Mysterium Antisemitismus

Die wahre Antifa (Quelle unbekannt)

Die wahre Antifa (Quelle unbekannt)

Laut der größten Studie zum Thema von der amerikanischen Anti Defamation League gibt es auf der Welt insgesamt rund 1,09 Milliarden Antisemiten. Derweil gibt es nur rund 15 Millionen Juden. Können die sich jetzt geschmeichelt fühlen angesichts der ganzen Aufmerksamkeit? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine 1,09 Milliarden Menschen gibt, die deutsche Objektivisten hassen (oder wissen, was das ist). Wahrscheinlich gibt es keine. Da fühlt man sich richtig vernachlässigt.

Auf jeden Fall ist das ein Phänomen, das ich überhaupt nicht verstehe. Eine ganze Reihe irrationaler Wahnvorstellungen lassen sich philosophisch und psychologisch entschlüsseln, aber keine angebotene Erklärung scheint dem Antisemitismus wirklich gerecht zu werden. Wäre der Antisemitismus eine regionale Spinnerei, die für ein paar Jahre anhält, könnte man sie erklären. Aber eine weltumfassende, Jahrtausende überstehende Totalspinnerei erfordert eine außergewöhnliche Erklärung. Meine Erklärung ist eine weltumfassende, Jahrtausende überstehende Totaldummheit. Man könnte auch den Judenhass zerlegen in zeitlich und räumlich begrenzte Varianten und diese dann erklären. Aber das ändert nichts daran, dass es da einen Hass gibt, der sich seit Ewigkeiten gegen „die Juden“ richtet.

Was haben die Leute gegen Juden?

Man sagt, sie seien unter anderem „Gottesmörder“, „Brunnenvergifter“, „Ritualmörder“, „Wucherer“ (Mittelalter und frühe Neuzeit), „Parasiten“, „Ausbeuter“, „Verschwörer“ und heimliche „Weltherrscher“. Angeblich beherrschen sie die Welt in ihrer Rolle als liberale Kapitalisten, was ein Selbstwiderspruch ist. Wie kann man gleichzeitig die französische und andere bürgerliche Revolutionen eingefädelt und somit die Menschen von absolutistischer Herrschaft befreit haben, und die Welt beherrschen? Habe ich nie verstanden. Man kann nicht einmal den Vorwurf, der Juden gemacht wird, klar identifizieren. Offenbar wurden Juden einfach für „irgendetwas“ ermordet.

Die aktuelle „Kindermörder Israel“-Angelegenheit fällt in die Ritualmörder-Kategorie.

Nun sind diese Vorwürfe offensichtlich Bullshit und wer das nicht für offensichtlich hält, kann es nachprüfen und kommt zum selben Ergebnis. Eigentlich braucht man es nicht einmal zu überprüfen, weil es willkürliche Vorwürfe sind, die nicht auf Belegen beruhen. Das Phänomen des Judenhasses ist aber real und man kann es nicht ignorieren.

Aspekte und Varianten des Antisemitismus

1. Der christliche Antisemitismus gibt den Juden kollektiv die Schuld am Tod Jesu.

Christen glauben nur selektiv bestimmte Dinge in der Bibel, also könnten sie die entsprechenden antijudaistischen Bibelpassagen im Neuen Testament ebenso ignorieren wie Jesu Aufforderung, seinen ganzen Besitz zu verschenken und ihm zu folgen – und so ziemlich alles andere, was Jesus gesagt hat. Außerdem: Jesu Tod war Gottes Plan, um den Menschen ihre Sünden zu vergeben. Sollte man Juden nicht dafür danken, Gott bei der Erfüllung seines Planes geholfen zu haben?

2. Die Gegenaufklärung wirft Juden seit dem 18. Jahrhundert vor, den Liberalismus und den Kapitalismus heimlich durchgesetzt zu haben.

