Die Abgrenzungs-Erklärung

Eine der für mich weniger überzeugenden Erklärungen für den Antisemitismus ist die Erklärung, dass sich Juden häufig in der Geschichte von der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzt haben oder von dieser abgegrenzt wurden. Dadurch haben sie Misstrauen hervorgerufen. Die Leute wussten nicht so genau, ob „diesen Leuten“ zu trauen ist. Sie haben ja andere Sitten, andere Traditionen, eine vielleicht andere Moral. Das mag ja bis zu einem gewissen Grad an vielen Orten und Zeiten in der Geschichte ein Faktor gewesen sein. Ich kann gut nachvollziehen, wie schief man als Unangepasster angeschaut wird. Und doch besteht ein großer Unterschied zwischen dem Schief-angeschaut-werden und Ziel von wilden Gerüchten sein und Hass bis zur physischen Auslöschung einer Menschengruppe.

Es gibt in unserer pluralistischen Gesellschaft allerlei Subkulturen. Vor allem Jugendkulturen unterscheiden sich häufig zunächst nach ihrem Musikstil und dann durch Rituale, Sitten, Traditionen, Kleidervorschriften, die mit diesem Stil zusammenhängen. Metaller laufen in schwarzen Kleidern herum, häufig mit Bandshirts mit dunklen, manchmal brutalen Motiven darauf. Sie besuchen laute Konzerte mit aggressiver Musik. Die Texte vieler Metal-Lieder befassen sich mit Krieg, Gewalt, Kannibalismus, dem Zerteilen schwangerer Frauen (die Metalheads wissen, wovon die Rede ist). Sie haben spitze, metallisch aussehende Nieten auf ihrer Kleidung und teils in ihren Körpern. Sie trinken gerne Alkohol, verbringen ihre Zeit in dunklen Diskos und dunklen Kellern und grölen ihre gruseligen Lieder. Obwohl sie sich für unangepasst halten, sehen sie alle verdammt ähnlich aus. Man könnte sie sogar als uniformiert betrachten.

Dann gibt es noch Hip-Hopper und Gangster-Rapper. Metaller tragen zumindest T-Shirts mit fantastischen Motiven und ihre brutalen Lieder handeln meistens von fiktiven oder historischen Schlachten und Geschehnissen. Derweil beleidigen und bedrohen sich Hip-Hopper systematisch gegenseitig („dissen“) auf die gröbste Weise. Ihre Texte sind häufig ganz ohne Fantasie frauen- und schwulenverachtend. Sie verherrlichen Gewalt. Sie verherrlichen das „authentische“ Leben in Ghetto-Banden, die sich gegenseitig umbringen und Leute ausrauben. Und die Stars der Szene sind tatsächliche Kriminelle.

Und Juden? Sie tragen vielleicht an manchen Tagen, meist aus bestimmten, religiösen Anlässen eine Kippa, eine bestimmte Art von Mütze. Sie feiern im privaten Kreis einige religiöse Feste. Anderweitig verhalten sie sich wie normale Leute. Bis auf kleine Randgruppen haben Juden schon die moralisch zweifelhaften Stellen in ihrer heiligen Schrift weginterpretiert, modernisiert, oder sie sind ihnen sowieso irgendwie egal. Und in früheren Tagen haben sie sich zwar stärker abgesondert, aber sie haben ansonsten einfach nichts weiter getan. Sie waren abgesondert, fertig. Sie haben keine Pogrome auf Andersgläubige veranstaltet, sie wollten die jeweilige Gesellschaft auch nicht unterwandern, sie haben nur einfach ihr eigenes Leben geführt.

Man sieht also: Es gibt viel bessere Gründe, Metaller und vor allem Gangster-Rapper zu hassen und sie ins KZ zu schicken, als Juden. Hoffentlich zitiert mich niemand damit.

Will heißen: Die bloße Absonderung jüdischer Gemeinschaften in der Geschichte – die ja nicht immer freiwillig war – sehe ich nicht als hinreichenden Grund für den Antisemitismus an. Bloße Absonderung erweckt Misstrauen, manchmal auch mehr, aber sie weckt keinen systematischen Hass auf eine Menschengruppe über Jahrtausende hinweg.

Zugegeben: Meine Erklärung vom letzten Beitrag zum Thema erklärt auch nicht den Antisemitismus selbst, sondern sie ist nur ein Grund, warum dieses Phänomen weiterhin existiert. Immerhin.

20 Kommentare zu “Die Abgrenzungs-Erklärung

  1. Alexia sagt:

    „Bloße Absonderung erweckt Misstrauen, manchmal auch mehr, aber sie weckt keinen systematischen Hass auf eine Menschengruppe über Jahrtausende hinweg.“
    Zumindest sollte es nicht so sein. Aber schau mal, was man in der arabischen Welt oder Indien mit Christen und Atheisten macht. Oder Homosexuellen. Oder Trans*-Leuten.
    Sich in einer konservativen US-Familie zum Atheismus zu bekennen, kann einem Coming-Out als homosexuell gleichkommen. Ich treffe im Internet immer wieder auf Leute, die wegen so etwas von ihren Familien verstoßen und zumindest vorrübergehend obdachlos wurden.
    Nicht-messianische Juden haben die gleiche Glaubensgrundlage wie Christen und Muslime. Aber sie verleugnen eben Jesus, was für manche Deppen ein Affront ohnegleichen ist. Und sie verstecken sich nicht wie Atheisten.
    Dass sie sich noch als eigenes Volk verstehen ist lediglich das Sahnehäubchen.

