Und es ward doch gut

Selbstporträt (Bild: Andreas Müller)

Selbstporträt (Bild: Andreas Müller)

Wie das leider so ist mit Philosophen und mit Künstlern – und wehe dem, der beides ist, wie ich – man wird ständig hin- und hergerissen von leidenschaftlicher Selbstüberzeugung und rasendem Selbstzweifel. Um es überhaupt durchzuhalten, ein Buch zu schreiben, muss man sich während des Schreibens für das Großartigste halten, was je unter Gottes gelber Sonne gediehen ist. Die Korrekturen und die Bescheidenheit kommen später. Man schwankt grundsätzlich zwischen Extremen.

Während es der Mythos um die Schriftstellerin Ayn Rand so haben will, dass sie immer kompromisslos an sich selbst und ihren Erfolg glaubte und von Kindheitsbeinen an genau wusste, was sie werden wollte, so spricht ihre Biografie eine andere Sprache. Ihre erste Karriere als Drehbuchautorin war eben nicht von Erfolg geprägt, sondern erst ihre zweite Karriere als Schriftstellerin glückte. Sie kannte genau dieselben Stimmungsschwankungen von einem Extrem ins andere, von der glühenden Aufbruchstimmung zum Gefühl, dass das Leben keinen Sinn mehr ergibt, die Welt sowieso unheilbar doof ist und niemand sich für die eigenen Werke interessiert- wie alle Künstler und Philosophen. Rand wollte kurz vor der Vollendung ihres genialen Mammut-Romans The Fountainhead (Der Springquell) alles hinwerfen. Erst eine stundenlange Motivationsansprache durch ihren Ehemann Frank O’Connor brachte Ayn Rand wieder auf die Beine.

Bei Twitter bekomme ich immer Zitate berühmter Schriftsteller, die von einem Channel gesammelt werden. Offenbar stimmt es, dass wirklich alle an diesem seltsamen Geisteszustand leiden.

In einem Anflug von Selbstzweifel – ist alles, was ich bislang geschrieben habe, nicht gut genug, bin ich darum noch kein totaler Bestsellerautor, während selbst-publizierende Autorinnen von Liebesschnulzen Zehntausende verdienen? – habe ich noch einmal kritisch in mein Hauptwerk Der Westen. Ein Nachruf hinein gelesen mit der Absicht, mich so sehr fertigzumachen, wie es geht.

Aber nein. In diesem Buch spricht mein gnadenloser, von sich voll überzeugter Dr. Jekyll und verprügelt meinen von Selbstzweifeln geplagten Mr. Hyde mit furioser Rhetorik – dort herrscht ein anderer Dualismus vor: Das Schlechte wird in den tiefsten Kreis der Hölle geschrieben, das Gute in den Himmel gehoben:

Die Philosophie ist tot und der Verstand war nur ein Aberglauben der totalitären Vernunftdogmatiker der Aufklärung, welche die freien Ströme der Kreativität umzäunen wollten. Heute denkt der Mensch nicht mehr, sondern er fühlt; er geht nicht mehr aufrecht, sondern er kriecht; er spricht nicht mehr, sondern er grunzt; er bietet seine Werke nicht mehr im freien Austausch an, sondern er lässt Menschen vom Staat enteignen und ihr Geld auf sich umverteilen, als Gegenleistung für seine Unfähigkeit.

[….]

Der Westen hat keine Identität, kein Selbstvertrauen, keine Werte und wartet nur noch auf die erstbeste Gelegenheit, sich in einem Bierkübel auf Mallorca zu ertränken.

[….]

