Debatten nur zum Schein

Allmählich kommt es mir so vor, als ob Argumente häufig dem Fehlschluss des Argumentum ad populum untergeordnet sind. Will heißen: Viele Menschen wiederholen eigentlich nur eine Meinung, die gerade in einer Gesellschaft oder in ihrer Gruppe populär ist und sie führen die dafür von der Gruppe genannten Argumente an, aber ohne, dass diese als Argumente für sie von Bedeutung wären. Argumente dienen also häufig nicht dazu, der Wahrheit auf die Spur zu kommen oder das zu vertreten, was man für wahr hält. Vielmehr drückt man mit Argumenten oft nur seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus. Andere Menschen antworten häufig auch nicht mit irgendeiner rational erwogenen Argumentation, sondern entweder stimmen sie mit weiteren Argumenten der Gruppe zu oder sie widersprechen mit Argumenten einer anderen Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen.

Das heißt, sie durchdenken viele Themen nicht selbst und die Wahrheit ist ihnen auch gar nicht wichtig, sondern sie reden nur das, was die Leute so reden, um dazuzugehören. Das würde jedenfalls einiges erklären.

Wiederum würde das bedeuten, dass viele Leute gar nicht versuchen, durch eigene Recherche und eigene Überlegung an Erkenntnisse zu gelangen. Überhaupt wären „Erkenntnisse“ für sie nur das, was sie sagen sollen, um dazuzugehören.

Jedenfalls macht es überhaupt keinen Spaß, mit Menschen zu diskutieren, denen ihre eigenen Meinungen und Ideen nichts bedeuten – und die tatsächlich gar keine eigenen Meinungen und Ideen haben.

Erfahrungsgemäß bin ich von Menschen beeindruckt, die individuelle Meinungen vertreten – und das müssen keineswegs meine eigenen sein. Zum Beispiel habe ich mich wie ein Schneekönig gefreut, als eine Bekannte vor einer Weile für den Bau neuer Kohlekraftwerke argumentiert hat, die an der Stelle von Kraftwerken mit erneuerbarer Energie errichtet werden sollen. Das ist zwar nicht meine Meinung (ich bin dafür, alles mit Atomkraftwerken zuzupflastern), aber es ist mal definitiv eine Meinung, die praktisch kein Mensch vertritt außer ihr und zu der sie unabhängig gelangt ist. Wenn es das doch nur häufiger gäbe!

Wahrscheinlich sollte man Menschen gar nicht ernst nehmen, die nur eine Meinung wiederholen, weil sie populär ist. Sie nehmen sich ja selbst und ihren eigenen Intellekt und die Wahrheit über die Realität nicht ernst. Warum soll ich sie dann ernst nehmen? Also sollte ich mich wohl gar nicht aufregen, wenn jemand etwa mit dem Argumentum ad Hitlerum ankommt („Die Nazis waren auch gegen Moderne Kunst“), denn in der Regel haben diese Leute keine Ahnung von der Materie (etwa die Kunsttheorie der Nazis) und meinen das auch nicht unbedingt so bösartig, sondern sie sagen nur, was das Kollektiv vorgebetet hat, um dazuzugehören.

In der objektivistischen Philosophie gibt es einen Fachbegriff für solche Leute: „Soziale Metaphysiker“ – Menschen, deren Realität aus dem besteht, was andere Menschen über die Realität sagen. Demnach gibt es keine objektiven Fakten. Es gibt nur die „Realität“ anderer Menschen, der man zustimmt, wenn es sich gut anfühlt, wenn man dazugehören will oder wenn sie einem nützlich erscheint. Neu ist für mich nur, wie unglaublich viele soziale Metaphysiker es zu geben scheint.

Wieder was gelernt.

Übrigens: Es kommt hin und wieder vor, dass ich ein paar Tage nicht blogge, weil ich einfach tausend verschiedene Sachen mache. Wenn ich wochenlang nicht blogge, sage ich das aber vorher. Also kein Grund, in den Abgrund der verzweifelten Seelen hinabzusteigen.

11 Kommentare zu “Debatten nur zum Schein

  1. Tom sagt:

    Macht nichts wenn du mal seltener bloggst, ich schätze deine Posts eigentlich immer sehr 🙂

    Zum Post: Ich glaube man kann auch den Begriff Ideologie verwenden. Die meisten Menschen treffen ihre Aussagen über die „Realität“ oder über Werturteile vor dem Hintergrund einer oft impliziten Ideologie. Diese Ideologie bestimmt sich dann meistens durch die Gruppe aus der man kommt oder aus der Erziehung. Die Frage ist wie man bei all diesen Ideologien nun zu einer objektiv einigermaßen „richtigen“ Realität kommt.
    Im kritischen Rationalismus wird davon ausgegangen dass jeder Mensch Aussagen vor dem Hintergrund einer Ideologie trifft aber man mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode zu objektiven Aussagen über die Realität kommen kann. Das trifft aber, soefern ich das richtig verstanden habe, nur auf wissenschaftliche Tatsachenbehauptungen zu. Werturteile bleiben, in der Tradition von Hume, subjektiv.