    Bis hierhin noch kein Grund für derartigen Hass, welcher im Holocaust gipfelte. Allerdings Grund genug für vereinzelte Individuen in die Kerbe zu schlagen und die Situation eskalieren zu lassen – entweder wegen irgendwelcher Wahnvorstellungen oder ganz einfach aus Machthunger.

    Addiere noch die üblichen Lügen vom Kinderfressen, Brunnenvergiften und Hostienschänden dazu, plus ausreichend viele Leute, die das über Jahrtausende hinweg glaubten weil sie nie mit Juden selbst geredet hatten und über kein Internet zum Informieren verfügten, und wir kommen den Ursachen für einen Hass auf Genozid-Level schon ziemlich nahe.

    Die Zeit selbst kann ein gewaltiger Hebel sein, um solche Prozesse entgleisen zu lassen.

    Was die heutige Zeit angeht…
    Es gibt immer noch Unaufgeklärte – besonders aus dem Bereich des islamischen Fundamentalismus. Die können ihre Hassparolen auch in Deutschland herausschreien, weil die Polizei selbst von Rechtsradikalen durchsetzt ist. Und weil Polizisten per Definition glaubwürdig sind, können die hinterher solche Sachen erzählen wie „Wir waren total überrascht und wussten nicht, was wir tun sollten.“ Na klar.

    Und was die breite Bevölkerung hierzulande angeht, die hat nichts gegen Juden. Sie mag nur keinen Krieg und versteht nicht, warum ein jüdischer Staat ausgerechnet in eine Gegend gepflanzt werden musste, wo er von allen Seiten an Länder angrenzt, in denen immer noch Antisemitismus in einer Stärke herrscht, die auf Vernichtung aus ist. Das nennt man Schaffung vollendeter Tatsachen. So etwas mag niemand, egal wer es tut oder aus welchem Grund.
    Es ist auch nicht unbedingt hilfreich, wenn dann die Kritik an derartiger Politik mit ebendiesem Hass gleichgesetzt wird.

    • Nein, es gibt wirklich eine Reihe Studien, die aufzeigen, dass rund ein Fünftel bis hin zur Hälfte (wenn man sich antisemitische Varianten der Israelkritik ansieht) der Deutschen noch immer Antisemiten sind.

        • Alexia sagt:

          Danke für den Link. Solche Umfragenstudien finde ich allerdings immer problematisch, vor allem wenn die Fragen nicht präzise formuliert und auch unpräzise verstanden werden, was sich natürlich auf die Antworten und die Interpretation der Antworten auswirkt.

          Solche Probleme finde ich immer wieder überall. Zum Beispiel eine Klausurfrage: „Berechnen Sie die Teilströme und -Spannungen in folgender Schaltung?“ (Tatsächlich mit dem Fragezeichen am Ende!) Wenn ich als Antwort „Nein“ schreibe und tatsächlich nichts berechne, hätte ich theoretisch alles richtig gemacht und die volle Punktzahl verdient.

          Diese Studie scheint nicht so sehr anders zu sein.

          „56% denken, dass sich Juden, die in Deutschland leben, Israel mehr verbunden fühlen als Deutschland.“
          Das nehme ich auch an. Aber ist das jetzt irgendwie schlimm? Wären meine Großeltern mit ihren Eltern vertrieben, geflüchtet oder rechtzeitig ausgewandert und hätten in irgendeinem Land meine Eltern in die Welt gesetzt, wäre ich auch diesem Land mehr verbunden. Diese Information hat mit Antisemitismus nichts zu tun.

          Keine gute Einleitung. Und jeder der nur ein bisschen darüber nachdenkt, macht sich jetzt Sorgen, selbst als Antisemit gesehen zu werden.

          „32% der Personen, die an der Umfrage teilgenommen hatten, sagten, dass die Juden ihrer Meinung nach, wegen der Politik Israels nicht mehr beliebt sind.“
          Das heißt, dass 32% der Befragten vermuten, dass andere Menschen Politik und Ethnie gleichsetzen. Es könnte hier eine Überschneidung geben, wenn ein paar der Befragten genau das tun. Aber wie viele das sind, ist nicht ersichtlich.

          „86% sagten, es sei ungerecht, dass Israel palästinensischen Boden enteigne.“ Yep. Enteignung ist fast nie gut. Selbst aus den USA, dem engsten Partner Israels, meint der Präsident, dass doch bitte mal der Siedlungsausbau gestoppt werden möge. Das geht aber wieder an die Politik und nicht das Volk. Auch noch kein Antisemitismus.

          „82% gaben zu, dass sie Zorn empfinden, wenn sie daran denken, wie Israel mit den Palästinensern umgeht.“ Fehlt noch die Frage, wie sie über die Angriffe der Hamas fühlen. Ich habe ja vorher schon gesagt, dass Deutsche keinen Krieg mögen. Ich persönlich empfinde bei jeder Art von Gewalt Zorn, Enttäuschung bis hin zu Resignation.

          „52% der Befragten sind der Meinung, Israel tue den Palästinensern das an, was die Nazis den Juden angetan haben.“
          Das ist eine ziemlich schockierende Aussage. Mehr als jeder zweite? Mir fällt dazu im Moment nichts ein. Aus dem Bauchgefühl würde ich vermuten, dass hier Kneipenbesucher und Fußballfans gefragt wurden. Auf der Seite wo ein paar mehr Details veröffentlicht wurden, habe ich noch nichts gefunden. http://www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF/
          Ich schaue später noch mal genauer.

