Es gibt ewige Wahrheiten

Ich habe längst akzeptiert, dass es ewige Wahrheiten gibt. Der Artikel Eine Idee wird verdünnt von Ulrich Greiner über christliche Rituale hat mich daran erinnert, dass in der Moderne kaum noch jemand mit mir übereinstimmt. Im Gegenteil wird an der Frage nach ewiger Wahrheit sogar der Graben zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlichem Denken festgemacht. Ich bin jedoch ein Atheist, der an ewige Wahrheiten glaubt.

Das siebte Angebot des Evolutionären Humanismus von der Giordano Bruno Stiftung bringt den Zweifel der Moderne an ewigen Wahrheiten zum Ausdruck:

7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.

Diese Aussage geht auf die moderne Wissenschaftstheorie von Karl Popper zurück, „wonach wissenschaftliche Theorien lediglich unsichere Spekulationen sind, die die empirische Wissenschaft durch Suche nach widersprechenden Beobachtungen umzustoßen versucht.“ Mit anderen Worten wissen wir nichts. Wir vermuten willkürlich etwas und dann versuchen wir zu beweisen, dass unsere Vermutung falsch ist. Wenn wir das nicht beweisen können, lassen wir diese Vermutung als unsichere Spekulation so stehen, bis sie jemand widerlegt. Man kann diese Idee auf zwei Arten interpretieren:

1. Die metaphysischen Grundaxiome sind falsch und es gibt somit keine eindeutigen, ewig wahren Tatsachen, sondern eine sich wandelnde, nebulöse Wirklichkeit – wie Heraklits Idee, dass sich alles im Fluss befindet. Wobei Heraklit konsequenterweise an der Existenz von allem zweifelte, also auch an der Identität (A = A, ein Fluss ist ein Fluss) und schließlich an der Existenz selbst. Man kann nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen, weil der Fluss gar nicht existiert. Und man existiert auch nicht selbst und kann somit nicht in einen Fluss steigen.

2. Es gibt zwar eindeutige, ewig wahre Tatsachen, aber wir können sie nicht wissen. In der Regel wird diese Idee dadurch begründet, dass die menschlichen Sinne unzuverlässig seien. Damit ist gemeint, dass wir mit unseren Sinnen gar nicht die Realität wahrnehmen oder dass unsere Wahrnehmung durch die Tatsache verfälscht wird, dass wir die Realität auf eine bestimmte Weise wahrnehmen. Wir sind blind, weil wir Augen haben und taub, weil wir Ohren haben. Das war die Auffassung von Immanuel Kant.

Die Philosophie des Objektivismus steht somit im krassen Gegensatz zur Philosophie der Moderne. Unserer Auffassung zufolge gibt es „kontextuell absolute“, ewige Wahrheiten in allen Bereichen: In der Metaphysik, in der Epistemologie, in der Ethik, in der Politik und sogar in der Ästhetik. Um die wichtigsten davon zu nennen:

1. Metaphysik: Existenz existiert. Die Dinge sind, wie sie sind. Und du weißt es.

2. Epistemologie: Wir können die Tatsachen der Realität mit unserer Vernunft vollständig erkennen.

3. Ethik: Der Mensch muss das tun, was die menschliche Natur für sein Überleben als rationales Lebewesen erfordert. Er muss für sein rationales Eigeninteresse tätig sein, wenn er als Mensch leben möchte.

4. Politik: Die Menschen müssen miteinander als Händler umgehen und Wert für Wert geben; durch freies, gegenseitiges Einverständnis zum gegenseitigen Vorteil.

5. Ästhetik: Kunst ist eine selektive Neuerschaffung der Realität auf Grundlage der metaphysischen Werturteile des Künstlers. Somit sind manche Dinge Kunst und manche sind es nicht.

Was die Wissenschaftstheorie angeht, glauben wir, dass wir mit einer Kombination von Induktion (ist wichtiger) und Deduktion wahre Aussagen über die Realität machen können. Der Grund, warum Induktion funktioniert – was in der Moderne bezweifelt wird – besteht darin, dass die Dinge eine bestimmte Natur haben (das metaphysische Identitätsaxiom) und somit bestimmte Eigenschaften. Wenn dem so ist (und das ist unwiderlegbar, da der Versuch der Widerlegung zu Selbstwidersprüchen führt), dann haben Entitäten mit derselben Natur auch dieselben grundlegenden Eigenschaften. Somit müssen wir nicht alles auf der Erde daraufhin untersuchen, ob es von der Gravitation angezogen wird. Wir müssen auch nicht alle Massen daraufhin untersuchen, ob sie andere Massen anziehen. Um das Gravitationsgesetz zu beweisen, müssen wir lediglich die metaphysischen Axiome akzeptieren, einige Experimente mit einigen Massen durchführen und wir können auf das Gravitationsgesetz schließen. Wie es Isaak Newton auch getan hat.

