Professor für Nihilismus

In Zeit Wissen 5/2014 befindet sich ein Interview mit dem Philosophieprofessor Byung-Chul Han. Man gewinnt einen guten Einblick in die moderne „Philosophie“. Hier einige seiner Thesen:

1. „Heute leben wir in einer Diktatur des Neoliberalismus“. Wir beuten uns aus, weil wir Unternehmer unserer selbst sind. Wir sind unfrei, weil wir unser Leben selbst bestimmen.

Was auch immer.

2. Frauen kaufen viele Kleider, die sie kaum anziehen.

Dann geben sie ihr besser nicht Ihre Kreditkarte.

3. „Wenn ein System die Freiheit angreift, muss ich mich wehren. Das Perfide ist aber, dass das System heute die Freiheit nicht angreift, sondern sie instrumentalisiert. (…) Wir geben unsere Daten freiwillig heraus.“

Dann lassen Sie es halt, wenn Sie nicht wollen. Bei den Smartphone-Apps werden die Berechtigungen angezeigt, die man vergibt.

4. „(…) von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters.“

Abgesehen von der Abwesenheit von Feudalherren, einer Ständegesellschaft, Frondienst und allem.

5. „Diese Menschen (Leute, die ihren Körper mit Sensoren ausstatten und die Daten ins Netz stellen), sind bereits Zombies, sie sind Puppen, die von unbekannten Gewalten am Draht gezogen werden (…)“

Ich schätze mal, dass Fitnessarmbänder einen aus moderner Philosophensicht zu Zombies degradieren. Jedenfalls helfen sie nicht viel, wenn man sich mehr bewegen will.

6. Das Öl reicht nur noch für 50 Jahre, die Wüsten breiten sich aus.

Dann nutzen wir eben Atomenergie und sorgen für künstliche Bewässerung. Wäre natürlich praktisch gewesen, wenn die Ökos die Atomenergie nicht abgeschafft hätten.

7. „Im Absurden kann man nicht glücklich sein. Für Glück braucht man, so denke ich, viel Illusion.“

Braucht man nicht. Wir können hier auf Erden glücklich werden. Aber eine rationale Philosophie anstelle dieses nihilistischen, misanthropischen Existenzialismus wäre hilfreich.

8. „Auch die Philosophie wird eine positive Wissenschaft. Sie bezieht sich nicht auf die Gesellschaft, sondern nur auf sich selbst. So wird sie gesellschaftsblind.“

Dann sollten Sie sich vielleicht von der modernen Philosophie abwenden, wenn Sie diese zu sehr von der Realität wegführt.

12 Kommentare zu “Professor für Nihilismus

  1. Thomas Leske sagt:

    Das Leben ist zu kurz, um sich über schlechte Philosophen zu ärgern.
    Ich habe vor kurzem Michel Huemer entdeckt. Er scheint ähnlich wie Ayn Rand mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, auch wenn er ein paar Dinge anders sieht:
    http://www.cato-unbound.org/2010/01/22/michael-huemer/why-ayn-rand-some-alternate-answers

    Im Grunde geht er vom gesunden Menschenverstand aus. In seinem ersten Buch verteidigt er direkten Realismus gegen Skeptizismus. In seinem zweiten verteidigt er ethische Intuition gegen Utilitarismus, Nihilismus und so weiter. In seinem dritten weist er ausgehend von dieser Ethik des gesunden Menschenverstandes nach, dass der Staat sich seine Autorität nur anmaßt.

    Man kann problemlos gleich mit dem dritten beginnen: „The Problem of Political Authority“ (Lesebefehl!)

    • Nun, so etwas wie „ethische Intuition“ existiert nach meinem Dafürhalten nicht. Beziehungsweise, wenn man sie als unbewusst integrierte Verhaltenstendenzen versteht, dann schon, aber da tut sich die Frage auf, ob sie rational integriert sind oder nicht. Selbst wenn, würde ich mich bei wichtigen Entscheidungen nicht darauf verlassen.

      • Thomas Leske sagt:

        Jede rationale Überlegung braucht einen Ausgangspunkt. Huemer zeigt, dass man ausgehend nur von Tatsachen über die physische Welt nicht zu moralischen Schlüssen kommen kann.