Dafür sollte man sich eigentlich bedanken. Die Herrschaft von Königen und Adel beendet und den individuellen Bürger ermächtigt zu haben, ist kein richtiger Vorwurf. Das ist so ähnlich, als würde man Robert Koch und Louis Pasteur ihre Erfolge bei der Erkenntnis und Behandlung von bakteriellen Krankheiten vorwerfen. Es stimmt nicht. Aber würde es stimmen, dann müssten wir „den Juden“ überaus dankbar sein.

3. Man wirft den Juden vor, sie würden sich für das von Gott ausschließlich erwählte Volk halten.

Es gibt keinen Gott. Es gibt kein von Gott erwähltes Volk. Aber wenn das jemand glauben möchte, warum sollte es andere Menschen überhaupt kümmern?

„Hey, ich gehöre zum Volk, das von Gott persönlich alleine als Gottes Volk auserwählt wurde!“

„Oh! Das ist wirklich schön für dich.“

4. Man wirft Juden vor, schlau und gerissen zu sein

Es wäre vernünftiger, Menschen vorzuwerfen, nicht schlau und gerissen zu sein. Ähnlich wie bei der Einführung des Kapitalismus werden Juden hier für ihre unterstellten Tugenden angeklagt.

5. Man wirft Juden vor, Zinsen zu nehmen

Das könnte man jeder Bank vorwerfen und es wäre genauso unsinnig. Warum sollte jemand das Risiko auf sich nehmen, Ihnen Geld zu leihen, ohne davon zu profitieren? Verleihen Sie einfach ohne Gegenleistung an irgendwelche fremden Leute Ihr Geld?

6. Juden seien eine unterlegene Rasse

Juden haben mehr Nobelpreise gewonnen als alle anderen Menschengruppen. Laut aktuellem Stand der ethnischen Intelligenzforschung haben aschkenasische Juden sogar im Schnitt eine höhere Intelligenz als andere Menschengruppen (siehe Steven Pinker zum Thema). Wie auch immer, Menschen können nur für ihre individuellen Entscheidungen moralisch bewertet werden – nicht für ihre natürliche Gruppenzugehörigkeit. Atheisten sind im Schnitt auch intelligenter als andere Menschen, aber es gibt trotzdem viele Atheisten, die Idioten sind.

7. Juden sollen Brunnen vergiften

Wir beziehen unser Wasser nicht mehr aus Brunnen und auch nicht mehr direkt aus dem Grundwasser. Das Leitungswasser und das Wasser aus dem Supermarkt sind aufwändig gereinigt. Also sollen die Juden halt Brunnen vergiften, wenn es ihnen Spaß macht. Davon abgesehen vergiften sie natürlich keine Brunnen.

8. Juden sollen Hostien schänden

Katholiken glauben (ich habe schon mehrere Priester und einen Bischof kennengelernt, die das ernsthaft glauben, aber die meisten Katholiken in Deutschland werden es wohl nicht mehr glauben), dass sich Hostien bei der Eucharistie in den Körper von Jesus verwandeln. Für so einen Glauben, der direkt dem Identitätsaxiom, einer grundlegenden, unbestreitbaren metaphysischen Tatsache widerspricht (wie übrigens alle Wunder), sollte man sich schämen. Es ist blöde, so etwas zu glauben. Es ist noch viel blöder zu glauben, dass Gott sich nicht selbst wehren könnte, wenn die Leute die Kekse aus dem Körper seines Sohnes schlecht behandeln. Es ist noch blöder zu glauben, dass man ein Recht hätte, Juden zu verfolgen, weil man ihnen willkürlich vorwirft, Kekse zu schänden. Alles ist total blöde an der Idee der Hostienschändung.

Warum also Antisemitismus?

Götz Aly hat eine gute Erklärung für den deutschen Antisemitismus vorgelegt: Neid. Die Deutschen waren irgendwelche bekloppten, abergläubischen Bauerntrottel und jüdische Schüler gehörten häufig zu den besten in der Klasse. Das konnten die Bauerntrottel nicht ertragen und haben sich in einen blinden Hass auf die Juden hineingesteigert.