Übrigens entspricht die Behauptung, dass Kunst rein subjektiv sei – dass manche Menschen einen Misthaufen für Kunst halten, andere nicht und alle haben Recht – der Leugnung des metaphysischen Identitätsaxioms. Das bedeutet, dass Kunst keine bestimmte Identität hat, dass alles und nichts zugleich Kunst sein kann. Tatsächlich spielt Kunst eine bestimmte Rolle im menschlichen Leben und sie hat eine bestimmte Identität. Ich habe einmal mit einem Physiker geredet, der die Grundaxiome akzeptierte und der lediglich die Kunst von diesen ausgenommen hat. Nur das, was er selbst für Kunst hält, sei demnach Kunst. Der objektivistischen Auffassung folgend ist das etwa so, als hätte er behauptet, dass alles Wasser auf der Erde bei Null Grad gefriert und nur das Wasser in seinem eigenen Wasserglas nicht. Und er meinte, ich wäre verrückt.

Die Religion behauptet, dass ewige Wahrheiten nicht beweisbar sind und geglaubt werden müssen. Wir denken, dass ewige Wahrheiten nur mit der Vernunft erkannt und bewiesen werden können. Die Moderne glaubt nicht an ewige Wahrheiten – sondern an gar nichts.

Literatur

Über die objektivistische Wissenschaftstheorie:

David Harriman: The Logical Leap. Induction in Physics

Ästhetik:

Ayn Rand: The Romantic Manifesto oder mein Vortrag über Ästhetik

27 Kommentare zu “Es gibt ewige Wahrheiten

  1. Alexander sagt:

    Ich halte nur die ontologischen Axiome (Existenz/ Identität/ Kausalität) für ewig. Alles andere ist von der Existenz von Menschen bzw. vernunftbegabten Lebewesen abhängig.

    • Die metaphysischen Axiome sind von der Existenz des Universums abhängig. Jede Aussage gilt nur in einem bestimmten Kontext. Darum sollte der Objektivismus auch „kontextueller Absolutismus“ genannt werden. Innerhalb des Kontexts sind manche Aussagen „ewig wahr“ oder einfach wahr.

      • Alexander sagt:

        Dann gibt es ja praktische eine „unendliche“ Anzahl solcher ewigen Wahrheiten, weil man bezüglich des Kontexts immer spezifischer werden kann.

        • Unendlich nicht, aber eine ganze Menge, ja. Die wirklich wichtigen, gemeinhin am ehesten „ewige Wahrheiten“ genannten ewigen Wahrheiten sind aber wohl in der Metaphysik anzutreffen.

  2. Andreas D. sagt:

    Heraklits Auffassung, dass sich alles Seiende im Fluss befindet, teilt man auch in der fernöstlichen Philosophie. Ich beschäftige mich gerade damit, deshalb passt es vielleicht ganz gut.

    Für die Buddhisten z.B. ist alles vergänglich (das meinen sie mit leidvoll). Vergänglichkeit ist für sie die Grundkonstante allen Daseins – insofern natürlich eine ewige Wahrheit. Die Identität eines Objektes verändert sich im Laufe der Zeit. Banal: Ein Stein verwittert, wird kleiner, verliert an Festigkeit, zerfällt, wird zu Erde, ist Nährstoff für Pflanzen, diese wiederum Nahrung für Tiere und Menschen, welche nach ihrem Tod verwesen usw. usf..

    Eine solche Sicht ist grundsätzlich richtig. Kein Geologe oder Biologe wird dem widersprechen. Heraklits Bild des Flusses beruht auf der Beobachtung der Veränderlichkeit des Flusses, seiner Wasserführung, seines Verlaufes, er erodiert, transportiert und lagert ab. Und das Wasser, dass sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Fluss befindet, ist nicht das selbe, wie einen Augenblick früher oder später.

