Wozu Vernunft?

Was ist die Vernunft? Wozu dient sie? Und warum liegen Leute, die meinen, es wäre Zeitverschwendung, sich mit solchen Fragen zu befassen, schwer daneben?

Die beste, da vernünftigste Philosophiegeschichte ist wohl Leonard Peikoffs The History of Philosophy. Das ist die einzige Philosophiegeschichte aus objektivistischer Sicht – und es gibt sie ausschließlich in Form einer alten Tonbandaufnahme, die man sich im Shop des Ayn Rand Institutes als MP3 runterladen kann. Und man kann sie ausschließlich mit Kreditkarte bezahlen (die meisten Objektivisten lassen sich alles bezahlen – ich bin einer der wenigen, der Gratis-YouTube-Videos macht). Ziemlich verrückt eigentlich, aber Tatsache ist, dass ausgerechnet die objektivistische Bewegung nicht sonderlich produktiv ist im Vergleich mit konkurrierenden Schulen – „ausgerechnet“, weil Produktivität zu den höchsten Tugenden laut der objektivistischen Ethik gehört. Nun heißt das keineswegs, dass Objektivisten nicht produktiv wären, aber wie es aussieht, sind sie produktiv in Bereichen, mit denen sich mehr Geld verdienen lässt als mit Philosophie. Das ergibt zwar irgendwie Sinn (da im Eigeninteresse) – aber es ist auch gesellschaftlich verhängnisvoll, dass so wenige von uns zur Förderung einer rationalen, diesseitigen Philosophie beitragen.

Leonard Peikoff präsentiert in der Vorlesung nicht nur die grundlegenden, essenziellen Gedanken aller wichtigen Philosophen, sondern er erklärt auch, warum sie sich irren, wenn sie es tun. Wie aus dem Vortrag hervorgeht, ist die „Vernunft“, wie ich sie verstehe, etwa vergleichbar mit der wissenschaftlichen Auffassung und im Sinne des gesunden Menschenverstands. Aber diese Idee ist anders als die Auffassung der Empiristen und anders als die Auffassung der Rationalisten und anders als die Auffassung sämtlicher anderer Schulen.

Insofern verwundert es mich nun weniger, warum viele Menschen so giftig reagieren, wenn ich die Vernunft lobe und sie zum Maßstab aller Erkenntnis erkläre. Oder wenn ich meine, dass es sinnvoll ist, sein eigenes Verhalten an der Vernunft und nicht an subjektiven Launen auszurichten. Sie haben oftmals eine andere Vorstellung davon, was „Vernunft“ eigentlich ist. Sie glauben etwa, das wäre unsere „göttliche“ Seite, getrennt von den körperlichen Trieben (eine platonische Idee) oder sie glauben, wir könnten damit nur die „Erfahrung“ in unseren Köpfen nachvollziehen (Empirismus) im Gegensatz zur äußeren Realität oder sie glauben, die Vernunft würde dazu dienen, die Welt zu erkennen, indem wir sie ignorieren und so lange es geht aus irgendwelchen Grundannahmen Schlüsse ziehen (Rationalismus). Nun, das glaube ich nicht!

Ich habe die Definition auf der Epistemologie-Seite ein wenig umgeschrieben, um Missverständnisse zu vermeiden:

Die menschliche Vernunft ist vollständig dazu in der Lage, die Tatsachen der Realität zu erkennen. Vernunft, das konzeptuelle Vermögen, dient dazu, die durch die Sinne gewonnenen Materialien zu identifizieren und sie begrifflich in unser übriges Wissen zu integrieren. “Logik” heißt die Kunst der widerspruchsfreien Identifikation dieser Materialien. Die Vernunft ist die einzige Möglichkeit für den Menschen, Wissen zu erhalten.