Ob das den Antisemitismus in seiner Gesamtheit erklärt, ist die Frage. Sicher können Muslime auch neidisch sein auf Israel, das viel erfolgreicher, wohlhabender, stabiler, einfach besser ist als die muslimischen Nachbarländer. Aber es gab schon einen islamischen Antisemitismus lange vor Israel.

Da gefällt mir meine Erklärung besser. Eine Milliarde Menschen haben eine unaufgeklärte Geisteshaltung. Das erklärt einiges, wenn man darüber nachdenkt.

Im Grunde ist der Antisemitismus aber nicht der lustige Irrglaube einiger Irrlichter, sondern ein beängstigendes Phänomen. Bei einem meiner persönlichen Streitgespräche mit einem Israelkritiker konnte ich den Ausbruch dieser psychischen Krankheit beobachten. Eine scheinbar völlig normale Person, die bei anderen Gelegenheiten ganz normale Dinge sagt, schaltet auf einmal in den Psycho-Modus um, sobald Israel erwähnt wird. Es folgt eine unaufhaltsame Tirade von moralischen Verurteilungen der vermeintlichen üblen Taten jener Israelis und eine an eine narzisstische Störung erinnernde Klage darüber, dass man für jedes Fünkchen Israelkritik gleich als Antisemit bezeichnet werde (was ich nicht einmal getan hatte, obwohl es angemessen gewesen wäre). Die Tirade konnte nur durch meinen eigenen Charakterfehler gestoppt werden, der darin besteht, in eine wütende Aufzählung offenbar wenig bekannter Fakten auszubrechen, wann immer jemand zu viel Unsinn redet. Wirklich geändert hat das nichts. Wer nicht durch die Vernunft zu seinen Überzeugungen gekommen ist, der kann auch nicht durch Vernunft von ihnen abgebracht werden.

Viele Menschen lesen irgendwann mal ein Buch oder eine Website und glauben dann einfach, was sie dort gelesen haben, bis zum Ende ihres Lebens. Jede Kritik verstehen sie als persönlichen Angriff.

Obwohl ich kein großer Kant-Fan bin, kehre ich doch immer wieder zu seinem wirklich großartigen Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? zurück:

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen [A482] (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit [A483] herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Aufklärung ist also eine bestimmte Geisteshaltung. Eine Geisteshaltung, die viele Menschen einfach nicht teilen. Eine Geisteshaltung, die aber nötig ist, Unsinn, an den man willkürlich glaubt, als solchen zu erkennen und ihn abzuwerfen. Und so verbreitet sich Unsinn wie der Antisemitismus über die Generationen hinweg weiter.

12 Kommentare zu “Mysterium Antisemitismus

  1. Dr. Günter Buchholz sagt:

    Ich habe diesen m. E. sehr guten und diskussionswürdigen Beitrag hier verlinkt:

    http://frankfurter-erklaerung.de/2014/08/mysterium-antisemitismus/

  2. Dr. Webbaer sagt:

    15 Millionen Juden

    Die „verdammt“ talentiert zu sein scheinen, sich historisch ihre Identität auch unter widrigen Umständen bewahren konnten.
    Ich räume hier als Nicht-Jude ein einmal Henryk Broder diesbezüglich angefragt zu haben, er sieht hier als Alleingrund die jüdische und um die Erkenntnis bemühte Kultur, kann aber nicht umfänglich folgen.

    Die „Götz Aly-Erklärung“ Neid für den Antisemitismus muss nicht verkehrt sein.

    MFG
    Dr. W

    • Dr. Webbaer sagt:

      PS:

      Da gefällt mir meine Erklärung besser. Eine Milliarde Menschen sind dämliche Bastarde.

