Die Existenz und der Urknall

Das wäre eine schöne Folge für die Sendung mit der Maus: Wie wird eigentlich das Universum gemacht? Leider ist die Frage bereits falsch, da sie die Existenz eines Geistes vor der Existenz impliziert. Das Universum wurde gar nicht gemacht. Also doch lieber eine Folge darüber, wie Sahnetorte gemacht wird.

Mein christlich-fundamentalistischer Leser Patrick hat die Frage aufgeworfen, wie der Urknall mit der Auffassung der objektivistischen Philosophie vereinbar ist, laut der das Universum schon immer existiert hat? Hat das Universum nicht mit dem Urknall angefangen? Die Frage hat letztlich etwas damit zu tun, ob nicht vielleicht ein Gott das Universum erschaffen haben könnte.

„Existenz“ ist der Name für die Gesamtheit von allem, was es gibt. Kann der Urknall oder Gott etwas aus nichts erschaffen haben? Kann er Existenz aus der Nicht-Existenz erschaffen haben?

Zunächst einmal ist das darum unmöglich, weil es so etwas wie „Nicht-Existenz“ nicht geben kann. Existenz kann nur als Abstraktion gebraucht werden, um negative Aussagen wie „Gott existiert nicht“ auszudrücken. „Nicht-Existenz“ ist aber kein „etwas“, keine Entität, die handeln könnte oder die Folgen haben könnte. Nicht-Existenz ist die Abwesenheit von allem, was es gibt. Es ist nichts. Nichts tut nichts. Von nichts kommt nichts.

Zweitens ist Zeit die Messung von Veränderung; die Beziehung zwischen verschiedenen Veränderungen, die sich in diversen Entitäten abspielen. Unsere eigene Zeit auf der Erde, die Uhrzeit in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen ist die Messung der Drehung der Erde um sich selbst und um die Sonne. Eine Drehung der Erde um sich selbst ist ein Tag, eine Drehung der Erde um die Sonne ist ein Jahr. Zeit hängt also von der Existenz von sich verändernden Entitäten ab. Die Zeit findet innerhalb der Existenz statt. Ohne Existenz keine Zeit. Die Zeit kann also nicht irgendwann in der Zeit angefangen haben – das wäre ein Selbstwiderspruch, weil es dann eine Zeit vor der Existenz geben müsste, während doch die Zeit von der Existenz abhängt, also von Entitäten, die sich verändern (wie die Erde und die Sonne). Darum geht der Objektivismus davon aus, dass die Existenz ewig ist. Um nicht zu sagen: Das Universum im philosophischen Sinne (= Existenz) hat es schon immer gegeben.

Das Universum ist allerdings räumlich begrenzt. Das hängt mit den metaphysischen Axiomen zusammen. Alles, was es gibt, ist etwas Bestimmtes – es ist das und nichts anderes, es ist so viel und nicht mehr. Also muss auch die Gesamtheit von allem, was es gibt, eine Identität haben und somit eine bestimmte Natur und keine andere – es ist nur so viel und nicht mehr. Man kann sich das Universum nicht bildlich vorstellen. Man kann seine räumliche Begrenztheit nur konzeptuell verstehen.

Die Urknalltheorie besagt nicht, dass die Existenz an irgendeinem Zeitpunkt begonnen hat oder dass die Existenz aus der Nicht-Existenz hervorgegangen ist. Sie besagt, dass es vor dem Urknall etwas gab, das anders war als die Materie, die wir heute kennen und das sich wohl entsprechend physischer Gesetze verhalten hat, die sich von den uns bekannten Gesetzen unterscheiden. Dieses etwas, das es gab, hat den Urknall ausgelöst.