Im Klartext: Wir schauen uns die Welt an. Wir geben den Dingen, die wir darin wahrnehmen, Namen. Wir ordnen die Dinge in unser übrigens Wissen ein, zum Beispiel: Das ist ein Stuhl. Stühle gehören zu den Möbelstücken. Und wir tun dies, ohne uns dabei zu widersprechen, indem wir etwa behaupten, dass ein Stuhl gleichzeitig ein Möbelstück ist und kein Möbelstück ist. Wir definieren den Stuhl vielmehr als ein Möbelstück, das aus einem Fußgestell, einer Sitzfläche und einer Rückenlehne besteht und das dazu dient, dass sich ein Mensch darauf setzen kann. Das sind die grundlegenden Eigenschaften eines Stuhles, gewonnen aus den Beobachtungen, die wir mit unseren Sinnen (vor allem mit den Augen) gemacht haben. Und genau dieses Prinzip verwenden wir auch bei anderen Dingen, die wir wahrnehmen, wie Menschen, Sägemühlen und Computer.

Nun habe ich aber in einem historischen Seminar gehört, dass Christopher Kolumbus die Eingeborenen Amerikas „vergewaltigte“, indem er ihrem Land und den Dingen darauf Namen gab (kein Witz). Warum? Die Gegenreaktion gegen die Epoche der Aufklärung hatte viel damit zu tun, dass die Vernunftkonzepte der Philosophen der Aufklärung nirgendwohin geführt haben. Sie haben im Grund gezeigt, dass die „Vernunft“, wie sie von diesen Denkern fälschlicherweise verstanden wurde, mit unserem alltäglichen Leben nichts zu tun hat. David Hume meinte am Ende, dass man mit seiner radikal-skeptischen Philosophie (er leugnete die externe Welt, die Kausalität, die Identität und so ziemlich alles andere) nicht leben kann. Also hörte er mit dem Philosophieren auf und spielte lieber ein Brettspiel und vertrieb sich anderweitig die Zeit, wann immer es darum ging, zu leben. Vielleicht glauben so viele Menschen aufgrund dieser schlechten Philosophien, dass Philosophie generell ein nutzloser Zeitvertreib wäre. Das ist sie natürlich nicht, da uns die Fragen, wie die Welt beschaffen ist, woher wir etwas wissen können und wie wir handeln sollen, jede wache Sekunde unseres Lebens fundamental betreffen. Wer darauf keine Antworten entwickelt, ist dazu verdammt, Antworten von anderen Menschen blind zu akzeptieren. Und die sind wahrscheinlich Schwachsinn und zeitigen unschöne Folgen für das eigene Leben.

Philosophische Ideen sind es, die Geschichte machen. Die antiken Griechen haben sich aus verschiedenen Gründen allmählich von ihrer grundlegend vernünftigen, diesseitigen Philosophie abgewandt. Hätten sie damit stattdessen weitergemacht, wäre unsere Gesellschaft in ihrer Entwicklung vielleicht 1000 Jahre weiter. Wir hätten uns wahrscheinlich schon längst auf dem Mars angesiedelt und jeder von uns hätte den Wohlstand eines Königs erreicht. Die sozial engagierten Zeitgenossen würden sich aufregen, dass sich Arbeitslose nur drei Ferraris leisten können und nicht zwanzig, wie der Durchschnittsbürger der Mittelschicht. Der technologische, wissenschaftliche und ökonomische Fortschritt ist letztlich auf philosophische Ideen zurückzuführen. Was wird jemand erfinden, wenn er glaubt, dass unsere Welt nur eine Prüfung ist für das ewige Nachleben im Jenseits – und dass Neugier eine Sünde ist, die uns in die Hölle versetzen kann? Nicht viel, wie das Mittelalter demonstrierte. Was wird ein Wissenschaftler erforschen, der mit David Hume glaubt, dass Wissen unmöglich ist? Nichts. Wozu dient eine Logik, die sich nicht auf die Realität bezieht, sondern die nur mit Symbolen spielt? Zum selben Zweck wie das Schachspiel. Aber genau das tun moderne Logiker.

Es gibt nicht viele Denker, die der Objektivismus anerkennt:

1. Aristoteles: Metaphysik, Epistemologie

2. Isaak Newton, Galileo Galilei: Epistemologie, Wissenschaftstheorie

3. John Locke: Politik

4. Ludwig Mises: Ökonomie

Das soll nicht bedeuten, dass wir diesen Denkern uneingeschränkt zustimmen würden, aber sie haben wichtige Erkenntnisse geliefert.