      Aber nicht von Natur aus, sondern eben antisemitisch angeleitet, auch von Vorfällen wie diesen, die von weniger klugen und sittlich stabilen als den Römern anders interpretiert werden konnten:
      -> http://de.wikipedia.org/wiki/Masada (‚Flavius Josephus berichtet, dass die Belagerten unter Führung von Eleazar ben-Ya’ir, als die Lage aussichtslos wurde, beschlossen, lieber als freie Menschen zu sterben, als den Römern in die Hände zu fallen (…)‘)

  3. Rüdiger sagt:

    Da gefällt mir meine Erklärung besser. Eine Milliarde Menschen sind dämliche Bastarde. Das erklärt einiges, wenn man darüber nachdenkt.

    Vertretern anderer Auffassungen das Etikett dämliche Bastarde umzuhängen, ist leider auch keine befriedigende Erklärung. Finde ich jedenfalls.

    Genau so handhaben das auch die Anhänger der Religionen, die Du immer so gern verspottest: Die anderen, die Nicht- oder Andersgläubigen, die Heiden, die Götzendiener, usw. sind dumm wie Brot, schlimmer als das Vieh.

    Die Juden selbst würden Deinen Ausführungen zustimmen. Alles Bastarde, die Leute, die uns nicht mögen. Goyim heisst bei den Juden der Fachausdrück dafür.

    9 Milliarden minus 15 Millionen Menschen sind Goyim: Dämliche Bastarde, deren einziger Lebenszweck es sein kann, für die 15 Millionen zu arbeiten. Sagte Rabbi Ovadia Yossef (1920-2013), Anführer der Schas-Partei, die bis 2013 Israel mit regierte:

    http://www.veteranstoday.com/2011/12/20/israeli-rabbi-who-teaches-that-non-jews-are-to-serve-jews-sets-up-shop-in-us/

    Er hat sich das sicher nicht so ausgedacht, um ein bisschen zu provozieren – diese Ansicht ist mit Sicherheit in der talmudischen Tradition zu finden (und keine böswillige Talmudfälschung von Neonazis).

    Eine viel naheliegendere Erklärung dafür, dass Juden oft die Feindschaft der Völker, in denen sie leben, auf sich ziehen, ist ganz einfach dieser Umstand: Dass sie seit langer Zeit, nämlich seit der Niederwerfung des Bar Kochba-Aufstands durch Kaiser Hadrian ein Diasporavolk waren, also überall in anderen Völkern lebten, aber nicht in diesen aufgingen, sich nicht assimilierten, sondern ihre eigene – insbesondere religiöse – Gruppenidentität wahrten.

    Wenn man wirklich nach etwas einzigartigem sucht, was die Juden von anderen auszeichnet, um den Hass gegen sie zu verstehen, ist das erstmal ein Ausgangspunkt (man könnte noch die Zigeuner anführen, die ebenfalls ihre eigene Identität behielten, statt sich zu assimilieren – und auch gegen sie richtete sich Argwohn, Misstrauen und Feindschaft der Völker, in denen sie lebten).

    Aus Sicht der Gastvölker war es nämlich fraglich, ob diese sich bewusst abgrenzenden Gruppen bereit waren, den gemeinsamen Kodex von Moralregeln, den auf Vertrauen und gegenseitigen Solidaritätserwartungen basierenden Zusammenhalt, der die Voraussetzung ihres Bestehens als Volk bildete, mitzutragen.

    Aber sorry, Völker… das ist ja alles so eine kollektivistische Scheisse. Dann lieber noch ein paar Scherze über Jesuskekse, das hält bei Laune.

    P.S.: Es ist übrigens Geist vom Geist der Buchstabengläubigen, wenn Du Christen vorwirfst, nicht das gesamte Buch von vorne bis hinten zu glauben, was rein logisch nicht möglich ist (und trotzdem von einigen probiert wird – eben den Buchstabengläubigen.) Wenn sie das nicht tun, kommst Du mit dem Vorwurf Rosinenpickerei. Tja: Was auch immer die Gläubigen machen, ist eben Mist.- War das nicht beim Judenhass genauso: „Was auch immer der Jude macht, ist Mist“.

    • Die Erklärung ist, dass sie eine unaufgeklärte Geisteshaltung haben.