Der Objektivismus hat keine Kosmologie. Er beschreibt nur selbst-evidente Axiome in der Metaphysik. Wir haben keine Ahnung, ob es immer wieder einmal zu einem Urknall kommt oder wie viele Galaxien es gibt. Das sind wissenschaftliche Fragen, auf die es keine philosophische Antwort gibt. Wir können nur sagen, dass es keinen Sinn ergibt zu sagen, dass die Existenz aus der Nicht-Existenz hervorgegangen sein soll. Und auch Wissenschaftler haben bestimmt ein Interesse daran, möglichst etwas zu sagen, das Sinn ergibt. Und wie im Falle anderer Axiome, die von manchen Wissenschaftlern bestritten werden, wie das Identitätsaxiom von einigen Quantenphysikern, kann ich nur sagen: Sobald man die Axiome bestreitet, sind weder Wissenschaft noch Philosophie länger möglich. Man würde nur noch Unsinn reden, sobald man behauptet, dass es etwa Widersprüche in der Natur gibt.

Die Axiome sind wahr, weil man von ihrer Wahrheit ausgehen muss bei jedem Versuch, sie zu widerlegen, vgl. Metaphysik.

Die Existenz muss in der metaphysischen Hierarchie „zuerst“ da sein im Vergleich zum Geist – inklusive Gottes Geist, der das Universum erschaffen haben soll. Wir nehmen das bewusst wahr, was existiert. Wenn es nichts gibt, kann uns nichts bewusst sein. Ein Bewusstsein, das sich nur über sich selbst bewusst ist, ist ein Widerspruch in sich. Bevor es sich selbst als Bewusstsein identifizieren konnte, musste es sich über etwas bewusst gewesen sein. Das Bewusstsein ist ein Attribut bestimmter Entitäten. Und Entitäten gibt es nur, wenn die Existenz existiert.

Gott kann also nicht etwas aus nichts erschaffen haben. Es gibt kein „nichts“. Gott kann zum Beispiel auch nicht allmächtig sein, weil „allmächtig“ dem Identitätsaxiom widerspricht. „Allmächtig“ bedeutet nicht „mächtiger als eine bestimmte Macht“, sondern „mächtiger als irgendeine spezifische Macht“. Alles ist quantitativ und qualitativ begrenzt. Etwas ist so viel und nicht mehr. Etwas ist nicht „alles-viel“ oder „all-mächtig“ oder „all-gegenwärtig“ oder „all-wissend“.

Es gibt noch weitere Argumente gegen Gottes Existenz, aber so viel erst einmal zu diesem Thema.

Eine Ergänzung: Letztes Mal, als ich das erklärt habe, erhielt ich von einer alten Dame die wütende Replik, dass sie ja gar nicht wissen wolle, ob es einen persönlichen Schöpfergott gibt, sondern „irgendetwas Höheres“. Ich war erstaunt, da ich nie angekündigt hatte, über dieses Thema referieren zu wollen. Ich sagte dann, das ich nicht weiß, was sie meint.

Ich gebe jetzt die Frage zurück, ob Sie der Meinung sind, dass es „irgendetwas Schöneres“ gibt? Gibt es irgendetwas Schöneres? Antworten Sie schon! Oder gibt es „irgendetwas Schlaueres“? Es tut mir leid, aber ich weiß mit einer solch unpräzisen Frage nichts anzufangen. „Höher“ als was? Was meinen Sie überhaupt mit „höher“? Mächtiger? Mächtiger als was? In welcher Hinsicht?

Ich lehne es ab, dass Philosophen in unserer Gesellschaft nur noch als die Idioten gut sind, die alten Leuten, die sich noch nie mit grundlegenden Fragen befasst haben, die für ihr ganzes Leben von Bedeutung gewesen wären und weiterhin sind, gegen Ende noch einmal zu versichern, dass es da draußen bestimmt etwas Höheres gibt – mit der erwarteten Implikation, dass dieses Höhere einem ein schönes Nachleben im Jenseits beschert. Um das mal klarzustellen: Philosophie ist ein akademisches Fachgebiet – wie Geschichte oder Physik oder Mathematik. Wir befassen uns mit Fragen, die etwas mit der Realität zu tun haben. Klar, man kann aus den Antworten, die Philosophen geben, auch für sich eine Art Lebensberatung ableiten. Aber wir sind keine Esoteriker, Priester, Schamanen, Mystiker oder Sektierer. Wenn Sie Unsinn hören wollen, dann fragen Sie einen von denen. Oder Richard David Precht. Amen.

