Notizen über die objektivistische Sexualethik

1. Liebe ist nicht „platonisch“

Sex ist eine integrierte Antwort (= Körper und Geist!) auf unsere höchsten Werte. Lust gehört zum Sex und Sex zur Liebe. Ein rationaler Mensch hat nicht Lust, mit jedem Sex zu haben.

2. Sex ist auch, aber nicht nur körperlich

Man kann nur Sex mit jemandem haben wollen, wenn man überzeugt ist, dass man gewollt wird und dass man es wert ist, gewollt zu werden. Man hat Sex für sich selbst und er ist auch eine Bestätigung des eigenen Selbstwerts.

3. Ferner gibt es nicht nur „christliche“ Gründe, Promiskuität abzulehnen. Im Gegenteil fordert das Christentum die Aufopferung der sexuellen Wünsche zum Zwecke der Reproduktion. Der Objektivismus sagt das Gegenteil. Er sagt, dass man sich gerade nicht für andere oder höhere Zwecke aufopfern soll. Man sollte für sich selbst Sex haben – und gerade darum nicht mit irgendwem, sondern mit einem Partner, den man liebt. Man tut sich selbst keinen Gefallen mit der Selbst-Prostitution, die heute so populär ist.

Und nun möchte ich gerne die Frage stellen: In welchem Zustand muss sich eine Gesellschaft befinden, in der die Ablehnung von sexueller Beliebigkeit mit der Ablehnung von Sex gleichgesetzt wird?

Zur objektivistischen Sexualethik: Philosophie-Bereich, Ayn Rand Lexicon

10 Kommentare zu “Notizen über die objektivistische Sexualethik

  1. Klimax sagt:

    Wieso sollte Sex auch platonisch sein? Das hat noch nie einer behauptet und wäre auch völlig widersinnig. Die Rede ist von platonischer Liebe, nicht von platonischem Sex. Und Liebe ist etwas anderes als sexuelles Verlangen, auch bei rationalen Menschen ;-).

  2. Alexia sagt:

    Zu 1)
    Das ist nicht allgemeingültig.
    Gegenbeispiele: http://de.wikipedia.org/wiki/Asexualit%C3%A4t#Typen

    Zu 2)
    Ich stimme zu, unter der Voraussetzung, dass der Begriff „Sex haben“ so definiert ist, dass alle Teilnehmer mit der Tätigkeit einverstanden sind. Alles andere wäre „Sex aufzwingen“.

    zu 3)
    Ich wage mal einen Unterschied zwischen Promiskuität und Selbstprostitution zu postulieren. Zweiteres ist hauptsächlich eine Tätigkeit, welche das eigene Überleben sichern soll. Wie ein Job. Ein Job muss nicht Freude machen oder ein Gefühl von Erfüllung vermitteln – auch wenn es schön wäre, wenn er das täte.
    Promiskuität kann vielfältige Motivationen/Ursachen haben. Bindungsunfähigkeit und Polyamorie existieren. Einfach nur Spaß wäre auch noch möglich. Ich kann allerdings nicht in die Köpfe von anderen Leuten schauen und muss annehmen, dass das, was sie über sich selbst sagen, wahr ist.

    „In welchem Zustand muss sich eine Gesellschaft befinden, in der die Ablehnung von sexueller Beliebigkeit mit der Ablehnung von Sex gleichgesetzt wird?“

    Davon ausgehend, dass eine Ansicht, welche „in einer Gesellschaft“ existiert, dort existieren kann, ohne von der Allgemeinheit aufgezwungen zu sein oder der Allgemeinheit aufgezwungen zu werden, würde ich behaupten, dass eine solche Gesellschaft nah dran ist, als „frei“ bezeichnet werden zu können. In dieser Gesellschaft gäbe es vermutlich eine Minderheit, die überhaupt keinen Wert auf Sex legt und diesen als beliebige, vielleicht sogar uninteressante oder zeit- und energieverschwendende Tätigkeit ablehnt.
    In etwa so, wie Ayn Rand Schach ablehnt. 🙂

    Oder meinst du eine Gesellschaft, welche von dieser Ansicht dominiert wird? In der Sex als eine Unbill angesehen wird, die Leider notwendig ist, um ab und zu ein Kind zu machen? Die würde ich als prüde bezeichnen. Und als unfrei noch dazu, da die Erfahrung zeigt, dass viele Menschen gern Sex haben und in diesem unter anderem einen Ausdruck von Liebe sehen.

