Das totale Lernen: Seminare

Bevor ich vergesse, wo mir der Kopf steht, möchte ich einige Bücher, Seminare an internationalen Unis, Hörbücher empfehlen oder manchmal auch davon abraten, die ich mir in den letzten Wochen angetan habe. Es ist immerhin bemerkenswert, wie viele Informationen man in seinen Kopf stecken kann, wenn man es darauf anlegt, jede freie Minute mit Lernen zu verbringen. Jetzt erst einmal die Seminare.

1. Seminare

Große Universitäten bieten eine Reihe von Online-Seminaren als Eigenwerbung gratis an (bzw. nicht gratis, wenn man Tests ablegen und einen Abschluss darin machen möchte). Die meisten davon sind entweder reguläre Einführungsseminare in ein bestimmtes Fachgebiet, Seminare über bestimmte, aktuell relevante Themen, Seminare der Erwachsenenbildung (also allgemeinverständliches Zeug) oder praktische Kurse, um etwas zu lernen, darunter etwa Statistik für Lehrer. Fast alle davon erfordern sehr gute Englischkenntnisse. Hier sind einige von denen, die ich gemacht habe:

a) England in the Time of King Richard III, University of Leicester

Ich glaube, als das Thema der Rosenkriege in meinem Englischstudium vorkam, war ich damit beschäftigt, den menschlichen Geist auf subatomare Partikel zu reduzieren (Mission erfolglos). Dabei wäre das Thema recht interessant gewesen, wo doch die Fernsehserie Game of Thrones auf den Rosenkriegen beruht… Also habe ich mir diesen Kurs angetan, die Aufgaben gelöst und ihn dann wieder beendet. Grundsätzlich ist der Kurs gut gemacht, es gibt viele anschauliche Videos über die Ausgrabung des kürzlich gefundenen Grabes von Richard III., Essen im ausgehenden Mittelalter, etc. sowie eine Menge Informationen über das Leben im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit.

Allerdings ärgert mich die didaktische Herangehensweise der Kurse des Anbieters „Futurelearn“ (er stellt die E-Learning-Plattform für verschiedene Unis bereit). Infos über ein Unter-Thema, etwa das Einkommen eines englischen Bauern im 14. Jahrhundert, sind in Form und Umfang von Blogeinträgen dargestellt. Man klickt sich also durch Artikel im Umfang von nur einer Seite, um am Ende ein Quiz über das jeweilige Themengebiet abzulegen. Fachliteratur wird optional mal erwähnt oder verlinkt. Da komme ich mir voll doof vor, das zu machen, aber wer mal nebenbei was lernen will, kann natürlich vorbeischauen.

b) Statistics in education for mere mortals, Prof. Lloyd Rieber

Ja, ich habe den Statistikkurs für Lehrer  gemacht. Warum sollte man dafür schon Lehrer sein müssen? Nun, man lernt, wie man via Excel Schülerklausuren statistisch auswertet. Dabei erfährt man auch die Grundlagen der Statistik. Für mich war der Kurs vor allem als Einführung in Excel nützlich. Insgesamt war mir der theoretische Anteil zu klein und der praktische Anteil zu groß. Man tut etwas, aber man weiß zunächst nur bedingt, was und warum man das tut. Dafür wären Einführungstexte nötig gewesen und nicht nur Videos. Die letzte Klausur habe ich also gelassen. Als Einführung in Excel aber doch ganz nett.

c) Right vs. Might in International Relations, University of Glasgow

Bei diesem Seminar geht es um internationales Recht. Eigentlich hätte mich das Logo der Vereinten Nationen gleich abschrecken müssen. Im ersten Teil ging es um den Einsatz von Kampfdrohnen, was dafür und was dagegen spricht. Tatsächlich ging es den Professoren darum, ihre anti-amerikanische Meinung zu verbreiten. Die Drohnen haben sie gleich im Einführungsvideo zum Kurs abgelehnt. Leute, die vom Staat bezahlt werden, sollten Studenten nicht mit ihrer politischen Meinung indoktrinieren. Die können sie vielleicht mal am Rand in der Diskussion erwähnen, aber die Vorstellung von diesen UN-Clowns fand ich ungeheuerlich. Also habe ich den Professoren meine Meinung gesagt. Wie zu erwarten gab es einige andere Teilnehmer, die meine Kritik teilten, aber die Mehrzahl waren solche ahnungslosen Studenten, die für jeden Unsinn offen sind und sich alles gefallen lassen. Die Organisatoren des Kurses haben es wenigstens mitbekommen, was ich von so etwas halte. Den Rest habe ich mir nicht mehr angetan.