      Genau so handhaben das auch die Anhänger der Religionen, die Du immer so gern verspottest: Die anderen, die Nicht- oder Andersgläubigen, die Heiden, die Götzendiener, usw. sind dumm wie Brot, schlimmer als das Vieh.

      Der Antisemitismus ist keine Religion, sondern eine gefährliche Wahnvorstellung, die Pogrome und Massenmord ausgelöst hat. Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Dass man manchen Menschen fälschlicherweise vorwirft, bescheuert zu sein, widerlegt nicht die Möglichkeit, dass einige Menschen bescheuert sind.

      Die Juden selbst würden Deinen Ausführungen zustimmen. Alles Bastarde, die Leute, die uns nicht mögen. Goyim heisst bei den Juden der Fachausdrück dafür.
      9 Milliarden minus 15 Millionen Menschen sind Goyim: Dämliche Bastarde, deren einziger Lebenszweck es sein kann, für die 15 Millionen zu arbeiten.

      Das sagen ja nun nicht „die Juden“, sondern es sagt ein bestimmter Rabbi von einer bestimmten Partei.

      diese Ansicht ist mit Sicherheit in der talmudischen Tradition zu finden

      Alles Mögliche ist in jeder möglichen Religion zu finden. Aber wie viele Juden glauben wirklich, dass Nicht-Juden für sie arbeiten sollen? Das ist doch Unsinn.

      Aus Sicht der Gastvölker war es nämlich fraglich, ob diese sich bewusst abgrenzenden Gruppen bereit waren, den gemeinsamen Kodex von Moralregeln, den auf Vertrauen und gegenseitigen Solidaritätserwartungen basierenden Zusammenhalt, der die Voraussetzung ihres Bestehens als Volk bildete, mitzutragen.

      Weißt du, wie viele sich bewusst abgrenzende Gruppen es in einer pluralistischen Gesellschaft wie den westlichen Gesellschaften gibt? Metaller, Punks und Hip-Hopper haben alle ihre spezifische Szenekultur. Und doch wird nur eine von diesen Gruppen seit Ewigkeiten gehasst.

      Wenn sie das nicht tun, kommst Du mit dem Vorwurf Rosinenpickerei.

      Alles ist etwas Bestimmtes. Wenn man alle Glaubensinhalte und alles, was Jesus sagte, vom Christentum abzieht, bleibt kein Christentum mehr übrig. Und doch gibt es viele moderne „Christen“, die an keinen traditionellen christlichen Glaubensinhalt mehr glauben.

      Was auch immer die Gläubigen machen, ist eben Mist.- War das nicht beim Judenhass genauso: “Was auch immer der Jude macht, ist Mist”.

      Das liegt daran, dass religiöser Glaube als solcher irrational ist. Man kann nichts Vernünftiges aus unvernünftigen Prämissen machen. Trotzdem ist nicht alles Mist, was Gläubige machen. In so einer Religion stecken eine Menge Einflüsse, die nichts mit dem Glauben an Gott zu tun haben. Einiges an religiöser Ethik kann man auch auf rationaler Grundlage verteidigen. Den Glauben selbst aber nicht.

      • Über jüdische Fanatiker in Israel gibt es viel zu lesen. Es gibt verdächtig wenig zu lesen darüber, was Israel eigentlich ist: Ein moderner, liberaler, pluralistischer Rechtsstaat, in dem auch Muslime hohe politische Positionen bekleiden. Trotz einiger jüdischer Fanatiker. Auch liest man selten, dass die Israelis eine äußerst säkulare Bevölkerung sind.

        • Die Formulierung „dämliche Bastarde“ habe ich trotzdem zurückgezogen, weil sie unscharf ist. Antisemiten haben eine unaufgeklärte Geisteshaltung, das ist gemeint.

