Karl Popper: „Wir wissen nie genau, wovon wir reden“

Vor einer Weile habe ich einen kritischen Essay über Karl Popper empfohlen mit dem Ergebnis, dass ihn kaum jemand gelesen hat. Dafür wurden meine einleitenden Halbsätze zum Anlass genommen, mir die Kritik übelzunehmen. Ob ihr da wirklich Poppers Fallibilismus berücksichtigt oder vielmehr glaubt, dass er automatisch Recht gehabt haben muss, sei einmal dahingestellt. Hier ein paar Notizen, die vielleicht doch noch zum Lesen des Essays anregen werden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Poppers Kritischem Rationalismus und Ayn Rands Objektivismus:

Elemente von Poppers Philosophie, die ich ablehne:

1. Methodologischer Nominalismus

Popper: Wörter sind nur Konvention. Definitionen sind nicht wichtig.

Objektivismus: Wörter sind mehr als nur Konvention. Sie beschreiben reale Entitäten, Attribute und Relationen. Es stimmt, dass wir einen Tisch auch „Stuhl“ nennen könnten, aber dann bezieht sich das Substantiv „Stuhl“ eben auf die reale Entität, die wir zuvor als „Tisch“ kannten. Wörter sind ein epistemologisches Erkenntnisinstrument. Definitionen sind von grundlegender Bedeutung für eine klare Kommunikation.

2. Social Engineering

Popper: Die Politik sollte die Gesellschaft schrittweise verbessern zu altruistischen Zwecken und auf Grundlage der Verfassung. Dabei sollte sie auch in die Wirtschaft eingreifen.

Objektivismus: Die Politik sollte die individuellen Rechte der Bürger schützen. Sie sollte nicht in die Wirtschaft eingreifen, sondern nur ein objektives Regelwerk vorgeben, also Eigentumsrechte definieren, Gesetze gegen Betrug erlassen und dergleichen. Keine Subventionen, kein Kartellamt, kein Sozialstaat, etc.

3. Marxismus: Sozialer Determinismus

Popper: Ablehnung des Histomat, aber Zustimmung zur Basis-Überbau-These

Karl Popper richtete sich gegen den Historizismus (und auch gegen die marxistische Variante namens historischer Materialismus), wonach die Geschichte einem bestimmten Ziel entgegensteuert. Er stimmte Karl Marx aber zu, dass das „Leben in der Gesellschaft“ die eigenen Gedanken bestimme. „Menschen – d.h. der menschliche Geist, ihre Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, die Motive und Aspirationen von menschlichen Individuen – sind, wenn überhaupt, das Produkt des Lebens in der Gesellschaft und nicht die Schöpfer der Gesellschaft.“ (OSE 2, 93)

Objektivismus: Die Gedanken der Menschen sind nicht metaphysisch gegeben wie die Naturgesetze oder determiniert durch die Gedanken anderer Menschen (und woher kommen die?) Unsere Gedanken sind das Ergebnis von freien Willensentscheidungen im Kontext unserer Erfahrungen.

4. Skeptizismus

Popper: Es gibt mit Sicherheit keine Sicherheit.

Objektivismus: So viel zum Thema Widerspruchsfreiheit und wie ohne sie die Wissenschaft zusammenbrechen muss. Es gibt „rationale Sicherheit„.

5. Fallibilismus, Kritischer Rationalismus

Popper: Wir sollten unsere Thesen daraufhin überprüfen, ob es Belege gibt, die ihnen widersprechen.

Objektivismus: Schon, aber: Poppers zentrale These ist nur ein Element der Induktion, die er von der Induktion gelöst und es verabsolutiert hat: Die Prüfung von Thesen auf ihre Freiheit von widerstreitenden Tatsachen und Argumenten. Dieser Prüfung geht allerdings der Rest der Induktion voraus. Wie gelangen wir zu dem, was wir da überprüfen? Diese Frage von mir beantwortete ein Anhänger von Popper mir gegenüber wie folgt: „Wir können auch durch Intuition oder göttliche Eingebung auf Thesen und Theorien kommen, ist doch egal, aber wenn wir sie haben, müssen wir sie kritisch prüfen.“ Gewiss sehr hilfreich für Forscher.