d) The Clinical Psychology of Children and Young People, University of Edinburgh

Soll ich klinische Entwicklungspsychologie auch noch studieren? Ach, warum nicht, also rein in diesen Kurs. Ich wollte sehe, ob die objektivistischen Ideen zum Thema mit dem aktuellen Forschungsstand vereinbar sind (überschneidet sich allerdings wenig). In der Tat ist das Seminar sehr gut gemacht und die Tests sind eine Stufe herausfordernder als in anderen Kursen – wobei man dafür auch psychologische Fachliteratur lesen muss. Zugegeben habe ich irgendwann realisiert, dass meine Zeit anderswo besser investiert ist, so interessant das Thema auch ist. Wer allerdings Pädagoge oder Psychologe werden möchte, für den kann ich das Seminar nur empfehlen.

e) Talk the Talk, The Open University

In diesem praktischen Kurs lernt man, wie man Reden hält. Man muss selbst eine Rede auf Englisch halten und diese wird dann von anderen Studenten beurteilt. Mir war es dann aber zu einfach. Ich wusste das alles schon. Und wieder diese kurzen Blog-Texte! Außerdem bin ich anderer Auffassung als die Veranstalter, was die Großartigkeit der TED-Talks angeht. Ich hätte es auch interessant gefunden, wie man mit seinen Vorträgen Geld verdienen und die ganzen YouTube-Trolle vermeiden kann. Wenn mir jemand von euch da Tipps geben kann, ich bin ganz Ohr…

f) Microeconomic PrinciplesUniversity of Illinois at Urbana-Champaign

Dieses Seminar über mikroökonomische Prinzipien ist ein großartiges und hinreichend anspruchsvolles Ökonomie-Seminar. Professor José J. Vázquez-Cognet ist die coolste Person des Universums und nebenbei ein sehr engagierter und fähiger Lehrer. Er ist häufig mit einem Filmteam in Urbana-Champaign unterwegs und illustriert ökonomische Zusammenhänge an Unternehmen und Märkten vor Ort. Er kommt aus Portugal und hat den amerikanischen Traum für sich verwirklicht. Vielleicht neigt er darum zu einer Verteidigung der freien Märkte, aber innerhalb des wissenschaftlichen Rahmens und ohne die Indoktrinierung der UN-Idioten, die ich oben erwähnt habe. Man hat mehrere Möglichkeiten, sich ein Zertifikat, dass man den Kurs erfolgreich bestanden hat, zu verdienen. Alle davon haben einen ordentlichen Anspruch, dafür muss man wirklich zeigen, dass man etwas gelernt hat. Dafür gibt es wenigstens eine Menge interaktive Lernmaterialien, Vorträge und Lesestoff. Top. In jedem zweiten Video sieht der Professor so aus, als hätte er ein paar Tage lang nicht geschlafen, dann ist er wieder in Topform in den Anzug gegossen. Witziger Mensch.

g) The French Revolution, The University of Melbourne

Ein Top-Kurs! Der Professor Peter McPhee hat ein ganzes Buch nur für dieses Seminar geschrieben, das man nach und nach als E-Book lesen darf. Auch gehört der Professor zur alten Garde, die einfach Wissenschaft macht, ohne zu versuchen, ihre Studenten zu indoktrinieren. Ich habe das Seminar gemacht, um endgültig zu entscheiden, ob ich die Französische Revolution nun unterstütze oder nicht. Ich wusste schon, dass ich die Amerikanische Revolution unterstütze, aber bei der Französischen Revolution gab es den Terreur, es gab Proto-Sozialisten, etc. Ich habe mich nun entschlossen, die Französische Revolution doch zu unterstützen, sofern man sie als die bürgerlich-revolutionäre Zeit vor dem Terreur, den Revolutionskriegen und den Napoleonischen Kriegen versteht. Ursprünglich haben die Bürger Frankreichs nämlich absolut legitime, um nicht zu sagen libertäre Forderungen gestellt: Sie wollten einfach nur behalten dürfen, was sie sich erarbeitet hatten, ohne Adel und Klerus mitzufinanzieren. Top. Solche Leute sollte es heute mal wieder geben.