16 Kommentare zu “Die Existenz und der Urknall

  1. Patrick sagt:

    Das im folgenden Link vom Philosophen Edward Feser vorgestellte aristotelische Argument für die Existenz Gottes ist nicht von der Annahme abhängig, dass das Universum einen Anfang hatte:

    Gemäss diesem Argument muss es Gott geben, selbst wenn das Universum schon immer bestanden hätte. Schliesslich war Aristoteles, der dieses Argument formuliert hat, selbst von der Ewigkeit der Welt überzeugt.

  2. Skeptiker sagt:

    Der Objektivismus hat keine Kosmologie. Er beschreibt nur selbst-evidente Axiome in der Metaphysik.[…]Und auch Wissenschaftler haben bestimmt ein Interesse daran, möglichst etwas zu sagen, das Sinn ergibt. Und wie im Falle anderer Axiome, die von manchen Wissenschaftlern bestritten werden, wie das Identitätsaxiom von einigen Quantenphysikern, kann ich nur sagen: Sobald man die Axiome bestreitet, sind weder Wissenschaft noch Philosophie länger möglich.

    Kosmologie war traditionell ein Teil der Metaphysik.

    Ist die „metaphysische“ Annahme des Objektivismus nicht ncihts anderes als eine getarnte kosmologische Annahme? Sofern diese Unterscheidung überhaupt einen Sinn ergibt.

    Scheinbar macht die Metaphysik der Objektivisten keine (natur-)wissenschaftliche Ausasge über die Welt, aber indem sie einschränkt, was sich „sinnvoll sagen lässt“ macht sie eben doch Einschränkungen auf die wissenschaftliche Theoriebildung. Vergleichbar mit den Neopositivisten.
    Man muss dazu natürlich sagen, dass die Wissenschaftler wohl manchmal ähnlich eingestellt sind. Beispielsweise endete die Diskussion, den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch als widerlegt zu betrachten, damit, adss der Quantentheorie eine widerspruchsfreie Formulierung gegeben wurde.

    Solange man auftretende Widerspruche nicht als erkannte Wahrheiten ansieht, sondern als Herausforderungen, die Theorie zu verbessern bis keine Widersprüche mehr da sind, wird man den Satz vom Widerspruch wohl nicht aufgeben. Interessanterweise gibt es auch im Bereich der mathematischen Logik, wo man es weniger erwarten würde, sog. „parakonsistente Logiken“, die mit Widersprüchen anders umgehen können als die klassische Logik. Auch in der Philosophie gibt es mit dem „Dialetheism“ eine Strömung, die eine anderen Umgang mit Widersprüchen befürwortet.
    Natürlich in Deutschland (offensichtlich) weitgehend unbekannt, schon gar nicht in einer öffentlichen Debatte sichtbar… Ich schweife ab.

    Die Axiome sind wahr, weil man von ihrer Wahrheit ausgehen muss bei jedem Versuch, sie zu widerlegen, vgl. Metaphysik.

    Dieser Argumentation kann ich nicht folgen. Ist das nicht nur ein verdeckter Zirkelschluss?
    Ich bezeichne nur solche Äußerungen als (sinnvolles) Bestreiten, die den Bediengungen der Metaphysik genügen, und Äußerungen, die diese Bediengungen in Frage stellen sind daher nicht sinnvoll?
    Vielleicht ist es nicht mal ein Zirkelschluss, man muss ja zeigen, dass die Bedingungen nicht erfüllt werden, sobald man sie in Frage stellt.

