Materialismus ist nicht die Antwort

Der britische Schriftsteller Ian McEwan gibt dem Atheismus einen schlechten Namen. McEwan ist praktisch Richard Dawkins als Romanautor. Ich habe McEwans neuestes Buch „The Children Act“ nicht gelesen – mir hat „Enduring Love“, das besser als seine neuen Bücher sein soll, bereits genügt. Mir ist nur die Rezension auf Spiked bekannt. Aber die reicht mir auch schon. McEwans Materialismus ist eine zutiefst unbefriedigende Philosophie, die außerdem seine Bücher nicht besser macht.

McEwan hat seinen merkwürdigen Stil mit „The Children Act“ offenbar ins Extreme getrieben. Es finden sich in seinen Geschichten lange Einlagen mit wissenschaftlichen Erklärungen in Fachsprache. In seinem neuen Buch „ent-missioniert“ (mein Begriff für das Überzeugen Gläubiger vom Atheismus) eine wissenschaftlich denkende Frau namens Fiona ein gläubiges Kind, das an Kinderlähmung leidet, am Krankenbett. Es geht darum, dass das Kind und seine Familie aus Glaubensgründen – Zeugen Jehovas – eine lebensnotwendige Behandlung verweigern. Fiona ist als Familienrichterin involviert und versucht, die Betroffenen von der Behandlung zu überzeugen.

Während Fiona das Kind von der Nicht-Existenz Gottes überzeugen kann, so ist sie nicht in der Lage, ihm irgendeine Bedeutung, einen Sinn für das Leben zu vermitteln. Der Rezensent Tim Black nennt Fionas weltanschauliche Auffassungen „rationalistisch“, was technisch betrachtet nicht der richtige Begriff ist. Hegel und Descartes waren Rationalisten. Sie glaubten, wir könnten alleine durch Lehnstuhlphilosophie, durch Schlussfolgerungen aus bestimmten Prämissen, die ganze Welt erklären. Das denken Fiona und McEwan aber nicht. Sie sind reduktionistische Naturalisten. Wenn man McEwans Stil bedenkt, könnte man ihn fast für einen Eliminitavinisten halten. (Die Bemerkung war übrigens echt witzig – hier steht, wovon ich rede).

Was reduziert der reduktionistische Naturalismus auf was? Er reduziert den menschlichen Geist auf Materie. Ich würde nicht sagen, dass McEwan alles auf Physik reduziert, wie ich früher, sondern er reduziert menschliches Verhalten auf Biologie, Chemie, Physik, offenbar auch Klimatologie und andere naturwissenschaftliche Ebenen. Das ist heute wohl die gängigste Auffassung unter Atheisten. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass mein früherer reduktionistischer Physikalismus konsequenter ist als der Epiphänomenalismus von McEwan und co., demzufolge der Geist ein Produkt unserer materiellen Zusammensetzung ist, wobei der Geist nicht kausal auf die Materie wirken kann (und somit eigentlich nutzlos ist). Wenn schon Materialismus, dann richtig. Wenn schon Materialismus, dann reduzieren wir gleich alles auf die subatomare Ebene. Wenn der Geist eine Illusion ist und letztes Endes Physik, warum nicht auch die Biologie? Warum ist nicht gleich alles am Ende nur Physik?

Objektivisten wie mein heutiges Ich gehören zu den „nicht-reduktionistischen Naturalisten“ (wobei nur ich den Begriff dafür verwende – stimmt aber trotzdem). Das heißt, dass wir den Geist zwar nicht für übernatürlich halten, aber für etwas, das nicht auf Materie reduziert werden kann. Konkret denken Objektivisten, dass der Geist ein Attribut bestimmter Lebewesen ist – der menschliche Geist ist ein Attribut des Menschen. Er gehört also zu unserem Dasein als bestimmte biologische Lebensform dazu. Geist und Körper bilden eine Einheit, ohne identisch zu sein. Somit gibt es auch kein Leben nach dem Tod. Was es aber gibt, und woran Materialisten oder reduktionistische Naturalisten nicht glauben können, ist die Willensfreiheit. Die verstehen wir als bestimmte Form der Kausalität: Selbst-initiierte Bewegung im Bereich der Kognition. Und die brauchen wir für alles, was wir tun: Denken, handeln – um nicht zu sagen, leben.

