Der objektive Journalist

„Der Journalist ist nicht legitimiert, vermeintlich unvollendete Wahrheiten, die aus und in der gesellschaftlichen Kommunikation laut werden, zu vollenden; die seiner Meinung nach falschen Entscheidungen zu verbessern und zu korrigieren oder im Falle von Unstimmigkeiten zu dekretieren, welche Position die wirklich „wahre“ und welche andere die klar „falsche“ ist. Der Journalist ist nicht legitimiert, Regierungen weg- oder herbeizuschreiben oder sich sonstwie an die Stelle des Souveräns zu setzen. Auch ist der Journalist nicht etwa der Oberaufseher darüber, was man sagen darf und was man nicht sagen darf; er ist nicht der Wächter über den Mainstream der herrschenden Meinung, über Political Correctness oder über andere scheinbar konsentierte Sprach-, Kommunikations- und Schweigeregeln. All das ist Kommunikations-Sache der Gesellschaft sowie der Gruppen und Interessenten in ihr.“

(Hans Wagner: Das Fach-Stichwort: Objektivität im Journalismus. In: Objektivität im Journalismus. Hrsg. von Hans Wagner. Reihe ex libris kommunikation. Band 10. Nomos: 2012. S. 332)

Das sollte sich jeder Journalist einrahmen und an den Arbeitsplatz hängen. Publizisten (wie Blogger und Leute, die kommentierende Artikel schreiben – also Leute wie ich, in den meisten Medien zur Zeit) stellen ihre eigene Position dar. Journalisten stellen hingegen die Kommunikation der Gesellschaft auf öffentlich zugängliche, geordnete und verständliche Weise dar. Sie erschaffen sie nicht. Sie steuern sie nicht. Sie verändern sie nicht. Sie sind im Kernbereich ihrer Tätigkeit, in den berichtenden Formaten, nur Boten ohne eigene Agenda.

Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum so viele Menschen vom Journalismus im Moment frustriert sind. Mit Sicherheit ist es der Hauptgrund, warum ich Zeitungen mit immer mehr subjektiven Beiträgen schon gar nicht mehr aufschlagen will. Weil sich Journalisten als Weltveränderer aufspielen, obwohl sie nur berichten sollen, was vorgefallen ist und was andere Leute sagen. Überall, wo man als „Journalist“ auftritt, sollte man objektiv sein. Und nicht darüber schwadronieren, dass das gar nicht möglich sei, wobei man damit meint, dass man lediglich keine Lust dazu hat und lieber missionieren, kontrollieren, mitmischen, sich wichtig machen will.

32 Kommentare zu “Der objektive Journalist

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Journalisten fungieren und fungierten immer als Verlautbarungsorgane, Inhaberverhältnisse betreffend oder in Eigen-Agitation.

    So richtig fällt das erst zu Zeiten des Webs oder Internets auf, korrekt.
    Alles, was Friedrichs oder der Zitierte aussagen, ist nicht realitätsnah.

    Klar, Vierte Gewalt und so, das gab es nie, der Schreiber dieser Zeilen hat bspw. einen grob agitatorischen Wahlkampf gegen Strauss 1980 erlebt und die Hochbetung des seinerzeit real existierenden Sozialismus, Ceaușescu bspw. wurde im SPIEGEL, der ZEIT, der Süddeutschen und der FAZ als Reformer verkauft, um Honnie wurde herumgewieselt.

    MFG
    Dr. W (der demzufolge heute hauptsächlich WebLogs konsumiert, die MSM scannt – bei Dir selbstverständlich höchst zufrieden ist oder bleibt)

    • Dr. Webbaer sagt:

      PS:
      Heutzutage wissen junge Journalisten nicht einmal mehr zwischen Nachricht und Meinungsbeitrag ordentlich zu unterscheiden, die Hoffnung bleibt nur insofern, als dass sie schlecht gefüttert werden.

    • Ist doch egal, ob es das schon einmal gab. Es ist möglich. Es wird nicht gemacht. Es sollte gemacht werden. Es kann gemacht werden. Wer es nicht macht, obwohl er es kann und in seiner Funktion sollte, ist inkompetent oder bösartig.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Korrekt. – Ich bezog mich wohl auch auf ‚Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum so viele Menschen vom Journalismus im Moment frustriert sind.‘ und erinnerte mich an ganz schreckliche Zeiten, als es noch nicht einmal Privat-TV gab…

  2. Bernd sagt:

    „Wer es nicht macht, obwohl er es kann und in seiner Funktion sollte, ist inkompetent oder bösartig.“
    Nicht nur. Fast jeder Journalist ist abhängig, von seinem Arbeitgeber, seinen Quellen und seinem Leserklientel. Nur die „ganz Großen“ können sich eine unabhängige Berichterstattung leisten, der Überlebenskampf ist mörderisch.