        Das Verbot andere Menschen zu töten, wäre so ein unmittelbar einleuchtender Ausgangspunkt. So ähnlich, wie ich die Computermaus auf meinem Tisch wahrnehme, und nicht ohne Grund für eine Halluzination oder eine optische Täuschung halte.

        Das was uns die Intuition sagt, gilt zunächst – so wie ein Angeklagter als unschuldig zu gelten hat, bis seine Schuld nachgewiesen ist. Der Verteidiger darf zusätzlich Beweise für die Unschuld anführen, muss es aber nicht.

        Ein Beispiel für moralische Intuition:

        Beim Trolley-Problem sagen die Menschen ganz überwiegend, dass man die Weiche umstellen soll, damit nur ein Mensch stirbt statt fünf.

        Beim Problem der unfreiwilligen Organspende ist es umgekehrt: Ein Arzt stellt bei der Routineuntersuchung eines Patienten fest, dass seine Organe mit fünf Menschen kompatibel sind, die ohne Organspende sterben. Darf der Arzt den Patienten ausschlachten und töten, um dadurch fünf Menschen zu retten?
        (Selbst Menschen, die intellektuell den Utilitarismus vertreten, sagt ihre moralische Intuition unmittelbar, dass der Arzt das nicht darf.)

        • Diese Dilemmata machen Ethik zu einer Zirkusattraktion.

          • Thomas Leske sagt:

            Damit legst Du zweierlei Maß bei Ethik und Physik an.

            Oder verkommt Physik zu einer Zirkusnummer, nur weil Physiker Gedankenexperimente machen, und weil bei Laborexperimenten die Bedingungen irgendwie „unrealistisch“ sind?

          • Es kommt auf den Stellenwert dieser Gedankenexperimente an.

          • Friedrich Sommer sagt:

            Richtig, viele dieser Gedankenexperimente erscheinen absurd. Aber: Das entscheidende ist nicht die Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien.

            Die Gedankenexperimente verfolgen den Zweck, die Struktur des moralischen Normenkatalogos offenzulegen (nicht im Sinne einer kumulativen Auflistung, sondern im Sinne von „das Ganze ist mehr als seine Einzelteile“ oder „das nicht ausgesprochene“, das alle einzelnen Normen sinnvoll zusammenhält) , sie auf andere (zT bewusst konstruierte) Sachverhalte anzulegen, um etwaige Widersprüche aufzudecken, genauer gesagt, aufzudecken, ob die logische (?) Struktur einer Moral durchgehend konsequent ist. (wie es eine mathematische Formel ist)

            Bzw. (es hängt von der Fragestellung ab), um die unbewussten, durch „kulturelle Evolution“ entstandenen Wertungen hinter einer Moral zu erkennen, welche im Allgemeinen unbewusst sind.

            Deswegen sind diese Gedankenexperimente auch zwangsläufiger Bestandteil der Moralphilosophie, jedenfalls sobald es mehr als eine Strömung gibt und die Philosophie das nötige Reflexionsniveau
            erreicht hat. (Lang genug war Philosophie nicht wirklich die überprüfbare Rede, die sie sein wollte.)

            Die wissenschaftliche, philosophische Auseinandersetzung mit Moral kann um diese Gedankenexperimente gar nicht umhinkommen, sofern sie die Frage „wie ist Metaphysik möglich“, mitgemacht hat.

            Zur „moralischen Intuition“: Diese ist daher nicht der Nullpunkt, sondern der Punkt, an dem die philosophische Reflexion beginnt. Die philosophische Frage ist nicht, WIE die Menschen im Trolley Bsp. entscheiden. Das interessiert nur die Populärphilosophie und wahrscheinlich entscheiden sie sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen annähernd gleich.
            Die philosophische Frage ist, wie sie die Entscheidung begründen, wenn man sie auffordert, die Entscheidung zu erläutern.

            Wiederum wird man nicht die Erläuterung für die eigentliche Begründung halten, sondern man wird sich die Struktur der Begründung herausdestilieren und daraus die formale Ordnung einer bestimmten Moral ableiten. Diese ist dann die Bedingung, unter der es möglich ist, dass der Befragte eine Entscheidung für moralisch oder unmoralisch hält.