Die materialistische Auffassung ist letzten Endes unbefriedigend. Ich habe sie aufgegeben, weil sie mich argumentativ nicht mehr überzeugte. Die meisten Menschen, die sie aufgegeben haben, werden das wohl eher aufgrund psychologischer Bedürfnisse tun. Die habe ich natürlich auch, aber als philosophischer Fundamentalist muss ich mich an Argumenten orientieren, auch wenn ich dabei draufgehe oder meine Seele daran zerbricht. Der Materialismus (reduktionistische Naturalismus) hat nämlich einige sehr unschöne Implikationen: Unser Handeln ist entweder seit dem Urknall vorherbestimmt oder ein Resultat von „Zufall“ (geht zurück auf Epikurs Theorem der Atomabweichung, laut dem Atome grundlos ihre Richtung ändern – habe ich schon immer für totalen Unfug gehalten). Es gibt demnach keinen grundlegenden Unterschied zwischen Menschen, Tieren – und was das anbelangt, Pflanzen, Steinen oder Molekülen. Die kulturelle Osmose dieser Philosophie befindet sich aktuell auf dem Stand, den Unterschied zwischen Mensch und Tier aufzuweichen. Aber aus materialistischer Sicht ist alles Resultat der Bewegungen und der Zusammensetzung von subatomaren Partikeln. Also gibt es keinen metaphysisch relevanten Unterschied zwischen Steinen und Menschen. Ich warte schon darauf, Artikel schreiben zu müssen gegen die Steinrechtsbewegung.

McEwans Weltanschauung kann letztlich keine Orientierung für das Leben bieten. Das halte ich inzwischen für den Grund, warum die Neuen Atheisten (wie Dawkins, Sam Harris, Christopher Hitchens und auch McEwan) letzten Endes nicht so viel Erfolg hatten, wie sie ihn hätten haben können. Sie können keine brauchbare Ethik bieten, keinen Sinn vermitteln – am Ende gibt es nur Atome, die aus Notwendigkeit herumgestoßen werden. Sogar Ideen sollen sich Dawkins zufolge laut Gesetzen der natürlichen Selektion verbreiten (Memetik). Man könnte diese Weltanschauung, was häufig auch getan wird, politisch so auslegen, dass das Leben der Menschen vom Staat gesteuert werden sollte. Schließlich sind die Menschen allerlei naturgesetzlichen Notwendigkeiten unterworfen – wenn man lenkend eingreift, kann man ihr Verhalten in die „richtige“ Richtung bewegen. Am Ende meiner materialistischen Laufbahn habe ich aber erkannt, dass auch das gar nicht die Implikation sein kann. Erstens ist man selbst ja auch diesen mechanischen Gesetzen unterworfen und zweitens impliziert der Materialismus überhaupt keine Ethik. Ohne Willensfreiheit ist Ethik überflüssig. Wir handeln einfach, wie wir notwendig und automatisch handeln müssen. Mehr ist dazu aus konsequenter, materialistischer Sicht überhaupt nicht zu sagen. Ethisch wie politisch folgt daraus de facto rein gar nichts.

Will ich jetzt sagen, dass der Objektivismus besser ist, dass er eine der wenigen atheistischen Philosophien ist, die wirklich Sinn und Orientierung bieten können? Ja, genau das will ich.

Es ist eigentlich kein Wunder, dass viele Menschen mit dieser trüben materialistischen Weltsicht von Dawkins und co. – die vor allem in England einflussreich ist – nicht viel anfangen können. Manche schließen sich da lieber dem Islam an, damit ihr Leben irgendeinen „höheren Sinn“ erlangt.

7 Kommentare zu “Materialismus ist nicht die Antwort

  1. Daniel Wittenberg sagt:

    „Er gehört also zu unserem Dasein als bestimmte biologische Lebensform dazu. Geist und Körper bilden eine Einheit, ohne identisch zu sein.“

    Das ist doch vollkommen nichtssagend. Entweder der Geist ist etwas ANDERES als das Gehirn, dann haben wir einen Dualismus, mit all seinen unlösbaren Problemen (z.B. die Frage, wie ein nichtmaterieller Geist auf ein materielles Gehirn einwirken kann), oder Geist und Gehirn sind ein und dasselbe. Und alles, was wir heute wissen, z.B. über die Auswirkungen von neurodegenerativen Krankheiten, spricht nun mal dafür, dass Gehirn und Geist identisch sind.