          „44% sagten, dass es ihnen aufgrund der Politik Israels verständlich sei, warum Juden gehasst werden.“ Ich weiß nicht, wie man das nennt, aber ich nenne es mal Meta-Anschuldigung. Es ist dasselbe Prinzip wie weiter oben. 44% glauben zu wissen, dass andere Menschen Juden wegen der Politik Israels hassen. Wieviele der Befragten das selbst tun, ist nicht sichtbar. Allerdings fällt diese Ansicht gegen die Befragten selbst zurück, weil auf den ersten Blick suggeriert wird, dass eben diese Befragten Juden wegen Israels Politik hassen. Was aber nicht gefragt wurde.

          „68% der Befragten gaben an, dass sie sich darüber ärgern, dass man die Deutschen auch heute noch wegen der Verbrechen an den Juden beschuldigt …“ Ich weiß nicht, ob „man“ (wer auch immer das sein soll) das tut, und inwiefern bei der Beschuldigung der damaligen Deutschen eine Erbsünde impliziert wird, für die die heutigen Deutschen sich schämen müssten. Aber wenn jemand ausdrücklich MIR die Schuld für den Holocaust in die Schuhe schieben würde, wäre ich auch angepisst. Wie lautete die eigentliche Frage?

          „… 62% sagten, dass sie von den Verbrechen der Deutschen an den Juden nichts mehr hören wollen.“
          „nichts mehr“ ist schon ziemlich hart. Mich würde interessieren, welche Altersgruppen wie geantwortet haben. Bei Neuntklässlern kann ich das nachvollziehen. Der Lehrplan gab zu meiner Zeit dem Thema Drittes Reich eine unverhältnismäßig hohe Priorität gegenüber allen anderen Themen.
          Es ist auch interessant, wer sonst noch gefragt wurde und wie die Frage eigentlich lautete.

          „Kritik an Israel deklarierten die Verfasser der Studie nach vier Kriterien als antisemitisch: …“

          Das sind gute Kriterien. Viel besser als „Israelkritik = Antisemitismus“. Was speziell dabei rauskam steht leider nicht im Artikel und auf der anderen Webseite konnte ich auch nichts finden.

          Im Großen und Ganzen bestätigt sich wieder einmal, dass Umfragen-„Studien“ häufig Mängel aufweisen.
          Was bleibt sind die beiden Punkte „Selbstverteidigung Israels ist wie Holocaust“ und „Ich will davon nichts mehr hören“. Allerdings fehlen hier detaillierte Informationen.

          Als Medienkonsument, der auch noch andere Dinge zu tun hat, bin ich darauf angewiesen, dass ein wissenschaftlicher Journalist es zu seinem Job macht, Zeit in einen detaillierten Einblick zu gewinnen und Schwächen aufzuzeigen. Blöderweise passiert das nicht. Bei den meisten wissenschaftlichen Artikeln im Spiegel oder der Zeit finde ich einen Haufen Murks. Gleichsetzungen von Korrelation und Kausalität sind da noch das harmloseste.

      • Martin sagt:

        Das dürfte nach meiner eigenen Einschätzung auch ohne weiteres hinkommen.
        Ist halt wie mit dem „Antifaschismus“ in der DDR.

        Die Gesten und Symbole wurden in reicher Zahl gemacht, das ändert aber die Einstellung überhaupt nicht.

    • Martin sagt:

      „Und was die breite Bevölkerung hierzulande angeht, die hat nichts gegen Juden. Sie mag nur keinen Krieg “

      Weshalb sie auch weitaus leiser ist, wenn die Russen Tschetschenen morden, Muslime andere Muslime oder der nördliche Sudan massenweise südliche Sudanesen. Sie mag nur keinen Krieg. Sie mag den Krieg aber seltsamerweise grade dann ausgesprochen nicht, wenn die Israelis (im Vergleich) relativ wenige Palis umbringen. Sie mag ihn irgendwie deutlich mehr, wenn Araber viele,viele andere Araber umbringen.

      „und versteht nicht, warum ein jüdischer Staat ausgerechnet in eine Gegend gepflanzt werden musste, “

      Er wurde -entgegen der Propaganda- nicht gepflanzt-er ist da seit Mitte des 19 Jahrhunderts gewachsen.

      „wo er von allen Seiten an Länder angrenzt, in denen immer noch Antisemitismus in einer Stärke herrscht, die auf Vernichtung aus ist. Das nennt man Schaffung vollendeter Tatsachen. So etwas mag niemand, egal wer es tut oder aus welchem Grund. Es ist auch nicht unbedingt hilfreich, wenn dann die Kritik an derartiger Politik mit ebendiesem Hass gleichgesetzt wird.

      Und was gibt es denn noch zu kritisieren daran? Der Staat Israel wurde vor >60 Jahren geschaffen. Er existiert als eigener Staat nur 3 Jahre weniger lange als der Staat Jordanien oder Syrien und 2 Jahre länger als Libyen.
      Selbst wenn das Ganze vor 60 Jahren unrecht und falsch gewesen sein sollte, jetzt ist es das nicht mehr. Da gäbe es ganz andere Sachen, über die man sich aufregen könnte.