Also ist es tatsächlich kein Wunder, wie der hiesige Kommentator Martin bemerkte, dass ich hier nicht mit viel Verständnis oder Anerkennung rechnen kann. Die Welt und den Menschen wie ein vernünftiger Mensch verstehen zu wollen, ein gutes Leben für sich selbst führen zu wollen, sind nicht nur Ideen, die gegen den Strom schwimmen, sondern sie sind außerirdische Ideen angesichts der Philosophien, die unsere Gesellschaft (und die deutsche Gesellschaft vor allem) beeinflussten. Der einflussreiche deutsche Philosoph Immanuel Kant meinte etwa, dass wir unsere Pflicht erfüllen sollen, weil es unsere Pflicht ist, egal, was dabei herauskommt. Und die beste Freundschaft sei diejenige, von der wir am wenigsten profitieren würden. Ich finde das unsinnig, aber angesichts des Einflusses seiner Philosophie im Vergleich zu unserer Philosophie ist es nur allzu naheliegend, wenn andere Menschen eher unsere Meinung unsinnig finden, dass wir Freundschaften eingehen, weil die Freunde gegenseitig voneinander profitieren und dass wir vernünftige Tugenden befolgen sollten, um uns selbst einen Gefallen zu tun.

Wie Ärzte in einem Irrenhaus sollte es uns nicht verwundern, wenn Wissenschaftler unserer Zeit behaupten, dass subatomare Partikel am selben Ort zur selben Zeit zugleich sein und nicht sein können, wenn Politiker glauben, dass wir die heimische Wirtschaft gegen das Ausland schützen müssten oder wenn Menschen Beziehungen zum anderen Geschlecht als naturgemäß vorübergehend und nur zu Sex und Zeitvertreib dienend betrachten. Die Leute müssen verrückte Dinge glauben, weil vernünftige Ideen hier kaum Verbreitung gefunden haben. Und weil sich kaum jemand dafür einsetzt, dass sich dies ändert. Weil es, ironischerweise, gerade aus Sicht einer rationalen, egoistischen Ethik dem individuellen Denker nicht unbedingt viel nutzt – und teilweise ganz im Gegenteil.

10 Kommentare zu “Wozu Vernunft?

  1. Ch. Weiss sagt:

    Ich kann dem Artikel in weiten Teilen zustimmen, allerdings möchte ich mich zu der Aussage bezüglich des Aufenthaltortes von Elementarteilchen äußern, da diese zu einem der größten Missverständnisse über Physik in der Öffentlichkeit zählt:

    Der Übergang von der klassischen Mechanik (Newton) zur Quantenmechanik geht einher mit einer Uminterpretation des Konzeptes der „Punktmasse“. In der klassischen Physik wird z.B. ein Elektron als kugelförmiges Objekt angesehen, das einen wohldefinierten Ort und Impuls (~Geschwindigkeit) hat. Das Problem ist, dass sich viele Experimente mit diesem Konzept nicht erklären lassen. Geklärt wird dies durch eine statistische Beschreibung, relevant wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Elektron an einem bestimmten Ort aufhalten kann. Das ist prinzipiell nichts neues, sondern kommt in ähnlicher Form auch bei der mikroskopischen Beschreibung klassischer Gase vor (also Systemen, die auf fundamentalem Niveau nur durch Newtons Gesetze beschrieben werden). Die mathematischen Formeln, die zur Beschreibung des ganzen verwendet werden, beinhalten dann eine „Summe über alle Zustände“, die hin und wieder salopp mit der Interpretation „das Teilchen ist gleichzeitig überall“ versehen werden können (die gleichen mathematischen Objekte tauchen wie gesagt allerdings auch schon in klassischer Physik auf).

    Die Wahrscheinlichkeitsverteilungen genügen deterministischen Gesetzen (man liest ja leider auch viel zu oft, dass es in der Teilchenphysik keine Kausalität gäbe), allerdings sind die Objekte, auf welche diese Gesetze angewandt werden, andere als in der klassischen Mechanik.