        • Rüdiger sagt:

          Über jüdische Fanatiker in Israel gibt es viel zu lesen. Es gibt verdächtig wenig zu lesen darüber, was Israel eigentlich ist: Ein moderner, liberaler, pluralistischer Rechtsstaat, in dem auch Muslime hohe politische Positionen bekleiden.

          Stimme zu, das mediale Bild von Israel ist furchtbar verzerrt, ich habe das Phänomen des Antisemitismus ja auch nicht bestritten – die Sache mit den dummen Goyim passte mir nur gerade schön ins Bild, weil Du ja genau auch diese Auffassung wie Rabbi Ovadia Yossef (mit umgekehrten Vorzeichen) verbreitetest: Die anderen (die nicht die Wahrheit kennen wie ich) sind blöd.

          Ich verstehe schon, dass es Dir letztlich um den Aufruf ging: Informiert euch, macht euch schlau, dann verschwindet der Antisemitismus automatisch. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass in dem „Sich-Schlauer-Fühlen-Als-die-anderen“ auch immer eine Gefahr enthalten ist.

          Manche Leute, die sich schlauer fühlen als die anderen (z.B. die Marxisten, die sich durchaus auch als Aufklärer verstanden), haben z.B. die Tendenz, aufgrund ihres vermeintlich überlegenen Wissens die Macht an sich zu reissen – nach eigenem Verständnis tun sie der Menschheit damit noch etwas Gutes, denn sie wissen es ja besser.

      • Rüdiger sagt:

        Ich schrieb:

        Aus Sicht der Gastvölker war es nämlich fraglich, ob diese sich bewusst abgrenzenden Gruppen bereit waren, den gemeinsamen Kodex von Moralregeln, den auf Vertrauen und gegenseitigen Solidaritätserwartungen basierenden Zusammenhalt, der die Voraussetzung ihres Bestehens als Volk bildete, mitzutragen.

        Du antwortetest:

        Weißt du, wie viele sich bewusst abgrenzende Gruppen es in einer pluralistischen Gesellschaft wie den westlichen Gesellschaften gibt? Metaller, Punks und Hip-Hopper haben alle ihre spezifische Szenekultur. Und doch wird nur eine von diesen Gruppen seit Ewigkeiten gehasst.

        Nur sind die Juden nicht einfach eine Gruppe, wie z.B. die Fahrradfahrer oder die Rhesus-Positiven oder die Fans einer bestimmten Musikrichtung. Sondern ein Volk. Das macht einen Unterschied.

        Meines Erachtens ist die Tatsache, dass die Juden seit Jahrtausenden „Volk in Völkern“ waren und noch sind, die Erklärung für die Feindschaft gegen sie (Gründe siehe oben). Wenn man sich fragt: „Warum geht es gerade gegen die Juden?“, dann muss man nach dem Besonderen fragen, was die Juden vor z.B. den Basken, den Deutschen oder auch vor den Fahrradfahrern auszeichnet. Und dies genau ist das Besondere: Dass sie jahrtausendelang als Volk in anderen Völkern lebten/leben.

        Ich bin für den Staat Israel – neben den Werten, die ich mit diesem Staat teile und nicht mit seinem Kontrahenten, und neben der Tatsache, dass ich das Existenzrecht keines einzigen heutigen Staates anzweifle oder kritisiere -, weil es, wenn es sich einmal wieder dort konsolidiert hat, der beste Weg für das jüdische Volk ist, wenn sie einen Raum haben – wie alle anderen Völker auch.

      • Rüdiger sagt:

        Nur noch zu der Geschichte mit dem Christentum. Dies hier ist ein aufklärerischer Blog, das Thema Glauben ist aus dieser Sicht etwas Privates – es wäre „Thema verfehlt“, und ich hätte das peinliche Gefühl, diesen Blog zu missbrauchen, wenn ich hier als gottgläubiger Kommentator meine Ansichten verbreiten würde.

        Aber Du schriebst:

        Alles ist etwas Bestimmtes. Wenn man alle Glaubensinhalte und alles, was Jesus sagte, vom Christentum abzieht, bleibt kein Christentum mehr übrig.

