Untreue: Der neue Konsens

Stand der Dinge in der modernen Sexualethik:

„So sind sie sich also einig, dass das mit der sexuellen Treue keinen Sinn hat, aber ob man offen untreu sein sollte oder nur geheime Affären haben darf, darüber streiten die beiden leidenschaftlich.“ http://www.welt.de/icon/article131750259/Eine-gediegene-Ausrede-ist-manchmal-menschlicher.html

Der Satz klingt nach einer Polemik gegen die Position der beiden Diskutanten. Ist er aber nicht. Wir sollen das gut finden.

Es gibt also einen klaren Mangel an Polemik hier. Der folgende Beitrag schafft Abhilfe.

Diese Auffassung vom Segen der Untreue erinnert an den Stand der Dinge in der Sexualethik während des Verfalls des römischen Weltreichs.

Franz Josef Wetz (von der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung, Denkfabrik des Existenzialismus) streitet sich im Interview oben mit einer polygamen Autorin darüber, wie wir am besten untreu sein sollten. Also keineswegs darüber, warum wir nicht untreu sein sollen. Wetz zitiert Kierkegaard:

Und der Philosoph Søren Kierkegaard sagte, die Rede von ewiger Liebe und Treue sei gegenstandslos.

P.S. Für Kierkegaard war die Welt absurd und alles war gegenstandslos.

Kierkegaard ist auch ansonsten die Top-Referenz für führende moderne, atheistische Aufklärer. Er sagte Dinge wie:

„Je weniger Geist, desto weniger Angst.“ Ein gerne befolgter Tipp von jedem, der in der Tradition der Aufklärung steht.

Als streng religiöser Christ stand Kierkegaard für die „Werte“ der Schuld, Sünde, des Leides und der individuellen, subjektiven Leidenschaft. Als Anbeter der spontanen Gefühlsausbrüche war er ein Vorreiter der Existenzialisten (Realität ist egal, meine subjektive Willkür bestimme!). Das „Selbst“ ist für den Irrationalisten und Idealisten Kierkegaard die ständige Wiederholung des blinden Glaubens, die ständige Selbst-Indoktrination. Wir sollten nicht an die Vernunft glauben, sondern an etwas „Höheres“ als die Vernunft: An die „Tugend des Absurden“. Deshalb war es auch richtig, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte – es ist absurd (schrieb Kierkegaard und das ist typisch für die existenzialistische Art der „Argumentation“).

„Es gibt nur eine Schuld, die Gott nicht vergeben kann und das ist jene, nicht an seine Größe zu glauben!“

Kierkegaard war die Kirche seiner Zeit, im frühen 19. Jahrhundert, erheblich zu modern geworden. Er forderte eine Rückkehr zum misanthropischen, pessimistischen Diesseits- und Menschheitsverachtenden Christentum von Augustinus.

Kierkegaard war konsequenterweise gegen die Frauenbefreiung und verteidigte patriarchale Werte. Schätze, man braucht keine unabhängigen Frauen, um beliebig Affären zu haben – falls man ein Mann ist zumindest.

Vielleicht hätte man lieber auf Kierkegaards letzte Worte gehört: „Fegt mich weg.“

Wer nicht in der Lage ist, einen Menschen zu lieben, der ist nicht in der Lage, ihm treu zu sein. Und man ist nicht in der Lage, einen anderen Menschen zu lieben, wenn man sich selbst nicht lieben kann. Und dafür haben moderne Denker gute Gründe. Wenn ich öffentlich die Verantwortungslosigkeit, Rücksichtlosigkeit, Irrationalität, die Anbetung der eigenen, beliebigen Willkür, die Missachtung der Realität, die Verachtung des Guten und des einfachsten Anstands predigen würde, dann könnte ich mich selbst auch nicht lieben.

Immerhin schwimmt man mit dem vergnügungssüchtigen Zeitgeist, wie ein toter Fisch mit dem Strom schwimmt.

Siehe auch: Objektivistische Sexualethik

Und: Familienwerte (empirische Fakten zum Thema – so große Angst sie den Existenzialisten auch einjagen mögen)

7 Kommentare zu “Untreue: Der neue Konsens

  1. Martin sagt:

    Hmm. Die ersten Zeilen zu Kierkegaard mal aus der Wikipedia zitiert (wobei ich mal davon ausgehe, das das weitgehend stimmt):

    Kierkegaards Leben ist arm an äußeren Ereignissen, dafür jedoch reich an inneren Konflikten. Sein Leben wie auch sein geistiges Schaffen spielten sich fast ausschließlich im Mikrokosmos der Hauptstadt Kopenhagen ab, das damals kaum mehr als 100.000 Einwohner hatte, die dicht gedrängt innerhalb der Stadtmauern lebten…… Kierkegaard scheint in seinem Leben nur eine einzige Frau – Regine Olsen – geliebt zu haben. Er hat niemals geheiratet und nie mit einer Frau zusammengelebt.“

    Also ein eher lebens- und menschenunerfahrener Eigenbrötler, der vor allem mit sich selbst haderte. Ob dieser Fundus an Erfahrung -oder vielleicht eher Nichterfahrung- ein besonders guter Nährboden für Gedanken über die Welt, den Mensch und das Sein an sich ist, kann man in Frage stellen.