    Kurz gefasst: Das populäre Missverständnis kommt dadurch zu Stande, dass die Person, die es äußert, den Punktmassenbegriff nicht aufgeben möchte, und es fehlerhaft in die an die Realität besser angepasste überträgt. Es ist, wie wenn wir über eine große Distanz Tiere beobachten, die wir zuerst als Kühe identifizieren. Mit besseren Fernrohren stellen wir dann jedoch fest, dass es sich um eine ganz neue Tierart handelt. Wenn man dann daran festhält, dass es sich um eine Kuh handelt, kommt man natürlich unweigerlich zu sinnlosen Aussagen wie „Kühe haben Rüssel“.

    • DeeTee sagt:

      Ganz so einfach ist die Wirklichkeit leider nicht. Erklären Sie mir doch mit Hilfe Ihres Ansatzes das Doppelspaltexperiment!

      • spkr42 sagt:

        Sorry, falschen Button gedrückt..

        Da ist es doch genauso:
        Beschreibung einer Statistik vs. Beschreibung des Einzelfalls. Nur dass sich die Statistik eben ändert, wenn man durch Messung eingreift (Detektor am Spalt). Entsprechend passt sich dann deren Beschreibung an.
        Das „Neue“ daran ist ja nur die Eigenschaft, dass Teilchen wie Wellen miteinander interferieren können, also nicht mit den Objekten (bzw. deren Modelle) der klassischen Mechanik übereinstimmen.

        • DeeTee sagt:

          Ok, mit sich selbst interferieren ist das, was dort im Prinzip passiert; ich hatte es nur so verstanden, dass der Wellen-Teilchendualismus doch eigendlich auch nichts anderes ist, als würde man sagen das „Teilchen“ ist an mehreren Orten zugleich (oder sein Ort ist eine Warscheinlichkeitswelle und damit „verschmiert“), was der Autor ja negiert. Noch schwerer mit dem logischen Menschenverstand nachzuvollziehen finde ich die Verschränkung von Teilchen.

          • Dr. Webbaer sagt:

            Die Verschränkung ist jedenfalls eine köstliche Sache, denn es gibt nur die beiden Möglichkeiten, dass gesplittete „Teilchen“ versteckte Informationen tragen, die dann über geeignete Filter abgefragt werden können, was aber wegen der Verstecktheit eben nicht allgemein angenommen wird, oder dass gesplittete „Teilchen“ miteinander irgendwie verbunden bleiben, als Einheit.
            Die Ratio muss hier aber nicht leiden.

  2. spkr42 sagt:

    Da ist es doch genauso:
    Beschreibung einer Statistik vs. Beschreibung des Einzelfalls. Nur dass sich die Statistik sich eben ändert, wenn man durch Messung eingreift (Detektor am Spalt). Entsprechend passt sich dann deren Beschreibung an.
    Das „Neue“ daran ist ja nur die Eigenschaft, dass Teilchen wie Wellen miteinander interferieren können, also nicht mit den Objekten (bzw. deren Modelle) der klassischen Mechanik übereinstimmen.

  3. Dr. Webbaer sagt:

    Kurz zum im Artikel vorgenommen Statement zur Vernunft:
    Sie ist nicht vollständig in der Lage Tatsachen oder Fakten zu erheben oder zu messen, sie wirkt an die Fähigkeiten und Interessen der Erkenntnissubjekte gebunden, sie nimmt ausschnittsartig auf.
    ‚Materialien‘ meinen ‚Mutterstoffe‘, es geht aber wohl um die Theoretisierung von Datenlagen.
    Die Vernunft bemüht sich um Erkenntnis (vs. ‚Wissen‘).

    • Dr. Webbaer sagt:

      PS:
      Die Realität meint die Sachlichkeit, die konstruierte, es geht wohl um die Welteigenschaften.

  4. Maier sagt:

    Was Sozialisten und Liberale oft vernachlässigen ist die Kritik an der Aufklärung (und der reinen Vernunft) sowie die Bedeutsamkeit und Wichtigkeit gewachsener kultureller (nicht multikultureller) Sitten und Bräuche. Dieses Thema behandelt der konservativ-libertäre Roland Baader in „Kreide für den Wolf“.
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