahre jetzt durch Sie, dass ich ein Nihilist bin. Überrascht mich doch sehr, weil ich Nihilismus immer mit „verneinen“ verbunden habe und ich war in meinem Essay doch sehr deutlich, dass ich „verneinen“, „negativ denken und formulieren“, etc. überhaupt nicht zu jenen Faktoren zähle, die den pursuit of happiness einfacher machen. Im Gegenteil, einer der wichtigsten Werte, die ich aus meiner Zeit in Amerika und mit Amerikanern mitgenommen habe, ist die Selbstverantwortung, positiv zu denken und positiv zu formulieren. Diesen Wert scheint Any Rand nicht aufgenommen zu haben.

    Zu guter Letzt wiederhole ich noch mal meine Frage aus dem Essay: haben die Juden Jesus hingerichtet oder hat Jesus seine Hinrichtung provoziert, um die Schriften der Propheten zu erfüllen? Was ist jetzt wirklich die Wahrheit?

    Grüße aus Griechenland, wo die Fähigkeit des rationalen Denkens nicht ganz so ausgeprägt ist wie bei Ayn Rand…

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