Tipp: Objektivismus versus Sir Karl Popper

Ich habe eine ausführliche und sorgfältige Kritik an der Philosophie von Sir Karl Popper gelesen, die ich weiterempfehlen möchte:

http://www.libertarian.co.uk/lapubs/philn/philn037.pdf

(Der Nachfolge-Essay: http://www.libertarian.co.uk/lapubs/philn/philn065.htm)

Der Essay enthält leider anfangs ein schwaches Argument, nämlich dass Popper häufig „Ich glaube, dass…“ schreibt, obwohl er nicht „an den Glauben glaubt“, wie er bemerkt. Nun, hier sind unterschiedliche Konnotationen gemeint – der Begriff bedeutet einmal eine Meinungsäußerung und ein anderes Mal blinden Glauben. Man sollte sich von dieser einen Schwäche jedoch nicht ablenken lassen. Die Kritik ist insgesamt sehr aufschlussreich. Der Autor Nicholas Dykes zeigt auf, dass Popper trotz seiner anderslautenden Beteuerungen selbst zum Idealismus, Determinismus und Subjektivismus neigt und außerdem seinen eigenen Fallibilismus nie auf sich selbst anwendet (seine eigene Methode nie der kritischen Prüfung unterzieht).

Popper erinnert mich ein wenig an Karlheinz Deschner, das andere goldene Kalb der säkularen Humanisten, der das Christentum scharf kritisiert und dabei selbst als christlicher Mystiker durchgehen könnte.

Ich bete keine goldenen Kälber an. Denn, und wenn es auch die ganze Welt vergessen hat, das widerspricht den Prinzipien der Aufklärung (und eigentlich generell den akademischen Prinzipien, aber die kümmern ja auch niemanden mehr).

Ansonsten möchte ich auf eine Kritik an meinem Essay gegen Tierrechte antworten. Mein Konzept der „Rechte“ sei zu eng gefasst. Schließlich können laut Ayn Rands Definition von Rechten nur Menschen Rechte haben. Heute wird der Rechtsbegriff aber viel „weiter“ ausgelegt. Nun, wohl wahr. Genau das ist ja auch mein Problem! Diese Kritik impliziert, dass ich der geltenden Auffassung – wobei das eigentlich nicht die geltende Auffassung unter Rechtsgelehrten ist, sondern nur unter Menschen, die sich im Westen für die gebildete Elite erachten – nicht widersprechen darf, weil ich anderer Meinung bin. Lediglich, wer in der Mehrheit ist oder wer die Macht hat, hat demnach das Recht, über das Recht zu philosophieren. Nun, ihr könnt mich mal.

Wenn ich ein Konzept der „Rechte“ akzeptieren würde, das Tiere einschließt, dann könnte ich von Anfang an nicht gegen Tierrechte argumentieren. Denn dann hätten Tiere bereits laut Definition des Rechtsbegriffs Rechte. Irgendwie klar, oder? (Nun, offenbar nicht). Man hätte höchstens daraus den Vorwurf schmieden können, dass man nicht Tieren Rechte absprechen kann, indem man sie lediglich aus dem Begriff der Rechte laut Definition ausschließt und keine weiteren Argumente nennt. Nun, das wäre in der Tat schwach gewesen, aber zum Glück habe ich sechs Seiten voller Argumente verfasst und nicht nur eine Definition angeboten.

Die Illustration mit dem Kannibalen soll den Essay ein wenig auflockern und anschaulich machen, was daraus folgen würde, wenn Rechte nicht an Pflichten (diese Rechte zu achten) geknüpft wären. Wenn ich damit die Untiefen der deutschen Ernsthaftigkeit verletzt haben sollte, tut es mir leid (ok, tut es nicht).

