Warum sollte uns das interessieren?

Ich bin einigermaßen perplex wegen mancher Kommentare zum Beitrag Das weichgekochte Anliegen. Warum sollte uns die Welt um uns herum interessieren? Und warum sollten wir nicht einfach fantasieren, worum es bei Themen wie Feminismus und Tierrechte geht und was da politisch gefordert wird? Warum sollen wir nicht einfach schlechte radikale Ideen in etwas anderes, Harmloses übersetzen? Nur, weil es für manche interessant ist, weil es nett ist, darüber zu plaudern?

Nein. Weil es unser Leben betrifft. Weil wir in einer Demokratie leben.

Es hat wohl noch nicht jeder mitbekommen, aber in einer Demokratie hat das Volk einen gewissen Einfluss auf die Gesetzgebung, sogar einen ziemlich großen. Politiker machen häufig nur noch Politik aufgrund von Umfrageergebnissen (auch ein Anzeichen von einem intellektuellen Defekt und philosophischer Orientierungslosigkeit). Was das Volk denkt, ist also wichtig. Weil Gesetze daraus gegossen werden, die für alle Bürger des Landes und teils darüber hinaus gültig sind. Und wir leiden direkt oder indirekt unter schlechten Gesetzen. Die aktuell gerne diskutierten Tierrechte hätten als Konsequenz, dass sie die rationale Nutzung der Natur für unsere Zwecke unterbinden würden – und wir etwa dann kein Fleisch mehr essen könnten, kein Leder nutzen, keine Milch, sie würden die Entwicklung der Medizin behindern und tausend andere Produkte könnten wir nicht mehr nutzen.

Tierrechtler argumentieren vor allem ethisch. Ethik ist ein Teilbereich der Philosophie. Genau hier muss man ihnen antworten, oder sie bekommen ihren Willen. Philosophie befasst sich mit den fundamentalen Ideen, die alles andere bestimmen.

Ideen schreiben Geschichte, formen Gesetze, geben dem Leben jedes individuellen Menschen eine Richtung. Sie können großartige und verheerende Folgen haben. Sollten wir für unsere Werte kämpfen oder sollten wir sie für eine „höhere Sache“ aufopfern? Sind wir von Genen und Umwelt determiniert oder haben wir einen freien Willen? Es gibt Studien aus der empirischen Psychologie, die klar genug aufzeigen, wie solche Ideen das Leben der Menschen beeinflussen. Wer an das Schicksal glaubt, ist passiver, fatalistischer, schicksalsergebener. Wer an den freien Willen glaubt, neigt er dazu, aktiv für seine Werte zu kämpfen. Wer an die Macht seines Verstandes glaubt, nutzt ihn und profitiert davon. Wer nicht daran glaubt, lässt ihn verkümmern und leidet darunter.

Hätte ich David Hume nicht gelesen, würde ich die Frage gar nicht verstehen, warum uns das alles interessieren sollte. Der skeptische Philosoph sah seine eigene Berufung als bloßen Zeitvertreib an, der nichts mit der Realität zu tun hat, der gar nicht gelebt werden kann. Er meinte, er spielt mit seinen Freunden Brettspiele und denkt dabei gar nicht mehr an seine Philosophie. Dann liest er seine Texte und findet sie verrückt, bis er sich wieder darin verliert. Das ergibt auch Sinn bei seinen unsinnigen Ideen. Aber das gilt nicht generell für Ideen, sondern nur für schlechte.

Leichtfertig mit Ideen zu spielen ist so, als würde man leichtfertig mit Dynamit spielen. Warum sollten wir das nicht irrationalen Ideologen überlassen? Na, weil sie sonst unsere Gesellschaft ins Unglück reißen und wir darunter zu leiden haben. Das Irrationale siegt, wenn keine Alternative geboten wird. Das Böse siegt, indem man es siegen lässt.

Mir ist bereits aufgefallen, dass wir in wenig intellektuellen Zeiten leben. Die großen Debatten der großen Denker wurden durch einen Streit zwischen Nicht-Entitäten wie Richard David Precht und Claudia Roth ersetzt. Wo sind all die Intellektuellen hin? fragt Frank Furedi in seinem gleichnamigen Buch. Allmählich sollten wir uns fragen, wo all die Demokraten hin sind. Offenbar kann das Volk seine eigenen Anliegen nun anderen überlassen.