    • Das sagt zwar jeder, aber wie in dem Buch aufgezeigt wird, aus dem oben zitiert ist, wurde die Unabhängigkeitsregel zunächst zu einem Zweck etabliert: Zeitungsverleger haben herausgefunden, dass sich mit objektiver Berichterstattung mehr Geld scheffeln lässt, weil die Leute objektive Informationen haben wollen. Es gibt eine neuere, große Studie, die das umfassend aufzeigt, zusammengefasst in: W. Donsbach, M. Recntsch, A.-M. Schielicke, S. Degen: Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden. Konstanz: 2009.

      • Bernd sagt:

        „Journalisten sind Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.“

        Mark Twain 🙂

        1. Die oben angeführte „Studie“
        http://denkreiz.de/wp-content/uploads/Krise_des_Journalismus.pdf
        der Uni Dresden halte ich für bedenklich, wenn nicht gar unseriös, die Basis ist lediglich eine Telefonumfrage. Im Übrigen bestätigt sie ja nur das schlechte Ansehen der Journalisten, was schon immer so war.
        http://www.journalistik-dortmund.de/fileadmin/content/poettker/Poettker__UEber_das_notwendig_schlechte_Image_der_Journalisten.pdf

        2. Du schreibst:
        „Zeitungsverleger haben herausgefunden, dass sich mit objektiver Berichterstattung mehr Geld scheffeln lässt, weil die Leute objektive Informationen haben wollen.“
        Glaubst du wirklich, daß die Zeitungsverleger so blöd sind und laufend Geld verschenken?

        3. „Auch Journalisten nehmen ihren Beruf heute anders wahr. Durch die zunehmende Ausrichtung am Leserinteresse, erleben viele Journalisten eine Boulevardisierung ihres Berufs. Gerade der Einfluss der Wirtschaft, der immer mehr auf Auflagensteigerung anstatt auf Qualität abziele, habe großen Einfluss auf das Ansehen des Journalismus, ja der Medien allgemein.“
        http://www.ifp-kma.de/ueber-uns/ifp-im-gespraech/entzauberung-eines-berufs
        “ „Journalisten berichten nicht gerne über sich selbst. Es wird zwar auf Missstände hingewiesen, aber meist nicht in der Öffentlichkeit“, sagte Ancker. „Journalisten werden nur als Interessensvertreter wahrgenommen, nicht aber als Verantwortungsträger.“ Haben die Journalisten aber nicht selbst Anteil an der wachsenden Verschmelzung von PR und Journalismus? „Die Alternative zum uns bekannten Journalismus wäre dann nur der ‚Charity-Journalismus‘, der in den USA existiert. Menschen mit gleichen Interessen schließen sich zusammen und bezahlen einen Journalisten, damit er über das gewünschte Thema schreibt“, sagte Steppacher. Die Folge wäre dann allerdings, dass in den Medien nur noch ein bestimmtes Klientel vorkommen würde….“
        „…Was muss also getan werden, um dem wachsenden Vertrauensverlust entgegen zu wirken? „Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche eine gute Medienerziehung erhalten. Und zwar von Beginn an, nicht erst in der Oberstufe“, sagte Ancker.

        • 1. Die Studie besteht aus einem Fragebogen, entwickelt aus einer Gruppendiskussion mit Bürgern und befragt wurden über 1000 Bürger. Die Entwicklung des Fragebogens und die Auswertung sind im zitierten Buch beschrieben. Ich sehe nicht, was daran unseriös sein soll. Immer gleich war das Ansehen der Journalisten auch nicht. „Der Anteil der Bevölkerung, der Journalisten zu den vier bis fünf angesehensten Berufen zählt, ist von 17 Prozent 1993 auf zehn Prozent 2005 gesunken (vgl. Allensbacher Berichte 2005)“. Das Ansehen von Journalisten war zwar nie sonderlich hoch (kein Wunder, sie dienten in Deutschland zwei Diktaturen, waren nur kurzzeitig in der Weimarer Republik unabhängig und dienten und zuvor dem Kaiser. Nach dem zweiten Weltkrieg sind allerlei fragwürdige Haltungen zunächst geblieben, etc.), aber es sinkt seit Jahren weiter.

