Das weichgekochte Anliegen

Während es zwar einige echte Ideologen und Intellektuelle da draußen gibt, denen bestimmte Anliegen und Ideen am Herzen liegen – wie mir zum Beispiel -, so gibt es noch viel mehr Leute, denen sie egal sind. Bei vielen Anliegen bekomme ich unweigerlich den Eindruck, dass sie nur darum so weit diskutiert werden, weil die Leute zufrieden sind und es nichts wirklich zu diskutieren gibt für sie – aber sie hätten gerne den Anschein eines bedeutungsvollen politischen Diskurses. Alleine schon, um die Unterhaltung am Frühstückstisch und am Stammtisch aufzuwerten.

Unsere Gesellschaft ist schließlich wohlhabend, relativ frei und gleich, es gibt schöne Landschaften und guten Wein. Aus der Sicht des Nicht-Intellektuellen und Nicht-Ideologen gibt es keine wirklich großen, ernsthaften Aufreger oder Themen oder irgendetwas. Also, so kommt es mir vor, machen die Leute einfach mit, wenn ein Ideologe oder ein Intellektueller mit einem Thema ankommt. Und je weniger geistiger Aufwand dafür nötig ist, desto lieber springt man auf den Zug auf. Darum springen die Leute lieber auf andere Züge auf denn auf jene von Philosophen oder von Menschen mit unerhörten Ideen, wie Libertäre.

Bei Themen wie Feminismus und Ökologie ist mir aufgefallen, dass Durchschnittsleute die verrückten Ideen der Ideologen in eine vernünftigere Fassung abwandeln und dann glauben, sie wären beim großen Fortschritt mit dabei. So fordern Leute Tierrechte, die eigentlich gar keine Tierrechte haben wollen, sondern nur, dass niemand Hunde tritt und Katzen am Schwanz zieht. Als gäbe es eine gigantische, einflussreiche politische Lobby, die für das Ziehen an Katzenschwänzen und das Treten von Hunden argumentiert. Oder sie reden von sexueller Revolution, obwohl sie seit 30, 40 Jahren verheiratet sind und gar nicht vorhaben, ihr Sexualleben auf den Rest der Menschheit auszuweiten (das habe ich schon verdammt häufig erlebt!). Oder sie reden über ihre Unterstützung des Feminismus und meinen damit, dass Männer irgendwie nett zu Frauen sein sollen. Es ist wirklich eine Art von intellektueller Faulheit, die schlechte Ideen fördert. Es ist im Grunde genommen einfach Dummheit.

Gerade unser Wohlstand gibt uns Zeit und Mittel, uns oberhalb des Stammtischniveaus mit Ideen zu befassen. Das beginnt mit der Erkenntnis, dass Ideen wichtig sind und dass man sie darum eben nicht den Aktivisten überlassen sollte, die ihr eigenes Süppchen kochen. Es wäre ein Fortschritt, radikale Ideen nicht derart zu verharmlosen. Etwa, dass die sexuelle Revolution in erster Linie gefordert hätte, dass man offen mit seinem Partner über Sex reden kann (so ein Quatsch!) oder dass der radikale Feminismus gleiche Bezahlung oder nette Männer fordert (tut er nicht) oder dass Tierrechtler nur dagegen sind, dass man sinnlos Tiere foltert (niemand ist dafür, dass man Tiere foltert).

Manchmal macht es mehr Spaß, mit sich selbst über wichtige Ideen zu reden als mit anderen.

4 Kommentare zu “Das weichgekochte Anliegen

  1. Skeptiker sagt:

    Darum springen die Leute lieber auf andere Züge auf denn auf jene von Philosophen oder von Menschen mit unerhörten Ideen, wie Libertäre.

    Das liegt vielleicht auch daran, dass sie diese Züge gar nicht kennen. Mir wäre z. B., selbst in der Zeit, in der mein Konsum von Nachrichtenmedien größer war, kein Thema bekannt, das ein Philosoph losgetreten hätte. Abgesehen von einigen wenigen Essays, die aber meiner Meinung nach eher um die Skandalwirkung geschrieben wurden.

    Jetzt kann man natürlich sagen, die Philosophen haben uns genug Stoff zum Nachdenken gegeben, so dass ein aktueller Eingriff gar nicht notwendig sei. Demnach könnten wir z. B. die Protokollsatzdebatte des Wiener Kreises wieder anwärmen.