    […]ob es einen persönlichen Schöpfergott gibt, sondern “irgendetwas Höheres”.

    Hier fällt mir immer die Entgegnung ein: „Etwas höheres sicherlich, aber das wird nicht unseren Vorstellungen entsprechen.“ Realistischerweise wissen wir nichts von „etwas höherem“. (Wie wissen ja ungefähr, was mit diesem Konzept gemeint ist.)

  3. Patrick sagt:

    Das im ersten Kommentar erwähnte Argument für die Existenz Gottes könnte man wie folgt zusammenfassen: Wandel bedeutet, dass ein unverwirklichtes Potential verwirklicht wird. Beispielsweise hat Schnee das Potential zu schmelzen, und wenn die Verhältnisse dies zulassen, wird dieses Potential auch verwirklicht. Ein unverwirklichtes Potential kann sich nicht selbst verwirklichen, sondern es bedarf dazu einer äusseren Ursache. Bezogen auf das Beispiel des Schmelzens von Schnee geschieht dieser Wandel nur, wenn es eine Wärmequelle hat. Ohne diese äussere Ursache verwirklicht Schnee das ihm innewohnende Potential zu schmelzen nicht. Wenn diese Ursache unverwirklichte Potentiale hat, kann sie diese wiederum selbst nicht verwirklichen, sondern es dazu bedarf wiederum einer äusseren Ursache. Wenn diese neue Ursache unverwirklichte Potentiale hat, kann sie diese wiederum selbst nicht verwirklichen, sondern es bedarf dazu wiederum einer äusseren Ursache. Wenn diese Ursachen nicht zeitlich aufeinander folgen, sondern gleichzeitig stattfinden, kann die Zahl der Ursachen nicht unendlich sein, sondern es muss eine erste Ursache geben, welche keine unverwirklichten Potentiale aufweist, und diese Ursache kann man als „Gott“ bezeichnen.

      • Patrick sagt:

        Ich sehe zwischen den entsprechenden Ausführungen und dem, was ich hier geschrieben habe keinen Widerspruch. Schliesslich wird beide Male auf die aristotelische Metaphysik Bezug genommen. So gehört es beispielsweise zur Natur von Schnee, dass er das Potential hat, bei 0° C zu schmelzen. Aber dieses Potential kann nur verwirklicht werden, wenn es eine äussere Ursache – in diesem Fall eine Wärmequelle – hat, welche dieses in der Natur von Schnee liegende Potential verwirklicht.

        • Die aristotelische Argumentation, dass sich nichts von selbst, ohne äußere Ursache bewegt oder sein Potenzial entfaltet, widerspricht der Beobachtung, dass sich Lebewesen von selbst bewegen und Menschen von selbst denken. Wie auch immer, sie gilt ohnehin nicht für die Existenz selbst.

          • Patrick sagt:

            Wie anhand des folgenden, von Edward Feser erwähnten Beispiels der Kausalkette beim Umstand, dass jemand einen Stock bewegt, der wiederum einen Stein bewegt gesehen werden kann, sind auch menschliche Handlungen letztlich vom Wirken einer ersten Ursache abhängig:

            „Consider once again the hand, stone, and stick. The stone … moves only insofar as the stick moves, and the stick moves only insofar as the hand moves. … The motion of the stone depends on the motion of the hand, which depends on the motion of the stick, which depends on the state of the nervous system, which depends on the current molecular structure, which depends on the atomic basis of that molecular structure, which depends on electromagnetism, gravitation, the weak and strong forces, and so on and so forth, all simultaneously, all here and now. …

            How far can it go? Not that far, actually; certainly not to infinity. … “

            Edward Feser, The Last Superstition: A Refutation of the New Atheism, South Bend 2008, S. 94 f.

          • Vgl. Kausalität laut Objektivismus versus Kausalität laut Hume (im Philosophiebereich, Metaphysik). Allerdings argumentiert er hier offenbar gegen die Willensfreiheit, was seltsam ist.

