Ist Kunst relativ?

Warum rege ich mich so über Moderne Kunst auf? Es ist doch eine recht unwichtige Nebensache, heißt es. Kunst sei außerdem eine Sache des persönlichen Geschmacks.

Generell stimme ich dem zu, dass für die meisten Menschen viele andere Dinge wichtiger sind als Kunst. Rationalität, Produktivität, Liebe, Freundschaft sind in der Regel wichtiger. Nur, wenn man selbst ein Künstler ist, Kunst produziert, von Kunst lebt oder leben möchte (wie zum Beispiel ich, wenn auch nicht von der bildenden Kunst), dann ist Kunst vernünftigerweise das Wichtigste im Leben dieser Person. Was auch immer die Lebensgrundlage eines Menschen ist, sollte das Wichtigste in seinem Leben sein. Das Straßenbahnfahren sollte das Wichtigste im Leben eines Straßenbahnfahrers sein (oder generell seine Fähigkeit, öffentliche Verkehrsmittel sicher und angenehm fahren zu können). Um Lieben und Kinder aufziehen zu können, muss man erst einmal leben.

Nun erhalte ich regelmäßig beim Thema Kunst den Kommentar, dass ich mich nicht darüber aufregen soll, weil sich jeder schließlich die Kunstwerke besorgen oder ansehen kann, die ihm persönlich gefallen.

Das kann man allerdings über alles sagen – was aber nicht getan wird! Wenn man sich beispielsweise ein Zitroneneis kauft, feststellt, dass es nach Schweinshaxe schmeckt und sich dann darüber aufregt, dann erhält man nicht den Kommentar: „Was regst du dich auf, kann doch jeder essen, was er will! Sei nicht so intolerant!“ Das Eis schmeckt aber nicht nach Zitrone, sondern nach Schweinshaxe, was ekelig ist und was es nicht tun soll!

Wenn man Kunst nicht objektiv beurteilen kann, dann muss man natürlich sämtliche Kunstkritik sofort einstellen – denn sie ist rein subjektiv und somit willkürlich und somit kann sie anderen Menschen völlig egal sein. Das ist so, als gäbe es Testmagazine für Autos, in denen nur steht: „Mir gefällt der neue Mercedes A Klasse irgendwie, aber das kann ja jeder sehen, wie er will“ oder „Ich mag den Punto einfach. Ich weiß auch nicht warum“. Das Testmagazin würde keine Testkriterien kennen – wie etwa Fahrverhalten, Verarbeitung, Reparaturbedürftigkeit – und man könnte lediglich darin lesen, welcher Redakteur welches Auto persönlich irgendwie mag.

Die Auffassung, dass es keine objektiven Kriterien für die Beurteilung der Kunst gäbe, ist falsch und reine Willkür. Alles, was es gibt, hat eine bestimmte Identität. Alles ist das, was es ist und nichts anderes. Ein Tisch ist ein Tisch, ein Auto ist ein Auto, ein Mensch ist ein Mensch und ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk – und nicht in derselben Hinsicht auf dieselbe Weise etwas anderes. Entweder etwas ist Kunst oder es ist keine Kunst. Und es muss möglich sein, Kunst von Nicht-Kunst zu unterscheiden. Es muss möglich sein, einen Tisch von Kunst zu unterscheiden, Einrichtungsgegenstände generell, Zitronenscheiben, Windeln, Staub. Es gibt Dinge, die sind Kunst und andere sind es nicht.

Und ebenso wie es schlechte Autos, Eiscremes, Fernseher gibt, so gibt es auch schlechte Kunstwerke. Es gibt keine andere logische Möglichkeit. Wäre es anders, müsste sowohl die metaphysische Realität als auch die menschliche Erkenntnismethode bei Kunstwerken in etwas völlig anderes mutieren. Kunst und der Kunst-nicht-beurteilende Mensch müssten aus einer anderen, magischen Dimension stammen.

Der folgende Kommentar von Julian Estragon bringt den subjektivistischen Kunstbegriff zum Ausdruck:

“Beauty is no quality in things themselves: It exists merely in the mind which contemplates them; and each mind perceives a different beauty. One person may even perceive deformity, where another is sensible of beauty; and every individual ought to acquiesce in his own sentiment, without pretending to regulate those of others.” (David Hume)

Wenn der Autor in den Gemälden eines Van Gogh keine Schönheit findet, dann ist das sein Problem. Warum er sich veranlasst sieht, wütende Texte über Dinge zu schreiben, die ihn nicht ansprechen (und dementsprechend egal sein könnten), wird sein Geheimnis bleiben.

Nehmen wir mal an, ich wäre ein uneingeweihter Leser, der hier zum ersten Mal ins Feuerbringer-Magazin reinschaut und dabei auf die Kritik an Moderner Kunst trifft. Nun kann es sein, dass ich mir sage: „Ah, der hat was gegen Moderne Kunst. Na ja, das finde ich nicht so interessant, dann lese ich lieber den Spiegel“. Das wäre in Ordnung, kann man natürlich machen. Oder ich sage mir: „Oh, interessant, Kritik an Moderner Kunst. Dann schaue ich mich mal auf der Seite um, ob der Autor das irgendwo näher begründet.“ Und so ist es natürlich, etwa im Ästhetikbereich, im zugehörigen Vortragsvideo oder im ersten Teil meines Buches Der Westen. Ein Nachruf, wo ich umfassend auf das Thema eingehe.

