Lasst die Wölfe in Ruhe!

Wie ein echter Wolf für die Deutschen aussieht (Bild: morguefile.com, Lizenz M)

Wie ein echter Wolf für die Deutschen aussieht (Bild: morguefile.com, Lizenz M)

(Ergänzung) Lasst Britney in Ruhe! Die Deutschen haben ihre eigene Britney gefunden: Frei wandelnde Wölfe in ihren Wäldern.

Hier einige Antworten auf Kritik meiner Kommentatorin Alexia zu meinem Wolfsartikel. Alexias Hobby besteht unlängst darin, „gelinde gesagt, selten“ meiner Meinung zu sein und mir in ausführlichen Kommentaren zu widersprechen.

Wer seine Schafe nicht schützt, weil Zaun zu teuer ist, zahlt halt doppelt. Ist normal.

Alexia: Es gab 100 Jahre lang keine Notwendigkeit für die Verstärkung von Zäunen, weil es so gut wie keine Wölfe in deutschen Wäldern gab. Die Vermehrung und die Erhaltung von Wölfen wird erst seit kurzem laut Gesetz in Deutschland garantiert. Nur aus diesem Grund – aufgrund einer menschlichen Willensentscheidung – müssen Landwirte nun auf eigene Kosten ihre Zäune verbessern. Menschliche Willensentscheidungen sind keine unvermeidlichen metaphysischen Tatsachen (wie „Wasser gefriert bei Null Grad Celcius“). Sie sind das Resultat menschlichen Denkens oder Nicht-Denkens. Inzwischen eher letzteres.

Das ist so, als würde man sagen: Ich lasse ein paar Wölfe auf eure Schafe los und wenn ihr eure Zäune nicht verbessert, selber schuld, ihr blöden Bauern! In der Tat ist es nicht nur so, als ob – es ist genau so.

Wölfe lauern keinen Wanderern auf

In der Regel greifen Wölfe keine Menschen an, sondern andere Tiere. Das heißt aber nicht, dass sie für den Menschen ungefährlich wären. Ohnehin liegt das auch daran, dass Wölfe noch selten Kontakt mit Menschen haben.

„The country with the most extensive historical records is France, where nearly 7,600 fatal attacks were documented in from 1200–1920.“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Wolf_attacks_on_humans)

7600 von Wölfen getötete Menschen sind schon etwas. In Frankreich war in der frühen Neuzeit der Werwolf-Mythos weit verbreitet. Die Leute versuchten, die ganzen getöteten Menschen irgendwie zu verarbeiten.

„The 19th century records show that between 1801-1825, there were 112 attacks, 77 of which resulted in death. Of these cases, only five were attributed to rabid animals.“

Und so weiter. Übrigens interessant, die deutschen und englischen Wikipediaeinträge über Wolfsangriffe zu vergleichen. Im englischen Eintrag sind unzählige Wolfsangriffe mit Todesfolge auf den Menschen gelistet, im deutschen Eintrag nur sehr wenige und die meisten davon waren ein „Missverständnis“. So indoktrinieren sich die Deutschen selbst.

Von einem rapiden Anstieg kann keine Rede sein.

Mein eigenes liebstes Hobby ist es, Belege zu nennen, die ignoriert werden, wenn sie nicht ins Weltbild der Leser passen.

In Niedersachen gibt es zum Beispiel inzwischen fünf Rudel und ein Wolfspaar. Das Paar und ganze vier der fünf Wolfsrudel wurden erstmals im Zeitraum von 2013 bis 2014 beobachtet. [2] Insgesamt gibt es schon über 35 Wolfsrudel und -paare in der Bundesrepublik.

2013 rissen Wölfe demnach bei 21 Übergriffen bundesweit 56 Schafe und Ziegen. Insgesamt töteten Wölfe laut dem Wildtiermanagement Niedersachsen in Deutschland im Jahr 2013 68 Nutztiere. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 29 tote Nutztiere.

Und laut diesem Kommentar sollen wir uns dem neuerdings Unvermeidlichen fügen:

Das ist vollkommen normal. Jeder Mensch, nicht nur wenn er Bürger ist, muss wissen, wie er sich in seiner Umgebung zu verhalten hat. Nach links und rechts gucken beim Straße überqueren, keine Stadttauben streicheln, Wölfe in Ruhe lassen und nicht durch Wegrennen ihren Jagdtrieb reizen, sich im Dunkeln aus Problemvierteln fernhalten um nicht den Jagdtrieb der dortigen Gestalten zu reizen, bei Krankheit zu Hause bleiben und nicht die Kollegen anstecken …
Menschen sind nun einmal nicht allein auf der Welt und sollten sich entsprechend verhalten.