    Ein Mensch ist streng genommen heute nicht derselbe wie vor zehn Jahren oder in drei Wochen. Seine Identität verändert sich mit seinen Lernerfahrungen, mit seinem Alter und seinem körperlichen Zustand. Der Materialist Andreas Müller, der für die gbs tätig war und „bright“ war, ist nicht der derselbe Andreas Müller, der heute Objektivist ist. Seine Identität hat sich gewandelt. Was er einmal als wahr und richtig vertreten hat, kritisiert er heute teilweise sehr scharf.

    Wenn Buddhisten von Substanzlosigkeit (auch des Ichs) sprechen, meinen sie, dass die Dinge nicht unveränderlich sind. Sie sind. Aber sie sind weder dauerhaft noch streng voneinander zu trennen. Ein auch im Westen populärer vietnamesischer Zen-Mönch, Thich Nhat Hanh, verwendet den Begriff des „Inter-Sein“. Ein lebendes Wesen, so auch ein Mensch, exisiert in Anhängigkeit von seiner Umwelt und ist streng genommen nicht von dieser als getrennt zu betrachten, weil der Buddhist sich gar nicht als losgelöstes Subjekt versteht bzw. diese aus seiner Warte illusorische Vorstellung überwinden möchte. Die objektivistische Kritik, der Buddhist sauge nur Nährstoffe aus seiner Umgebung in sich auf, zielt darauf.

    Indem es nichts subtanzielles, also unveränderlich bestehendes gibt, weist der Buddhismus auch Konzepte wie Gott oder Seele zurück (und muss sich natürlich auch mit diesbezüglichen Missverständnissen und Unklarheiten auseinandersetzen, wie z.B. Reinkarnation).

    Wenn wir also aus objektivistischer Sicht dem Subjekt, dem Ich, und auch allen Objekten der Realität eine feste Identität zuschreiben — vereinfachen wir dann nicht?

    • Das Identitätsaxiom ist intuitiv nicht einfach zu erfassen. Ja, Dinge ändern sich, Kinder werden erwachsen, auf Steinen wächst Moos, Eis schmilzt, etc. Daraus kann man aber nicht die These ableiten, dass Entitäten keine bestimmte Identität haben. Ein Kind ist immer noch etwas Bestimmtes und es ist nicht in derselben Hinsicht zur selben Zeit etwas anderes, als das, was es ist. Inwiefern eine Person ihr Leben lang essenziell dieselbe bleibt, ist eine schwierige Frage. Manchmal sagen wir ja über einen Menschen nach einem schweren Schicksalsschlag, „Er ist einfach nicht mehr derselbe“ und das ergibt auch Sinn. Dennoch ist er eine bestimmte, unabhängige, individuelle Entität, die sich von anderen Entitäten unterscheidet. Ein Mensch ist ein bestimmter, individueller Mensch. A = A. Wenn ein Tisch alt und morsch wird, so ist er immer noch ein Tisch, eine ebene Fläche mit einer Stütze, auf der man Dinge abstellen kann. Ein Fluss ist noch immer ein Fluss, auch wenn man ihn verunreinigt oder wenn er umgeleitet wird.

      Wir wissen natürlich auch, dass sich die Dinge verändern. Die Leugnung des Identitätsaxioms läuft auf etwas anderes hinaus. Es ist ein Angriff auf ein metaphysisches Grundaxiom, mit dem auch die anderen fallen müssen (und bei Heraklit und seinen Anhängern dann auch fielen – sie schlussfolgerten, dass auch ihre Worte eigentlich keine klare Identität haben und somit irreal sind. Also waren sie nunmehr still. Leider gilt das nicht für Heraklits zeitgenössische Nachfolger).

      Historisch fällt die Aufgabe des Identitätsaxioms (oder dessen Nicht-Entdeckung vor Aristoteles) mit dem populären Wunderglauben zusammen. Wenn die Dinge nichts Bestimmtes sind, dann läuft das auf magisches Denken hinaus. Dann kann man vielleicht mit Worten materielle Objekte in andere Objekte verwandeln. Warum nicht? Die Dinge sind ja nichts Bestimmtes. Also können sie auch etwas anderes sein.

      Und ich war immerhin auch in Brights-Tagen ein säkularer Humanist, Atheist, überzeugt von der Vernunft als einziges Erkenntnisinstrument.