      Die Idee, man müsse doch bitte den Rassismus der Araber berücksichtigen, ist natürlich auch lustig…..

      • Alexia sagt:

        „Er wurde -entgegen der Propaganda- nicht gepflanzt-er ist da seit Mitte des 19 Jahrhunderts gewachsen. … Der Staat Israel wurde vor >60 Jahren geschaffen.“
        Was denn nun?
        Die Staatsgründung geht auf ein Kuddelmuddel von Bündnissen und Versprechungen im KOntext des ersten Weltkriegs zurück. Ich weiß nicht, wie „berechtig“ Großbritanniens Zusage für die Schaffung eines jüdisches Heimatterritoriums in Palästina gewesen ist. Politiker versprechen allerdings so einiges wenn der Tag lang ist. Das war nie anders.

        „Selbst wenn das Ganze vor 60 Jahren unrecht und falsch gewesen sein sollte, jetzt ist es das nicht mehr.“

        Das betrifft wieder die Schaffung vollendeter Tatsachen. Irgendwann später wird ein Fakt als rechtmäßig deklariert, weil es nicht mehr anders geht. Das ist Politik. Hierzulande nimmt man so etwas mehr oder weniger mit Murren hin.

        „Die Idee, man müsse doch bitte den Rassismus der Araber berücksichtigen, ist natürlich auch lustig…“
        Lustig ist das ganz und garnicht. Es ist eine traurige Tatsache. Der Hasse zukünftiger Nachbarländer sollte genauso berücksichtigt werden wie das Auftreten schwerer Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüchen. Nur macht das aus irgendeinem Grund keiner. Und dann ist das Geschrei groß.
        Der Hass, der Israel aus Gaza und den islamischen Nachbarländern in der Gegend entgegenschlägt, ist eine ähnliche Naturgewalt und wird so bald nicht abebben. Das ist die Realität. Das was ein paar Deutsche rummaulen, ist nichts dagegen.

        • Rüdiger sagt:

          “Selbst wenn das Ganze vor 60 Jahren unrecht und falsch gewesen sein sollte, jetzt ist es das nicht mehr.”

          Das betrifft wieder die Schaffung vollendeter Tatsachen. Irgendwann später wird ein Fakt als rechtmäßig deklariert, weil es nicht mehr anders geht. Das ist Politik. Hierzulande nimmt man so etwas mehr oder weniger mit Murren hin.

          Man verzettelt sich, wenn man – bei welchem Staat auch immer – danach fragt, wie „rechtmässig“ denn seine Grenzen seien. Die meisten Staaten im Nahen Osten sehen aus, als hätten vornehme Herren in irgendeinem holzgetäfelten Salon mit dem Lineal ein paar Striche über Landkarten gezogen… Und so war es ja auch. Einzelne Politiker fällten damals in der Teerunde Entscheidungen, die Millionen von Menschen betrafen.

          Also: Ja, Israel ist ein „künstlicher“ Staat – wie alle anderen Staaten!

          Auch bei den europäischen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts müsste man fragen: Wie „gerechtfertigt“ sind denn deren Grenzen? War etwa Gewalt bei der Staatsgründung im Spiel – das kann man als Pazifist schon mal gar nicht akzeptieren! Oder Genozide (-> USA, Indianer (wenn das einer war, das kann auch wieder Propaganda sein))?

          Ergibt dieser Begriff „moralischer“ Grenzen überhaupt Sinn? Staaten wurden einmal ausgerufen, wodurch auf einem bestimmten Territorium eine bestimmte Rechtsordnung herrscht, und solange das Territorium verteidigt werden kann, haben sie genau aus diesem Grund ein „Existenzrecht“ (besser: stellen wir ihre Existenz fest).

          Ausserdem müsste man sich (wenn schon) fragen, warum man nur bei einem einzigen Staat immer die damals geschaffenen Grenzen in Frage stellt – nicht z.B. bei den „Kunststaaten“ Pakistan und Bangladesh, die ebenfalls erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Indien abgespalten wurden: Sondern *nur* bei dem winzigen Fleckchen Israel. Diese Obsession mit Israel muss eindeutig etwas damit zu tun haben, dass dieses Land mehrheitlich von Juden bewohnt wird.

          Womit wir wieder beim Antisemitismus wären.

          • Alexia sagt:

            Wer konsequent ist, hinterfragt durchaus alle Grenzen aller Staaten.
            Kartenzeichner können davon ein Lied singen. Ganz besonders, wenn zwei Kartenzeichnerparteien in zwei verschiedenen Ländern die Grenze zwischen diesen Gebieten anders zeichnen, einfach weil der eine sich als unabhängig sieht, der andere das aber nicht akzeptiert. Politik mal wieder.
            Aber das ist ein anderes Thema.

            Die Gewalt, welche mit den Grenzsetzungen anderer Länder einherging, ist weitestgehend abgeebbt. Größtenteils aber nur, weil stark tabuisiert wurde und wird. Für meinen Opa ist die Vertreibung seiner Familie nach ’45 immer noch ein Thema, dass seinen Hass auf Russen nährt. Das war vor kurzem erst besonders peinlich, als eine russische Krankenschwester nach einer Herz-OP seine Vitalwerte überprüfte und er – immer noch unter Medikamenteneinfluss – keine Hemmungen hatte, seiner Ablehnung Ausdruck zu verleihen.