  4. Patrick sagt:

    Das Bemerkenswerte an einem Potential ist, dass es ein seltsamer Zwischenzustand zwischen Nichtexistenz und Existenz ist. Es ist zwar da, aber man kann es nicht wahrnehmen. Daran kann man sehen, dass es nicht einfach nur Existenz oder Nichtexistenz gibt, sondern noch eine weitere Alternative.

    Im Folgenden werden noch weitere Beispiele solcher Potentiale vorgestellt:

    – Ein Sauerstoffatom hat das Potential, sich mit zwei Wasserstoffatomen zu einem Wassermolekül zu verbinden.

    – Wasser hat das Potential bei 0° C zu gefrieren.

    – Glas hat das Potential zu zerbrechen.

    – Eine Eichel hat das Potential zu einer Eiche zu werden.

    Wo ist die Eiche, die aus einer bestimmten Eichel werden kann? Wo ist das Eis, das aus einer bestimmten Menge Wasser werden kann?

    Thomas von Aquin würde sagen: Im Intellekt Gottes!

    Wenn Thomas von Aquin Recht hat, dann muss es Bewusstsein vor Existenz geben.

  5. Patrick sagt:

    Für die Annahme, dass das Universum einen Anfang gehabt hat, hat der Philosoph und Theologe William Lane Craig ein philosophisches Argument formuliert, welches lautet, dass es in der realen Welt keine Menge mit unendlich vielen Bestandteilen haben kann. Die folgenden Auszüge aus einem von Craig verfassten Buch bieten eine gute Veranschaulichung dieses Umstands und dessen Relevanz für die Frage, ob das Universum einen Anfang hat oder nicht:

    „Eine Menge von Dingen wird … als tatsächlich unendlich bezeichnet, wenn ein Teil von ihr gleich dem Ganzen ist. Zum Beispiel: Was ist größer: 1, 2, 3, … oder 0, 1, 2, 3, …? Dem vorherrschenden mathematischen Denken zufolge sind sie gleichwertig, da sie beide tatsächlich unendlich sind. Dies erscheint uns seltsam, weil es in der einen Reihe eine zusätzliche Zahl gibt, die in der anderen nicht zu finden ist. Das zeigt aber nur, daß in einer tatsächlich unendlichen Menge eine Teilmenge gleich der Gesamtmenge ist.

    […]

    Lassen Sie mich … die Absurditäten veranschaulichen, die daraus folgen würden, wenn ein tatsächlich Unendliches in der Welt existieren könnte. Nehmen wir an, wir hätten eine Bibliothek, die eine tatsächlich unendliche Zahl von Büchern enthält. Stellen wir uns vor, daß die Bücher nur zwei Farben haben können, schwarz und rot, und daß diese auf den Regalen abwechselnd vorkommen: schwarz, rot, schwarz, rot und so fort. Wenn jemand uns sagen würde, daß die Anzahl der schwarzen Bücher gleich der Anzahl der roten Bücher ist, wären wir wahrscheinlich nicht erstaunt. Aber würden wir jemandem glauben, der uns erzählt, daß die Anzahl der schwarzen Bücher gleich der Anzahl der schwarzen und roten Bücher zusammen ist? Denn in der letzteren Menge finden wir alle schwarzen Bücher und auch eine unendliche Anzahl von roten Büchern.

    Oder stellen wir uns vor, die Bücher könnten drei Farben haben, oder vier oder fünf oder hundert. Würden wir jemandem glauben, der behauptet, es gäbe gleich viele Bücher in einer Farbe wie in der ganzen Sammlung?