6. Anti-Aristoteles

Popper: Aristoteles war ein zweitrangiger Philosoph, ein wenig origineller Schüler Platons.

Objektivismus: Aristoteles war neben Platon und Kant einer der drei größten Philosophen. Platon begründete eine am Übernatürlichen orientierte Philosophie, Kant begründete den Nihilismus als ausgeformtes philosophisches System und Aristoteles begründete die säkulare, weltliche Philosophie. Der Objektivismus gehört zur aristotelischen Tradition.

7. Moderater Relativismus

Popper: Ethik kann nicht auf Fakten beruhen, ist menschliche Konvention. Trotzdem sollten wir die Ethik auf irgendeiner undefinierten Grundlage evolutionär weiterentwickeln.

Objektivismus: Ethik kann und sollte auf Fakten beruhen.

8. Utilitarismus und Altruismus

Popper: Ethik und Politik sollten die Vermeidung von Leid und das „Helfen“ von Schwachen als Hauptziele haben.

Objektivismus: Der individuelle Mensch sollte für sich selbst leben. Dazu gehört, für seine Werte zu kämpfen. Zu seinen Werten gehören andere Menschen.

9. Ablehnung von individuellen Rechten (“Naturrecht”)

Popper: Es gibt keine natürlichen Rechte oder Individualrechte, diese beruhen auf falschen essentialistischen Ideen.

Objektivismus: Essenzen sind ein epistemologisches Konstrukt, keine metaphysischen Attribute (wie Aristoteles glaubte). Die von der Essenz beschriebenen fundamentalen Charakteristika von Einheiten sind real, ob wir sie „essentiell“ nennen oder nicht. Es gibt Individuen. Individuen haben Rechte. Ein Recht ist ein moralisches Prinzip, dass die Handlungsfreiheit des Menschen in einem sozialen Kontext definiert und sanktioniert. Rechte werden auf Grundlage der Erfordernisse des menschlichen Überlebens begründet und in Gesetzesform gegossen. Die Regierung sollte die Rechte des Menschen schützen.

„Objectivism holds that the essence of a concept is that fundamental characteristic(s) of its units on which the greatest number of other characteristics depend, and which distinguishes these units from all other existents within the field of a man’s knowledge. Thus the essence of a concept is determined contextually and may be altered with the growth of man’s knowledge. “ (Ayn Rand)

Elemente von Poppers Philosophie, denen ich zustimme:

Autonomie, unabhängiges Denken, Ablehnung aller Autorität außer der Wahrheit. Die Wahrheit ist schwer zu erkennen und wer sie nicht erkennt, tut dies in der Regel nicht aus Böswilligkeit. Ablehnung des Totalitarismus. Kritik an Platon und Hegel.

Zum Essay: Nicholas Dykes: A Tangled Web of Guesses

Ein Kommentar zu “Karl Popper: „Wir wissen nie genau, wovon wir reden“

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Autonomie, unabhängiges Denken, Ablehnung aller Autorität außer der Wahrheit.

    Das Erkenntnissubjekt ist nicht ‚autonom‘, es herrscht in der Menge (repliziert sich auch dementsprechend), und zwar am besten durch Glauben und Systeme, die bewusst als brauchbar oder angemessen [1] angenommen werden, der bewusste Glaubensentscheid ist hier wichtig, leider gibt es keine ‚Wahrheit‘.
    Nicht auf den gemeinen Umgang bezogen und erst recht nicht auf die Naturwissenschaftlichkeit.
    ‚Autorität‘ darf im Rahmen des sozialen Gerühres angenommen werden, muss natürlich nicht.

    MFG
    Dr. W (der Sie („Dich“, >:->) schon ganz vorzüglich unterwegs sieht, gerade auch im liberalen Sinne, aber es gibt leider (noch) gewisse Dissenzen das Absolute betreffend)

    PS: Ja, sorry, Popper scheint sittlich sehr stark gewesen zu sein, man mag ja kaum widerreden. Insgesamt bin ich hier auch hochzufrieden.

    [1] es soll hier nicht um den Utilitarismus gehen, der geistig arm ist; es soll sich schon um das bemüht werden, was da oder gegeben ist

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