        Klar. Aber was Jesus angeblich sagte, wissen wir von Menschen. Menschen pflegen unvollständig, mit persönlichem „Bias“ oder in Teilen auch falsch zu berichten. Schon allein deshalb wäre es unsinnig, diese Zeugnisse („alles, was Jesus sagte“ = was wir von Menschen darüber wissen) vollständig für wahr zu halten.

        Die Frage der Schriftinterpretation siehst Du zu binär, fast wie ein Moslem (für den der Koran das zeitlos gültige, ewige, vollständig buchstäblich wahre Wort Allahs ist, und wer einen Vers bezweifelt, ist bereits ein Ungläubiger): Es ist nicht entweder alles wahr oder alles falsch. Man kann als gläubiger Mensch anerkennen, dass die Bibel nicht Wort für Wort diktiert, sondern inspiriert wurde: von Menschen verfasst wurde, die manchmal, nicht immer, unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schrieben, dass die Bibel eine Geschichte hat wie die Menschen selbst, dass diese Schrift auch ihre Irrtümer und zeitbedingten Werturteile widerspiegelt, dass es aber jedenfalls gottgläubige Menschen waren, für die klar war, dass es etwas Höheres gibt als sie selbst es sind, dass es nicht nur Machsal, sondern auch Schicksal gibt, das man im Glauben als Zeichen Gottes zu verstehen versucht.

        Man hat beim Lesen der Schrift gar keine andere Chance als nur dasjenige selektiv anzunehmen, was vor der persönlichen vernünftigen Prüfung besteht (Vernunft hier wie der platonische „nous“ verstanden, also die nach Sinn fragende im Gegensatz zur rein instrumentellen Verstandestätigkeit). So verstehe ich jedenfalls die Position von Manuel Palaiologos, auf die Papst Benedikt in Regensburg hinwies: „Nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

        Aber ich höre hier besser auf, aus o.g. Gründen…

        Einiges an religiöser Ethik kann man auch auf rationaler Grundlage verteidigen.

        Es ist mir positiv bei Deinem Blog und bei der Lektüre von „Atlas Shrugged“ aufgefallen, dass das offfenbar möglich ist: Dass man ohne Glauben zu vielen ethischen Schlussfolgerungen und Urteilen kommt, die sich mit denen eines gläubigen Menschen decken, und mit denen Du vermutlich auch im Kreise der Atheisten eher einsam bist. Imponiert mir.

        P.S.: Ich habe volles Verständnis, wenn Du diesen Kommentar als nicht hierher gehörig verwirfst.

  4. anti3anti sagt:

    „3. Man wirft den Juden vor, sie würden sich für das von Gott ausschließlich erwählte Volk halten.
    Es gibt keinen Gott. Es gibt kein von Gott erwähltes Volk. Aber wenn das jemand glauben möchte, warum sollte es andere Menschen überhaupt kümmern?“

    Die Unerklärbarkeit des Antisemitismus ist der Gottesbeweis. Aber die Existenz Gottes ist in diesem Zusammenhang unwichtig. Es reicht, wenn Nichtjuden an Gott glauben.

    Der monotheistische Nichtjude glaubt mit wenigen Ausnahmen (Jesiden?) an den Gott der Juden, da die allermeisten Monotheismen auf die Thora basieren. Die jüdische Auserwähltheit widerspricht jeglicher nichtjüdischer monotheistischer Religion! Der Widerspruch verlangt den Tod der Juden, ähnlich dem Tod Gottes.

    Atheisten, die Antisemiten sind, sind in Wirklichkeit Christen und Muslime. Nicht-Monotheisten sind (in der Regel) KEINE Antisemiten.

