Nahost: Was ist die Ursache der einseitigen Berichterstattung?

„Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, Professor an der Freien Universität Berlin, hat über sechs Tage lang 170 Nachrichtenüberschriften deutscher Medien analysiert und stellte dabei eine „systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure“ zu Ungunsten der israelischen Seite fest.“ (siehe Welt)

„Israels Regierung beklagt die einseitige Berichterstattung über den Gaza-Krieg. Der Protest einer unabhängigen Journalistenvereinigung gegen Hamas-Methoden gibt dem Rückenwind.“ (siehe Welt)

Wie kann das sein?

Stefanowitsch unterstellt den Redakteuren keine Absicht. Und die Artikel selbst seien ausgewogener. Allerdings lesen viele Menschen die Artikel gar nicht, sondern nur die Titel, sollte man ergänzen. Und durch die Titel bekommen sie einen völlig falschen Eindruck. Warum also diese Titel? Weil die Hamas Journalisten dazu zwingt, Israel schlecht zu schreiben? Warum wird dann Hamas-Propaganda in deutschen Medien veröffentlicht, ohne auf die Zensur durch die Hamas hinzuweisen? Müssen sich deutsche Journalisten ausländischen Tyrannen und Terroristen beugen und in ihrem Interesse schreiben? Oder machen sie das nur im Falle Israels? Und wenn sie die verzerrenden Titel zuungunsten Israels nicht „bewusst“ so schreiben, so möchte ich gerne wissen, wie man bewusstlos und ohne zu denken Titel wählen kann. Das würde mir eine ganze Menge Zeit sparen.

9 Kommentare zu “Nahost: Was ist die Ursache der einseitigen Berichterstattung?

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Dr. Stefanowitsch hat sich bereit distanziert von der Zitation:
    -> http://www.sprachlog.de/2014/07/24/die-welt-entschuldigt-sich-fuer-dinge/

    Dies nur ergänzend angemerkt,
    Dr. W (der sich durchaus als Dr. Stefanowitsch-Kenner bezeichnen wollte; also, wenn es um diese Person geht…)

  2. Martin sagt:

    Eine der Hauptursachen dürfte sein, das sich das Märchen von den von den Israelis geknechteten Palästinensern so festgesetzt hat, daß es die komplette Denkweise der Leutchen einfärbt.

    Lustigerweise ist das genau das, was -oft dieselben- Authoren und Redakteure sonst sofort als rassistisches Vorurteil und Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe anprangern würden.

  3. Martin sagt:

    Ich denke, es liegt daran, daß die Journalisten und Redakteure das Vorurteil vom bösen Israel, das die armen Palästinenser unterdrückt, derart verinnerlicht haben, daß es sich ständig auf diese rassistische und diskriminierende Weise Bahn bricht.

    Eigentlich wäre das mal etwas ausnahmsweise sinnvolles, mit dem Antidiskriminierungsbeauftragte sich befassen könnten.

  4. sba sagt:

    Naja, was die „unbewusten Titel“ angeht, denke ich, dass diese Schlussfolgerung ein wenig übertrieben ist –in einem bestimmten intellektuellen (oder antiintellektuellen) Klima kann schon die reine Wahrheit, wie neutral auch immer formuliert, dennoch als Stellungnahme für oder gegen eine Seite missverstanden oder zum Grund für eine solche werden. In concreto (und in der Deutschenfreundlichsten Form): In Deutschland existiert, und ich habe keine Zeit erlebt, in der es anders war, ein ziemlich verbreitetes und profundes Misstrauen gegenüber Waffen und gegenüber dem Konzept der Selbstverteidigung (woran mir schon wieder ernste Zweifel kommen, wenn ich mich an die scheinbare Problemlosigkeit deutscher FLAK-Batterien an der türkisch-syrischen Grenze denke, da bin ich dann schon versucht, in deutschenunfreundliche Richtungen zu denken). Schreibt man, dass sich jemand, oder ein Staat, mit Waffengewalt gegen eine Bedrohung verteidigt, die nicht schon physisch direkt in seiner Wohnung steht, erregt oder bestätigt dies Misstrauen gegenüber diesem jemand oder Staat. Und dann schreibt Stephanowitsch, „dass Israel als Akteur in dem Konflikt namentlich wesentlich häufiger in den Schlagzeilen genannt wird als die Gegenseite“. Wenn das stimmt, mag das diverse sachliche Gründe haben (ist zB recht schwierig über Aktivitäten von Leuten, die man nie oder fast nie antrifft, aus erster Hand zu berichten), ist aber Gift für die Wahrnehmung – die machen und die anderen erleiden und reagieren nur; das sind nicht die Fakten, aber so kommt es an. Und außerdem ist es auch eine Sache der Statistik, für die der einzelne Redakteur nichtmal unbedingt etwas kann – mag einer seine Überschriften noch so ausgewogen wählen, der Rest reist’s halt runter. Außerdem besteht diese Meinungsfront schon 20, 30 Jahre lang und was wir jetzt erleben, dürfte auch das Ergebnis dessen sein, was passiert, wenn Ressentiments bereits so lange gepflegt wurden. Blöd gelaufen, müssen wir jetzt durch. Vielleicht gewinnt die Vernunft dabei ja ein bisschen an Boden. Oder wir gewinnen an Vernunft.

  5. Alexia sagt:

    [center]Und wenn sie die verzerrenden Titel zuungunsten Israels nicht “bewusst” so schreiben, so möchte ich gerne wissen, wie man bewusstlos und ohne zu denken Titel wählen kann.[/center]

    Nur mal ein Gedanke: Verkaufszahlen!

    Neutrale Titel wie „Immer noch Krieg in Nahost“ oder „Schon wieder Raketenabschüsse“ sind langweilig.
    Gaza-lastige Titel wie „Hamas-Rakete hinterlässt Risse im Straßenasphalt“ oder „Rakete aus Gaza zwingt Israelis in Schutzräume – Mittagessen wurde kalt“ reißt niemandem vom Hocker.
    Was sich verkauft, sind „einschlagende“ Schlagzeilen wie „IDF zerstört einziges Kraftwerk in Gaza. Hunderttausende ohne Strom!“

    Kapitalismus interessiert sich nicht für politische oder auch nur sachliche Korrektheit. Man kann schon froh sein, wenn zumindest die Artikel ausgewogen sind. Und das sind sie vermutlich auch nur, weil sonst die Redaktionen wegen Hassreden und Antisemitismus Ärger bekommen würden.

    Was herauskommt, wenn man profitorientierte Medienunternehmen machen lässt, kann man „Nachrichten“-Sender FOX NEWS sehen. Hetze und Diffamierungen ohne Ende. Ausreichend viele Zuschauer lieben das.

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