Gedanken über die Gedanken

Für unsere Übersetzung Gedanken über die verschiedensten Gegenstände der britischen Satiriker-Giganten Jonathan Swift und Alexander Pope habe ich ja das Nachwort verfasst. Vielleicht werde ich mir als Lohn für die nächtlichen Ausflüge in die Unibibliothek für die Recherche sogar irgendwann ein Eis vom Bucherlös kaufen können!

Das Nachwort ist vor allem das Ergebnis meiner Überlegungen zu Jonathan Swift, enthält aber auch ähnlich lange Ausführungen über Pope. Beizeiten scheint Swifts Einfluss in meinen eigenen Texten durch. Eine Interpretation von Richard Webster in Why Freud Was Wrong über Gullivers Reisen fand ich übrigens besonders interessant.

Im Grunde war Swift ein Vertreter der christlichen Gegenaufklärung des 18. Jahrhunderts. Das bevorzugte Ziel seines Spotts waren meine eigenen Helden- die Freidenker und Wissenschaftler der Aufklärung. Und doch hatte er, wie alle großen Schriftsteller, einen tiefen Einblick in die menschliche Natur, den man nicht ignorieren sollte. Und er brachte seine Kritik sehr deutlich zum Ausdruck, was ich stets schätze.

Faszinierend an den Gegenaufklärern des 18. Jahrhunderts ist der Umstand, dass sie mit den Methoden der Aufklärer arbeiteten. Sie schrieben ebenfalls Briefe und Pamphlete, verbrachten ihre Zeit in Kaffeehäusern und Salons. Sie waren ebenfalls politisch aktiv. Sie waren fest in der Kultur der Aufklärung verankert. Es gab auch weibliche Gegenaufklärerinnen, bei denen das Paradoxon besonders hervortritt: Denn die Tatsache selbst, dass Frauen als Intellektuelle tätig waren, ist revolutionär gewesen. Kein Wunder, dass sie am Ende keinen Erfolg hatten bei dem Versuch, gegen sich selbst anzuschreiben.

Wie alle Satiriker war Swift ein gekränkter Idealist. Die Menschen sollten das Meisterwerk der Schöpfung sein, aber sie verhielten sich teils wie die Yahoos, Swifts Wilde auf der Insel der sprechenden Pferde in Gullivers Reisen. Und so pflegte er seine Wut auf die Unvollkommenheit des Menschen, indem er sie in Satiren behandelte. Er bewarf den eingebildeten Menschen mit Kot, um ihn mit seinen eigenen Dummheiten zu konfrontieren. Zugleich schien er aussagen zu wollen, dass der Mensch von Natur aus unvollkommen ist (seit der Ursünde) und sich darum gar nicht grundlegend bessern kann.

Die Betonung der Tradition und die Warnung vor dem Umsturz der Gesellschaftsordnung kommen mir bei Swift wie eine Fehlinterpretation seines eigenen Anliegens seitens ihm selbst vor. Es ist üblich für Konservative, dass sie die Dinge so betrachten, also hat Swift es vordergründig auch so gesehen. Er hatte aber selbst einen rebellischen Geist, wütete gegen Politiker und gegen den britischen König, veralberte die Intellektuellen seiner Zeit, schlug mit der literarischen Faust auf Missstände drauf. Er war, gar nicht traditionell, ein Kritiker der Ehe und er hielt es für idiotisch, zu heiraten, was Pope und er auch zeitlebens unterließen. Die Engländer wollten ihn einsperren, ganze Bücher wurden gegen Swift und seinen Freund Alexander Pope veröffentlicht. Das ist eigentlich nicht die Haltung von jemandem, der die Alte Ordnung verteidigen möchte!

„Wer eine Frau heiratet, weil er nicht immer keusch leben kann, ist wie jemand, der einige Blasen auf seinem Körper bemerkt und dann bis in alle Ewigkeit ein Pflaster trägt.“ (Jonathan Swift)

Also, wenn ihr 99 Cent entbehren könnt und auch an diesen Quertreibern Swift und Pope interessiert seid, vielleicht eines Tages so fasziniert von ihnen sein möchtet wie ich: Besorgt euch die „Gedanken“ im Kindle-Shop!

Ein Kommentar zu “Gedanken über die Gedanken

  1. Rüdiger sagt:

    Gekauft! Das war appetizing genug für mich! 🙂

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