Das eine, was man als rationaler Leser nicht tun kann, ist irgendeinen nihilistischen, unverschämten oder beleidigenden Kommentar hierher zu kritzeln. Zum Beispiel: „Sag halt gleich ‚Entartete Kunst‘!“ oder „Alles ist egal, subjektiv, relativ, also warum schreibst du hier irgendetwas über irgendetwas, obwohl es dir doch so egal sein könnte, wie alles einfach egal ist!“

Nein, es ist nicht egal! Kunst ist für die meisten Menschen kaum von zentraler Bedeutung, aber egal ist sie niemandem. Sicher nicht denjenigen, die sich die Mühe machen, hier mit Hume-Zitaten (was ich von Hume halte, steht anderswo im Blog) meiner Kritik den Boden unter den Füßen wegziehen zu wollen.

Kunst treibt uns an, sie zeigt uns eine Welt, in der wir unsere Ziele erreicht haben, in der wir unsere Werte erreichen können, wenn wir für sie kämpfen. Sie konkretisiert abstrakte Ideen wie Intelligenz, Mut und Schönheit. Sie dient auch dazu, Ethik anschaulich zu machen, uns anhand von Geschichten aufzuzeigen, dass, wie und warum sich das Gute bewährt.

Wenn hier etwas nicht stimmt, dann doch eher, dass die Menschen die Kunst von ihrem Leben abtrennen – bis zu dem Grad, dass sie ihre Relevanz völlig wegleugnen. Sie sehen sich die Helden im Fernsehen an und verhalten sich im „realen Leben“ wie die Schurken. Wie jemand so etwas machen kann, habe ich noch nie verstanden. Hier sei wenigstens einmal festgehalten, dass sie nicht mehr richtig ticken. Man kann und sollte im realen Leben ein Held sein und man wird damit Erfolg haben. Wer kein Held sein will, sondern ein Schurke, der hat allen Grund, die Bedeutung der Kunst zu leugnen, zu behaupten, sie wäre eine Sache des subjektiven Geschmacks (wie die Moral!) und wer sie objektiv beurteilt, ist sowieso ein „Nazi“. David Hume sagte, dass es keinen Grund gäbe, das Kratzen eines Fingers der Zerstörung der ganzen Welt vorzuziehen. Es ist ja schließlich „egal“ und rein subjektiv.

2 Kommentare zu “Ist Kunst relativ?

  1. Julian Estragon sagt:

    „Entweder etwas ist Kunst oder es ist keine Kunst.“

    Ebenso könntest du sagen: Entweder etwas ist lecker oder es ist nicht lecker. Es muss ja eine Identität haben! In Wirklichkeit ist lecker zu schmecken, keine objektive Eigenschaft, sondern eine Relation zwischen einer Speise und dem individuellen Geschmacksempfinden einer Person. Mit Schönheit ist es ähnlich.

    „Und ebenso wie es schlechte Autos, Eiscremes, Fernseher gibt, so gibt es auch schlechte Kunstwerke.“

    Schon bei Eiscreme kann man nicht ohne weiteres von schlechtem oder gutem Eis reden. Es gibt Eissorten, die einigen schmecken, und anderen überhaupt nicht. Es gibt natürlich auch Eissorten, die vermutlich niemandem schmecken würden, aber das liegt nur daran, dass es in unserem Geschmacksempfinden aufgrund unserer biologischen und kulturellen Verwandtschaft gewisse Ähnlichkeiten gibt. Außerirdischen Personen würden möglicherweise ganz andere Dinge schmecken, so wie sie auch ganz andere ästhetische Präferenzen besitzen könnten.

    Auch bei Autos kann man nicht ohne weiteres von guten und schlechten Autos reden. Je nach Priorität und Geschmack kann z.B. ein Hummer ein sehr gutes oder ein sehr schlechtes Auto sein.

    • Objektiv bedeutet, dass sich etwas auf die Tatsachen der Realität bezieht. Woher kommen individuelle Unterschiede in der Beurteilung? Was bedeutet subjektiv?

      Begriffe werden durch die Identifikation von Gemeinsamkeiten und Unterschieden gebildet. Abstraktion ist ein Erkenntnisinstrument.

      Es gibt Hummer, die zunächst objektiv verhältnismäßig gut oder schlecht verarbeitet sind. Ein Hummer, dessen Motor nach fünf Minuten explodiert, ist nicht für manche gut, sondern er erfüllt ein wichtiges Kriterium für gute Autos nicht.

      Auch sind Hummer für bestimmte Zielgruppen und Individuen objektiv besser geeignet als für andere.

      Unsere Biologie benennst du als Ursache für individuelle Geschmacksunterschiede. Ist unsere Biologie subjektiv, eine Sache des Geschmacks?

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