          2. Ich glaube, dass viele Journalisten Ideologen sind, die überall, auch in Newsberichten, ihre Meinung unterbringen müssen. Siehe etwa die jüngste Studie über die Einseitigkeit der Berichterstattung über den Nahostkonflikt, laut der die Titel von Berichten zum Thema Israel sehr häufig als den Aggressor darstellen. Außerdem sind Journalisten häufig Selbstdarsteller, die meinen, selbst sehr wichtig zu sein und nicht nur über wichtige Leute zu berichten. Darüber gibt es inzwischen auch eine Reihe von Studien (Stichwort „Hauptstadtjournalismus“). Wenn die Leute schon nicht richtig informiert werden, können sie gleich Boulevardzeitungen kaufen und Boulevardmagazine im Fernsehen anschauen. Ursache und Folge werden da ganz schön durchmischt, wie ich das sehe.

          3. „Die Wirtschaft“ wird also für den Qualitätsverlust verantwortlich gemacht. Und wenn ich dir jetzt sage, dass das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen, obwohl es unabhängig von der Wirtschaft ist, bei der Boulevardisierung nachweislich mitmacht? http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001684

          Gut, ich bin noch nicht so weit in der Recherche, um das alles eindeutig erklären und aufzeigen zu können. Leider gehen meine Leser wieder ihrem liebsten Hobby nach und widersprechen erst einmal allem, was ich schreibe. Wenn ich schreibe, dass Wasser nass ist, folgt wohl auch erst einmal eine lange Diskussion (war in der Tat einmal so). Von daher diese paar Anreize zum Nachdenken, wie es mit der Kausalität aussehen könnte.

          • Bernd sagt:

            „Leider gehen meine Leser wieder ihrem liebsten Hobby nach und widersprechen erst einmal allem, was ich schreibe.“
            Keine „Panik“, ist doch sehr interessant, was du schreibst. Ohne Widerspruch keine Diskussion….These>Antithese>Synthese 🙂

  3. Alexia sagt:

    Nachrichten werden berichtet, nicht gemacht.
    Würden Journalisten sich daran halten, wäre das ideal.

    Aber wie soll der Zustand erreicht werden, wenn es ganz offensichtlich zwecklos ist, an die journalistische Ehre oder eine ominöse Eigenverantwortung zu apellieren?
    Wo ist die Grenze zwischen Skandalberichterstattung und Medienkampagne?
    Und wo ist eine Fokussierung auf einen Teilaspekt noch akzeptabel oder kann bereits als Stimmungsmache durch Ausklammerung bezeichnet werden?

    Die Grenzen sind schwammig. „Echte“ Objektivität wird es im Journalismus vielleicht nie geben. Das Einzige, das klar zu sein scheint, ist, dass fast überall die akzeptierbaren Grenzen überschritten werden.

    Und bezeichnenderweise ist ausgerechnet das Blatt, dem all das am Allerwertesten vorbeigeht und das seine eigene Agenda abseits des journalistischen Kodex macht, das mit der größten Auflage in Deutschland. 😦

    • Aber wie soll der Zustand erreicht werden, wenn es ganz offensichtlich zwecklos ist, an die journalistische Ehre oder eine ominöse Eigenverantwortung zu apellieren?

      Indem man an das Geld appelliert, das die Leute bereit sind, für gute, verständliche, objektive Berichterstattung zu bezahlen.

      • Alexia sagt:

        „Indem man an das Geld appelliert, das die Leute bereit sind, für gute, verständliche, objektive Berichterstattung zu bezahlen.“

        Vorausgesetzt sie wollen objektive Berichterstattung. Du selbst behauptest, das zu wollen. Ich selbst bilde mir ein, es mir ebenfalls zu wünschen. Möglicherweise. Da ich objektive Berichterstattung noch nie erlebt habe, bin ich mir nicht sicher, ob mir das gefallen würde.

        Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass alle Leser deines Blogs das gern hätten, sagt das genau Null Komma Nichts über alle deutschen Journalismuskonsumenten aus.

        Und eine Umfragenstudie zeigt auch nur, was Menschen über sich sagen und wie sie auf Fragen antworten.
        Das ist leider etwas Anderes als das was Menschen wollen.