  3. Dr. Webbaer sagt:

    Es gibt ‚ewige Wahrheiten‘, wenn mit einer Logik hantiert wird, die kohärent ist diesbezügliche Wahrheiten zu erlauben und wenn sie Wahrheitswerte kennt.

    Womit Systeme des Geistes gemeint sind; auf die Natur bezogen und auf naturwissenschaftliches Bemühen bezogen gibt es leider leider nur die Theoretisierung, die im skeptizistischen Sinne provisorisch ist, jederzeit durch eine andere und womöglich bessere [1] ersetzt werden könnte, und das Falsifikationsprinzip – wenn ein diesbezüglicher Glabensentscheid getroffen worden ist seitens des Erkenntnissubjekts im aufklärerischen Sinne vorzugehen.

    MFG
    Dr. W

    [1] das ‚Ersetzen‘ muss sich nicht linear vorgestellt werden, sondern kann sich so vorgestellt werden wie es Bas van Fraassen vor etwas mehr als 30 Jahren in Worte gefasst hat

  4. Lauchie sagt:

    Musik ist eine selektive Neuerschaffung der Realität?

    • Klar. Woher sollten Töne und Melodien kommen, wenn nicht aus der Realität?

      Musik kommuniziert entpersonalisierte, distanzierte Gefühle, die sich mit dem eigenen (metaphysischen) Lebensgefühl zu einer persönlich empfundenen Emotion verbinden. Musik wirkt epistemologisch umgekehrt zu den anderen Künsten: Von der Wahrnehmung zur Emotion zur Wertung zum konzeptuellen Verständnis.

      • Lauchie sagt:

        Dann wüsste ich nicht, welches Produkt keine Kunst bzw. keine selekte Neuerschaffung der Realität sein sollte.
        Es kommt alles aus der Realität und bis auf die Gesamtheit der Dinge besteht nichts aus allem, ist also immer selektiv.

        • „Kunst ist eine selektive Neuerschaffung der Realität auf Grundlage der metaphysischen Werturteile des Künstlers

          Nicht jede Kunst hat einen metaphysischen Gehalt. Zum Beispiel abstrakte Kunst (geometrische Muster wie Quadrate und dergleichen) hat keinen metaphysischen Gehalt, ist also Dekoration, aber kein Kunst.

          • Lauchie sagt:

            Woher weiß man denn, was die metaphysischen Vorstellungen sind? Ich verstehe das Konzept nicht ganz. Wenn ich ein Musikstück höre, ohne die Intention des Komponisten zu kennen, kann ich nicht wissen, ob es Kunst ist? Könnte ja rein aus Profitgier komponiert worden sein (oder ist das metaphysischer Gehakt)?
            Oder ist beispielsweise Hindemith nur Krach oder Ton und keine Musik?

          • Mit Metaphysik ist hier das Lebensgefühl des Künstlers gemeint. Das hört man auch bei Musik gut heraus. Ich persönlich mag romantische Klassik, Barock und unter der zeitgenössischen Musik Punk Rock, melodische, sinnliche und energetische, kämpferische, auf jeden Fall lebendige Musik.

  5. Julian Estragon sagt:

    Ein paar Anmerkungen:

    Erstens: Der Fallibilismus, also die Einsicht in die grundsätzliche Möglichkeit menschlichen Irrtums, ist vereinbar mit der Existenz ewiger Wahrheiten, und hat insofern mit einem Relativismus überhaupt nichts zu tun. Du scheinst den Unterschied bemerkt zu haben, neigst aber trotzdem zu einer Vermengung von Fallibilismus und Relativismus.

    Zweitens: „Existenz“ ist lediglich die überflüssige Substantivierung des Verbs „existieren“. „Existenz existiert“ ist damit ein typisches Beispiel für einen sinnlosen Scheinsatz. Dinge existieren, aber nicht Existenz. Die Beschäftigung mit formaler Logik und analytischer Sprachphilosophie hätte Miss Rand einige Peinlichkeiten erspart.

    Drittens: Allein mit Vernunft können wir gar nichts erkennen, mit Vernunft und Beobachtung auch nicht alles. Und Gewissheit können wir sowieso nicht haben: Selbst die Annahme, dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Spekulation. Da kann auch Frau Rands Geschwurbel über die Natur der Dinge nichts dran ändern. Wer garantiert uns denn, dass sich die Natur der Dinge nicht plötzlich ändert?