  2. Thomas Leske sagt:

    Vielleicht lässt sich das einfach mit „Rationaler Ignoranz“ erklären: Wenn man keine Zeit hat, sich mit einem Thema zu beschäftigen, geht man davon aus, das die Mehrheit bzw. die Experten im Fernsehen schon richtig liegen.

    Statt aber einfach den Mund zu halten, wenn man keine Ahnung hat, heißt es in der Demokratie: Jede Meinung ist wichtig. Jede Meinung zählt.
    Dabei wachsen uns Meinungen wie Haare auf dem Kopf. Und nur die Argumente zählen.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Korrekt, ich habe bis ca. 1994 debile („schwache“) Meinung zum Islam vertreten und bis ca. 2006 debile zur zeitgenössischen Klimatologie.
      Auf Grund dieser Erfahrungen halte ich bevorzugt die Schnauze, wenn es um etwas geht, mit dem keine Beschäftigung erfolgt ist.
      Ist schwierig zu erkennen, dass es oft gilt sich außerhalb seines Fachgebiets, und fast jeder ist dort unterwegs, so ähnlich wie jeder fast überall Ausländer ist, agnostisch zu sein, sozusagen im Sinne einer dreiwertigen Logik.

  3. sba sagt:

    Okay, ich verstehe es nicht. Und gebe das lieber gleich vorher zu, damit nicht der falche Eindruck entsteht, ich würde widersprechen, zustimmen, oder sonstwas. As a matter of fact: Der Artikel löst halt gerade (neben dem unbestimmten Gefühl, dass mit jemand den Kopf mit Watte vollgestopft habe) Gedanken aus, auf die ich, falls es genehm ist, Antwort erbitten möchte, wie,

    – an die Option, dass man (zunächst) im Austausch auf diejenigen Argumente zugreift, die einen selbst allererst überzeugt haben, in der guten Meinung „Es ergibt Sinn, also rechne ich es mal vor, was meiner Vernunft geholfen hat, wird anderer Vernunft doch auch aufhelfen“;

    – dass es auch Leute gibt, die einen Standpunkt beziehen weil er gerade unpopulär ist (Mimesis durch das Gegenteil – eigentlich komplett irrelevant und bloß eine Ergänzung);

    – woran man soziale Metaphysiker eigentlich erkennt (bzw.: wie man in concretum den Fall des ersten Punktes ausschließt)?;

    – und an die, ich glaube, es waren Schopenhauers, drei Typen: jene, die die Wahrheit selbst finden können, jene, die sie verstehen, wenn man sie ihnen erklärt und jene, die zur Wahrheit nicht taugen; und daran, dass man sich glücklich schätzen kann, wenn man nicht in die dritte Kategorie herab sinkt und manchmal seine Spitzen in der ersten hat, einfach weil der momentane Wissensschatz derart groß ist, dass es hochgradiger Spezialisierungen bedarf (zum einen) und in jedem Falle eines exorbitanten Aufwandes, den man auch nicht immer betreiben kann – ich bin Philologe, Buchdruck und (vor allem) Textarchäologie machen andere Leute, die sich in diesen Jobs hoffentlich auskennen. Arbeitsteilung. Das selbe gilt für die Logik: Ich muss sie nicht selber entwickeln, sie wurde mir beigebracht wie das Alphabet und die Integralrechnung.

    Wie gesagt, ich beziehe gerade keine Position in irgendeiner Richtung, schon, weil ich nichtmal sicher bin, was eigentlich der Punkt ist, und bloß den leisen Verdacht habe, dass es irgendwas mit Gruppenidentität zu tun haben könnte (was immerhin die Watte im Kopf erklären würde). Beihilfe zur Klärung wäre äußerst willkommen.

    Einen schönen Abend wünscht
    S
    (der gerade an einer Überdosis Rabelais krankt)

    • Dass wir von anderen lernen, ist klar und kein Problem. Wir können und sollten nicht die Erkenntnisse der Wissenschaften alle selbst noch mal erarbeiten.