        Wikipedia zeigt das schon etwas deutlicher:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Zeitungen#Tageszeitungen
        Tageszeitung mit der größten Auflage: Bild
        Wochenzeitung mit der größten Auflage: Bild am Sonntag

        Und die Vorsprünge der beiden zu allen anderen sind gewaltig. Daraus würde ich jetzt interpretieren, dass die meisten Menschen (nicht alle) einfach nur unterhaltsame, hetzerische oder stimmungsmachende Geschichten wollen ANSTATT irgendeiner Art von Journalismus.

        Das Geld hat gesprochen.

        • Du erklärst selbst, warum du dich hier irren könntest:

          Da ich objektive Berichterstattung noch nie erlebt habe, bin ich mir nicht sicher, ob mir das gefallen würde.

          Daraus würde ich jetzt interpretieren, dass die meisten Menschen (nicht alle) einfach nur unterhaltsame, hetzerische oder stimmungsmachende Geschichten wollen ANSTATT irgendeiner Art von Journalismus.

          Wenn sie sowieso keinen objektiven Journalismus bekommen, sondern nur Leute, die ihre eigene Meinung überall einfließen lassen, dann kaufen sich die Leute halt gleich die BILD-Zeitung. In Umfragen sagen sie klar, was sie haben möchten und ich bin nicht der Auffassung, dass wir das einfach abtun sollten.

          Die kritischen Kommentatoren hier wünschen sich doch selbst objektiven Journalismus – meint ihr das auch nicht ernst und lest lieber die BILD?

          • Alexia sagt:

            Ich halte FAZ, Süddeutsche, Die Zeit oder Den Spiegel durchaus für objektiver als Bild und co. Letztere beiden lese ich selbst ab und zu.
            Aber sie bieten eben lediglich *mehr* Objektivität als die Axel-Springer-Krawallblätter. *Absolute* Objektivität (wie auch immer die aussähe) gibt es dort nicht. Diese würde meiner Ansicht nach auch niemals in Texten auftreten, welche sich flüssig lesen lassen.
            Absolute Objektivität dürfte eher aus emotionslosen Daten bestehen. Tabellen mit aufgelisteten Orten, Objekten, Subjekten, Geschehnissen und Zahlen. Keine Kommentare, keine Meinung welche sich zwischen den Zeilen herauslesen ließe, keine Filterung. Und vor allem: Keine Respektierung politischer Interessen.
            Im Prinzip das, was Wikileaks macht.
            Mir persönlich ist so etwas allerdings zuviel. Daher bin ich auf die Aufbereitung durch eher subjektiv arbeitende Journalisten angewiesen und nehme daher einen gewissen Mangel an Objektivität gern in Kauf.

            „Wenn sie sowieso keinen objektiven Journalismus bekommen, … halt gleich die BILD-Zeitung.“
            Ob die große BILD-Kundschaft lediglich aus Leuten besteht, die über den Objektivitätsmangel frustriert sind, weiß ich nicht. Ein Bekannter meinte mal zu mir, dass er die ließt, „weil die schreiben, wie es wirklich ist“. Demnach wären Artikel über „Pleitegriechen“, „Sexmonster“ oder „Beißer-Suarez“ aus seiner Sicht objektiv, während alle anderen – ich weiß nicht – Teil einer Verschwörung sind. Oder einfach nur zu brav.

            Das widerspricht jetzt ein bisschen meiner vorherigen Aussage über die Bevorzugung von Unterhaltung vor objektiver Berichterstattung. Aber es ist auch nur ein Beispiel von über zweieinhalb Millionen Bildkäufern und noch mehr -Lesern.

            Warum kaufe ich persönlich nicht mehr „gute“ Zeitungen als alle paar Wochen mal eine?
            Kriege, Unglücke, wirtschaftliche und politische Fehlentscheidungen (zumindest aus meiner Sicht), Menschenmassen die durch ihr kollektives Handeln alles noch schlimmer machen…
            Sorry, aber ich kann nur eine begrenzte Menge davon ertragen bevor meine gute Laune beeinträchtigt wird. Und die ist mir wichtiger als perfekt informiert zu sein. Letztendlich ist es immer ein Kompromiss.