            Zwischen Israel und Palästina kann es bestimmt irgendwann auch Frieden geben. Nur bezweifle ich, dass sich in den nächsten 20 Jahren irgendetwas ändert. Und selbst dann müssten noch mindestens zwei Generationen vergehen, bis Terroranschläge und Siedlungsausbau zwischen den heutigen Kriegsgegnern kein Thema mehr sind.

        • Martin sagt:

          „“Er wurde ….seit Mitte des 19 Jahrhunderts gewachsen. … Der Staat Israel wurde vor >60 Jahren geschaffen.”

          „was denn nun?“

          „Gepflanzt“ klingt, als sei der Staat aus dem Nichts, ohne vorherige Präsenz einfach als Fremdkörper von außen „eingepflanzt“ worden. Dem ist nicht so.
          Das sollte heißen, das Landkäufe, Ansiedlungen etc. zum Zweck einen eigenen Staat zu haben bereits auf Mitte des 19 Jahrhunderts zurückgehen, bis dann -auich auf dieser Grundlage- ein eigener Staat vor >60 Jahren ein eigener Staat entstand.

          „Das betrifft wieder die Schaffung vollendeter Tatsachen. Irgendwann später wird ein Fakt als rechtmäßig deklariert, weil es nicht mehr anders geht. Das ist Politik. Hierzulande nimmt man so etwas mehr oder weniger mit Murren hin.“

          Nicht nur hierzulande. Wenn übrigens die Araber, Türken etc. sich darüber beschweren, dann kann man ja auch erstmal einige vor noch längerer Zeit begangene Fakten revidieren. Das älteste Unrecht wird halt zuerst beseitigt.
          Tschüß Istanbul, willkommen Konstantinopel.

          „Lustig ist das ganz und garnicht. Es ist eine traurige Tatsache. Der Hasse zukünftiger Nachbarländer sollte genauso berücksichtigt werden wie das Auftreten schwerer Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüchen. Nur macht das aus irgendeinem Grund keiner. Und dann ist das Geschrei groß.
          Der Hass, der Israel aus Gaza und den islamischen Nachbarländern in der Gegend entgegenschlägt, ist eine ähnliche Naturgewalt und wird so bald nicht abebben. Das ist die Realität. Das was ein paar Deutsche rummaulen, ist nichts dagegen.

          Ah so. Arabischer/muslimischer Rassismus ist eine Naturgewalt, gegen die man nichts machen kann. Deutscher, israelischer Rassismus ist dagegen, naja, irgendwas, den man mit Belehrungen, Erziehung zur Toleranz etc. wegbekommt.

          Das ist grundfalsch. Du übersiehst zum Einen, wieviel Aufwand getrieben wird, um diesen Rassismus am Leben zu halten, mit Kinderfernsehen, tötet den Juden spielen und einem Maß an antisemitischer Propaganda, das der im dritten Reichen getriebenen gleichkommt.
          Wäre ja irgendwie unnötig, handelte es sich um eine Naturgewalt. Vulkanen muß man nicht jeden Fernsehserien zeigen, die ihnen nahelegen auszubrechen.
          Man sollte diesen Rassismus natürlich berücksichtigen. Man sollte ihn aber nicht zum Maß der Dinge machen – und man sollte es auch den arabischen Rasissten nicht gestatten.

          Wenn wir Vergleiche mit Naturgewalten ziehen, sollten wir einen wesentlichen Unterschied nicht vergessen – bei einem Vulkanausbruch *können* wir nur vorwarnen.

          Auf arabische Rassismusausbrüche hingegen *könnten* wir derart reagieren und so derart auf die arabischen Rassisten draufhauen, das sie kein zweites Mal vorkommen.

          • Alexia sagt:

            „Wenn wir Vergleiche mit Naturgewalten ziehen, sollten wir einen wesentlichen Unterschied nicht vergessen – bei einem Vulkanausbruch *können* wir nur vorwarnen.

            Auf arabische Rassismusausbrüche hingegen *könnten* wir derart reagieren und so derart auf die arabischen Rassisten draufhauen, das sie kein zweites Mal vorkommen.“

            Ich sagte bewusst, dass diese Situation *berücksichtigt* werden muss. Nicht, dass sich alle ihr unterwerfen müssen.

            Wer aber meint, unbedingt in einem Erdbebengebiet wohnen zu müssen, kann das durchaus tun, sein Haus erdbeben“sicher bauen und braucht sich dann bis zu einer gewissen Stärke keine Sorgen machen.
            Jemand kann natürlich auch der Ansicht sein, dass Mauern, Zäune, Raketenabwehr und eine schlagkräftige Armee gegen islamistischen Terror schützt und in mitten in der Gefahrenzone einen jüdischen Staat gründen. Das funktioniert auch eine Weile.

            Eine von drei Alternativen (die ich sehe) ist Prävention. Eine Atombombe auf Gaza sollte Ruhe geben. Nur was dann? Die bisherige Unterstützung der westlichen Weltgemeinschaft dürfte dann wegbrechen. Und darauf warten Irak, Iran, Syrien, Libanon etc nur. Alle miteinander nuken? Geht bestimmt.

            Oder man könnte in all diese Länder einmarschieren, sie entwaffnen und für zwei, drei Generationen besetzt halten. Hat in Deutschland funktioniert. Oder vielleicht auch nicht, wenn diese Studie mit den >50% Antisemiten wirklich die Realität wiederspiegelt. Dass zumindest Teile davon unsauber sind, hatte ich ja schon gezeigt.

