Die Magie des Handels

Ich studiere gerade Microeconomic Principles an der Universität von Illinois – ein Online-Seminar über Ökonomie, das die Universität aus Werbezwecken gratis anbietet und bei dem auch Prüfungen ablegen und sich Zertifikate besorgen kann. Durch die Ausführungen des Professors ist mir richtig klar geworden, dass Handel Werte erzeugt!

Die Idee klingt irgendwie verrückt. Eigentlich sollte nur Produktivität Werte erzeugen. Wenn man ein Produkt herstellt, das zuvor nicht da war, dann erschafft man einen Wert. Aber auch Tauschgeschäfte erzeugen Werte – keine materiellen Werte, aber in Geld berechenbare, echte Werte!

Ich habe mir diese Illustration dazu überlegt:

Ein Bäcker hat eine ganze Menge Brötchen, die er nicht alle braucht. Ihr möchtet zum Frühstück gerne Brötchen haben, ihr habt aber keine davon. Ihr stellt vielmehr Papier her in eurer Papierfabrik und habt eine ganze Menge Papier, das ihr nicht alles braucht.

Über den Tauschwert Geld tauscht ihr beide etwas, das euch weniger wert ist, für etwas ein, das euch mehr wert ist. Den monetären Gegenwert eures Papiers tauscht ihr mit dem Bäcker gegen ein Brötchen und der Bäcker erhält Geld dafür, das ihm mehr wert ist als das Brötchen.

Auf einmal ist mehr Gesamtwert da als zuvor – durch ein bloßes Tauschgeschäft! Ihr habt eure Brötchen, der Bäcker hat den Gegenwert von dem Papier, das ihr nicht braucht. Indem ihr lediglich Morgens beim Bäcker ein Brötchen kauft, ist mehr Wert da als zuvor. Eine Wirtschaft wächst also nicht nur durch Produktivität, sondern auch durch Handel.

Voll irre! Es ist fast so, als würde man Werte in die Realität hinein zaubern. Vielleicht finde ich das auch nur so erstaunlich, weil ich vorher jahrelang Materialist war. Und aus materialistischer Sicht ergibt das mal überhaupt keinen Sinn. An den realen Dingen, die existieren, ändert sich ja nichts. Sie wechseln nur den Besitzer. Wie Ayn Rand sagte, haben die Dinge immer einen Wert für jemanden. Und manche Dinge, die du herstellst, haben für andere Menschen einen höheren Wert als für dich.

Ich wusste das zwar bereits als Tatsache zuvor, aber so richtig bildlich vorstellen und verstehen konnte ich es bislang nicht. Kommt davon, wenn man sich jahrelang in die Idee hineinsteigert, dass es eigentlich nur subatomare Partikel auf der Welt gibt.

12 Kommentare zu “Die Magie des Handels

  1. „Ihr habt eure Brötchen, der Bäcker hat den Gegenwert von dem Papier, das ihr nicht braucht. Indem ihr lediglich Morgens beim Bäcker ein Brötchen kauft, ist mehr Wert da als zuvor.“

    Das erscheint mir nicht schlüssig. Voraussetzung ist ja, dass das Papier zuvor verkauft wurde, und der Käufer des Papiers muss in die Rechnung einbezogen werden. Die drei Werte Brötchen, Papier und Geld waren vor dem Handel genauso existent wie danach.

    • Ja, aber der Wert ist höher. Dir ist das Brötchen mehr wert, dem Bäcker das Geld. Leute bekommen das, was ihnen mehr wert ist als das, was sie haben. Also höherer Gesamtwert.

      • sba sagt:

        Ja, weil, solange und wenn der Gebrauchswert (den der Käufer zahlt) über dem Produktionswert (den der Produzent in die Produktion eingebracht hat) liegt. Keine Ahnung, ob die Fassung in diesen Worten auch nur halbwegs kanonisch ist, aber ohne eine Differenz dieser Werte (die jeweils der selben Sache zukommen, pro Person aber vom Standpunkt als Produzent oder Konsument abhängen) wäre profitabler Handel für niemanden möglich.