5 Kommentare zu “Warum sollte uns das interessieren?

  1. sba sagt:

    Na schön. Entweder habe ich mich falsch ausgedrück, oder etwas in den falschen Hals bekommen. Das eine ist nicht schön, das andere macht diesen Kommentar obsolet. Was ich wollte, war, einen Teil der Quintessenz des einen Artikels auf eine nebensächliche Detailfrage eines anderen anzuwenden, die mich selber schon ein paar Tage beschäftigt hatte. Der wesentliche Punkt dabei: Menschen nehmen Blödsinn nicht als Blödsinn an, solange sie davon ausgehen, dass es Blödsinn ist. Und der gute Glaube an den guten Willen der Mitmenschen verbietet es oder macht es jedenfalls sehr schwer, anzunehmen, dass irgendjemand absichtlich Blödsinn verbreite oder in der Lage wäre, himmelschreienden Blödsinn zu verbreiten, ohne es zu bemerken. Was ein zusätzliches Moment bekommt, wenn einem von zehntausend Seiten erzählt wird, dass XY echt wichtige und gute Einsichten anzubieten habe. Wenn diese wörtlich keinen Sinn ergeben, wird eben so lange herumgedeutelt, bis es einen Sinn ergibt. Das ist erstmal einfach so. Gutwilligkeit des Lesers.

    Nicht zum Ausdruck kommen sollte dabei, dass dies ein gutes Vorgehen sei. Auf den Trichter des Primats des Literalsinnes, darauf, sich die Brille des „letztenendes muss es doch einen verständliches Sinn ergeben“ nicht aufzusetzen und in der Konsequenz den teilweise hinrverdrehenden Stuss, mit dem man dadurch manchmal konfrontiert wird, als existent zu ertragen, muss man aber erstmal kommen. Denn (und jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster und stecke dafür gerne Schelte ein und lasse mich auch gerne korrigieren): Es gibt m.E. eine gewisse Analogie zwischen dem Vorgehen des Weichkochens und der Art und Weise, auf die man die Welt zuerst entdeckt. Eine große Menge chaotisch und unverbunden aussehender Daten muss systematisch sortiert werden. Und das kann man nur unter der impliziten Voraussetzung überhaupt erst anfangen, dass die ganze Angelegenheit schlussendlich einen Sinn ergeben kann. In der Naturwissenschaft sind wir auf die Weise bis zur BlueRay und dem Cyclotron gekommen. Auch hier behaupte ich nicht, dass es ein gutes Vorgehen darstellt, die Präsentation eines Ideenkomplexes auf die selbe Weise verstehen zu wollen, wie man Naturwissenschaft betreiben würde. Denn die Naturwissenschaft hat die Realität als direkten Maßstab und man kann per Messreihen mehr oder weniger, auf die eine oder andere Weise, „einfach nachschauen“ (extrem vereinfacht gesagt), ob eine Aussage stimmt oder nicht. Was nun für reine Ideenkomplexe nicht gilt, weil die ein höheres Abstraktionsniveau aufweisen, sodass ihre Prüfung anhand der Realität nur indirekt, durch logische Schlussketten statt finden kann. Aber das verrät einem kaum jemand. Ebenso kaum jemand darauf hinweist, was es mit definition by essentials auf sich hat (und dass es für diesen Ausdruck keine geläufige Übersetzung gibt, spricht schon für sich).

    Letztenendes könnte man das von Dir zu Recht monierte Phänomen als Symptom einer weit verbreiteten Lernleistungsverfehlung beschreiben. Was seinerseits daran liegen dürfte, dass nicht jeder von sich aus auf alles kommen kann und es in der Hinsicht an Gelegenheiten des rechtzeitigen Lernens fehlt; anderen unterwegs die Kraft ausgeht; und wieder andere wie die Hobbits einfach nur in ihrem Auenland friedlich ihr Leben leben wollen, als würde ein Krieg enden, wenn man ihn nur lange und stur genug ignoriert.

