Missverständnisse über Libertäre

Häufige Missverständnisse über libertäre Ideen werde ich hier kurz kontern:

1. Libertäre stehen auf der Seite von Großunternehmern

In der gesamten liberalen und libertären Literatur ist mir kein Autor begegnet, der sich spezifisch für die Interessen von Großunternehmern ausspricht oder der die Interessen von Großunternehmern – oder von der Mittelschicht – gegen eine andere gesellschaftliche Schicht ausspielt. Liberale Theoretiker sind für die individuelle Freiheit jedes einzelnen Bürgers. Ihre Ideologie sieht die Klassengesellschaft als im Kapitalismus überwunden an. Es gibt keine Klassen mehr im marxistischen Sinne – oder jedenfalls nicht in einer freien Marktwirtschaft – sondern es gibt nur individuelle Menschen. Die mögen viel oder wenig verdienen, aber das hat nichts mit ihrer Klasse oder einer anderen Klasse zu tun, sondern mit ihren eigenen Entscheidungen im Leben. (In einer Mischwirtschaft wie unserer ist das nicht ganz zutreffend. Hier ist es durchaus möglich, dass ein Mensch arbeiten will, aber es nicht kann, weil der Staat Arbeitsplätze zerstört hat. Nicht nur gering bezahlte Arbeitsplätze, sondern alle Arbeitsplätze werden überall durch staatliches Handeln reduziert. Je mehr Abgaben Porsche zahlen muss, desto weniger Porsche-Manager gibt es in Deutschland).

2. Libertäre wollen nur keine Steuern zahlen

Würden Liberale nur keine Steuern zahlen wollen, dann würden sie sich Argumente überlegen, warum sie speziell oder ihre Schicht keine Steuern zahlen sollte. Sie wollen aber generell die Steuern für alle Bürger gleichermaßen senken, sodass am Ende lediglich genug zur Finanzierung des Minimalstaats übrig bleibt. Als faire Steuer betrachten sie häufig vor allem die Mehrwertsteuer.

Außerdem lehnen sie nicht nur Steuern für Staatsaufgaben ab, die sie nicht als legitime Staatsaufgaben ansehen, sondern sie lehnen auch alle staatlichen Subventionen ab.

Einiges von dem, was der Staat jetzt finanziert, würde privat finanziert werden.

3. Libertäre sind gegen die Armen

Der Staat ist gegen die Armen. Durch die hohen Abgaben können die Menschen nur noch schwer für ihre eigene soziale Absicherung sorgen, während sich die staatlichen Sozialsysteme selbst demolieren. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft führen außerdem zu Arbeitslosigkeit. Würde niemand für die Bedürftigen sorgen in der Abwesenheit eines Sozialstaats? Wer anderen Menschen das nicht zutraut, hat eigentlich keinen Grund, ihnen irgendetwas zuzutrauen. Wie unsere Gesellschaft heute aufgelegt ist, würden die Menschen es heute vielleicht wirklich nicht tun – sie sind schließlich daran gewöhnt, dass der Staat das erledigt. Dann sollen sie sich daran gewöhnen. Die Menschen sollen sozial sein, nicht der Staat.

4. Die libertäre Gesellschaft ist nur was für Superhelden

Unsere Demokratie und Mischwirtschaft ist nur etwas für Superhelden. Um eine informierte Entscheidung über alle Inhalte und Kandidaten in der Politik treffen zu können, müssten wir uns tagein, tagaus nur noch mit Politik beschäftigen. Der Libertarismus verlangt von den Menschen lediglich, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern. Von den demokratischen Befugnissen der Mehrheit bleibt nur noch die indirekte Sorge für die innere und äußere Sicherheit des Landes sowie die Formulierung und Einhaltung von Gesetzen zum Schutz individueller Rechte übrig (also die Wahl von Repräsentanten, die diese Aufgaben erfüllen) – weil das die einzigen verbliebenen Staatsaufgaben wären. Die Befugnisse des Staates würden in der Staatsverfassung enger definiert werden als heute.

5. Libertäre sind rechts

Rechte wollen in das Privatleben der Bürger eingreifen. Libertäre wollen das nicht. Libertäre sind nicht rechts.

6. Die Tea Party ist rechtsextrem

Deine Mutter ist rechtsextrem.

7. In unserem kapitalistischen Staat beuten die Banker die Leute aus, Unternehmer holen sich politische Vorteile, etc.

Wir leben nicht in einem kapitalistischen Staat. Es gibt auf dem gesamten Erdball keinen kapitalistischen Staat. Wir leben in einer Mischwirtschaft, wie auch die USA und sogar freiere Nationen wie Australien und Neuseeland. Banker haben während der Finanzkrise auf falsche staatliche Anreize reagiert. Unternehmer können sich nur politische Vorteile holen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Im Kapitalismus können Politiker keine Subventionen verteilen oder Gesetze verabschieden, die nur spezifische Wirtschaftssektoren begünstigen.

8. Die Finanzwirtschaft ist keine richtige Wirtschaft („Realwirtschaft“)

Die Finanzwirtschaft stellt große Mengen an Kapital bereit. Unternehmen nutzen es zur Investition. An sich gibt es dagegen nichts zu sagen. Man müsste nur dafür sorgen, dass jeder Anleger selbst unter schlechten Investitionen leidet – und kein anderer.

9. Durch die Inflation nutzt Sparen nicht mehr viel. Ohne Ersparnisse kann man nicht investieren oder ein Unternehmen gründen

Bedanken Sie sich bei John Maynard Keynes. Die Inflation ist das Werk des Staates. Der Gedanke lautet, dass die Menschen konsumieren und nicht sparen sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Angeblich würden wir unser Geld sonst nur unters Kissen legen. Damit wir das nicht tun, wird es entwertet. Dann müssen wir es möglichst schnell ausgeben.

10. Kein Mensch ist heute noch für Laissez-Faire-Kapitalismus

Das bloße Verstreichen von Zeit macht die Menschen leider nicht intelligenter.

Ein Kommentar zu “Missverständnisse über Libertäre

  1. Amduscias sagt:

    Neuerdings sehen sich auch die Grünen nicht mehr nur als liberale, sondern schon als libertäre Partei…

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/oeko-partei-umwirbt-fdp-waehler-fuehrende-gruene-wir-sollten-die-liberale-partei-sein-12978224.html

    Da hat in der Schule wieder jemand nicht aufgepasst.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.