            Die dritte Möglichkeit wäre ein Exodus. Europa soll ja ganz hübsch sein und das Wetter ist auch angenehmer. Ein bisschen zusammenrücken können wir hier auch noch. Und falls die immer noch keine Lust mehr auf Europa haben (was verständlich wäre), dann ist immer noch in Nordamerika viel Platz. Bevorzugt auf dem nördlichen Kontinent.
            Natürlich bedeutet das eine Kapitulation vor dem Hass, der dadurch noch mehr entfacht wird.

            „Das ist grundfalsch. Du übersiehst zum Einen, wieviel Aufwand getrieben wird, um diesen Rassismus am Leben zu halten, mit Kinderfernsehen, tötet den Juden spielen und einem Maß an antisemitischer Propaganda, das der im dritten Reichen getriebenen gleichkommt.“
            Mir ist durchaus bewusst, wie Hass von Generation zu Generation weitergegeben und innerhalb einer Generation mit gegenseitigem Aufstacheln aufgefrischt wird.
            Mir ist nur nicht klar, was sich dadurch ändert. Die Kinder wachsen in einer extrem antisemitischen Umgebung auf wodurch sie ebenfalls den Antisemitismus absorbieren und an ihre Kinder weitergeben.
            Ohne Eingriffe von Außen hält sich das System von selbst „am Leben“ so wie eine Eiszeit sich über Jahrtausende erhält indem Eis und Schnee das Sonnenlicht reflektieren.

            Derart globaler Hass IST eine Naturgewalt. Das heißt nicht, dass man nichts tun kann. Nur ignorieren hilft nicht. Und ich würde sogar soweit gehen und eine Ursachenforschung als Zeitverschwendung bezeichnen. Zumindest wenn es um die Beseitigung des Hasses geht. Der ist seit Jahrtausenden existent und existiert weil er existiert. Selbsterhaltung.

  2. Rüdiger sagt:

    Danke für die ausführliche Antwort! (Der Vergleich eines Volkes mit Fans einer Musikrichtung befriedigt mich zwar trotzdem nicht, aber ich werde nochmal darüber nachdenken.)

    • Martin sagt:

      Vielleicht wäre der Vergleich mit den Jesiden dann passender.

      „Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende und nicht missionierende Religion. Man kann nur als Jeside geboren werden. Dabei müssen beide Elternteile jesidischer Abstammung sein. Grundsätzlich bedeutet die Heirat von Jesiden beider Geschlechter mit Andersgläubigen den Austritt aus der Religionsgemeinschaft.“

      Von Anti-Jesidismus hat man aber m.E. noch nichts gehört.

    • Es sind verschiedene Subkulturen mit eigenen Traditionen, Riten, Sitten, Musik, Speisen, etc. Die Überzeugungen gehen unter Metallern auseinander, aber das gilt ja für Juden auch.

      • Es gibt natürlich Unterschiede, es geht jetzt nur um das Thema „Absonderung“ und die relevanten Eigenschaften, durch die man sich absondert.

      • Rüdiger sagt:

        Der Vergleich mit den Jesiden ist dennoch passender, denn zu einem Volk gehört (unter anderem) auch, dass es sich durch Abstammung erhält und nicht nur durch irgendeine Mode-Überzeugung. Das Judentum missioniert nicht und hat kaum Zugänge durch Konvertiten (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Growth_of_religion#Overall_statistics ), ist in dieser Hinsicht ganz ähnlich den Jesiden.

        Ein Staat z.B. versteht sich als Instution seines Volkes und definiert Staatsbürgerschaft nach wie vor anhand des Blutes (Ius sanguinis), für die meisten Staaten gilt heute das Abstammungsprinzip (und nicht etwa das Ius loci).

        Und siehe da, in ihren Gastvölkern gelten Jesiden als Teufelsanbeter und werden diskriminiert – ganz zu schweigen von dem Genozid, den Mohammedaner aktuell dort gegen sie ausrichten.

        Was KZs betrifft, so sind nicht nur Juden, sondern z.B. auch Zigeuner darin gelandet – und wenn es zur damaligen Zeit Jesiden in Deutschland gegeben hätte, hätte man auch sie dorthin verschickt.

        Die Feindschaft gegen die Jesiden gibt es also auch, und sie wäre m.E. umso grösser, je mehr Jesiden hochrangige Positionen in Wirtschaft und Politik besetzen würden – je mehr „public attention“ sie also auf sich zögen.

        • Dann ist es vielleicht eine gute Erklärung, will aber endgültig nicht mehr in meinen Kopf rein, da man Menschen nicht aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften moralisch be- geschweige denn verurteilen kann, sondern nur aufgrund ihrer frei entschiedenen Taten und Worte. Somit komme ich doch wieder zurück zur „Dämliche Bastarde“-Erklärung.

  3. Alexia sagt:

    Die anderen Diskussionen hier gehen mir langsam etwas zu weit weg vom eigentlichen Thema. Ich versuche mal eine andere Erklärung zum generellen Antisemitismus.

    Die gewisse Abgrenzung der Juden zu anderen Völkern und Religionen – je nachdem, was gerade als jüdisch definiert wird – halte ich immer noch für eine gute Erklärung.