h) Principles of Economics, Stanford University

Einmal in Stanford studieren, das muss man sich schon antun. Das Seminar ist eine umfassende und anspruchsvolle Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Professor John B. Taylor ist als Ökonomieprofessor von Stanford fachlich sehr qualifiziert. Er war auch in der Politik tätig, etwa als ökonomischer Berater des US-Präsidenten H.W. Bush. Allerdings finde ich seine Vorträge zu lang und ehrlich gesagt etwas langweilig. Derweil sollten sie die Studenten besser auf die mathematischen Aufgaben vorbereiten, die sie zu lösen haben. Mit denen wird man überrumpelt und dann muss man mal eben Graphen auswerten, umdenken, Formeln lernen. Ich habe einen Notizblock mit Formeln und Aufgaben vollgeschrieben für diesen Kurs. Ein doch recht schwieriger Kurs, wie man vielleicht erraten kann. Na ja, ich habe ihn beinahe abgeschlossen und das ist mir doch ein Zertifikat wert. Aber ganz ehrlich: Das Seminar der University of Illinois ist didaktisch viel besser gemacht. Man kann einen Kurs auch unnötig schwer machen, indem man die Studenten selbst recherchieren lässt, wie man das alles eigentlich ausrechnen soll.

Weitere Gedanken

Was mir auffällt: Die beiden Ökonomieseminare haben einen Hang, die Vorteile freier Märkte aufzuzeigen und sie präsentieren die Argumente gegen Dinge wie Mindestlohn und Mietpreisbremsen. Offenbar gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen der Auffassung der Ökonomie und der Auffassung der breiten Bevölkerung. Das erklärt jedenfalls, warum mein Wirtschaftsethiklehrer an der örtlichen Hochschule beinahe durchgedreht wäre, weil die Leute die negativen Folgen von Markteingriffen einfach nicht verstehen wollten. Während die Ausführungen über Monopole, Externe Effekte und Marktversagen schon wichtig sind, so konnte bislang eigentlich nichts meine libertären Überzeugungen wirklich ankratzen. Sei dem, wie es will: Das Marktversagen spielt doch eine relativ geringe Rolle in der Ökonomie im Vergleich zu den allermeisten Fällen, wo der Markt die optimale Lösung ist; selbst aus der utilitaristischen Sicht der Volkswirtschaft. Und selbst, wo er nicht gut funktioniert, ist die Lösung keineswegs unumstritten. Bislang haben Staatseingriffe selbst in solchen Fällen häufig nicht zum gewünschten Resultat geführt. Da hört man zudem in der politischen Debatte aber weitaus häufiger über das Marktversagen, als es in der Wirtschaft vorkommt.

Na ja, jetzt habe ich keine Nerven mehr für Kurse. Ich habe noch andere Dinge zu tun. Im nächsten Blogeintrag gehts um Bücher und Hörbücher, die ich mir in den letzten Wochen angetan habe.

Ein Kommentar zu “Das totale Lernen: Seminare

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Das erklärt jedenfalls, warum mein Wirtschaftsethiklehrer an der örtlichen Hochschule beinahe durchgedreht wäre, weil die Leute die negativen Folgen von Markteingriffen einfach nicht verstehen wollten.

    Die Leutz konnten hier meist nicht folgen, denn der allgemeine Erwartungs- oder Planungshorizont ist gerade heutzutage, auch dank Agitation, nicht langfristig, nur so werden bspw. auch staatliche Verschrottungsprämien verständlich.
    Der Proll denkt eher in Monaten als in Jahren, geschweige denn in Jahrzehnten; genau davon lebt ja die politische Linke.

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