    Libertäre – dh. wohl Radikalliberale, das Wort wird nämlich auch für Anarchisten verwendet? – Ideen finden in der deutschen Debatte nicht statt. Egal wie man das bewertet.

    So fordern Leute Tierrechte, die eigentlich gar keine Tierrechte haben wollen, sondern nur, dass niemand Hunde tritt und Katzen am Schwanz zieht.

    Vielleicht sehen sie es als Mittel zum Zweck, den Tieren rechten zu geben, damit man ihnen nicht mehr am Schwanz zieht?
    Hat man nicht auch z. B. das Postgeheimnis eingeführt, weil man nicht mehr wollte, das der staatliche Zensor die Briefe mitlist?

    Oder sie reden von sexueller Revolution, obwohl sie seit 30, 40 Jahren verheiratet sind und gar nicht vorhaben, ihr Sexualleben auf den Rest der Menschheit auszuweiten (das habe ich schon verdammt häufig erlebt!).

    Man kann eine sexuelle Revolution ja trotzdem aus irgendwelchen Gründen gut finden. Vielleicht auch nur für elle Leute unter 30 oder so.
    Indem man die Begründung nicht mitnennt kann man eine Meinung leicht als lächerlich darstellen.

    Oder sie reden über ihre Unterstützung des Feminismus und meinen damit, dass Männer irgendwie nett zu Frauen sein sollen.

    Mit Nettsein ist es natürlich nicht getan.
    Es geht um Fairness usw.

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Bei vielen Anliegen bekomme ich unweigerlich den Eindruck, dass sie nur darum so weit diskutiert werden, weil die Leute zufrieden sind und es nichts wirklich zu diskutieren gibt für sie – aber sie hätten gerne den Anschein eines bedeutungsvollen politischen Diskurses.

    Es ist normal, dass bestimmte, auch: gefährliche, Ideen und Ideenlehren nicht oder nur sehr oberflächlich diskutiert werden, so lange sie nicht oder nur wenig relevant scheinen.
    Ich selbst schließe mich hier ausdrücklich ein.
    Erst einmal in diesen Trott geraten fällt dann die Umstellung einigen richtig schwer, wenn Müll relevant wird.

    MFG
    Dr. W

  3. Alexia sagt:

    Ich muss zugeben, dass mir das Ziel dieses Beitrags nicht ganz klar ist. Kritisierst du, dass nicht auf ausreichend hohem Level diskutiert wird oder dass überhaupt diskutiert wird?

    Möchtest du diese Thesen diskutieren?

    „Bei vielen Anliegen bekomme ich unweigerlich den Eindruck, dass sie nur darum so weit diskutiert werden, weil die Leute zufrieden sind…“
    Natürlich. Menschen, welche zu viele grundlegende Probleme haben, wie die, die nächste Miete und die Nahrung für den nächsten Monat zu finanzieren, diskutieren nicht. Sie meckern einfach nur, dass der Staat nichts tut, während sie selbst unter Bedingungen arbeiten, die kaum noch mit irgendwelchen Arbeitsgesetzen zu tun haben.
    Alle anderen diskutieren gern, weil ein Gedankenaustausch Spaß macht. Das Niveau ist da weitestgehend egal.

    „… und es nichts wirklich zu diskutieren gibt für sie …“
    Irgendwas findet sich immer.

    „… aber sie hätten gerne den Anschein eines bedeutungsvollen politischen Diskurses.“
    Manchen – so wie mir – machen Diskussionen über verschiedene Themen einfach Spaß. Vor allem, wenn es um mehr oder weniger gegensätzliche Ansichten geht. Eine Diskussion zwischen zwei Menschen gleicher Ansicht ist langweilig und bringt keine neuen Erkenntnisse.

    „… Alleine schon, um die Unterhaltung am Frühstückstisch und am Stammtisch aufzuwerten.“
    Öhm… nein. Am Essenstisch und in der Kneipe haben die Themen Politik, Religion und Sport nichts verloren. Die Gefahr, die allgemeine Stimmung zu verderben, ist einfach zu groß. Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist, kann schnell die körperliche Unversehrtheit der Kontrahenten beeinträchtigt werden.