    Selbst im Vergleich mit anderen Sonderlingsgruppen wie Metallern oder Gangsterrappern funktioniert die Erklärung noch. Der Unterschied hier ist, dass die Fans und Macher dieser „Musik“-Richtungen selbst sehr aggressiv auftreten um ihre Identität kundzutun. Aggressivität schreckt mehr ab.

    Würden die Rapper nichts weiter tun als unter sich ihre Musik zu hören und in der öffentlichkeit ihre Hosen in den Kniekehlen hängen haben, würden sie auch angefeindet werden … Hoppla! Das passiert ja bereits. Was ist der Unterschied zwischen „Zieh deine Hose hoch!“ und „Schneid dir die Haare (gemeint Schläfenlocken)!“?

    Das Argument, dass Anhänger bestimmter Musikrichtungen keine Holocaustopfer wurden, zählt meiner Meinung nach nicht. Eine Hasseskalation gegen eine Gruppe ist wirklich mehr als genug.

    Das ist allerdings eher eine Erklärung, warum auf der gesamten Welt so ein Hass entstand. Es erklärt nicht, warum ausgerechnet Juden zum Ziel dieses Hasses wurden.

    Möglicherweise Zufall. Möglicherweise, weil völkische Identität (mit welcher Juden sich allgemein abgrenzen/abgegrenzt werden) für viele Menschen schwerer wiegt als eine Religionszugehörigkeit, eine Musikvorliebe oder Ernährungsgewohnheiten. Wobei ich nicht wirklich weiß, ob sie denn so wichtig ist. Ich selbst finde Volkstümelei genauso blödsinnig wie Frömmelei und kann das nicht nachvollziehen.

  4. Martin sagt:

    @Alexia:
    „Ich sagte bewusst, dass diese Situation *berücksichtigt* werden muss. Nicht, dass sich alle ihr unterwerfen müssen.“

    Darauf läuft Deine Argumentation aber hinaus.

    „Wer aber meint, unbedingt in einem Erdbebengebiet wohnen zu müssen, “

    Das stört mich vor allem, weil es wieder eine Teilschuld der Israelis suggeriert und eine „Entschuldung“ der Nachbarn.

    „Das funktioniert auch eine Weile.“

    Eine Weile?

    „Eine von drei Alternativen (die ich sehe) ist Prävention.“

    Och, ich sehe noch viel, viel mehr Alternativen.
    Eine wäre, das der Rest der Welt klar Stellung bezieht und alle Mittel, alle Unterstützung für die Palästinenser einstellt.
    Idealerweise direkt gekoppelt an das entsprechende Verhalten. Fliegen nach Waffenstillstand zuerst Raketen aus Gaza, werden entsprechend Lieferungen und Gelder gestrichen. Bisher passiert ja nicht mal das.

    Eine weitergehende Maßnahme wären entsprechende Sanktionen gegen die den Konflikt vor allem schürenden anderen Staaten.

    Die gezielte Tötung von Sponsoren, wie dem Emir von Katar, diversen bekannten anderen „Größen“ usw. sind ein weiteres Mittel.

    „Die dritte Möglichkeit wäre ein Exodus. Europa soll ja ganz hübsch sein und das Wetter ist auch angenehmer. “

    Wo sollen wir denn mit den ganzen Palästinensern und Arabern hin?

    „Natürlich bedeutet das eine Kapitulation vor dem Hass, der dadurch noch mehr entfacht wird.“

    Achso, Du meinst Die Israelis. Yep, dem ist wohl so.

    „Mir ist durchaus bewusst, wie Hass von Generation zu Generation weitergegeben und innerhalb einer Generation mit gegenseitigem Aufstacheln aufgefrischt wird.“

    Nicht nur das. Sondern auch gezielt mit Propagandamitteln und hohem Aufwand.

    „Mir ist nur nicht klar, was sich dadurch ändert. Die Kinder wachsen in einer extrem antisemitischen Umgebung auf wodurch sie ebenfalls den Antisemitismus absorbieren und an ihre Kinder weitergeben.“

    Nun, indem man die Propaganda stoppt, könnte man halt schon Einiges erreichen. Wie bereits geschrieben – es kommen ja nicht mal Drohungen der Art aus Europa „Stoppt die Propaganda oder wir stoppen die Mittel“

    „Ohne Eingriffe von Außen hält sich das System von selbst “am Leben” so wie eine Eiszeit sich über Jahrtausende erhält indem Eis und Schnee das Sonnenlicht reflektieren.“

    Das wäre so, wenn sich das System selbst am Leben erhalten könnte. Kann es ja aber nicht, zumindest das palästinensische (aber auch das ägyptische etc. ) nicht. Ohne Mittelzufluß von außen keinen Monat.

    „Derart globaler Hass IST eine Naturgewalt. Das heißt nicht, dass man nichts tun kann. Nur ignorieren hilft nicht. “

    Natürlich nicht. Das Hochspielen und Entschuldigungen, in dem man es zu einer Naturgewalt erklärt, hilft aber auch nicht. Das verdeckt nur, das es Verantwortung gibt und Verantwortliche. Gegen die man agieren kann.

    „Und ich würde sogar soweit gehen und eine Ursachenforschung als Zeitverschwendung bezeichnen.Zumindest wenn es um die Beseitigung des Hasses geht. Der ist seit Jahrtausenden existent und existiert weil er existiert. Selbsterhaltung.“

    Da stimmen wir überein. Das halte ich auch für Zeitverschwendung.