          • Der SPIEGEL ist eigentlich auch sehr subjektiv und auf Krawall aus (das merkt man alleine schon an den reißerischen Titelblättern). Sachlich oder objektiv ist der mal nicht wirklich, nur anspruchsvoller als BILD. Die ZEIT ist die subjektivste Publikation überhaupt. Jeder Artikel darin ist quasi ein Meinungsartikel mit der Zielgruppe von linken Studenten und Beamten. FAZ und SZ sind teilweise objektiv. Welt ist zwar häufig nicht objektiv, aber wenigstens gelegentlich auf meiner ideologischen Wellenlänge. Leider erscheint auf Welt Online eine Unmenge von Artikeln, die ideologisch gar nicht passen zur liberal-konservativen Linie.

          • Martin sagt:

            Naja. Ich halte im Gegenteil die beiden Springer „Krawallblätter“ für objektiver als die vermeintliche „Qualitätspresse“.
            Was einfach daran liegt, das dort eher unideologische Kriterien dafür verantwortlich sind, was es ins Blatt schafft und was nicht. Was Aufmerksamkeit weckt, wird genommen.

            Im Gegensatz dazu scheinen sich einige Blätter der vermeintlichen Qualitätspresse mit einem volkserzieherischen Auftrag versehen zu meinen. Grade der Spiegel oder die „Prantl-Pravda“ (wahlweise auch das „Neue Süddeutschland“ ) zeichnen sich durch stark ideologisch gefärbte Geschichtenerzählung aus.

          • Alexia sagt:

            Beim Vergleichen von Artikeln der Online-Ausgaben zu gleichen Themen sehe ich keine großen Unterschiede zwischen SZ, Zeit, FAZ, Spiegel und Welt. Ich hatte jetzt gerade mal die Meldungen zu den Strafzahlungen, welche Apple drohen, und zu der Reaktion der US-Regierung zur Abbas-Rede verglichen.

            Deinen Hinweis were ich mal annehmen und mir die Printausgaben der FAZ für eine Weile vornehmen. Dann sollte ich selbst einen besseren Einblick bekommen.

            Aber hier wird meiner Meinung nach ein weiterer gravierender Fehler von journalistischen Medien deutlich: Jedes nur halbwegs bedeutsame Unternehmen nutzt das WWW als Aushängeschild oder Schaufenster für die eigenen Produkte und vertretenen Werte. Zeitungen erwecken hier lieber den Eindruck, dass sie lediglich voneinander abschreiben und beinahe beliebig austauschbar sind.

    • Dr. Webbaer sagt:

      “Echte” Objektivität wird es im Journalismus vielleicht nie geben.

      Sie kann es nicht geben, weil schon die Auswahl der Nachrichten, die ein Print-Medium weitergibt den Interessen der Redaktion bzw. denejenigen vermuteten der Leserschaft folgen.

      Früher war es aber noch oft so, dass berichtet worden ist, was passiert ist, dass zwischen dem Meinungsbeitrag und der Nachricht klar unterschieden wurde.

      MFG
      Dr. W

  4. Martin sagt:

    Was Journalisten so von sich und der Situation meinen, kann man z.B. hier nachlesen:
    http://mitvergnuegen.com/2014/wie-es-sich-dieser-tage-anfuehlt-ein-journalist-zu-sein/#comment-1585657776

    Sie tun sich gaaanz furchtbar leid. Dabei wollen sie doch nur „Geschichten erzählen“. Nur will das Publikum eben von Journalisten keine Geschichten, sondern Berichterstattung. Hätten sie halt Schriftsteller werden sollen.

    Besonders schön in der Diskussion ist übrigens der als freier „Journalist“ tätige Froitzheim. Schöner findet man die Mischung aus Ignoranz, Arroganz und völliger Kritikunfähigkeit nicht mehr.

    • Ich würde am liebsten so schreiben wie Mark Humphrys: Eine stichwortartige Liste mit Fakten mit angehängten Belegen zu einem bestimmten Thema inklusive Kontextinfos. Gut, er vertritt jeweils eine bestimmte These, aber das lässt sich auch ausgewogener machen. Selbst bei seinem Stil weiß man nach ein paar Seiten nicht mehr, wie man das alles überhaupt widerlegen sollte. Man wird geradezu von der unbeugsamen Realität erschlagen.

  5. Skeptiker sagt:

    Ich erinnere hier doch einmal daran, was das Wort „Journal“ (außerhalb der Buchhaltung) eigentlich bedeutet: Das, was im 19./18. Jahrhundert „Journalist“ bezeichnet wurde, kommt dem heutigen Schreiber einer Kolumne und den heutigen Blogger meines Erachtens doch recht nahe. Auch hier gab es einen persönlichen Autor, der Informationen zusammenfasstund und darstellt.
    (zugegeben, mir sind nur wenige Journale dieser Zeit durch durchblättern bekannt.)