    „Die verstehen wir als bestimmte Form der Kausalität: Selbst-initiierte Bewegung im Bereich der Kognition.“

    Ich sehe nicht, wie das funktionieren soll. Wenn ich die Wahl zwischen A und B habe, was ist dann der Grund dafür, dass ich mich für A entscheide? Gemäß Indeterminismus nicht meine Wünsche und Charaktereigenschaften, denn die sind selbst ein kausal wirksamer Bestandteil der Welt und dürfen daher nicht festlegen, wie ich mich entscheide. Wenn es aber nicht mal von meinem Charakter und meinen Präferenzen abhängt, wie ich mich entscheide, wovon hängt es dann überhaupt ab? Offenbar von gar nichts. Und das zeigt, dass eine nicht-kausale Freiheit sich von Zufall nicht unterscheiden lässt.

    • Gemäß Indeterminismus

      Der Objektivismus ist weder der Indeterminismus, noch der Kompatibilismus, noch der (bewusstseinsphilosophische) Libertarismus. Im Beitrag selbst steht bereits, dass die Willensfreiheit als Variante der Kausalität angesehen wird, die wiederum nicht mit der deterministischen Variante identisch ist.

      Entweder der Geist ist etwas ANDERES als das Gehirn, dann haben wir einen Dualismus

      Gehirn und Geist können nicht identisch sein. Der Geist muss darum ja keine andere Substanz sein als das Gehirn, aber er ist offensichtlich nicht das Gehirn. Da könnte ich jetzt auch das Qualia-Problem anführen. Kurzer Vortrag zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=Seg8kjc6Z84

  2. Skeptiker sagt:

    Den Epiphänomenalismus konnte ich noch nie etwas abgewinnen. Der Körper erzeugt als Nebenwirkung irgendeines Prozesses den Geist. Der Körper wirkt einseitig auf den Geist, weil ja der Körper den Geist emitiert, aber der Geist wirkt in keiner Weise auf die Körperwelt zurück.
    Damit haben wir eine metaphysische Welt jenseits der Materie postuliert und gleichzeitig die Behauptung aufgestellt, dass diese Welt für uns keine Bedeutung hat, das sie keine Wirkung ausübt.
    Noch viel schlimmer aber ist: Der Epiphänomenalist kann nicht ausschließen, dass Steine beseelt sind. Wie könnte er denn? Die physikalischen Bedingungen kann er zwar mit Sicherheit messen, aber auf die metaphysische Geistwelt hat er keinen Zugriff.

    Früher (gar nicht so lange her) habe ich das sog. „Leib-Seele-Problem“ für ein Scheinproblem, ganz im Sinne des Positivismus, verstanden. Was es wissenswertes über den Geist zu sagen gibt, das müsse die Neurowissenschaft sagen. Die Philosophie könne höchstens vor Missverständnissen, die sich aus Worten oder überkommenden Vorstellungen ergeben, warnen.
    (Diese Position ist nicht gänzlich unsympathisch, wenn man mal über sie nachdenkt.)

    Heute frage ich mich, ob es nicht verschiedene, gleichberechtigte Perspektiven auf das Phänomen des Geistes geben kann-

  3. Patrick sagt:

    Wenn sich der Geist gemäss dem Objektivismus nicht auf Materie reduzieren lässt, sondern eine eigene Qualität hat, wie hat sich denn, wenn man von der Wahrheit des Evolutionsgedankens ausgeht, der Geist aus geistloser Materie entwickelt? Wenn die Objektivisten Recht haben, muss es in der (angenommenen) Entwicklung des Lebens entweder irgendwann einmal einen qualitativen Sprung von geistloser Materie zu Geist gegeben haben, oder der Geist war als Potential schon immer vorhanden. Die letztgenannte Position wird etwa vom Philosophen Thomas Nagel vertreten.

  4. Papageno sagt:

    „Was reduziert der reduktionistische Naturalismus auf was? Er reduziert den menschlichen Geist auf Materie.“

    Nein, das tut er nicht. Reduktion ist ein Prozess zwischen sprachlichen Ausdrücken über bestimmte Entitäten (Aussagen, Theorien, Erklärungen, etc.), aber nicht zwischen diesen Entitäten selbst. Die Behauptung, der Reduktionismus reduziere den menschlichen Geist auf Materie, beschreibt nichts als ein Schreckgespenst („Uuuuh, die wollen den Menschen reduzieren – wie schrecklich!“), das aber – wie alle Gespenster – nicht existiert.