        Meine Anfrage wäre jetzt, ob man mit dem Vollzug des Tausches wirklich mehr Wert in die Welt setzt, oder nicht vielmehr bloß den latenten Unterschied manifestiert – denn damit, dass es einen solchen Unterschied (schon vor dem Tausch) gibt, muss man als Produzent ja rechnen, wenn man auf Gewinn aus ist. Oder seh ich da was falsch?

        • Dr. Webbaer sagt:

          Der Mehrwert entsteht erst beim Tausch (sofern keine Eigenverwendung stattfindet).

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Konnte ich mir schon immer vorstellen, bin aber auch vom Fach, von einem Fach, in dem fast mehr getauscht als produziert wird, zynisch formuliert.

    Es ist übrigens auch möglich durch die Produktion keine Werte zu generieren, nämlich wenn niemand die „Brötchen“ haben will, nicht einmal der Produzent.

    MFG
    Dr. W (Idealist btw)

    • Dr. Webbaer sagt:

      PS: Eine interessante Frage ist auch, ob es OK ist den Mehrwert steuerlich abzuschöpfen und dessen Generierung so zu behindern. Vor einigen Jahren war ich mal in Delaware (USA) und dort war man seinerzeit stolz darauf dies nicht zu tun; auch in der BRD ist die systematische steuerliche Abschöpfung vglw. neu.

    • Ich meine, dass die Brötchen als Nahrungsmittel auf jeden Fall einen Wert darstellen, auch wenn sie im genannten Beispiel keinen Käufer finden; denn zweifellos stellen sie für viele Menschen einen Wert dar – es fehlt nur an der Möglichkeit, dass Produkt und potenzieller Abnehmer zusammenkommen.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Es standen ja die Brötchen in Anführungszeichen, was die „echten“ Brötchen einschloss, aber nicht sie allein meinte, sondern die Produktion auf Basis eines zuvor ergangenen Produktentwicklungsprozesses (das Fachwort).
        Taugen „Brötchen“ dieser Art nicht einmal für den Produzenten, fand keine Entstehung von Mehrwert statt, weil sie eben keiner (zahlend oder anderswie kompensierend) haben will, der erreichbar ist.

        Insofern scheint die Ideologisierung („Idealismus“, vs. „Materialismus“) der Wirtschaft hinreichend herausgearbeitet, wirtschaftliches Handeln ist ideologisch zu bearbeiten,
        MFG
        Dr. W

  3. Dr. Webbaer sagt:

    BTW, um einmal das für einige vielleicht böse Wort des Volksvermögens einzuführen, das Volksvermögen meint die Gesamtheit der Werte, die Besitztümern eines Volkes (Bevölkerung geht natürlich auch) zugesprochen wird, und zwar durch die Zusprechung ‚eine[s] Wert für jemanden‚.

    Ändern sich nur die Besitzverhältnisse innerhalb dieses Volks oder dieser Bevölkerung kann Mehrwert entstehen, was ja auch klar erkennbar Sinn ergibt. Hier haben und hatten denn auch die Kollektivismen zu nagen…

    MFG
    Dr. W

  4. Die konsequente Fortführung dieses Gedankens wäre jetzt die Erkenntnis, dass Werte auch vernichtet werden können, z.B. durch Monopolisierung in Form von Kartellen. Das spräche dann gegen Kartelle, oder?

    • Was, wenn der Versuch, Kartelle durch ein Kartellrecht zu verhindern (statt etwa durch eine Senkung der Markteintrittsschwelle) noch mehr Werte zerstört und gar nicht erst entstehen lässt? Zudem ist mein Ziel nicht die gesamtwirtschaftliche Wertemaximierung. Dafür könnte man auch Polen überfallen und ausplündern.

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