    Viertens: „Er muss für sein rationales Eigeninteresse tätig sein, wenn er als Mensch leben möchte.“ Das ist kein Satz der Ethik, sondern eine banale empirische Feststellung. Daraus ergibt sich nicht, dass ich die Rechte anderer Menschen respektieren muss. Es gibt mehr als genug Menschen, die mit amoralischem Verhalten sehr lange und sehr behaglich auf diesem Planeten gelebt haben. Die Vorstellung, Ethik auf Egoismus zurückführen zu können, ist ein Hirngespinst. Schon weil ein suizidaler oder moribunder Mensch im Rahmen dieser Auffassung keinen Grund hätte, sich moralisch zu verhalten.

    Fünftens: „Kunst“ ist ein vager und mehrdeutiger Begriff. So wie es nicht das Wesen des Spiels gibt, gibt es auch nicht das Wesen der Kunst. Wittgensteins Überlegungen zum Begriff der Familienähnlichkeit führen hier weiter als der vulgärphilosophische Dogmatismus einer Ayn Rand.

    • Rand mal wieder „vulgärphilosophisch“. Ich kann dir nur empfehlen, dich mal mit dem Objektivismus zu befassen, denn deine Kritik geht dermaßen an der Sache vorbei, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Am besten gar nicht.

      • Vielleicht ein Hinweis: Das Existenzaxiom stammt von Parmenides, nicht von Rand, was auch ein moderner Denker wissen sollte. Das „Geschwurbel“ über die Natur der Dinge stammt vom „Vulgärphilosophen“ Aristoteles. Mit Vernunft ist das gemeint, was im Epistemologie-Bereich erläutert wird, also das Vermögen, die Sinneseindrücke zu identifizieren und zu integrieren. Also zunächst Beobachtung.

        • Friedrich Sommer sagt:

          Ich muss hier Popper, von dem ich eigentlich nicht viel halte, verteidigen und dem Vorredner zustimmen. An Popper kann man viel kritisieren, ihn als Relativisten darzustellen, geht aber nicht.

          Desweiteren stimmt auch nicht, dass die „Logik der Forschung“ „die moderne Wissenschaftstheorie“ sei. (Ein Missverständnis aus der Schulbildung? Oder aus einschlägigen Werken des „neuen Atheismus“?) Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall: Popper blieb im Diskurs der Wissenschaftstheorie relativ unbedeutend. Und wenn Naturwissenschaftler sagen, eine Theorie muss falsifizierbar sein, etc. dann berufen sie sich nicht (wirklich) auf Popper, den sie im allgemeinen eh nicht gelesen haben, sondern schlicht auf die gängige naturwissenschaftliche Praxis seit es Wissenschaft gibt.

          Aus dem, was man aus dem Epistemologie-Link erfahren kann, ergibt sich übrigens nicht wirklich, was Wissen oder Vernunft ist. Es erklärt, wie (so ziemlich jedes) (Pseudo)Wissen gebildet wird, nicht aber, wie die formale Ordnung des Wissens selbst sich konstituiert (die Bedingung der Möglichkeit). DAS ist nämlich eine hauptsächliche Frage, mit der sich Wissenschaftstheorie beschäftigt.

          Das, was der Objektivismus also für die Lösung des Problems hält, ist nicht das, womit sich Wissenschaftstheorie beschäftigt. (Was da steht, dem kann wohl jeder zustimmen.)

          Wenn der Objektivismus im akademischen Diskurs nicht wahrgenommen wird, dann also deshalb, weil er offenbar wenig beizutragen hat.

          In dem Punkt würde ich meinem Vorredner also widersprechen. Das, was da steht ist nicht vulgärphilosophisch, sondern im Großen und Ganzen schlicht unproblematisch. – Um es diplomatischer zu formulieren.

          • Ich habe zur objektivistischen Wissenschaftstheorie ein Buch verlinkt (das einzige zum Thema), auf das Sie sich bei ihrer Kritik an dieser nicht beziehen, obwohl Sie die objekt. Wissenschaftstheorie unmöglich kritisieren können, wenn Sie das einzige Buch zum Thema nicht kennen (Epistemologie ist die Grundlage der Wissenschaftstheorie, aber nicht dasselbe):
            http://www.thelogicalleap.com

            Hier ist noch ein Vortrag über die Korruption der Philosophie der Wissenschaft:
            https://estore.aynrand.org/p/387/the-philosophic-corruption-of-physics-mp3-download

            Und hier eine ausführliche objektivistische Kritik an Popper als PDF:
            http://www.libertarian.co.uk/lapubs/philn/philn037.pdf

            Was da steht, dem kann wohl jeder zustimmen

            Dann ist die objektivistische Epistemologie also unstrittig. Super, der ganze Streit umsonst.