    Außerdem denke ich schon, dass ein Journalist sich in einem Gebiet bewegt, wo objektive und normative Teile (sofern man sie denn so trennen will) sich vermischen. Der Journalist trifft nämlich die Auswahl, welche Informationen er verbreitet und welche er verwirft, er schätzt auch ein, welche Quelle glaubwürdig ist und welche nicht. Schon dadurch beeinflusst er selbstverständlich die öffentliche Meinung. Es ist nur die Frage, wie er damit umgeht.

    Meines Erachtens kommt es eher darauf an, dass sich ein Journalist aufrichtig der Wahrheit (so wie er sie erkennt) verpflichtet fühlt und nicht in erster Linie der Diener einer Partei, einer Idee oder der Schönheit ist. Wie ich gelesen habe, war es wohl in der ehemaligen DDR üblich, dass den Journalisten in ihrer Ausbildung beigebracht wurde, sie sollten der Ideologie des Sozialismus dienen und den „Klassentandpunkt“ der Arbeiterklasse einnehmen.
    Man kann natürlich argumentieren, dass von freien Journalismus damals sowieso keine Rede sein kann…
    Aber auch im 19. Jahrhundert war es üblich, dass politische Parteien eigene Zeitungen gründeten und welche besassen. Damit sind nicht nur reine Parteischriften gemeint, sondern wirklich relativ normale Zeitungen. Natürlich kann ein Journalist begeistert von einer wahren Idee sein (sogar von einer falschen, wenn er sie ehrlich als solche darstellt während er über sie informiert), einer Partei recht geben usw.
    Es gibt natürlich auch Beispiele, wo die Grenze zwischen Journalist und Schriftseller verwischt.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Meines Erachtens kommt es eher darauf an, dass sich ein Journalist aufrichtig der Wahrheit (so wie er sie erkennt) verpflichtet fühlt und nicht in erster Linie der Diener einer Partei, einer Idee oder der Schönheit ist.

      Der Journalist, der Reporter des Tages, hat halt das Problem, dass er Zahlungsfolgen, auf der Habenseite, zu pflegen hat, will er durchkommen.

      Er dient insofern immer einer Partei, im ungünstigen Fall der nackten Inhaberseite des Verlags.

      Am besten wäre es natürlich, wenn er seiner eigenen Partei dienen würde, die wiederum (oft: am besten singulär) ist.

      Der geschätzte hiesige Inhaltegeber und Publizist könnte demzufolge positiv einzuordnen sein, ansonsten ist der Schreiber, wie Sie auch schon festgestellt haben, ein ‚Schriftseller‘ und zwar generell, nichts Schlechtes daran, Karl Kraus bleibt hier sicherlich irgendwie ein Vorbild.

      MFG
      Dr. W

      • Ja, aber wie dient man denn einem Verlag? > Indem man Geld macht. > Anzeigenkunden gewinnt. > Indem man den Leuten bietet, was sie haben wollen. > Indem man ihnen objektiven Journalismus bietet. Niemand will Testberichte, für die der Journalist vom Autohersteller bezahlt wurde (was sehr häufig vorkommt, aber auf Dauer nicht funktionieren kann).

  6. Martin sagt:

    Hier ist z.B. so ein grauenhaft schlechter Artikel. Schon im Titel Propaganda, in der Sache elendiglich schlecht recherchiert, für keinen Cent selbst nachgedacht.
    Einfach nur extrem billige, dumme und schlechte Propaganda im Dienst einer vermeintlich „guten Sache“.

    http://www.welt.de/vermischtes/article132641525/Schlauer-Junge-schlaue-Waffe-dumme-Lobby.html

    Das ist so die Art „Qualitätspresse“, die wirklich kein Mensch braucht. Und zunehmend immer mehr auch offensichtlich nicht mehr wollen.
    Es geht um „Smart Guns“, d.h. Waffen, die nur von ihrem authorisierten Benutzer abgefeuert werden können.
    Der Author bejubelt die „Erfindung“ eines Jugendlichen, der einen mit Fingerabdruck funktionierenden Mechanismus entwickelt hat und beklagt die dumme, dumme Waffenlobby. Dabei ignoriert er, das derlei Konzepte schon seit Jahrzehnten beschrieben werden, das es etliche vergleichbare Verfahren gibt (außer es kurz zu erwähnen) und macht sich offensichtlich nicht einen eigenen kritischen Gedanken.