Ich möchte wissen, wie ich auf dieser Welt ein glückliches Leben führen kann. Ich möchte wissen, was wahr ist, was wirklich ist, und was Illusion und was Wunschtraum. Ich möchte wissen, wie ich etwas wissen kann und nicht, dass ich mir nie sicher sein soll und ich im Grunde gar nichts wirklich weiß. Ich möchte Gerechtigkeit und keine grenzenlose, grundlose Sündenvergebung für alle und alles. Ich möchte über mein Leben bestimmen und es nicht in die Hände unsichtbarer Faktoren geben – oder in die Hände wohlmeinender Sozialdesigner. Ich möchte, dass meine Ideen ein klares, rationales Fundament haben, dass so zentrale Ideen wie die Menschenrechte nicht mit einem Rückgriff auf die „Intuition“ begründet werden, sondern anhand ihrer Notwendigkeit für das Leben des Menschen.

[….]

Die Zukunft des Westens ist nicht vorherbestimmt, sondern sie hängt von unseren Entscheidungen ab. Treffen wir die richtigen Entscheidungen, kann uns der radikale Islam nichts anhaben, noch kann uns irgendeine andere Bedrohung etwas anhaben. Sobald wir als Kultur aufhören zu grunzen und wieder anfangen zu sprechen, aufhören zu kriechen und wieder anfangen zu gehen, aufhören zu heulen und wieder anfangen zu denken. Ideen bestimmen die Menschheitsgeschichte, ebenso wie Naturgesetze die Naturgeschichte bestimmen. Wir können uns für gute Ideen entscheiden und schlechte Ideen verwerfen – und das sollten wir auch tun.

Mit diesem Schlusswort aus dem Buch beende ich auch diesen Blogeintrag. Das Buch umfasst beinahe 500 Seiten und ist den Preis von 8,49 Euro absolut wert. Ich hatte darüber nachgedacht, den Preis zu senken. Nie wieder.

Zum eBook: Der Westen. Ein Nachruf

Und noch etwas: Meine zukünftigen Bücher wird es nicht nur bei Amazon geben, sondern bei allen großen Anbietern. Und sie werden auch gedruckt erscheinen. Ich suche mir jetzt einen neuen Streit.

6 Kommentare zu “Und es ward doch gut

  1. Skeptiker sagt:

    Solche Geschichten über Schriftsteller hört man öfter.

    Bemerkungen über die Dichterseele sind dabei weit verbreitet. Bei Philosophen sieht die Lage schon anders aus.
    Philosophen oder Leute, die sich zur Philosophie hingezogen fühlen sind doch mitteilsamer. Sie wiegen ihre Worte vielleicht so oft wie seriöse Schriftsteller, aber ob ihre Formulierung ob ihrer Brillianz Anerkennung findet, ist ihnen dann doch nicht so wichtig – sie sollen ja ob ihrer Wahrheit anerkannt werden.

    • Der Sinn der Rhetorik besteht für mich darin, gute Ideen klar zu vermitteln. So verbindet man auch die philosophischen und schriftstellerischen Ansprüche.

      • Skeptiker sagt:

        Hier sind wir wohl einer Meinung. Rhetorik ist erfolgerlich, um Informationen gut zu vermitteln.

        Aber ein Schriftsteller stellt doch höhere Ansprüche an seine Texte als ein Philosoph, oder zumindest andere.

  2. Lukas sagt:

    Das war der schönste Blogeintrag, den ich je von dir gelesen habe. Ich verfolge deinen Blog schon seit einiger Zeit und freue mich über jeden neuen Eintrag, kommentiere aber sehr selten. Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dir etwas zu sagen. Ich liebe es, deine Texte zu lesen. Mein verdrehtes Weltbild wird von dir wieder gerade gerückt. Mir scheint, mit jedem deiner Worte schreitet mein Heilungsprozess voran. Dafür bin ich dir sehr dankbar. Ich hoffe, dass du niemals aufgibst.

  3. Dr. Weltbaer sagt:

    Herr Müller ist zweifelsohne ein Guter, sehr gelungen übrigens auch das Porträt (sofern es passt, ich habe auf Foto-Vergleiche verzichtet).

    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. W

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