Schließlich war erneut die übliche Reaktion zu vernehmen, wann immer der Name Ayn Rand genannt wird. Es handle sich um eine „Vulgärphilosophin“, sie war keine richtige Denkerin, etc. Nun, das war sie aber. Selbst als Autoritätsargument betrachtet: Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fachpublikationen über den Objektivismus, es gibt ein akademisches Journal, eine ganze Reihe von Professoren befassen sich mit Rands Philosophie. Natürlich ist das sowieso keine rationale Kritik, sondern ein Ausweichmanöver. Man muss keine Argumente nennen, wenn der Gegner von Anfang an nicht ernst genommen werden kann. Stellt sich nur die Frage, warum ich Leute ernst nehmen soll und warum sie mir Kritik, Fragen und Einwände schicken, die Ayn Rand und mich (als Anhänger und Vermittler ihrer Philosophie) nicht ernst nehmen? Wollt ihr das vielleicht nicht lieber, sagen wir, für euch behalten?

Was mich aber wirklich stört ist der Ton, in dem die Kritik oftmals formuliert wird. Es ist so ein irgendwie gekränktes, defensives, um sich schlagendes Gekreische. Es ist mir schon häufig aufgefallen und spezifisch bei deutschen Kommentatoren. Ich rede auch mit Intellektuellen aus der angelsächsischen Welt und den Unterschied könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen. Britische Intellektuelle (oder eigentliche alle Briten) der älteren Generation sind zum Beispiel unheimlich freundlich, auch wenn sie anderer Meinung sind. Die Amerikaner schreiben alle sofort „Hi Andreas“, sehen alles locker und bieten gleich die volle Kooperation an, wenn ich ein gemeinsames Projekt vorschlage. Wenn ich hingegen mit Deutschen über intellektuelle Themen rede, dann gibt es jedes Mal einen Schwall an Ressentiments und eingebildeter Besserwisserei, regelmäßig ohne Grundlage, zu vernehmen.

Wenn ich „Deutsch“ höre, denke ich inzwischen nur noch an die Barbarenhorde aus Game of Thrones, mit der sich Tyrion Lannister in der ersten Staffel verbündet. Andererseits waren die „Felsenkrähen“ wie Shagga, Sohn des Dolf, gar nicht so bar jeglichen Wohlwollens. Sie haben Tyrion nicht gleich zu einem Vulgärzwerg erklärt und ihn erschlagen. Sie haben sich sein Angebot und seine Argumente angehört und haben mit ihm sogar ein Übereinkommen getroffen. Ja, vielleicht würde ich lieber mit einem echten Barbarenstamm über Philosophie reden als mit den Deutschen, die 1. kein Wort verstehen und 2. mir stets die schlimmste Interpretation an den Kopf werfen, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Von wegen „Land der Dichter und Denker“. Lange her ist längst vorbei.

16 Kommentare zu “Tipp: Objektivismus versus Sir Karl Popper

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Hoffentlich bin ich nicht in den Verschiss geraten.
    >:->

    LG
    Dr. W

  2. Lauchie sagt:

    Hi Andreas =D,

    ich finde das Argument bezüglich Rechte und Pflichten allerdings auch schlecht. Ein stark behinderter (oder kranker) Mensch kann nach dieser Definition keine Rechte haben und wenn er sie doch hat, einfach weil er ein Mensch ist, dann hebelst du doch gewissermaßen dein eigenes Argument (Pflichten) aus oder verstehe ich das falsch?

    • Wieso? Die gemeinte Pflicht ist lediglich die Achtung der Rechte anderer. Komatöse Patienten sind Vorreiter in dieser Disziplin. Sie lassen ihre Mitmenschen vorbildlich in Ruhe.

      • Lauchie sagt:

        Also sollten Tiere, die Menschen in Ruhe lassen, Rechte bekommen?

        • Nein, die Argumente sind im Grunde Ableitungen aus dem Vernunftvermögen. Man muss die Rechte anderer einigermaßen verstehen können. Es ging mir gerade nur um das, was ich mit Pflichten meine. Und ich meine nur passive Pflichten. In diesem Sinne erfüllen Komapatienten ihre Pflichten. Aber Rechte haben sie als konzeptuelle Wesen. Ich bin nicht auf einmal kein begrifflich denkender Mensch mehr, nur weil ich schlafe, unter Narkose bin oder wie Schumacher im Koma lag. Nur bei Menschen, die von Anfang an kein Vernunftvermögen haben und nie eines entwickeln, kann man vielleicht wirklich die Grenze ziehen und ihren Eltern die Entscheidung überlassen, ob sie noch ein paar Tage oder Stunden leben sollen (Anenzephalie).