    „Aus der Sicht des Nicht-Intellektuellen und Nicht-Ideologen gibt es keine wirklich großen, ernsthaften Aufreger oder Themen oder irgendetwas. Also, so kommt es mir vor, machen die Leute einfach mit, wenn ein Ideologe oder ein Intellektueller mit einem Thema ankommt.“
    Erwischt. 🙂
    Könnte aber auch daran liegen, dass das Bedürfniss nach solchen Diskussionen umso dominanter wird, je besser die grundlegenderen Bedürfnisse gestillt werden. Unter Freunden gibt es solche Diskussionen so gut wie garnicht, weil diese oft sowieso der gleichen Meinung sind.

    „So fordern Leute Tierrechte, die eigentlich gar keine Tierrechte haben wollen, sondern nur, dass niemand Hunde tritt und Katzen am Schwanz zieht. Als gäbe es eine gigantische, einflussreiche politische Lobby, die für das Ziehen an Katzenschwänzen und das Treten von Hunden argumentiert.“
    Wozu eine Lobby? Es gibt einfach Sadisten, die das aus Spaß an der Freude tun. Das ist Fakt. Aus diesem Fakt entsteht eine Lobby die dafür argumentiert, die Strafen für Tierquäler so zu bemaßen, als hätten diese ihre Taten gegen einen Menschen gerichtet. Den gemäßigten geht es dabei noch nicht einmal um Massentierhaltung, die einfach Unvermeidbar ist, wenn wir uns alle ernähren wollen. Es geht ihnen um sadistisch motiviertes Quälen.

    „Oder sie reden von sexueller Revolution, obwohl sie seit 30, 40 Jahren verheiratet sind und gar nicht vorhaben, ihr Sexualleben auf den Rest der Menschheit auszuweiten“
    Was ist falsch daran, für die eventuellen Interessen anderer einzustehen? Ich selbst habe zum Beispiel überhaupt kein Interesse an Inzest, würde aber jederzeit unterschreiben, wenn es darum geht, das Verbot und die Gefängnisstrafe dafür abzuschaffen.

    „Oder sie reden über ihre Unterstützung des Feminismus und meinen damit, dass Männer irgendwie nett zu Frauen sein sollen.“
    Beim Feminismus geht es um ganz einfache Gleichberechtigung. Er ist im Grunde eine Unterkategorie des Humanismus. Das laute Geschrei der Radikal“feministen“ hat mit Feminismus ungefähr soviel zu tun wie die PETA-Aktionen mit Tierrechten oder die WBC-Proteste mit christlichen Werten.

    Die Wahrheit ist doch, dass es bei jedem Thema, jeder Protestaktion und jeder Straßendemonstration viele Menschen gibt, welche lediglich ungefähr ähnliche Vorstellungen darüber teilen, was sein sollte. Du hast irgendwie die Angewohnheit, Beispiele herauszupicken, mit denen du alle über einen Kamm scheren kannst. Und dann kannst du alle Proteste, Demonstrationen oder Diskussionen als ein bisschen doof darstellen. Immerhin gibt es ja die Aussage von Philosoph XYZ, der sagt wie die Logikkette A, ergo B automatisch C erzwingt.

    Wäre das so einfach, könnten das Leben der globalen Gemeinschaft mit ein paar Grundregeln automatisieren.
    Ist aber nicht so. Also muss diskutiert werden.

  4. sba sagt:

    …dass Durchschnittsleute die verrückten Ideen der Ideologen in eine vernünftigere Fassung abwandeln…

    Gratuliere! Damit hast Du Dir selber die Antwort gegeben, wie irgendjemand auf Nietzsche hereinfallen kann (oder Kant etc. – allerdings ist Nietzsche wirklich nur sehr schwer in den Griff zu bekommen, weil man bei jeder Stelle einzeln herausfinden muss, ob gerade der Dichter mit ihm durchgeht oder der Philologe, oder ob er sich ernsthaft als Philosoph versucht. Möglicherweise wusste er das selber nie so genau.) Wobei es nat. auch mind. zum Teil im Sinne der Verharmlosten sein dürfte, wenn es ihrer Akzeptanz aufhilft. Und eigentlich gehört das zu den Tugenden der Menschen (die dann gegen sie selbst verwendet werden können), BS nicht einfach so und in Reinform hinzunehmen, sondern in ihrem Kopf nach Form und Inhalt mindestens dem gesunden Menschenverstandt zugänglich abzuändern. Der Rest ist dann leider ein Paket-Angebot).

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