    So fällt ihm dann in seiner Euphorie auch z.B. ein offensichtliches Problem nicht auf. Die Waffe kann nach Aussage des jugendlichen Erfinders Folgendes:
    „Der Sensor kann insgesamt 999 Fingerabdrücke lesen“, sagt Kloepfer. „Genug, um die Waffen eines ganzen Polizeidistrikts oder einer Armeeeinheit vor Missbrauch zu schützen.“

    Das ein Fingerabdrucksensor als Sicherungsmechanismus für im Einsatz oft Handschuhe tragende Polizisten oder im Einsatz oft dreckige, verschlammte, verschmutzte, verölte oder sogar blutige Finger habende Soldaten die denkbar schlechteste Lösung ist, kommt dem Author nicht mal in den Sinn…

    • Friedrich Sommer sagt:

      „Der Author bejubelt die “Erfindung” eines Jugendlichen, der einen mit Fingerabdruck funktionierenden Mechanismus entwickelt hat und beklagt die dumme, dumme Waffenlobby. Dabei ignoriert er, das derlei Konzepte schon seit Jahrzehnten beschrieben werden, das es etliche vergleichbare Verfahren gibt (außer es kurz zu erwähnen) und macht sich offensichtlich nicht einen eigenen kritischen Gedanken.“

      Was Sie her schildern, halte ich für das eigentliche Problem: mangelndes Fachwissen.

      Objektivität ist schön und gut, aber in gewisser Weise „relativ“ (finde kein besseres Wort). ZB: Man kann über die Unruhen in Ferguson sagen, sie weisen auf „soziale Spannungen“ hin. (Ist sicher nicht falsch.) Würden vergleichbare Aufstände in Russland vorkommen, würde die Presse schreiben, es handelt sich primär um „politische Spannungen“, die daher kommen, dass Putin ein autoritäter Herrscher ist. (Ist auch nicht falsch.) Beide Erzählweisen sind nicht unobjektiv, dennoch kann man damit ein Phänomen auf zwei völlig verschiedene Arten rüberbringen.

      Was aus Ihrem Beispiel aber hervorgeht ist, wie gesagt, das Problem des mangelnden Fachwissens. Das kommt daher, dass Journalisten vA lernen, wie man Informationen vermittelt, selbst die postgraduate Studiengänge konzentrieren sich darauf. Das fachliche Wissen kommt dort viel zu kurz, weswegen die Journalisten diese Lücke dann mit ihren persönlichen (unfundierten) Ansichten füllen.

      Und da kommen immer mehr Leute drauf. Solange Journalismus ein Wischiwaschikommunikations- bullshitstudium bleibt, wird sich am Niedergang der traditionellen Medien auch nichts ändern.

      • Nein, das liegt nicht daran, dass Journalismus ein Wischiwaschi-Studium wäre (ich studiere das ja selbst und wir haben durchaus die Trennung von Kommentar und Nachricht vermittelt bekommen), sondern zumindest auch daran, dass man Journalismus überhaupt nicht lernen muss. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann sich „Journalist“ nennen. Zudem lernt man das meistens in der Journalistenschule eines bestimmten Zeitungsverlages, wo man bereits auf die eigene Linie eingeschworen wird.

        • Friedrich Sommer sagt:

          „ich studiere das ja selbst und wir haben durchaus die Trennung von Kommentar und Nachricht vermittelt bekommen“

          Ah, gut ich habe grad gesehen, dass Sie Wirtschaftsjournalismus studieren.

          Die Trennung zwischen Kommentar und Nachricht war gar nicht mein Punkt. Sondern, wie viel Fachwissen das Studium vermittelt. Also im Fall des Wirtschaftsjournalismus wie viel Volks/betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsrecht usw. einem vermittelt wird. Ich kenne natürlich Ihren Studienplan nicht, hoffe aber, dass mindestens 50% davon eben dieses Fachwissen ist. Man darf ja nicht vergessen, dass man ein 4 jähriges Studium braucht, um die Wirtschaft zumindest in Grundzügen zu verstehen.