    Generell halte ich es für kritisch, wenn „objektive“ Aussagen darüber gemacht werden, was für Menschen das Beste sei. Es gibt einfach zu viele Menschen in zu vielen Variationen mit häufig gegensätzlichen Bedürfnissen.

    Was die Seite aus dem Ayn-Rand-Lexikon angeht, da stehen eine ganze Menge Thesen, die eine Grundlage deiner Argumente zu bilden scheinen. Allerdings sind viele davon meiner Ansicht nach sehr wackeliges Schwarz/Weiß-Denken und außerdem fragwürdige Verknüpfungen wie „Leute die A denken, sind (alle/zwingend) auch der Ansicht B“.
    Sorry, aber das klappt so nicht.

    • Die Rede ist nicht von Selbstprostitution als Job, sondern als Promiskuität – was die Leute heute in der Jugend so ziemlich alle und später zunehmend viele tun.

  3. Daniel Wittenberg sagt:

    Ich finde die Argumentation nicht überzeugend. Auch ein ONS fördert das Selbstwergefühl, schließlich wird auch dort nach persönlichen Vorzügen ausgewählt.

    Und mit Rationalität hat das alles nichts zu tun. Eher mit Geschmack und individueller Bedürfnisstruktur.

    Jedenfalls sieht man hier die Schizophrenie des Objektivisten, der einerseits eine Moral der absoluten Selbstsucht lehrt, aber andererseits nicht auf die wertkonservative Pose verzichten möchte.

    • Daran ist nichts Wertkonservatives, das habe ich schon aufgezeigt. Es ist lediglich nicht subjektivistisch, willkürlich, beliebig. Wenn die menschliche Natur und die übrige Realität etwas Bestimmtes sind und kausalen Gesetzen folgen, dann kann logisch betrachtet unmöglich jede Art von Sexleben gleichermaßen sinnvoll sein für einen Menschen. Ein „ONS“ ist eine Simulation. Glaubst du, jemand kann eine Person schon nach ein paar Minuten oder Stunden so gut einschätzen, dass er in ihr jemanden sieht, in der er seine höchsten Werte wiederfindet? Ein ONS ist für Leute, die befürchten, was passiert – wohl berechtigt – wenn jemand sie besser kennenlernt.

      • „Nach persönlichen Vorzügen auswählt“. Nun, wenn jemand so tiefgründig ist wie eine Pfütze und man alles Wichtige über ihn in ein paar Minuten oder Stunden erfahren kann, dann wird man wohl für einen One Night Stand nach „persönlichen“ Vorzügen ausgewählt werden können. Ansonsten doch eher nur nach dem Aussehen und dem aktuell durchscheinenden Verhalten. Man kann eine Person nicht wirklich beurteilen nach so kurzer Zeit.

      • Es ist nicht wertkonservativ, weil:

        1. Das individuelle Wohl zählt, nicht die Erwartungen der Gesellschaft, nicht irgendeine höhere Funktion wie Kinder kriegen für Gott, nicht die Heiligkeit der Ehe (man muss nicht verheiratet sein für Sex, sondern nur eine Beziehung haben, einen Menschen kennen- und liebengelernt haben).

        2. Sex gut und wichtig ist – zu gut und wichtig, um mit irgendwem Sex zu haben, den man nur ein paar Minuten oder Stunden kennt.

        Gut, ich bezweifle, dass sich diese Philosophie an allzu viele Leute in unserer Gesellschaft vermitteln lassen wird, weil man ja ungerne Fehler zugibt. Ausblenden wird da zur Pflichtübung.

        • Schließlich sollte man bedenken, dass Ayn Rand diese Sexualethik in den 1950ern in den USA entwickelte – die natürlich ganz erheblich prüder war als alles, was ihr jetzt angelastet wird. Die Dreiecksbeziehungen in ihren Büchern wurden als skandalös angesehen. Jetzt heißt es, ihre Philosophie hätte eine „wertkonservative Pose“.

  4. Skeptiker sagt:

    Ich kann die argumentation schon irgendwie nachvollziehen. Sex und Liebe zu trennen muss nicht unbedingt selbstverständlich sein.

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