    • Alexia sagt:

      Ich habe bewusst versucht zu vermeiden, eine Schuldzuweisung oder Entschuldigung zu formulieren sondern einfache Ursachen zu finden. Schade, dass es dennoch so aufgefasst wird. Aber Konfliktursachen haben nun einmal immer mindestens zwei Seiten.

      „Nun, indem man die Propaganda stoppt, könnte man halt schon Einiges erreichen. Wie bereits geschrieben – es kommen ja nicht mal Drohungen der Art aus Europa “Stoppt die Propaganda oder wir stoppen die Mittel”“
      Die Möglichkeit habe ich übersehen.

      Mal abgesehen davon, dass die Drohung selbst nichts ändern wird. Es müssten tatsächlich Taten folgen. Angefangen beim Stopp von Hilfsgeldern bis hin zu Vollembargos, die verhindern, dass Reisende nichtmal mehr eine Karotte im Handgepäck importieren können. Dass auch der Tourismus an sich unterbunden werden müsste, versteht sich von selbst. Ich denke, dass dann – und nur dann – die Kacke in diesen Ländern nach einem Monat so am dampfen wäre, dass sich wirklich etwas ändert. Oder aber die daraus resultierende humanitäre Katastrophe treibt noch mehr Extremisten in die offenen Arme der diversen Terrorgruppen.

      Sorry. Ich stimme dir zu, dass das unter Umständen eine wirksame Methode sein kann. Aber wie die Wirkung später aussieht, ist die große Frage. Ich halte es für wesentlich erfolgversprechender, die entsprechenden Länder militärisch zu besetzen, die Bevölkerung durch Gesetze und Besatzungsgewalt zu entwaffenen und über zwei, drei Generationen hinweg umzuerziehen. Das wäre zeitaufwending, unelegant und ethisch fragwürdig. Aber es hat wenigstens einmal funktioniert. (Oder auch nicht, wenn Deutschlands Bevölkerung wirklich aus 50+% Antisemiten besteht.)

      Die anderen Punkte in dieser Diskussion sind eher nebensächlich. Aber ich glaube, sie verdienen dennoch eine Antwort.

      „“Das funktioniert auch eine Weile.”

      Eine Weile? “
      Ja, eine Weile. 60+ Jahre sind eine Weile. Auch wenn es irgendwann 100 Jahre werden. Erfahrungsgemäß ist es nicht möglich, so einen Kampf ewig aufrechtzuerhalten. Staaten entstehen und vergehen, Wirtschaften erblühen und sterben wieder ab und ganze Völker entstehen durch Vereinigung verschiedener Stämme und lösen sich irgendwann wieder auf.

      Bisher war die einzige Konstante, dass Menschen leben und sich vermehren. Und selbst der Homo sapiens existiert seit kaum 200k Jahren. Alles was wir heute haben, dauert voraussichtlich nur eine Weile.

      Sollte der Westen – insbesondere die USA – irgendwann aus irgendeinem Grund nicht mehr willens oder fähig sein, Israel mit Mitteln zu beliefern, war es das. Wir können *eine Weile* so weitermachen. Aber wir müssen dann darauf hoffen oder dafür sorgen, dass alle islamischen Staaten in der Gegend eine kürzere Weile so weitermachen können.

      „“Wer aber meint, unbedingt in einem Erdbebengebiet wohnen zu müssen, ”

      Das stört mich vor allem, weil es wieder eine Teilschuld der Israelis suggeriert und eine “Entschuldung” der Nachbarn.“

      Das betrifft wieder die Schaffung vollendeter Tatsachen. Ihre historische Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit spielt nach so vielen Jahren keine Rolle und die heute lebenden Israelis können nun wirklich nichts für die damaligen Entscheidungen. Das hatten wir schon in einer anderen Diskussion. Es ist nur wichtig, dass es so etwas gibt, und ausreichend viele Menschen es übelnehmen.
      Aus der Feststellung kann (muss aber nicht) folgen, wer der Schuldige ist. Das ist nicht mein Ziel gewesen. Mein Ziel war es, eine Teilursache (=/= Schuld) für den heutigen Konflikt zu finden.

      Meinen Hauptfehler in der Argumentation sehe ich in einer starken Verwendung von Gleichnissen. Dass die nur begrenzt auf die eigentlich diskutierte Situation anwendbar sind, ist klar. Ich weiß im Augenblick nicht, wie ich das ändern kann, vor allem da Gleichnisse einen Großteil meiner eigenen Meinungsbildung ausmachen.

      „Wo sollen wir denn mit den ganzen Palästinensern und Arabern hin?

      Achso, Du meinst Die Israelis. Yep, dem ist wohl so. “
      In erster Linie meine ich die Juden. Auch arabische und palästinensische Juden. Aber warum erwähnst du den Punkt überhaupt? Ich selbst hatte schon am Ende des Absatzes gesagt, dass das keine realisierenswerte Möglichkeit ist.

      „“Mir ist durchaus bewusst, wie Hass von Generation zu Generation weitergegeben und innerhalb einer Generation mit gegenseitigem Aufstacheln aufgefrischt wird.”

      Nicht nur das. Sondern auch gezielt mit Propagandamitteln und hohem Aufwand.“
      Ja. Der Aufwand von Propagandamitteln ist die Methode dieses Aufstachelns und der Weitergabe an folgende Generationen. Und all das ist Bestandteil des sich selbst erhaltenden Systems. Es ist quasi Hass mit Eigenleben, der Menschen als Trägermedium nutzt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.