    „Das denken Fiona und McEwan aber nicht. Sie sind reduktionistische Naturalisten. Wenn man McEwans Stil bedenkt, könnte man ihn fast für einen Eliminitavinisten halten.“

    Du zitierst im Anschluss an dieses Zitat den Wikipedia-Artikel zum eliminativen Materialismus, der diesen auch richtig ins Verhältnis zum Reduktionismus setzt, und trotzdem findest du, man könne McEwan – als Reduktionisten – fast für einen Eliminativisten halten. Das ist aber nicht nachvollziehbar, denn, wie auch im Wikipedia-Artikel zu lesen, sind Reduktion und Elimination konkurrierende Prozesse. Ein Eliminativist behauptet, dass sich eine bestimmte Theorie eben nicht auf eine andere reduzieren lässt und deshalb aufgegeben werden muss. Wie man einen Reduktionisten fast für einen Eliminativisten halten kann, vorausgesetzt, man weiß, was Reduktion und Eliminierung in diesem Kontext sind, verstehe ich nicht.

    „der Epiphänomenalismus von McEwan und co., demzufolge der Geist ein Produkt unserer materiellen Zusammensetzung ist, wobei der Geist nicht kausal auf die Materie wirken kann (und somit eigentlich nutzlos ist).“

    Hier wird es dann vollends konfus. Ja, der Epiphänomenalismus ist primär eine Position bezüglich kausaler Beziehungen zwischen Gehirn und Geist. Aber er ist eine dualistische Position (dort steht ja auch: „Geist ein Produkt unserer materiellen Zusammensetzung“), und somit ist überhaupt nicht mehr klar, was McEwan denn nun sein soll. Ein Eliminativist? Ein epiphänomenalistischer Dualist? Oder doch ein Reduktionist?

    • Reduktion ist ein Prozess zwischen sprachlichen Ausdrücken über bestimmte Entitäten (Aussagen, Theorien, Erklärungen, etc.), aber nicht zwischen diesen Entitäten selbst.

      Ich falle bereits andächtig vor Ihrer Differenzierungskraft in den Staub, aber die Annahme, ich würde glauben, dass Reduktionisten die Entitäten selbst reduzieren wollten, lässt mich unweigerlich vermuten, dass Sie nicht zu einer vernünftigen Diskussion beitragen wollen. Oder Sie glauben wirklich, dass irgendjemandem unterstellt wird, den Geist selbst de facto auf das Gehirn reduzieren zu wollen? Wie sollte das funktionieren? Reden wir hier von einem neuen Experiment von Doktor Frankenstein, der den menschlichen Geist nicht erklären kann und ihn aus Frustration mit einer neuen Blitzmaschine mit dem Gehirn verschmelzt? Genau das bedeutet es, die Entitäten selbst (!) aufeinander zu reduzieren (angenommen, der Geist ist eine Entität). Und Sie glauben wirklich, dass jemand das Materialisten unterstellt und sich davor fürchtet? Sie müssen Andersdenkende ja für unheimlich verblödet halten.

      Die Behauptung, der Reduktionismus reduziere den menschlichen Geist auf Materie, beschreibt nichts als ein Schreckgespenst (“Uuuuh, die wollen den Menschen reduzieren – wie schrecklich!”), das aber – wie alle Gespenster – nicht existiert.

      Jedenfalls im einzigen ernsthaft diskutierten und vernünftigen Sinne gibt es natürlich die sogenannten „reduktiven Physikalisten“, die meinen, dass am Ende alles auf Physik reduzierbar ist („alles auf der Ebene der Mikrophysik zu erklären und somit alle wahren, wissenschaftlichen Theorien auf die Mikrophysik zurückzuführen“). Und da habe ich vorgestern erst mit einem Physikalisten geredet, der glaubt, dass Geist und Gehirn identisch sind. Ich muss ihn davon in Kenntnis setzen, dass er nicht existiert (oder nur Aussagen über ihn, aber nicht die Entität selbst?).http://de.wikipedia.org/wiki/Physikalismus_(Ontologie)

      Das ist aber nicht nachvollziehbar, denn, wie auch im Wikipedia-Artikel zu lesen, sind Reduktion und Elimination konkurrierende Prozesse.

      Gut, dass Sie mich aufklären!

      „Wenn man McEwans Stil bedenkt, könnte man ihn fast für einen Eliminitavinisten halten.“
      „Die Bemerkung war übrigens echt witzig

      Bei seinem literarischen Stil wird also etwas eliminiert. Über den Rest kann jeder spekulieren.

      und somit ist überhaupt nicht mehr klar, was McEwan denn nun sein soll

      Dem stimme ich zu. Was genau er vertritt, weiß er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst nicht. Dafür bin ich aber nicht verantwortlich.

      Generell würde ich empfehlen, seinen Mitmenschen nicht die dümmste Interpretation ihrer Worte zu unterstellen. Wohlwollen ist eine Tugend.

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