Wir sind nur darum nicht allein in unseren Wäldern, weil wir Raubtiere dort hegen und pflegen. Absichtlich. Das alleine ist schon ein Grund, die Alliierten zu unserem Schutz vor unserer eigenen Dummheit zurückzuholen. Die Ghettos in den Großstädten sind keine absichtlich erschaffenen Einrichtungen, obgleich man diese ebenfalls hätte vermeiden können. Nehmen wir mal an, dass die Wölfe erfolgreich weiter verbreitet werden. Nehmen wir ferner an, dass die Deutschen bereitwillig Seminare über den richtigen Umgang mit Raubtieren innerhalb unserer Zivilisation belegen, um nicht gefressen zu werden. Mein geistig behinderter Bruder sowie viele andere geistig Behinderte, die in meiner Siedlung (die an einen Wald angrenzt) und anderswo leben, verstehen es zum Beispiel überhaupt nicht, dass sie den „Jagdtrieb“ von Wölfen nicht reizen sollen. Es gibt auch viele alte Menschen, die hier spazieren gehen und die nicht mehr alle geistig so fit und so beweglich sind. Hunde müssen immerhin an die Leine. Wölfe nicht. Dürfen die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft beim Spazierengehen von wilden Raubtieren gefressen werden? Sollen wir uns dem Unvermeidlichen fügen?

Man muss nur irgendeinen Wahn zum Status Quo erklären – und egal, wie verrückt und gefährlich er ist, die Leute werden ihn als selbstverständlich und vernünftig verteidigen.

Ergänzung: Kommentare von Novo-Lesern:

68 Nutztiere für die der Steuerzahler aufkommen muss, na da kann der Staatsbankrott wohl nicht mehr weit sein.

Man könnte auch mit mittelalterlichen Belagerungsmaschinen von Ritterschauspielen die Zäune und Tiere von Landwirten umnieten. Nehmen wir an, dass insgesamt ein vergleichbarer Schaden entsteht. Wahrscheinlich würden sich dann die Landwirte mit der Ritterspiel-Lobby darüber streiten, ob das jetzt sein muss oder nicht. Die Ritterspiel-Lobby argumentiert mit dem Wert, das kulturelle Gedächtnis und das Wissen über Geschichte aufrechtzuerhalten wie die Wolfs-Lobby argumentiert, dass die Wölfe missverstandene, schützenswerte Tiere sind. Die Landwirte argumentieren, dass nicht irgendwer daherkommen und ihren Zaun und ihre Nutztiere zerstören und töten kann, weil der Zaun ihr Eigentum ist und weiteres Eigentum markiert und schützt und weil die Nutztiere ebenso ihr Eigentum sind

Ausschließlich in Abwesenheit jeglicher absoluter moralischer Maßstäbe kann man so argumentieren wie die Wolfs-Lobby (warum gibt es sowas überhaupt?). Wenn der Mensch keine Rechte hat, wenn seine Tiere und sein Zaun nicht wirklich ihm gehören, dann kann man darüber streiten, ob andere Menschen sie auffressen oder zerstören dürfen oder nicht. Wenn Menschen Rechte haben, dann ist eine solche Argumentation ein Tritt in das Gesicht des Rechtsstaats.

Außerdem: Wozu absichtlich Steuergelder durch die Verbreitung von Wölfen verbrennen, auch wenn anderswo noch mehr Steuergelder verbrannt werden? Als ob die Verbrennung von Steuergelder eine Einladung für die Verbrennung weiterer Steuergelder wäre.

Jedes Jahr werden in Deutschland zwischen 30000 und 50000 Menschen von den Nachfahren der Wölfe angegriffen und da sind die ganzen Unfälle im Straßenverkehr die die Köter verursachen noch nicht mitgerechnet.

Will heißen: Da Hunde im Moment noch mehr Probleme verursachen als Wölfe, sollte man für die Vermehrung von Wölfen sorgen, bis Wölfe mehr Probleme verursachen als Hunde. Oder wie? Wobei Hunde immerhin einen Besitzer haben, der für die Schäden zumindest teilweise aufkommen muss.