    […]

    Wenn das Universum schon immer existiert hat, dann bildet die Reihe aller vergangenen Ereignisse zusammen ein tatsächlich Unendliches, weil jedem Ereignis in der Vergangenheit ein anderes Ereignis vorangegangen ist. So wäre die Reihe vergangener Ereignisse unendlich. …

    … Wir wissen, daß ein tatsächlich Unendliches in der Wirklichkeit nicht existieren kann. Da eine unendliche Reihe ohne Anfang von Ereignissen in der Zeit ein tatsächlich Unendliches ist, kann eine solche Reihe nicht existieren. So muß die Reihe aller vergangenen Ereignisse endlich sein und einen Anfang haben. Aber das Universum ist die Reihe aller Ereignisse, so daß das Universum einen Anfang gehabt haben muß.“

    William L. Craig, Die Existenz Gottes und der Ursprung des Universums, Wuppertal und Zürich 1989, S. 36, 39 f., 43.

    • Ramon sagt:

      Das erinnert mich an den griechischen Philosoph Zeno, 490 Jahre vor unserer Zeitrechnung: Er sagte, dass es unmöglich sei, einen Raum zu durchschreiten. Denn: ich muss den Raum ja erstmal zur Hälfte (50%) durchschreiten. Um das zu schaffen, muss ich erstmal die Hälfte der Hälfte (25%) durchschreiten. Um das zu schaffen, muss ich erstmal die Hälfte der Hälfte der Hälfte (13%) durchschreiten, usw. usw. Dies kann ich unendlich fortführen. Also wird es mir in endlicher Zeit nicht gelingen, ans Ende des Raums zu kommen.
      Mathematische Modelle sind kein Selbstzweck. Sie müssen immer ihr Fundament in der Beobachtung der Realität haben und müssen der Beschreibung der Kausalität dieser Beobachtung dienen. Ein klassisches Gegenbeispiel ist Ptolemäus, der komplizierteste mathematische Modelle entwarf, um seinen Wunsch eines geozentrischen Weltbildes zu „beweisen“, oder eher: zu beschreiben. Kepler dagegen fand Ursachen (die Sonne) für physikalische Effekte aus Beobachtungen und Berechnungen und entwarf darauf basierend ein mathematisches Modell für das heliozentrische Weltbild.

      • Patrick sagt:

        Im folgenden Link geht William Lane Craig auf Zenons Paradoxon und auf dessen Relevanz für die Frage, ob es ein tatsächlich Unendliches geben kann ein:

        Im Zusammenhang mit Zenons Paradoxon ist es wichtig, dass man zwischen einem TATSÄCHLICH Unendlichen und einem POTENTIELL Unendlichen unterscheidet. Ersteres besteht aus einer unendlich grossen Zahl von Gliedern, während bei Letzterem die Zahl der Glieder zwar unaufhörlich wächst, zu einem bestimmten Zeitpunkt jedoch immer endlich ist. Bei der Unterteilung einer Strecke in immer kleinere Teilstrecken handelt es sich nun um ein Beispiel eines POTENTIELL Unendlichen. Schliesslich kommt man bei der Unterteilung einer Strecke in kleinere Teilstrecken nie zu einem Ende.

  6. anti3anti sagt:

    Wissenschaftlich und philosophisch ist die Nicht-Existenz des Universum nicht zufriedenstellend zu erklären. Der Wissenschaftler oder Philosoph kommt – unabhängig davon ob die Welt ewig ist oder nicht – wenn er ehrlich ist, zu dem Schluss: Credo quia absurdum, die nach Gott verlangt.

  7. Patrick sagt:

    Andreas Müller: „Wie auch immer, sie gilt ohnehin nicht für die Existenz selbst.“

    Wenn die einzelnen Bestandteile der Existenz der Wirksamkeit einer ersten Ursache bedürfen, dann gilt dies auch für die Existenz insgesamt.