      Für soziale Metaphysiker gibt es keine objektive Realität. Das, was die Gruppe sagt, zu der sie gehören, ist für sie die Realität. Es handelt sich um sozialen Subjektivismus. Die Gruppe oder Gesellschaft konstruiert demnach die Realität. Es ist vielleicht schwer für uns, sich das vorzustellen. Man hört es aber zunehmend häufig. „Das ist wahr für dich, muss aber nicht für alle wahr sein“, „Heute sieht das die Mehrheit aber so“, etc. Im Grunde ist die Demokratie selbst eine Form von sozialem Subjektivismus. Was die Mehrheit entscheidet, soll automatisch richtig sein, weil es die Mehrheit ist, die es entscheidet. Ich habe mal mit jemandem über die US-Wahlen zu Bush-Zeiten geredet und er meinte wirklich, wenn 51 Prozent Bush nicht wollen, ist er kein guter Präsident und wenn 51 Prozent ihn wählen, ist er der richtige Präsident. Völliger Quatsch, aber es gibt wirklich Leute, die sehen das so. Heute habe ich mit jemandem geredet, der direkt die Existenz objektiver Fakten bestritten hat. Ich meinte, sieh doch, ein Stein ist ein Stein und er ist für alle Menschen und Kulturen ein Stein, weil er de facto ein Stein ist. Er schüttelte den Kopf. Das hat mich in den Wahnsinn getrieben und daher dieser Blogeintrag.

      • „dass es auch Leute gibt, die einen Standpunkt beziehen weil er gerade unpopulär ist“

        Das sind auch soziale Metaphysiker, weil sich ihre Realität an anderen orientiert.

        „woran man soziale Metaphysiker eigentlich erkennt“

        Man weiß das in der Regel erst, wenn man Menschen näher kennenlernt. Manchmal machen die aber auch direkt Aussagen in dieser Richtung.

        Bezüglich des Lernens von anderen: Hier wird der soziale Metaphysiker glauben, dass es wahr ist, weil es andere sagen, während ein Objektivist glaubt, dass es wahr ist, weil es auf Belegen beruht.

  4. Dr. Webbaer sagt:

    ‚Nachplapperer‘ ginge auch als Ersatz für das Argumentum ad populum, viele plappern nur nach, wenn es um Gebite geht, die sie nicht verstehen oder die sie sich nicht versucht haben anzueignen.
    Die neomarxistisch angeleitete Politische Richtigkeit setzt bspw. ganz auf den Herdentrieb, der gar nicht so schlecht ist, aber auch seine unschönen Seiten hat.
    Betroffen sind witzigerweise oft auch Journalisten.

    Ansonsten gibt es fast unzählige Argumentationsfehler [1] und -mängel, die Erörterungen belasten, irgendwie wird hier an den Bildungsstätten mindergeleistet, so dass viele, gerade junge Leutz ungünstig herumspringen.
    Ist aber auch schwierig.

    MFG
    Dr. W

    [1] im Web stehen Listen bereit

  5. Skeptiker sagt:

    Wenn meine folgenden Ausführungen sicher auch nur Widerspruch ernten werden, hoffe ich doch, dass man anerkennt, dass ich durch eigene Überlegung (und ein bisschen Anregung) darauf gekommen bin:
    Bessere Argumente unterscheiden sich von weniger guten dadurch, dass sie „rational“ sind. „Aber was bedeutet es, dass sie ‚rational‘ sind?“
    Ich sehe zwei Möglichkeiten, diesen Begriff zu definieren: Entweder entwickeln eine Definition, die im Wesentlichen dem entspricht, was man in der „normalen Sprache“ unter „rational“ versteht (1) oder wir entwickelt die Definition ohne auf die Bedeutung von „rational in der normalen Sprache rücksicht zu nehmen (2).
    Wenn wir uns für (2) entscheiden, entsteht praktisch ein Rationalitätsbegriff in freier Erfindung, der den unseren eigenen Vorlieben oder den Vorstellungen einer Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, entspricht. Wenn wir uns für (1) entscheiden, dann gehen wir übernehmen wir damit im Grunde genommen den Begriff der Rationalität der „normalen Sprache“. In letzter Konsequenz richten wir damit unsere Bewertung von Argumenten auch nach den Vorstellungen einer Gruppe aus.

    Was die Argumentation im Artikel angeht: Ich bin z. B. kein Anhänger der Atom-Energie. Schon allein, weil das Problem der Endlagerung bisher nicht befriedigend gelöst wurde – ein Thema, das offenbar von Anhängern der A-Energie gemieden wird.
    Mir scheint dieses Argument absolut rational und auch richtig zu sein, wenn ich darüber nachdenke.
    Vorausgesetzt das wäre Mainstream:
    Muss ich mir deshalb Sorgen machen, die Meinung der Masse zu übernehmen oder darf ich mich freuen, dass auch die Masse zu Vernunft gekommen ist?

    Was „alternative Energien“ angeht, so finde ich sie fördernswert. Sie versprechen zum Beispiel Unabhängigkeit. Wäre es nicht gut, wenn jeder Haushalt in der Lage wäre, seienn Strom größtenteils selbst zu produzieren?
    Klar, es muss noch viel entwickelt werden…

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