Die Schäden die Reh, Hirsch und Wildschwein verursachen liegen in ganz anderen Größenordnungen

Da andere Tiere aktuell noch Schäden in anderen Größenordnungen verursachen, sollte man dafür sorgen, dass Wölfe eine angemessene Chance erhalten, bei der Anrichtung von Schäden aufzuholen.

zu denen auch vielerorts zu große Wildbestände in den Revieren gehören, die dort ohne ökologischen Nutzen lediglich “zur vergnüglichen Erbauung seiner Herrschaft” aufrecht erhalten werden (auch mit Geldern der Allgemeinheit).

Ich werde als Libertärer gewiss den Erhalt von Wildbeständen mit Steuergeldern befürworten. Wenn auch nur, weil ich offenbar für die „Jägerlobby“ arbeite. Auch wenn ich keinen einzigen Jäger kenne.

Ist doch schön, wenn wieder jemand das Märchen vom Rotkäppchen auffrischt.

Wenn dazu nicht ein Kommentar bereits im Artikel selbst stehen würde, könnten sich die Tierrechtler gewiss gegenseitig für die brillante Anmerkung auf die Schulter klopfen.

5 Kommentare zu “Lasst die Wölfe in Ruhe!

  1. E. Bethlenfalvy sagt:

    „Das alleine ist schon ein Grund, die Alliierten zu unserem Schutz vor unserer eigenen Dummheit zurückzuholen.“

    In den USA (und womöglich auch Kanada) ist die Situation (Indiz: Zahl der Todesfälle) wie auch die Ideologisierung/Verschleierung der Problematik durch eine ökologistische „Großcarnivorenlobby“ („unser bester Freund der Wolf, Puma etc.“) deutlich schlimmer als in Deutschland.

    Allerdings lässt sich die Problematik in Nordamerika infolge zahlreicher „Zwischenfälle“ (euphemistisch: „encounters“) und tödlicher Attacken nicht mehr unter den Tisch kehren.

    Siehe hierzu „The beast in the garden“ von D. Baron.

    http://www.amazon.com/The-Beast-Garden-Predators-Suburban/dp/0393326349

    Über die tödlichen Konsequenzen des „benign wolf myth“ kannst Du bei Professor Geist (Emeritus an der University of Calgary) einiges nachlesen:

    http://graywolfnews.com/pdf/dr_valarius_geist_re_carnegie.pdf
    (Anlass war der Tod eines kanadischen Geologiestudenten, der während eines Pflichtpraktikums in der Nähe einer Mülldeponie Wölfen zum Opfer fiel.)

    http://www.idahoforwildlife.com/Website%20articles/Dr%20Geist/When%20ignorance%20is%20bliss.html

    Der niederländische Biologe Hans Kruuk (University of Aberdeen) berichtet in seinem Buch „Hunters and hunted“, welches sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Carnivoren beschäftigt, von tödlichen Wolfsattacken in Weißrussland, die sich während seines dortigen Forschungsaufenthalts (einige Monate) in den 1990er Jahren ereigneten. (Anmerkung: Wölfe können pro Tag 70 km zurücklegen und unternehmen lange Wanderungen.)

    http://www.cambridge.org/fr/academic/subjects/life-sciences/ecology-and-conservation/hunter-and-hunted-relationships-between-carnivores-and-people?format=AR

    Zum Themenkomplex „Wolfsattacken, Ideologie und Propaganda“ ebenfalls aufschlussreich: Will Graves, Wolves in Russia. Anxiety through the ages (2007)

    http://wolvesinrussia.com/

    Abschließende Anmerkung: Der Verzicht auf die obsessive (und saublöde) Schwarz-Weiß-Zeichnung „aufgeweckt-heldenhafte Amerikaner vs. dumm-einfältig-völkische Deutsche“, die sich durch Deine Beiträge zieht, würde den Blog lesenswerter machen.

    Gruß,
    E.B.

    • Danke für die Links. Ohne meinen Kontrast zu einem fiktiven Land, in dem die Leute vernünftiger sind, was soll ich da noch tun? Da fühlen sich die Deutschen ja normal, wenn sie mal wieder blöde Dinge tun. Aber ich weiß, dass die USA heute nicht mehr so sind wie vor 150 Jahren.