          • Für den Fall, dass es Ihnen nicht aufgefallen ist: Sie argumentieren, dass die moderne Wissenschaftstheorie darin besteht, dass sich Wissenschaftler nicht für Wissenschaftstheorie interessieren und sie einfach tun, was „gängige naturwissenschaftliche Praxis“ ist, seit es Wissenschaft gibt (mit anderen Worten, die Methodik von Newton und Galileo, auf der die objektivistische Wissenschaftstheorie aufbaut). Dass sich die meisten Leute nicht für Philosophie interessieren, ist allerdings kein Argument dafür, dass etwa Thomas Hobbes keinen Einfluss auf die Philosophie hatte. Klar, oder?

          • Ich empfehle vor allem das PDF, das gibts immerhin unmittelbar und gratis. Und die Kritik an Popper ist ausführlich und sorgfältig.

          • Friedrich Sommer sagt:

            Erstmal vielen Dank für die vielen Links!

            „Für den Fall, dass es Ihnen nicht aufgefallen ist: Sie argumentieren, dass die moderne Wissenschaftstheorie darin besteht, dass sich Wissenschaftler nicht für Wissenschaftstheorie interessieren und sie einfach tun, was “gängige naturwissenschaftliche Praxis” ist, seit es Wissenschaft gibt (mit anderen Worten, die Methodik von Newton und Galileo, auf der die objektivistische Wissenschaftstheorie aufbaut).“

            Ich formuliere nochmal, was ich meinte: Es ist ein Irrtum, zu glauben, Popper wäre DER Wissenschaftstheoretiker unserer Zeit, oder jeder bedeutende Wissenschaftstheoretiker wäre Popperianer. Popper genießt eine gewisse Popularität für (das meine ich jetzt nicht abwertend) philosophisch halbgebildete Naturwissenschaftler. Deswegen finden ihn auch die Giordano Bruno Leute so toll.

            Ob sein Beitrag tatsächlich so prägend für den Diskurs der Wissenschaftsphilosophen? Eher nein. – Schauen sie sich mal ein bisschen um in der heutigen Wissenschaftstheorie. Popper ist nicht „die moderne Wissenschaftstheorie“. Mir fällt ad hoc nichtmal ein einziger Popperianer ein.

            Desweiteren stellt sich Popper Fragen im Zusammenhang mit den Naturwissenschaften. Es ist zwar etwas her, dass ich die Logik der Forschung durchgearbeitet habe, aber es geht ihm darin nicht, soweit ich mich erinnern kann, um die Bereiche Metaphysik, Epistemologie, Politik, Ästehtik. Der Sprung auf diese Bereiche ist daher unmittelbar nicht so selbstverständlich oder erhellend. -> Denn:

            Was sie dann nach den Punkten 1-5 dann erklären, lässt sich auf so ziemlich jede Ordnung systematischen Wissens unmmünzen, die es jemals gegeben hat. Egal, ob man zB die beobachteten Gegenstände nach dem (unmittelbar) Sichtbaren klassifiziert (grob gesagt: Rennaissance) oder vom Sichtbaren aus ein System von Variablen abstrahiert (grob gesagt: Aufklärung).

            Der Witz ist: So völlig unterschiedlich die systematische Ordnung eines Paracelsus von der eines Linne auch sein mag, beide gingen nach dem Muster vor, das sie beschreiben:

            “ Der Grund, warum Induktion funktioniert – was in der Moderne bezweifelt wird – besteht darin, dass die Dinge eine bestimmte Natur haben … “

            Dennoch ist heute viel von dem was Linne oder Paracelsus schrieben wenn nicht sogar falsch, jedenfalls nicht mehr brauchbar. Der Knackpunkt ist die Frage nach dem Paradigmenwechsel. (Den übrigens auch Popper nicht erklären kann.)

            Jedes Ordnung systematischen Wissens arbeitet so, wie sie das beschreiben. Es ist kein Privileg Newtons als erster so gedacht so zu haben. Auch nicht das von Einstein, Darwin, Linne oder sonst irgendwem.

