One Night Thought

Mir tun sich da eine Reihe von Widersprüchen bei den Auffassungen unserer Gesellschaft zum Thema „One Night Stand“ auf:

1. Wenn ein Mann eine Frau nur als „Mittel zum Zweck“, für die Befriedigung seiner spontanen sexuellen Gelüste benutzt und sie am nächsten Tag wieder verlässt – so wirft man ihm Chauvinismus vor. Er ist ein rücksichtsloser Macho, der Frauen ausnutzt.

2. Wenn eine Frau dasselbe mit einem Mann macht, nennt man sie „Schlampe“, da sie leicht zu haben ist.

3. Wenn sich ein Mann und eine Frau gegenseitig für Sex benutzen, ohne sich für den anderen als Person oder als Mensch zu interessieren – das nennt sich „One Night Stand“ – ist es das Normalste der Welt und gehört zum Leben dazu. Es ist die „Würze“, der „Kick“, die „Abwechslung“ und was es nicht alles genannt wird.

Es ist demnach also nicht nur politisch erlaubt, sondern auch ethisch gut, wenn zwei Menschen sich selbst und einander gegenseitig als Mittel zum Zweck benutzen, wie sie auch Sexspielzeuge benutzen könnten.

Überlegt mal: Wenn ihr mit jemandem zusammen seid und der weiß, dass euch Sex egal ist und er für euch nicht mehr bedeutet als Eis essen und dass ihr das auch mit jedem anderen machen würdet – glaubt ihr, das trägt zur Stabilität oder Qualität der Beziehung bei?

Eine weitere Merkwürdigkeit, die mir aufgefallen ist: Heute schämen sich viele Menschen, wenn sie bislang nur mit wenigen oder mit keinen anderen Menschen Sex hatten. Früher war es umgekehrt, da schämte man sich – und konnte sein gesellschaftliches Ansehen und die Chance auf eine gute Position verlieren – wenn man mit irgendwem Sex hatte als mit dem Ehemann oder mit der Ehefrau. Beides ist irrational, da Sex eine Antwort auf Werte sein sollte. Man sollte also jemanden sehr schätzen und attraktiv finden, um mit ihm Sex haben zu wollen. Wenn jemand noch nie oder nur selten jemanden kennengelernt hat, den er so sehr würdigen, wenn nicht lieben konnte, um ihn zu wollen, dann gibt es da nichts, wofür er oder sie sich schämen müsste. Ebenso muss man sich nicht schämen, wenn man mit jemand anderem Sex hatte, bevor man seinen Lebenspartner kennenlernte.

Die praktischen Auswirkungen dieser Beliebigkeit kann man übrigens in den Werken des ehemaligen Gefängnisarztes Theodore Dalrymple nachlesen, der beruflich das freizügige Sexleben der Unterschicht und dessen Folgen studieren durfte. Die Leute neigen dazu, mich in eine konservative Ecke zu stellen, wenn ich davon anfange, dass es irrational ist, beliebig, beiläufig mit irgendwem Sex zu haben. Sie haben ja schon so viel „Erfahrung“, also können sie das beurteilen. Nun, man könnte ebenso sagen, dass jemand der mit vielen verschiedenen Frauen Kinder in die Welt gesetzt hat, ein guter Vater sein muss. Er hat ja viel „Erfahrung“. Und wer schon viele Leute abgeknallt hat, ist ein Experte für Verteidigungspolitik.

Ehrlich gesagt habe ich diesmal keine Nerven, mir Fragen über meine philosophische Meinung zu Sado-Maso-Praktiken (übrigens ein „heißes“ Thema bei den Gender Studies) und Erläuterungen über die philosophische Antiquität meiner Auffassungen durchzulesen. Also denkt einfach mal darüber nach. Vielleicht ist ja ein bisschen was dran an dem, was hier steht. Wenn nicht, könnt ihr es immer noch jemand anderem erzählen. Vielleicht interessiert es ja euren nächsten One-Night-Stand.

Ergänzung: Jemand konnte es nicht lassen und musste mir einen Kommentar dazu schicken. Ich soll einen Evolutionsbiologen fragen, wenn ich das nicht verstehe und eine Erklärung benötige. Ich suche nicht nach einer Erklärung. Ich philosophiere und urteile. Die eigene Kurzsichtigkeit, Rücksichtslosigkeit und Oberflächlichkeit auf die „Evolution“ zu schieben ist einer der aktuellen „intellektuellen“ Trends in der „aufgeklärten“ Elite von regelmäßig alkoholisierten Diskobesuchern. Entweder ist „das Gehirn“ schuld oder „die Evolution“ oder „die Gene“ oder „die Umwelt“. Wir haben demnach keine Wahl, rational und verantwortungsvoll zu handeln, wenn es um Beziehungen geht. Wir fühlen uns einfach sexuell angezogen von Vertretern des anderen Geschlechts, welche die Schönheitsideale unserer Kultur repräsentieren (was dann ja wieder nicht nur mit der Evolution erklärt werden kann). Dann müssen wir sie eben rumkriegen.