  3. Falk sagt:

    Philosophische Feinheiten sind mir persönlich zu fein.

    Aber:

    Ich habe zwei Bücher von Popper zu Hause und eins vom Deschner.

    „Der Moloch“ ist doch totale Scheiße, was ich vom „Elend des Historizismus“ nicht behaupten kann.

    Die Parallele kann ich nicht nachvollziehen.

  4. Tom sagt:

    Ich glaube du musst auch den zeitlichen Kontext mitbedenken in dem Popper seine Werke geschrieben hat. Ideologien wie Kommunismus und Nationalsozialismus die auf absolute Wahrheit setzten hatten zu der Zeit Europa unter brutaler Kontrolle. Ich denke es ist klar dass man hier skeptisch wird und in einem Kritierium der Kritikfähigkeit und Vorläufigkeit von Wahrheit mehr Wert zuspricht.

    Freilich ist es richtig dass manches im Werk von Popper, und mehr noch bei Hans Albert, weg geht vom Rationalismus, Realismus und hin eher zu einem Idealismus. Ich denke aber schon dass Popper an einer denkunabhängigen, rational erkennbaren Außenwelt festgehalten hat. Nur war er der Meinung, und ich denke zurecht, dass unsere Modelle, Theorien von dieser Außenwelt fehlerhaft und damit unwahr sein können. Denk doch hier nur mal an die Evolution der Modelle wie sich das Umlaufverhältnis Sonne und Erde verhält.

    • Tom sagt:

      Nachtrag:
      Ayn Rand hat sich halt relativ wenig mit der Erkenntnistheorie beschäftigt, soweit ich das überblicken kann. Popper war im Wesentlichen Erkenntnistheoretiker bzw. Kritiker totalitärer Erkenntnisverfahren.
      Darüber hinaus glaube ich hat Popper an der Unterscheidung zwischen Sein und Sollen festgehalten, ähnlich wie der Wiener Kreis. Ayn Rand tut das ja nicht.

      Deine Kritik an Popper halte ich für zu scharf. Ich denke seine Kritik an Totalitarismen ist ein wesentlicher Verdienst von ihm, auch z.B. Kritik an wissenschaftlichen Standpunkttheorien. Ich glaube nicht dass er hier überschätzt ist.

      • Rand hat ihr einziges technisches Werk über die Erkenntnistheorie geschrieben, davon hatte sie sehr viel Ahnung. Popper gilt unter Philosophen als vernachlässigbar, nur Naturwissenschaftler finden ihn irgendwie toll und glauben, er hätte was Wichtiges gesagt. Schau mal in den verlinkten Essay rein, was da über Poppers Kritik am Totalitarismus und sein Verhältnis zu Plato steht. Popper war einfach ein Skeptiker (philosophisch betrachtet) und das ist gar nicht originell.

        • Tom sagt:

          Offen gesagt das kann ich nicht ernst nehmen. Popper wird in jeder philosophischen Zusammenfassung erwähnt. Kann sein dass er nicht der größte Philosoph ist aber er hat durchaus auch in der Philosphie Anerkennung gefunden. Von Ayn Rand hingegen kann man das nicht sicher nich sagen. Schade dass du hier so klare Fronten ziehst.

          • Nichts für ungut. So bringt das jedenfalls wenig. Ich werde doch einmal den Essay zusammenfassen müssen, den liest kaum einer. Wenn man nicht weiß, wie die Kritik lautet, kann man sie weder gut noch schlecht finden. Ist mir eigentlich gleich, wer von wem anerkannt wird. Wobei Ayn Rand schon anerkannt wird. Ich habe mich mit der Anerkennungssache auf eine Stelle im Essay bezogen.