  5. Alexia sagt:

    [center]3. Man wirft den Juden vor, sie würden sich für das von Gott ausschließlich erwählte Volk halten.[/center]

    Das dürfte der Knackpunkt sein. Nach dem Bisschen, was ich aus diversen Religionen kenne, bieten die abrahamitischen Religionen mehrere Möglichkeiten, mal diese, mal jene Gruppe oder auch die gesamte Menschheit als „auserwählt“ zu bezeichnen.
    Ist aber prinzipiell egal, solange ausreichend viele Leute glauben, Juden würden sich als alleinig auserwähltes Volk betrachten.
    Selbst für Leute die nicht an Gott glauben, schwingt hier nicht gerade unterschwellig eine andere Nachricht mit: „Ich bin etwas besseres als du.“ Wie gesagt, es ist egal, ob der Glaube der Juden an die eigene Auserwähltheit existent ist oder nicht. Noch egaler ist es, ob die Existenz Gottes real ist oder nicht. Der Glaube von Nichtjuden an diesen Glauben der Auserwähltheit ist es, was letztlich zu einer Ablehnung führt.
    Die Jahrtausende andauernde Abgrenzung zu den Kulturen der jeweiligen Gastländer ist lediglich ein weiterer Verstärkungsfaktor. Ich selbst habe nie verstanden, wie man Juden vor der Gründung Israels als „staatenloses Volk“ bezeichnen konnte. Das waren alles Deutsche, Franzosen, Italiener, Russen, Inder und so weiter. Oder nicht?

    Kurzer Ausschweifer…
    Ich selbst hatte in der Schule ausschließlich negative Erfahrungen gemacht, weil ich introvertiert bin. Geselligkeit interessiert mich nicht. Gerüchtelabereien sind lästig. Lästern über Außenseiter oder einfach nur abwesende Personen geht mal garnicht. Zum Einen ist es unmoralisch, zum Anderen war ich häufig selbst die besagte abwesende Person.

    Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, dass genau das die Dinge sind, die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Wer sich nicht integriert, wird nicht einfach nur ausgegrenzt sondern aktiv angefeindet. Dies wiederum stärkt den Zusammenhalt der Gruppe.

    Und wieder zurück zum Thema…
    Übertrage die soziale Dynamik einer Schulklasse auf die globale „Gesellschaft“ und man bekommt eine ungefähre Vorstellung über die Ursachen und Ausmaße vom Hass auf Außenseitervölker wie Juden, Sinti, Roma oder Kurden. Wobei letztere zumindest noch über ein unscharf eingrenzbares Heimatgebiet verfügen.

    Derartige Verhaltensweisen sind im übrigen vielen sozialen Tierarten zu eigen. Krähen zerstören die Nester anderer Krähen, wenn diese zu weit entfernt vom Schwarm gebaut wurden. Wilde Schimpansen werden gewalttätig, wenn Rudelmitglieder etwas Leckeres finden und nicht lautstark bekanntgeben.

    Diese Mobbing ist einfach einer von mehreren „dunklen Triebe“ (um mal Bezug auf einen früheren Artikel hier zu nehmen), welche viele Individuen der Tierart Mensch einfach nicht abschütteln können oder wollen.

    In einer Schulklasse mit 15 bis maximal 40(?) Individuen sehen die einzelnen relativ schnell, wenn etwas zu sehr aus dem Ruder läuft. Auch können hier Lehrer als authoritäre Außenstehende Eingreifen. Aber was passiert in einer globalen Gesellschaft? Kaum jemand kann hier noch einen Überblick gewinnen. Informationen werden nach dem Stille-Post-Prinzip weitergegeben oder – noch schlimmer – durch vom Alpha-Mobber kontrollierte Medien.

    Und ja. Ich sehe den Holocaust als grässliche Zuspitzung von Außenseitermobbing in der globalen Gesellschaft.

    Möglicherweise könnte hier zumindest theoretisch in der Erziehung einiges getan werden. Das würde allerdings bedeuten, antisemitischen Eltern die Erziehungsverantwortung zu entziehen und in staatliche Hand zu legen. Ich weiß nicht, ob das weniger schlimm ist, als alles so zu lassen, wie es ist und auf eine Besserung in ferner Zukunft hinzuarbeiten.

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