    • Na ja, aus den Büchern des Journalisten Theodore Dalrymple über die britische Unterschicht könnte man Beispiele von vielen Menschen nennen, die schon mehrmals verheiratet waren, mit vielen Frauen Kindern hatten, die schon sehr viel herumgekommen sind – und die sich noch viel weniger hätten äußern sollen über das gute Leben. Ayn Rand hatte nur einen Mann und einen Liebhaber und keine Kinder. William Shakespeare hatte nur eine Frau und war nur in zwei Städten unterwegs, Stratford und London. Und Shakespeare hatte doch recht tiefe Einblicke in die menschliche Natur zu bieten. Was höchstens auffällt ist, dass so gut wie alle sexuellen Revolutionäre der 68er Generation persönlich sexuell schwer gestört waren. Entweder sie hatten lange gar keinen Sex oder sie hatten massenhaft Sex mit allem, was sich bewegte.

  2. sba sagt:

    Ganz heißer Kandidat für einen Zyniker-Award, der Herr Wetz. Empfielt ja wirklich so ziemlich jedes Beziehungsgift, das es gibt.

  3. Skeptiker sagt:

    Wer nicht in der Lage ist, einen Menschen zu lieben, der ist nicht in der Lage, ihm treu zu sein.

    Wenn man das mal logisch betrachtet und die Intention des Autors ins Auge fast, müsste es eigentlich umgekehrt formuliert sein.

    Denn rein logisch gesehen folgt daraus: Wer in der Lage ist, treu zu sein, der ist auch in der Lage, einen Menschen zu lieben.
    Damit ist die Fähigkeit zur Treue aber nicht notwendige, sondern hinreichende Bedingung. Wenn ich sehe, dass Treue da ist, dann weiß ich, dass auch Liebe da ist. Es kann aber auch Liebe da sein, ohne Treue. Liebe ist zwar notwendig für Treue, aber deshalb nicht umgekehrt.
    Demnach wären Beziehungen denkbar, in denne auch geliebt wird, die aber ohne Treue auskommen.

    Umgekehrt wird ein dagegen eine streitbare Ansicht daraus: Nur wer fähig zu Treue ist, der ist fähig zur Liebt.
    Demnach kann es auch eine Treue ohne Liebe geben, aber sofern liebe vorliegt, liegt automatisch auch treue vor, denn Treue ist notwendig für Liebe.
    Was ist aber, wenn man liebt ohne Treu zu sein, etwa jemand anderen neidisch machen wollte?

    Im Zeitungsartikel behauptet der Philosoph, dass man von einem Geliebten Menschen nicht alles wissen will, sondern ihn seine Geheimnisse lassen will.
    Ich glaube, das ist nicht ganz korrekt. Von einem geliebten Menschen will man möglichst viel, selbst die beiläufigsten Dinge, wissen, aber aus Verehrung und Respekt akzeptiert man die Grenzen. Zumindest im Stadium der frischen Verliebtheit ist es schwer, überhaupt an etwas anderes zu denken und allein die Nähe zur geliebten Person gibt einen Kraft.

    Wo man nicht alles erfahren will, ist der gute Freund…

    • Dr. Webbaer sagt:

      Wer nicht in der Lage ist, einen Menschen zu lieben, der ist nicht in der Lage, ihm treu zu sein. (Herr Müller)

      Wenn man das mal logisch betrachtet und die Intention des Autors ins Auge fast, müsste es eigentlich umgekehrt formuliert sein.

      So wie bei Yoko?
      -> http://en.wikipedia.org/wiki/May_Pang

      Tja, erst einmal ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Logik anzumängeln, diese meint die Sprachlichkeit und steht im Gegensatz zum Paradoxon, der sprachlichen Inkohärenz.
      Es geht hier um die Folgerichtigkeit und es muss oder müsste folgerichtig sein die Sexualität als Vermehrungs- oder gar Verlautbarungsmerkmal einzustufen.
      Ohne biologistisch zu werden.
      >:->

      Insgesamt leitet die Aufklärung mit ihren Ideen und Werten dazu an, dass folgerichtig gehandelt wird, der Schreiber dieser Zeilen ist hier fern von der Sicht des hiesigen Inhaltegebers, der gar in ‚Objektionismus‘ macht, aber es muss schon so sein, wie der doitsche Dicke anzumerken wusste, dass wichtich ist, was hinten rauskommt.


      Was heutzutage zu beobachten ist, sind die Folgewirkungen des an und für sich erkenntnistheoretisch solid aufgestellten Neomarxismus, der aber, leider leider, vergaß konstruktiv [1] zu werden, aber sein eigentliches Ziel erreicht hat:
      Gebildete zu irritieren.

      MFG
      Dr. W

      [1] Der N. hat Begrifflichkeiten der Erkenntnissubkekte in Frage gestellt, hat dekonstruiert oder destruiert, aber „vergessen“ eine angemessene Systemgranularität (das Fachwort) der Begrifflichkeit anzustreben.

  4. Dr. Webbaer sagt:

    Untreue hat etwas Niveauloses, biologisch kann dies die Fortpflanzung oder positiv formuliert: den Bestandserhalt, behindern, also wenn sinnlos gerammelt wird, gar so (Lieblingstelle des Schreiber dieser Zeilen: ‚obwohl Czienskowskis zehn Jahre jüngerer Bruder dort schon lange Stammgast ist‘), ansonsten behindert Untreue oder mangelhafte Vertragstreue generell den wirtschaftlichen Erfolg.
    Untreue gegenüber den eigenen Überzeugungen ist das Letzte.

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