Gedanken über politische Korrektheit

„Einige Menschen löschen unter dem Vorwand, Vorurteile ausmerzen zu wollen, stattdessen Tugend, Ehrlichkeit und Glauben aus.“ (Jonathan Swift und Alexander Pope: Gedanken über die verschiedensten Gegenstände)

Bei der politischen Korrektheit geht es darum, Menschen zum rücksichtsvollen Sprachgebrauch zu motivieren, damit sich Minderheiten nicht länger ausgestoßen fühlen. Wer möchte schon gerne „Nigger“ oder „Schwuchtel“ genannt werden? Wer genießt es schon, „Brillenschlange“ oder „Harry Potter“ genannt zu werden (wie ich selbst vor kurzem wieder)? Nach einer politisch korrekten Edition von Mark Twains Literaturklassiker „Huckleberry Finn“ haben deutsche Kinderbuchverlage Bücher wie „Pippi Langstrumpf“ und „Die kleine Hexe“ bereinigt. Begriffe wie „Neger“ und „Nigger“ sind draußen. Der „Mohrenkopf“ heißt sowieso unlängst „Schokokuss“.

Während es an amerikanischen Universitäten „Speech Codes“ gibt, so ist die Wahl einer politisch korrekten Ausdrucksweise hierzulande nicht durch Verordnungen und Gesetze festgeschrieben – außer an einigen Universitäten. Also inzwischen doch; aber hier mit Bezug auf die innere Verwaltung und unverbindlich für Studenten („Herr Professorin“). Wer irgendwo etwas politisch Inkorrektes äußert, kann hier wie dort Ansehen und Beruf verlieren. Und sei es in privater Kommunikation, die widerrechtlich abgehört und veröffentlicht wird. Oder überall sonst.

Laut der modernen Linguistik ist der Zusammenhang zwischen Zeichenform und Zeicheninhalt „arbiträr“. Man könnte einen „Tisch“ auch „Stuhl“ nennen. Es gibt keinen notwendigen Zusammenhang zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten (außer dem Willen, Gedanken klar zu kommunizieren, verstanden zu werden und dergleichen reaktionärer Unsinn). Wenn es also weniger verletzend für sie ist, kann man Antisemiten auch als „Israelkritiker“ bezeichnen. Das wird dann auch konsequent getan.

Die politische Korrektheit verbreitet eine totalitäre Atmosphäre. Man kann sich nie sicher sein, ob es sexistisch ist, wenn man einer Frau die Tür aufhält und sie „werte Dame“ nennt oder einfach nur höflich oder beides. Darüber reden kann man nicht, weil man dazu politisch inkorrekte Gedanken zur Diskussion stellen müsste. Sollte man gleichberechtigten, selbstständigen Frauen den Vortritt lassen? Warum nicht ebenso Männern? Aber wie passen beide gleichzeitig durch schmale Türen?

Was auch immer die politische Korrektheit sonst noch tut, so behindert sie die freie, klare Kommunikation. Wenn jemand der Meinung ist, dass ich aufgrund meiner Kurzsichtigkeit ein minderwertiger Mensch bin und er das ohnehin äußern wird, so sollte er es besser auf eine verständliche Weise tun. Dann weiß ich gleich, wen ich in meine eigene politisch inkorrekte Schublade stecken kann, um ihm zukünftig aus dem Weg zu gehen. „Du bist fett und hässlich“, „Narzisstischer Sack“ und „Rassist“ waren zum Beispiel Kommentare unter meinen YouTube-Videos. Gut, dass wir darüber geredet haben. Da weiß man gleich, von wem vernünftige Beiträge nicht zu erwarten sind.

Ironischerweise ist gerade den Vertretern der politischen Korrektheit nichts heilig. Nicht die freie Rede, das unabhängige menschliche Urteilsvermögen und gewiss nicht Literaturklassiker. Die „toten, weißen Männer“, die für die meisten Klassiker der hohen Literatur verantwortlich sind, können sich ohnehin nicht mehr wehren. Es ist ein großes Pech für die politisch Korrekten, dass es nicht nur große Verlage gibt, die Literatur zensieren, sondern auch unabhängige Publizisten, die es unterlassen.

Das neue Buch von Michael Wollmann und mir ist so eine Literaturübersetzung, die zweifellos politisch inkorrekte Aussagen enthält. Wir haben sie unverändert in ein heute verständliches Deutsch übertragen. Die „Gedanken über die verschiedensten Gegenstände“ der beiden Satiriker Jonathan Swift („Gullivers Reisen“) und Alexander Pope („Der Lockenraub“) wollten vor 250 Jahren schon unbequem sein und heute sind sie für manche unerträglich. So lassen die beiden Spötter ihre Leser unter anderem folgendes wissen:

„Wir schätzen es, wenn Frauen ein kleines bisschen Verstand haben, wie es uns erfreut, wenn ein Papagei einige klare Worte sagt.“

„Das Recht wird in einem freien Land von der Mehrheit der Grundbesitzer bestimmt. Jedenfalls sollte es das.“

Wir vertrauen darauf, dass der freie, rationale Geist unserer Leser auch mit dem Herausfordernden und politisch Inkorrekten umzugehen weiß. Wenn Sie sich das auch zutrauen: Das Buch gibt es im Kindle-Shop für 99 Cent. Wenn nicht, sei Ihnen die bereinigte Fassung von Pippi Langstrumpf ans Herz gelegt.

3 Kommentare zu “Gedanken über politische Korrektheit

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Die Politische Richtigkeit ist der Versuch einiger politische Herrschaft über Menschen zu gewinnen, deren Vortrag nicht darauf geprüft werden soll, ob die Argumente stichhaltig sind, sondern darauf, ob sie vorgetragen werden dürfen.

    Es handelt sich hier um ein Konzept der soziodynamischen Zensur, das neomarxistisch angeleitet und recht erfolgreich ist, aber die Nachteile hat, dass es jederzeit an der Realität scheitern kann und dass der Einzelne nicht mehr sachliches und die Wortwahl betreffend etymologisches Wissen direkt verwenden kann, sondern zuerst bei neomarxistischen Linguisten anzufragen hat, also Macht, eigene Macht abzugeben hat.

    Die paternalistische Politische Richtigkeit steht in direktem Widerspruch zum Sapere Aude.

    MFG
    Dr. W

  2. Leonard sagt:

    „..neomarxistischen Linguisten..“; das ist mir völlig neu:
    wer gehört z. B. zu diesen?

    • Dr. Webbaer sagt:

      Dr. Anatol Stefanowitsch im d-sprachigen Raum, den müssen Sie unbedingt zK nehmen, K-Probe:
      ‚Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich.‘ (Quelle)

      Es gibt zudem von Herrn Dr. Stefanowitsch regelmäßig Nachricht, wie dieser oder jener Begriff aus seiner Sicht heute zu benutzen ist.

      Ziehen Sie sich gerne mal das Bremer Sprachlog und die Nachfolge-Periodika rein.

      MFG
      Dr. W

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