    LG

    • Der Beitrag war keine Antwort auf deinen Kommentar. Da ist sicherlich etwas dran, dass guter Wille und Gelassenheit eine Rolle spielen bei dieser Mutation irrationaler Ideen zu etwas verträglicherem. Andererseits spielt aber auch eine gewisse Trägheit hinein, wenn man nicht darüber nachdenken will, wozu bestimmte Ideen führen müssen.

      • sba sagt:

        Okay, dann hat wohl einfach mein Nebenbedeutungsdetektor noch frei gedreht (so eitel, den ganzen Artikel darauf zu beziehen, war ich dann doch nicht, mich haben bloß zwei Sätze zur selbstkritischen Reflexion angeregt).

  2. Skeptiker sagt:

    Die aktuell gerne diskutierten Tierrechte hätten als Konsequenz, dass sie die rationale Nutzung der Natur für unsere Zwecke unterbinden würden – und wir etwa dann kein Fleisch mehr essen könnten, kein Leder nutzen, keine Milch, sie würden die Entwicklung der Medizin behindern und tausend andere Produkte könnten wir nicht mehr nutzen.

    Tierrechte bedeuten ja nicht, dass sie vollends rechtlich mit Menschen gleichgestellt sind.
    Lange genug wurde das Verletzen von Tieren juristisch nur als „Sachbeschädigung“ aufgefast.
    Es ist aber (meiner Meinung nach) offensichtlich absurd (ja vielleicht eine Beleidigung der Vernunft!), bei der Verletzung von Tieren von der Beschädigung einer Sache zu reden, handelt es sich doch um Lebewesen.

    Er meinte, er spielt mit seinen Freunden Brettspiele und denkt dabei gar nicht mehr an seine Philosophie.

    Darf ich in aller Bescheidenheit um die Quelle bitten?

    Das ergibt auch Sinn bei seinen unsinnigen Ideen. Aber das gilt nicht generell für Ideen, sondern nur für schlechte.

    Es reicht nicht, die Ideen als unsinnig zu bezeichnen, man muss sie auch widerlegen.

    Leichtfertig mit Ideen zu spielen ist so, als würde man leichtfertig mit Dynamit spielen.

    Ich bin der Meinung, die Leute fröhlich mit Ideen spielen und sich nicht schähmen, wenn nichts produktives dabei rauskommt.
    Mag sein, dass ich selbst meine Gedanken nur zu gern schweifen lasse.

  3. Alexia sagt:

    Und warum sollten wir nicht einfach fantasieren, worum es bei Themen wie Feminismus und Tierrechte geht und was da politisch gefordert wird? Warum sollen wir nicht einfach schlechte radikale Ideen in etwas anderes, Harmloses übersetzen?
    Möglicherweise existiert eine eine solche „Übersetzung“ auch garnicht. Stattdessen gibt es ein breites Spektrum einer Ideenvariation, welches lediglich unscharf in eine Richtung zeigt.
    Bei Tierrechten bedeutet das, es gibt Menschen wie dich, die der Meinung sind, dass Nichtmenschen überhaupt keine Rechte hätten, weil sowieso niemand Hunde tritt oder Katzen am Schwanz zieht (Stimmt leider nicht) und Menschenrechte nicht anwendbar sind (Stimmt).
    Dann gibt es Menschen, die gern alles, angefangen bei Steak, bis hin zu Lederwaren und Wollprodukten verbannen wollen. Das sind Veganer, welche nicht wollen, dass Tiere überhaupt irgendwelche Arbeiten verrichten müssen. Dass Menschen ihre Kartoffeln ernten, übersehen sie gern. Häufig genug sind sie gleichzeitig Impfgegner und Homöopathieanhänger. Also durchaus eine große Gefahr für die Allgemeinheit. Allerdings stellen sie eine Minderheit welche lediglich sehr laut ist.
    Und dann gibt es solche, die Fleisch essen, Wollpullover und Lederjacken tragen und Tierversuche als notwendiges Übel sehen, aber der Meinung sind, dass Tierquäler hart bestraft werden müssen, weil es sich eben nicht um einfache Sachbeschädigung handelt. Tierquäler sind Leute welche Pferde schneiden, Armbrustschießübungen auf Katzen machen oder Hunde treten. Das ist der Mainstream und die harmlose Grundidee.
    Beim Feminismus gibt es ähnliche Variationen und Verteilungen.