Liebes- und Romantikideale sind „unwissenschaftlich“. Wir haben keinen freien Willen und können nicht rational entscheiden, sondern nur auf der Basis unserer spontanen Leidenschaften. Nun, sprecht für euch selbst. Wer sich selbst für einen Missing Link zwischen Tier und Mensch hält, kann ja sehen, wie weit er damit kommt.

5 Kommentare zu “One Night Thought

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Kunst wird es aber, aus Sicht der Grünen, aus Sicht der Böll-Stiftung, nur so:
    -> http://www.welt.de/vermischtes/article131793882/365-Tage-taeglich-Sex-mit-einem-anderen-Mann.html

    • Skeptiker sagt:

      Diese Performance-Kunst dürfte – in der Aussage, wahrscheinlich weniger in der Darstellung – konform mit der im obigen Beitrag vorgetragenen These gehen. Zu kritisieren ist aus Sicht des Objektivismus wahrscheinlich nur, dass die Kritik tendenziell irrational ist, da sie auf Gefühle abhebt (ich selbst sehe das aber nicht als grundsätzlich irrational an).
      Es geht ja grade um den schnellen Sex, der am Partner nicht interessiert ist.

      @Evolutionstheorie: Evolutionstheoretisch gesehen macht der Sex nur zur Fortpflanzungszwecken sinn, ggf. noch als Methode zur Stärkung des Zusammenhalts bei einigen Menschenaffen. Ob das biologisch für den Menschen auch zutrifft, sei mal dahingestellt.
      Fakt ist jedenfalls, dass das Argument theoretisch auch nach Hinten losgehen kann…

  2. Alexia sagt:

    Eine Sache ist mir nicht ganz klar: „Mir tun sich da eine Reihe von Widersprüchen bei den Auffassungen unserer Gesellschaft zum Thema “One Night Stand” auf“
    Was bedeutet „Auffassungen unserer Gesellschaft“?
    So wie ich das sehe, sind es Auffassungen, die von einigen Mitgliedern unserer Gesellschaft vertreten werden. Aber nicht jedes dieser Mitglieder vertritt genau diese Kombination.

    Die Punkte 1 und 2 – Chauvie vs Schlampe – sind einfach nur Sexismus, sollten diese von ein und derselben Person vertreten sein. Darauf muss man meiner Meinung nach nichts geben. Die Widersprüchlichkeit in der Argumentation ist nur ein kleiner Teil von dem was bei einer solchen Person falsch läuft.

    Der dritte Punkt hat mit den ersten beiden nichts zu tun, trägt also nichts zur Widersprüchlichkeit bei. Gegenseitiges Benutzen hat eine komplett andere Qualität als wenn ein Partner von vornherein plant, es beim One-Night-Stand zu belassen während der andere auf eine länger anhaltende Beziehung hofft.
    Einseitiges Benutzen ist ein bisschen wie Investitionen und Fördermittel für ein Geschäftsmodell sammeln, eine Weile davon leben und dann das Projekt in den Sand setzen.
    Gegenseitiges Benutzen dient dagegen dem Teilen von Spaß. An sich ist dagegen nichts zu sagen. Ethisch problematisch ist es nur, weil solche Plagen wie HIV existieren, welche durch bedeutungsarmen Sex mit häufig wechselnden Partnern effektiv verbreitet werden. Schon allein deswegen ist Sex in einer stabilen, beidseitig monogamen Beziehung ethisch höher zu bewerten als One-Night-Stands.

    Was aber interessanter ist, sind Menschen, die konsequent argumentieren, dass alle, egal ob Mann oder Frau, welche schnell zum Sex mit Quasi-Fremden zustimmen, Schlampen sind. Die Aussage ist zwar noch diskussionswürdig, aber zumindest nicht widersprüchlich.