          „Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann sich “Journalist” nennen.“

          Mir geht es so, dass ich die Artikel der Wald und Wiesenjournalisten gar nicht mehr lese. Denn da kriegt man ohnehin nur die Standadfloskeln der Rot-grünen oder der „Neoliberalen“, der Konservativen oder Linken, etc.
          Ich lese nur noch die Kommentare von Leuten, die sich damit auch auskennen. Ist einfach informativer.

      • Martin sagt:

        Ich glaube nicht, das mangelndes Fachwissen das Hauptproblem ist. Dafür ist grade das von mir gebrachte Beispiel ein m.E. treffender Beleg.
        Man braucht keinen Funken Fachwissen um mit ein paar Minuten Recherche festzustellen, das „smarte“ Sicherungsverfahren für Waffen schon seit geraumer Zeit erforscht werden.

        Und man braucht auch wirklich nichts als etwas Verstand und den Willen den zu benutzen, um sich vorstellen zu können, das Fingerabdruck-Sicherungsmechanismen für Einsatzzwecke, die unter wechselnden, teils extremen Witterungsbedingungen oder stark „dreckhaltigen“ Szenarien stattfinden, schlecht geeignet sind.

        Alles, was es gebraucht hätte, wäre ein objektiver Blick auf das Szenario gewesen.

        Das Grundproblem, das sich in dem Artikel auch schön in der Überschrift zeigt, ist das besinnungslose akzeptieren bzw. hochjubeln von Behauptungen, sobald sie der eigenen Weltsicht entsprechen.
        Sprich, das „erzählen von Geschichten“, solange sie der eigenen Sache dienen.

        „Schlauer Junge, schlaue Waffe, dumme Lobby“ als Überschrift…. da erzähl mir doch bitte niemand, das das Hauptdefizit des verantwortlichen „Journalisten“ nicht ideologischer Art, sondern fachlicher sei…

        • Friedrich Sommer sagt:

          „Das Grundproblem, das sich in dem Artikel auch schön in der Überschrift zeigt, ist das besinnungslose akzeptieren bzw. hochjubeln von Behauptungen, sobald sie der eigenen Weltsicht entsprechen.
          Sprich, das “erzählen von Geschichten”, solange sie der eigenen Sache dienen.“

          Die Blattlinie ist sicher auch ein Punkt, wahrscheinlich ein größerer, als das Fachwissen. Wobei aber viele ideologische Vorurteile wiederum am mangelnden Fachwissen liegen. So schließt sich der Kreis.

      • Dr. Weltbaer sagt:

        Und da kommen immer mehr Leute drauf. Solange Journalismus ein Wischiwaschikommunikations- bullshitstudium bleibt, wird sich am Niedergang der traditionellen Medien auch nichts ändern.

        War früher mal anders, der Schreiber dieser Zeilen konnte vor langer Zeit z.B. die FAZ aufschlagen, war mal ein echtes Konvolut sozusagen, und vielleicht 80% der verlautbarten Meinung grob zustimmen.

        Es scheint sich zunehmend an Inhaberverhältnissen orientiert zu werden, was einstmals seriöse Medien betrifft, die FAZ hatte bspw. unter Schirrmacher zu leiden, Gott sei ihm gnädig, der Sozialisten seines Feuilletons bestärkte, der Schreiber dieser Zeilen sieht ihn als (ehemaligen) Tiefpunkt, es wurde dann wohl auch noch die FR aufgekauft und nun ist die FAZ ein zweifelhaftes Medium.
        Ähnlich wie der Springer-Verlag nach dem Tode Axels.


        Was die Linken und Ökologisten ausmacht, ist die Vermischung von Nachricht und Meinungsbeitrag.
        Das gab es früher nicht.

        MFG
        Dr. W

        • Friedrich Sommer sagt:

          „Was die Linken und Ökologisten ausmacht, ist die Vermischung von Nachricht und Meinungsbeitrag.
          Das gab es früher nicht.“

          Sehe ich auch so. Die Linken (Journalisten) halten sich eben für berufen, die Meinung des Volkes in die richtige Richtung zu lenken. Gut, im Grunde wollen das auch nicht-Linke. Aber die Linken haben sich das Monopol auf den moralischen Zeigefinger gesichert. Ein Monopol, das allerdings immer brüchiger wird.

  7. Martin sagt:

    Täuschend echt und sehr schön beschrieben hat die im Spiegel et al stattfindende Art des „Journalismus“ 2012 schon der Blogger Claudio Casula hier:
    http://spiritofentebbe.wordpress.com/2012/08/14/er-hat-oops-gesagt-2/

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