Die Kirche gegen sich selbst: Abtreibung

Die Katholische Kirche war nicht immer der Meinung, dass Abtreibung Mord ist – vor allem nicht bei Embryos und Föten in den ersten Wochen. Die Idee, dass das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt, hat sich erst in der Moderne durchgesetzt.

Anselm von Canterbury (1033-1109): „Kein menschlicher Intellekt akzeptiert die Auffassung, dass ein Kind schon ab der Geburt die rationale Seele besitzt.“

Verfügt die Kirche inzwischen nicht mehr über einen „menschlichen Intellekt“?

Katholisches Kanonisches Recht, Decretum Gratiani, 12. Jahrhundert: „Wer abtreibt, bevor die Seele im Körper sitzt, ist kein Mörder.“

Hat Gott inzwischen seine Meinung geändert?

Thomas von Aquin, Papst Innozenz III. und Papst Gregor XIV. glaubten, dass ein Fötus keine Seele hat, bis der Fötus anfängt zu treten und sich zu bewegen – darum sei Frühabtreibung kein Mord, nur die Spätabtreibung.

Vielleicht sind die beiden Päpste an der Stelle durch einen Tunnel gefahren und die Verbindung zu Gott brach ab.

Im Übrigen: Mein Artikel Abtreibung ist ein Recht wurde leider von einigen missverstanden. Ich denke schon, das es ein Recht auf Abtreibung gibt, aber gemeint ist die Frühabtreibung von Embryos und Föten in den ersten Wochen. Die Spätabtreibung kann gesetzlichen Einschränkungen unterworfen werden (z.B. legal bei Gefährdung des Lebens der Mutter). Ein Kind hat zwar keine Rechte bis zur Geburt, aber man kann trotzdem für einen gewissen gesetzlichen Schutz von Föten argumentieren. (M.E. allerdings nicht von Tieren, aber das ist ein anderes Thema).

7 Kommentare zu “Die Kirche gegen sich selbst: Abtreibung

  1. Andreas D. sagt:

    Man könnte allerdings auch dafür argumentieren, dass ein Mensch die mit seinem Handeln verbundenen Konsequenzen tragen soll, also dass er die Verantwortung für die Folgen seines Tuns übernimmt, für das er sich frei entschieden hat. Und wenn die Folge dieses Tuns eine Schwangerschaft ist sowie die spätere Sorge um den Nachwuchs, dann wäre dafür auch die Verantwortung zu tragen. Bei der heute überall und jederzeit zugänglichen Vielfalt an Verhütungsmitteln sollte man sich dann nur noch im Falle einer Vergewaltigung der Schwangerschaft entziehen dürfen. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Sex und Empfängnis sollte heute auch jedem bekannt sein. (Bei Gefährdung des Lebes der Mutter muss man natürlich auf die Klärung der Frage zurückgreifen, wessen Leben mehr wert ist: das des Ungeborenen oder das der Mutter.)

    • Wieso? Auch bei der gewissenhaften Anwendung von Verhütungsmitteln gibt es eine Restwahrscheinlichkeit, dass man schwanger wird. Dafür sollte man eine Frau nicht verurteilen. Und man hat auch nicht das Recht, andere Menschen zur Schwangerschaft zu zwingen. Embryos und junge Föten haben keinen Anspruch darauf, am Leben gelassen zu werden, so wenig wie die Hautschuppen, die uns täglich vom Körper fallen. Die Leute sollen sich am Sex erfreuen können und keine 0,1 gegen 0,2 Prozent Restrisiko bei Verhütungsmethoden abwägen müssen.

      • Andreas D. sagt:

        Nein, ich rede natürlich nicht von Zwang. Auch nicht von Verboten. Und das Restrisiko ist auch klar. Geschenkt.

        Ich meine etwas anderes, nämlich dass die Möglichkeit der Auslöschung von Konzequenzen zu Verantwortungslosigkeit führt. Letztendlich ist alles egal: Mit wem man sich einlässt, was man tut, was man lässt. Es hat keine Konsequenzen mehr. Was mal eine zentrale existenzielle Entscheidung war, nämlich Leben in die Welt zu setzen, verkommt zu einer Fußnote am Arsch des Hedonismus.

  2. anti3anti sagt:

    Gott hat seine Meinung nicht geändert. Der Mensch hat sie nicht verstanden.

  3. Dr. Webbaer sagt:

    Ein Kind hat zwar keine Rechte bis zur Geburt, aber man kann trotzdem für einen gewissen gesetzlichen Schutz von Föten argumentieren.

    Rechte werden im Rahmen eines anthropozentrischen Weltbilds allgemein Lebewesen zugesprochen, die sich artikulieren können. Insofern scheint es der hier zitierten Argumentation entsprechend bis zu diesem Zeitpunkt angewiesen töten zu dürfen.
    MFG
    Dr. W

  4. Dr. Webbaer sagt:

    Ein Kind hat zwar keine Rechte bis zur Geburt, aber man kann trotzdem für einen gewissen gesetzlichen Schutz von Föten argumentieren.

    Rechte werden im Rahmen eines anthropozentrischen Weltbilds allgemein Lebewesen zugesprochen, die sich artikulieren können. Insofern scheint es der hier zitierten Argumentation entsprechend bis zu diesem Zeitpunkt angewiesen töten zu dürfen.
    MFG
    Dr. W

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