  8. Patrick sagt:

    Andreas Müller: „Allerdings argumentiert er hier offenbar gegen die Willensfreiheit, was seltsam ist.“

    Wie die folgenden Ausführungen Fesers zeigen, befürwortet er die Annahme eines freien Willens und ist der Überzeugung, dass dieser auf der Grundlage seiner philosophischen Position begründet werden kann:

    „In an Aristotelian-Thomistic analysis, the relationship between a choice and the action it results in can be understood as an instance of formal-cum-final causation. The matter or “material cause” of the action is the sequence of neural firing patterns, muscular movements, and the like by means of which the action is carried out. The formal and final causes of the action – that which gives intelligible structure to the movements – is just the soul considered as a kind of form, and in particular the activities of thinking and willing that are distinctive of the soul’s intellective and volitional powers. The action is free precisely because it has this as its form, rather than having the form, say, of an involuntary muscular spasm. Nor are the intellect and will themselves determined by such things as physical law, because they exists as parts of the realm of formal and final causes, not material and efficient ones.

    … To take the materialist route entails more or less denying free will outright, unless it is simply redefined so that any action that flows from our desires counts as „free“, even if those desires were themselves determined by forces outside our control (a theory known as “compatibilism” since it alleges that free will and determinism are compatible). Intellect and will are no longer formal and final causes (given that there are no such things) but rather efficient causes, reducible, like everything else (so it is claimed), to arrangements of material elements operating according to impersonal laws of nature. Hence human behavior differs in degree but not in kind from the behavior of billiard balls and soap suds. It is more complicated, but no less determined by blind physical forces.“

    Edward Feser, The Last Superstition: A Refutation of the New Atheism, South Bend 2008, S. 208 f.

    Die Begriffe „formal cause“, „material cause“, „efficient cause“ und „final cause“ entstammen der aristotelischen Metaphysik, welche Feser auf den Seiten 49-73 des Buches, dem dieses Zitat entnommen ist ausführlich erklärt.

  9. Patrick sagt:

    Im folgenden Beitrag geht Edward Feser auf Ayn Rands Sicht von „Existenz“ ein und erklärt, wie sich diese von derjenigen des Thomismus, seiner eigenen philosophischen Position, unterscheidet:

    http://edwardfeser.blogspot.com/2014/01/does-existence-exist.html

    Hinter diesen unterschiedlichen Sichtweisen steckt, wenn ich es richtig sehe, die im „Universalienstreit“ erörterte Streitfrage, ob Allgemeinbegriffe (z.B. „Mensch“, „Tisch“, „Gerechtigkeit“, „rot“, „Dreieck“), Zahlen, geometrische Sätze (z.B. Satz des Pythagoras) oder mathematische Aussagen (z.B. „2 + 2 = 4“) etwas real Existierendes bezeichnen oder ob sie einfach nur in Worte gekleidete Gedankenkonstrukte sind. Die erstgenannte Position wird als „Realismus“ bezeichnet, die letztgenannte als „Nominalismus“. Daneben gibt es noch eine vermittelnde Position, welche als „Konzeptualismus“ bezeichnet wird. Feser bespricht diese Positionen ausführlich in seinem Buch „The Last Superstition: A Refutation of the New Atheism“ (South Bend 2008) auf den Seiten 39-49 und argumentiert in diesem Zusammenhang für die Richtigkeit des Realismus.

    Gerade für Atheisten mag der Nominalismus auf den ersten Blick plausibler erscheinen. Allerdings hat es auch Atheisten gegeben, die den Realismus vertraten. Zu diesen gehörten etwa der Mathematiker Gottlob Frege und der Philosoph Bertrand Russell. Der Nominalismus ist nämlich nicht ohne Probleme. Dies kann man etwa sehen, wenn man sich fragt, ob die mathematische Aussage „2 + 2 = 4“ auch dann wahr wäre, wenn es niemanden gäbe, der in der Lage ist, so etwas zu denken. Wenn man sagt, dass sie auch in diesem Fall wahr wäre, dann bedeutet dies, dass sie unabhängig von unseren Gedanken als etwas Reales existiert.

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