    Wer an das Schicksal glaubt, ist passiver, fatalistischer, schicksalsergebener. Wer an den freien Willen glaubt, neigt er dazu, aktiv für seine Werte zu kämpfen. Wer an die Macht seines Verstandes glaubt, nutzt ihn und profitiert davon. Wer nicht daran glaubt, lässt ihn verkümmern und leidet darunter.
    Das ist Schwarz/Weiß-Denken. Dein Argument suggeriert, dass sich Deterministen generell äußeren Einflüssen widerstandslos fügen und alles passiv ertragen, bis sie arm und krank eingehen. Stimmt aber nicht. Ich würde meinen linken Arm darauf verwetten, dass in diesen Studien mal wieder Korrelation mit Kausalität gleichgesetzt wird. Außerdem klingen diese Studien stark nach Umfragen. Und wie Umfragen zu bewerten sind, darüber hatte ich mich letztes Mal schon ausgelassen.

    Leichtfertig mit Ideen zu spielen ist so, als würde man leichtfertig mit Dynamit spielen. Warum sollten wir das nicht irrationalen Ideologen überlassen? Na, weil sie sonst unsere Gesellschaft ins Unglück reißen und wir darunter zu leiden haben.
    Ich verstehe nicht, was du hier sagen willst. Wenn das Spielen mit Ideen so gefährlich sein soll (was ich bezweifle), wäre es dann nicht sinnvoller, es denen zu überlassen, welche sich zutrauen, solche Explosive zu handhaben? Sollte es Philosophielizensen geben, ähnlich eines Führerscheins? Oder würde genau dadurch das Philosophieren auf ein paar wenige beschränkt, was die Gefährlichkeit von gefährlichen Ideen erst real macht?
    Auf der anderen Seite ist es unrealistisch, von jedem Menschen zu erwarten, Kant und Rand zu lesen und zu verstehen (und ihnen vielleicht auch noch zuzustimmen). Ich hatte in der Schule leider nie Philosophie. Ich nehme mal, wenn ich etwas in der Richtung gelernt hätte, könnte ich objektiv sagen, ob und warum eine Quelle für Impfungen richtiger ist als eine die dagegen proklamiert, ohne mein Biologiewissen hinzuzuziehen und Blödsinn zu identifizieren. Und hier liegt meiner Ansicht nach eine Gefährlichkeit. Jeder glaubt, mitdiskutieren zu können. Das Feld wird nicht einfach nur „irrationalen Ideologen“ überlassen, sondern diese werden aktiv unterstützt, weil ihre Irrationalität nicht für jeden erkennbar ist. Da schließe ich mich selbst ein.

    Die meisten Menschen haben außerdem weit naheliegendere Probleme. Das sind solche Nichtigkeiten wie Geld verdienen und ein Familienleben zu führen. Es gibt sogar Menschen (wieder mich eingeschlossen) welche politische Diskussionen am Essenstisch in der Familie als „giftig“ wahrnehmen. Man mag es kaum glauben, aber es ist mir einige Male gelungen, eine aufgeladene Atmosphäre mit viel schlechter Laune, verursacht durch eine hitzige Kapitalismus-vs.-Sozialismus-Diskussion durch eine Art Nihilismus zu entschärfen.

    Die großen Debatten der großen Denker wurden durch einen Streit zwischen Nicht-Entitäten wie Richard David Precht und Claudia Roth ersetzt. Wo sind all die Intellektuellen hin?
    Diese Namen sind mir nicht bekannt. Ohne das Buch gelesen zu haben…
    Die sind da, wo sie immer waren. Sie sitzen immer noch in ihren selbstgeschaffenen Elfenbeintürmen und schreiben Essays voll geschwollener Texte, die einem durchschnittlichen Leser das Hirn verknoten. Heute gibt es dank Papier- und Druckerei-Industrie viel mehr Bücher. Allerdings vor allem solche zur Unterhaltung und (leider auch) viel pseudowissenschaftlichen Murks. Da gehen die „großen Denker“ einfach unter.

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