    Und ein Widerspruch (wie üblich :p):
    „Wir haben keinen freien Willen und können nicht rational entscheiden, sondern nur auf der Basis unserer spontanen Leidenschaften. Nun, sprecht für euch selbst.“

    Das Thema kam hier schon ein paar Mal auf.
    Wenn du den größten Teil deiner Entscheidungen im täglichen Leben (vielleicht sogar alle) bewusst durchführst und es schaffst, die Rationalität gewinnen zu lassen, ist das beeindruckend und lobenswert.
    Aber ich nehme stark an (auf Basis eigener Beobachtung), dass es einen beachtlichen Anteil der menschlichen Weltbevölkerung gibt, auf den das eben nicht zutrifft. Nimm z.B. mal veröffentlichte Aussagen von männlichen AIDS-Kranken. Fast alle laufen nach dem Muster „Ich nehm nie Kondome. Weiß nicht wieso“ oder „Ohne das Tütchen fühlt es sich einfach besser an“ oder „Ich weiß, dass Verhütung wichtig ist. Aber es war grade nichts da und wir waren beide in der Stimmung“ oder „Öhhh, ich hab nicht nachgedacht.“
    Eine rationale Abwägung von Risiko und Nutzen ist beim besten Willen nicht erkennbar.

    Die Phrase „nicht nachgedacht“ hört man auch erschreckend oft von den jeweiligen Verantwortlichen nachdem ein Verbrechen begangen wurde (Sie war einfach da und dann habe ich sie vergewaltigt) oder ein Unfall, häufig bei einem Extremsport, knapp überlebt wurde. Auch Extremsportler, denen noch nichts passiert ist, geben oft an, „den Kick“ zu suchen und über die Todesgefahr „nicht nachzudenken“. Oder sie sagen sogar solche Sachen wie dass man darüber nicht nachdenken darf!

    Ich würde von mir selbst auch behaupten, rational zu handeln. Aber wenn ich zu mir selbst ehrlich sein will, müsste ich die vielen Male bedenken, wo ich auf der Waage gestanden habe: „Noch ein Kilo mehr, dann bin ich an der Grenze zwischen Optimal- und Übergewicht. Vielleicht heute mal keine Schokolade … neeeee!“

    Der „niedere“ Trieb gewinnt immer mal wieder. Ich bin eher teilzeitrational.

    Rationalität scheint also keine grundlegende Eigenschaft der Spezies Mensch zu sein sondern eher eine Eigenart diverser Individuen. Und sie kommt in stark variierenden Ausprägungen vor.

    • Gegenseitiges Benutzen dient dagegen dem Teilen von Spaß. An sich ist dagegen nichts zu sagen.

      „Reduktiv“ ist kein Ausdruck für diese Beschreibung menschlicher Beziehungen. Wie kann man mit jemandem Sex haben, den man gerade erst getroffen hat? Eine so persönliche, intime Sache.

      Die Phrase “nicht nachgedacht” hört man auch erschreckend oft von den jeweiligen Verantwortlichen nachdem ein Verbrechen begangen wurde (Sie war einfach da und dann habe ich sie vergewaltigt) oder ein Unfall, häufig bei einem Extremsport, knapp überlebt wurde

      Und woran liegt das? Daran, dass man den Menschen die Verantwortung und die Fähigkeit zum eigenständigen Denken abspricht. Klar ist dann irgendwann das Messer einfach „reingegangen“, wie Theodore Dalrymple über die von ihnen genannte Motivation der Mörder in seinem Gefängnis schreibt.

      • Alexia sagt:

        „Und woran liegt das? Daran, dass man den Menschen die Verantwortung und die Fähigkeit zum eigenständigen Denken abspricht.“
        Ich glaube, du kehrst hier Ursache und Wirkung um. Ich schlussfolgere aus der Beobachtung von eigenem Verhalten und dem anderer Leute, dass bewusst vernunftbasiertes Handeln schwieriger – für manche scheinbar unmöglich – ist als Spontanitäten basierend auf immer mal wieder aufkommenden Bedürfnissen.
        Niemand rennt schreiend herum und schmeißt mit Laub und Kotkugeln weil irgendjemand gesagt hat, dass Menschen immer noch Affen sind. Es ist genau anders herum. Auch wenn das Laub durch Bierflaschen ersetzt wurde und die Kotkugeln eher metaphorisch zu verstehen sind.

        Im übrigen wertschätze ich One-Night-Stands ebenso wenig und verstehe nicht, wie sich fremde Menschen gegenseitig etwas so Wunderbares wie Intimität einfach mal so „schenken“ und dadurch quasi abwerten.
        Aber ich versuche, mein eigenes Bauchgefühl nicht zum Maßstab zu machen.
        Wenn es Menschen gibt, für die Sex nicht mehr wert ist als ein Händeschütteln, dann ist das eben so. Es ändert nichts an der gesamtgesellschaftlichen Problematik HIV, die das ganze unethisch macht. Aber allein fokussiert auf die „(Minder-)Wertigkeit“ einer solchen Beziehung oder Nichtbeziehung, steht es Unbeteiligten nicht zu, darüber zu urteilen.

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