  5. Skeptiker sagt:

    […]dass Popper trotz seiner anderslautenden Beteuerungen selbst zum Idealismus, Determinismus und Subjektivismus neigt und außerdem seinen eigenen Fallibilismus nie auf sich selbst anwende[…]

    Popper hat oft betont, dass die Zukunft noch ofen sei usw.
    Das schließt natürlich Determinismus keineswegs aus.
    Subjektivismus sehe ich bei Popper auf jeden Fall, schon allein, was er in „Logik der Forschung“ über Konventionen schreibt.

    Stellt sich nur die Frage, warum ich Leute ernst nehmen soll und warum sie mir Kritik, Fragen und Einwände schicken, die Ayn Rand und mich (als Anhänger und Vermittler ihrer Philosophie) nicht ernst nehmen?

    Weil auch sie einfluss haben? Weil auch ihre Meinung interessant ist? Weil man auf Kritik angewiesen ist, um sich weiterzuentwickeln?

    Wenn ich hingegen mit Deutschen über intellektuelle Themen rede, dann gibt es jedes Mal einen Schwall an Ressentiments und eingebildeter Besserwisserei, regelmäßig ohne Grundlage, zu vernehmen.

    Mir hat man auch schon mal geschrieben, „schon allein dein Nick…“.

    Nun, ja man kann Popper die Nähe zu einem bestimmten Skeptizismus unterstellen. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Skeptiker der Antike sich sehr stark gegen ähnliche Bewegungen abgegrenzt haben, daher die Unterscheidung von „akademischer Skepsis“ (bezieht sich auf eine Phase der Entwicklung der platonischen Philosophie) und dem pyrrhonischen Skeptizismus.

    Man darf aber nicht vergessen: Poppers Philosophie lehrt – nach Ansicht ihrer Anhänger – eine Methode der schrittweise Annäherung an die Wahrheit und dass man letztlich nie wissen kann, ob man die Wahrheit erreicht hat. Man kann nur ausmachen, ob man der Wahrheit wieder ein Stück weit näher gekommen ist.
    Das erinnert eher an die akademische Skepsis als an die der Pyrrhonier. Diese lehrte nämlich ausdrücklich nicht, die Wahrheit sei unerkennbar, sondern lehrten die indifferenz gegenüber dieser Frage. Selbst das aber vor allem, weil sie hofften damit dem Seelenfrieden näher zu kommen, nicht weil sie diese Position für die letzte Wahrheit hielten.

    Was Poppers Methodik selbst angeht: Sie wird wohl nur der wissenschaftlichen Praxis in einigen Bereichen wirklich gerecht, so wissenschaftliche Kryptographie.

  6. Friedrich Sommer sagt:

    Lieber Andreas Müller,

    grundsätzlich kann ich diesen Beitrag ja nachvollziehen. Aber, sie sollten sich vielleicht auch mal an der eigenen Nase fassen. Denn die Absolutheit mit der sie über diverse philosophische Strömungen urteilen, zeugt, naja, bisweilen auch nicht gerade von intellektueller Redlichkeit. Nicht weniges, was man hier über diverse philosophische Richtungen lesen kann, ist entweder polemisch verkürzt oder inhaltlich schlicht falsch.

    Ich habe mich in einem ihrer Beiträge darüber gewundert, dass die objektivistische Wissenschaftstheorie (so wie sie sie dargestellt haben) ziemlich trivial klingt. Dann haben sie mich darauf hingewiesen, dass ich das ganze Werk lesen sollte. Und wissen sie was? Ja, da hatten sie sogar Recht! Philosophie ist zu komplex, als dass Zusammenfassungen oder Sekundärliteratur einen wirkliche Kenntnis vermitteln könnte.

    Nur, diesen Rat sollten sie vielleicht auch beherzigen. Das würde die Qualität ihrer Beiträge erhöhen. Sie wären fundierter und würden nicht so viel anecken. Nichts gegens „anecken“, aber fundiert muss es halt sein.

    • Wobei Sie sich damit selbst widersprechen. Entweder Philosophie ist zu komplex für Blogeinträge oder ich soll meine Blogeinträge ändern. In der Tat muss ich aufgrund des Mediums Zusammenhänge verkürzt darstellen.

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