            Sowohl die endlosen Listen und Aneinanderreihungen der Rennaissance, als auch die moderneren, „geometrischen“ Darstellungen der späteren Naturgeschichtler – beide völlig miteinander unvereinbar! – kann man durch ihre Argumentation rechtfertigen.

            Sie sagen übrigens selber „Was die WISSENSCHAFTSTHEORIE angeht…“ -> also darf ich davon ausgehen, dass dieser Absatz die objektivistische Theorie zusammenfassen soll. Ich darf ja wohl davon ausgehen, dass das einigermaßen vollständig ist? Warum ist meine Kritik an dieser Wissenschaftstheorie dann unberechtigt, sodass sie mir ein Buch empfehlen, dass ich vorher lesen soll?

          • Sie können nicht davon ausgehen, dass eine Notiz über die objekt. Wissenschaftstheorie in einem Blogpost oder Kommentar einigermaßen vollständig ist.

          • Newton und Galileo waren bedeutend in der Enwicklung der Induktion, siehe das Buch, das Sie nicht lesen wollen. Ich verstehe ja die menschliche Faulheit, aber was ich nicht verstehe ist, warum man meint, etwas ernsthaft beurteilen und sogar verurteilen zu können, das man nicht kennt.

          • Wobei: Vielleicht finden Sie auch eine Zusammenfassung auf der Website des Autors.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Nur ein paar Anmerkungen:

      Dinge existieren, aber nicht Existenz.

      Dinge existieren nicht „aus sich selbst heraus“, sondern werden festgestellt. Die Existenz ist ein Konzept.

      Die Beschäftigung mit formaler Logik und analytischer Sprachphilosophie hätte Miss Rand einige Peinlichkeiten erspart.

      Es heißt wohl Mrs. Rand, die Dame war verheiratet. – Ansonsten, die Logik kann nicht zur Sachlichkeit bestimmen, sie ist eine Tautologie, die Annahme bestimmter Erkenntnistheorie, die durch einen Glaubensentscheid zu erfolgen hat, sie kann dann diese oder jene Aussagen erlauben.

      Allein mit Vernunft können wir gar nichts erkennen, mit Vernunft und Beobachtung auch nicht alles.

      Die Erkenntnis basiert auf der Annahme bestimmer Vernunft, die dann eben das Erkennen ermöglicht. Es gibt verschiedene Art und Weise des Erkennens, zurzeit ist man ganz bevorzugt im skeptizistisch-wissenschaftlichen Sinne unterwegs, was die Natur betrifft.

      Ansonsten ganz OK, der Schreiber dieser Zeilen geht mit dem geschätzten Herrn Müller nicht umfänglich konform.
      Präzision aber gu-ut.

      MFG + eine schöne Rest-Woche noch,
      Dr. W

      • Dinge existieren aus sich selbst heraus, das sehe ich schon so. Mit dem menschlichen Geist erkennen wir das, was existiert. Ohne Inhalte aus der externen Welt ist der Geist im Grunde leer, außer seiner Natur als das Vermögen, das, was existiert, zu erkennen.

        • Dr. Webbaer sagt:

          Dinge existieren aus sich selbst heraus, das sehe ich schon so. Mit dem menschlichen Geist erkennen wir das, was existiert.

          Die Realität („Sachlichkeit“) ist die Sicht der Erkenntnissubjekte auf Gegebenheiten („Datenlagen“) der Welt, selbst die Existenz, das Aus-Sich-Heraus-Sein, ist ein naturwissenschaftliches Konzept. [1]
          Dinge werden auch nicht als in der Natur vorhandene Dinge erkannt, sondern das Erkenntnissubjekt bemüht sich ausschnittsartig und interessensteuert um Datenlagen der Natur, modelliert Dinge oder Entitäten.

          Wichtich hier die Unterscheidungen zwischen Welt, Innenwelt der Erkennenden (die nicht klar von der Außenwelt unterscheidbar ist, auch diese Welt kann Welten gebären), Realität, Wirklichkeit (gibt es auf Meister Eckart zurückgehend wohl bevorzugt d-sprachig) und Uni- bzw. Multiversum (die physikalische Sicht).

          MFG
          Dr. W

          [1] es gibt natürlich noch die Tautologie, Mathematik, Philosophie und so, die in geschlossenen Denksystemen einen anderen Existenzbegriff pflegt als den naturwissenschaftlichen

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