            Das machen die Moralphilosophen, wenn sie Gedankenexperimente aufstellen. (Freilich analysieren sie nicht nur, sondern wollen schon auch inhaltliches beitragen, indem sie versuchen das aus ihrer Sicht „unschönes“ durch besseres zu ersetzen.

            Auch wenn die Gedankenexperimente so ähnlich scheinen, wie die Frage, wieviele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können: sie sind das genaue Gegenteil dieser tatsächlich wirklichkeitsfernen Fragen.

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Da hat man anscheinend einen 51-jährigen zur Professorenstelle gelangen lassen, der vielleicht doch eher Neomarxist statt ‚Nihilist‘ ist, nicht viel zu sagen hat und den Neoliberalismus anscheinend nicht versteht und pejorativ verwendet.
    Vermutlich ist der Herr auch für Feedback der Artikel-Art dankbar.

  3. Rüdiger sagt:

    Das Geschwafel über die „Diktatur des Neoliberalismus“ geht mir auch auf den Zeiger. Nie waren die Menschen selbständiger, nie waren sie freier, nie konnten sie mehr aus ihrem Leben machen als in der heutigen westlichen Zivilisation.

    Ich empfehle als Medizin „Why the West is Best“ von Ibn Warraq http://www.amazon.de/Why-West-Best-Apostates-Democracy/dp/1594035768

    4. “(…) von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters.”

    Abgesehen von der Abwesenheit von Feudalherren, einer Ständegesellschaft, Frondienst und allem.

    Genial gekontert! 🙂

    Ich lese das Original, auf das Du Dich beziehst, lieber nicht, um mir nicht den Tag zu verderben.

    Allerdings finde ich ein Hurra-Aufklärertum, demgemäss mit 1789 die Sonne über dem vormals finster vor sich hin vegetierenden Menschengeschlecht aufging, auch zu einfach. Es gibt sicher auch Kontinuitäten, über die Jahrhunderte gleich Bleibendes, menschliche Eigenschaften – wie z.B. seine tendenzielle Schlechtigkeit, oder dass es Herrschaft gibt und dass Kriege manchmal nötig sind – die man besser zur Kenntnis nimmt und nach denen man sich im politischen Handeln ausrichten sollte.

    Obwohl mir der Herr Sloterdijk als blasierter Schwätzer (wie alle anderen Berufs-Geisteswissenschaftler) im Gedächtnis ist, habe ich mir sein neues Buch mal bestellt, weil es – zumindest gemäss der Ankündigung – diesen Gedanken etwas zu vertiefen scheint: Dass es auch Kontinuitäten gab, nicht nur den Bruch von 1789. Und dass mit 1789 auch geistige Fehlentwicklungen begannen, die zu positive Annahmen an den Menschen (der Mensch ist grundgut und wird nur durch die Gesellschaft verdorben) und an die Geschichte machten (sie schreitet immer weiter voran, sie ist also auf ein Ziel gerichtet, das unsere genialen aufklärerischen Denker bereits erkannt haben, und wer was anderes denkt, ist ein Fortschritts-, ja Menschheitsfeind und gehört bekämpft).

  4. Martin sagt:

    Zu 6: „Das Öl reicht nur noch für 50 Jahre..:“

    Club of Rome, 1977: „In spätestens 30 bis 40 Jahren gibt es kein Erdöl mehr.“

    Richard David Precht der dritte, Reichsphilosophieminister der europäisch-sozialistischen Union, 2085: Wir müssen uns alle bescheiden, in spätestens 50 Jahren wird es kein Erdöl mehr geben.

  5. Tom sagt:

    Das sind doch keine philosophischen Positionen. Das ist eine Ansammlung von Stammtischweisheiten die mit dem Ettiket „Philosoph“ dargeboten werden.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Mal davon abgesehen, dass die Punkte 2 und 6 besser hätten belegt werden können, bleibt dies natürlich anzunehmenderweise [1] linker ‚Stammtisch‘.

      Zu einem Lehrstuhl („Professorenstelle“, vs. Dr. habil. – PD, Privatdozent) ist der Gemeinte aber wohl bisher nicht gelangt.

      MFG
      Dr. W

      [1] eine besondere Prüfung ist hier nicht erfolgt, soll dies heißen

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