  2. Alexia sagt:

    Schaun wir mal – vorzugsweise nicht auf den Britney-Fan. 🙂

    Niemand lässt Wölfe auf Haustiere los und niemand hegt und pflegt sie, außer vielleicht in Zoos. Sie sollen nur einfach nicht gejagt werden.
    Sollten sie sich irgendwann einmal zu einer Plage entwickeln, dann ist die Situation eine komplett andere. Dann ist der Wolf keine bedrohte Tierart mehr und es sollte selbstverständlich regulierend eingegriffen werden. Aber das ist im Augenblick nicht der Fall.

    Auf der anderen Seite steht das hier:
    „Die Schäden die Reh, Hirsch und Wildschwein verursachen liegen in ganz anderen Größenordnungen

    Da andere Tiere aktuell noch Schäden in anderen Größenordnungen verursachen, sollte man dafür sorgen, dass Wölfe eine angemessene Chance erhalten, bei der Anrichtung von Schäden aufzuholen.“
    Es geht nicht darum, angerichtete Schäden zu vergleichen. Das ist vollkommen sinnlos.
    Es geht darum, dass eine stabile Wolfspopulation die Bestände von Rot- und Schwarzwild im Zaum halten und somit die Schäden eingrenzen kann.

    Der Wikipedia-Artikel ist interessant. Danke dafür. Allerdings wurden Wölfe über die Jahrhunderte soviel dämonisiert, dass ich pauschal keiner Quelle vor … sagen wir 1800 trauen möchte.
    Bezeichnenderweise steht unter „Noteable Cases“ ein Fall aus Deutschland: Der Wolf von Ansbach. „The citizens of Ansbach believed the animal to be a werewolf, a reincarnation of their late and cruel Bürgermeister, whose recent death had gone unlamented. “ Na klar . Wenn so ein Monster die Gegend unsicher macht, dann hilft es auch nicht die Türen zu versperren. Also lässt man es bleiben und betet. Oder so.

    Oder weiter oben im Artikel: „Experts in India use the term „child lifting“ to describe predatory attacks in which the animal silently enters a hut while everyone is sleeping, picks up a child, often with a silencing bite to the mouth and nose, and carries a child off by the head.[15] Such attacks typically occur in local clusters, and generally do not stop until the wolves involved are eliminated.“
    Sehr tragisch, sollte aber in Europa kein Problem darstellen. Wir schlafen hier i.d.R. hinter verschlossenen Türen. Abgesehen davon haben Wölfe es hier garnicht nötig, in Häuser einzudringen. In den Wäldern gibt es ausreichend Rehe, Nagetiere und sogar Wildschweine, an denen noch erheblich mehr Wölfe Nahrung finden.

    Gut, ich ziehe meine Pauschalaussage, dass Menschen generell nicht auf deren Speiseplan stehen, zurück. Aber wir scheiben auch nicht mehr das Jahr 1200.

    Und was die ach so armen Landwirte angeht, so wären geeignetere Umzäunungen auch ohne Wölfe sinnvoll. Über Hundeattacken auf Schafe habe ich zwar keine Statistiken, aber sie passieren oft genug, dass Landwirte immer wieder jammern, weil sie deswegen schon wieder keine Kompensation vom Staat bekommen.

    • Enrico sagt:

      „Es geht darum, dass eine stabile Wolfspopulation die Bestände von Rot- und Schwarzwild im Zaum halten und somit die Schäden eingrenzen kann.“

      Vielleicht habe ich es noch nicht verstanden, aber warum soll man sich Wölfe halten, die dann andere Tiere jagen, statt das Jagen selbst zu übernehmen? Menschen wissen wahrscheinlich besser als Wölfe, wie viel Rot- und Schwarzwild in einem Wald gut ist.

      „Und was die ach so armen Landwirte angeht, so wären geeignetere Umzäunungen auch ohne Wölfe sinnvoll. Über Hundeattacken auf Schafe habe ich zwar keine Statistiken…“

      Es geht hier nicht um Hundeattacken. Die Landwirte sind an die bisherige Situation angepasst und haben ihre Tiere unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen entsprechend geschützt. Es geht darum, dass das Risiko für die Landwirte in Zukunft größer wird als es jetzt ist und dabei gleichzeitig die Möglichkeiten beschnitten werden, um auf das Risiko zu reagieren.

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