Fotografiere dein totes Gesicht

Denn nur der jeweilige Mensch – nicht der Staat, nicht die Kirche, nicht die Ärzteschaft – hat das Recht zu bestimmen, was für ihn eine würdige Existenz bedeutet. In einem demokratischen Rechtsstaat ist der einzelne Mensch der absolute Souverän seines eigenen Lebens. Die Achtung der Menschenwürde hängt daher entscheidend davon ab, inwieweit der Staat dem Selbstbestimmungsrecht des Individuums Rechnung trägt.

Das würde ich genau so unterschreiben, wie es auf der Website zur Kampagne „Letzte Hilfe“ der Giordano Bruno Stiftung steht. Würde man die Idee natürlich ernst nehmen, dass jeder Mensch sich selbst gehört, dann könnte Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon in seinen Büchern keine stärkere Umverteilung von Eigentum fordern. Denn wenn wir uns selbst gehören, dann gehören uns natürlich auch die Werte, die wir produziert haben. Er könnte sich dann nicht länger von Liberalen, Libertären und so komischen Leuten wie Philosophen distanzieren, die auf eine so abwegige Idee kommen, Ideen ernst zu nehmen. Man kommt viel schneller ins Fernsehen, wenn man irgendwelche Ideen zusammenbraut, die gerade diskutiert werden – auch wenn sie gar nicht zusammenpassen.

Durch den beliebigen Umgang mit Ideen entsteht leider ein sehr widersprüchlicher Eindruck von der GBS, was mich einst besorgte. Nun muss er mich leider wieder besorgen, weil ich die freiwillige Sterbehilfe in Extremsituationen unterstütze. Wenn ein schwer leidender Mensch explizit nicht mehr leben möchte und er sich nicht selbst töten kann, so ist die Sterbehilfe durch den Arzt eine denkbare Option. Sieht man sich aber andere Botschaften der Stiftung an, kann man leicht an der guten Motivation zweifeln: Sind wir nur ein „nackter Affe“ und ein „Neandertaler von morgen“ und gar nicht „so wichtig“ wie wir glauben, was Schmidt-Salomon behauptet, dann können wir uns ebenso gleich abmurksen lassen. Je weniger Menschen, je weniger Mitglieder des verblödeten, Natur zerstörenden „Homo demens“ (MSS) es gibt, desto besser für – ja für wen eigentlich? Für den Teil der Natur, der das überhaupt nicht bewusst mitbekommt oder reflektieren kann.

„Menschenhasser für Sterbehilfe (und Abtreibung)“. Der Eindruck wird erweckt. Weil man irgendwelche widersprüchlichen Ideen zu einem unheimlichen Gebräu zusammenmischt. Ökologie, Utilitarismus, Altruismus, Existenzialismus, Sozialdemokratie verknüpft die GBS mit liberalen bis libertären Ideen. Es ergibt keinen Sinn. Überhaupt keinen. Und darum muss es mich beinahe eher stören als erfreuen, wenn sie eine Kampagne auf die Beine stellt, die ich inhaltlich unterstütze.

Gut, viele Menschen und erfahrungsgemäß sogar viele Gegner der Stiftung – wahrscheinlich, weil sie selbst Menschen hassen – ignorieren den ganzen misanthropischen Ballast. Was sie leider nicht ignorieren können, ist die Social-Media-PR-Kampagne auf der offiziellen Website. MSS ist wirklich ganz hervorragend als Public-Relations-Experte. Er weiß, wie man Krach macht, um die Medien zu ködern. Hätte er das gemacht, anstatt Philosoph zu werden, könnte ihm niemand etwas vorwerfen. Außer vielleicht, dass er manchmal zu weit geht, um Quote zu machen. Wie ausgerechnet dieses Mal.

Sie können unsere Kampagne sichtbar unterstützen, indem Sie Ihr eigenes Porträt mit geschlossenen Augen als Kampagnen-Motiv hochladen. Sie können es gleich anschließend in Ihrem Netzwerk posten oder versenden. Außerdem erscheint es ab dem folgenden Tag auf unserer > Unterstützer-Galerie.
Ein starkes Statement für das Recht auf Letzte Hilfe!

Starker Tobak ist es zumindest. Man soll ein modisches Selfie von sich machen. Mit geschlossenen Augen, damit man wie tot aussieht. Das wird dann abgedunkelt, damit man einer Leiche noch mehr ähnelt. Dann wird es in die Kampagne mit ihren Sprüchen eingebettet. Und man kann das Bild von seinem toten Selbst mit seinen Freunden teilen. Mit der Botschaft, dass man es unterstützt, dass die Ärzte einen abmurksen, wenn man dieses scheiß Leben nicht mehr ertragen kann.

Bist du ein nackter Affe? Dann fotografiere dein totes Gesicht und du bekommst Sterbehilfe!

Mein Gott, was habt ihr eigentlich geraucht?

Sterbehilfe-AMZwei Kommentatoren wiesen mich allerdings gestern auf meine eigene Unwichtigkeit hin. Ich bin im Gegensatz zu MSS kein Bestsellerautor, der ständig in Talkshows auftaucht. Dazu muss man wissen: Soziale Metaphysiker glauben, dass andere Menschen die Realität sind. Wenn du sozial unwichtig bist, dann bist du irreal. Mit anderen Worten kannst du gar nicht Recht haben, wenn du kein Prominenter bist oder wenigstens einflussreich in der Gruppe, in der sich der soziale Metaphysiker aufhält. Im Gegensatz zu sozialen Metaphysikern interessieren sich echte Philosophen überhaupt nicht dafür, wie und wo jemand bekannt oder einflussreich ist. Sie wollen wissen, ob er Recht hat. Ob seine Ideen, Argumente, seine Logik überzeugen. Ob sie die Realität akkurat beschreiben. Weil wir in der Realität leben und es darum für unser Leben wichtig ist, ob unsere Vorstellungen über die Realität zutreffen oder nicht. Weil echte Philosophen – ob sie jetzt in Universitäten tätig sind, privat ihre Ideen vermitteln oder von den Bürgern wegen des Aussprechens unangenehmer Wahrheiten zum Tode verurteilt werden wie Sokrates – Ideen für wichtig halten. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Stellen Sie sich einfach einen Moment lang vor, liebe Herren Kommentatoren, dass Sie keine Idioten wären.

15 Kommentare zu “Fotografiere dein totes Gesicht

  1. Bernd sagt:

    Toller Beitrag!! Respekt! Psychische Leiden beschleunigen eben den menschlichen Reifeprozeß 🙂 .
    Zitat Müller:
    „Im Gegensatz zu sozialen Metaphysikern interessieren sich echte Philosophen überhaupt nicht dafür, wie und wo jemand bekannt oder einflussreich ist. Sie wollen wissen, ob er Recht hat. Ob seine Ideen, Argumente, seine Logik überzeugen. Ob sie die Realität akkurat beschreiben. Weil wir in der Realität leben und es darum für unser Leben wichtig ist, ob unsere Vorstellungen über die Realität zutreffen oder nicht. Weil echte Philosophen – ob sie jetzt in Universitäten tätig sind, privat ihre Ideen vermitteln…“
    Voraussetzung für die Realitätsbezogenheit ist aber eine solide naturwissenschaftliche Basis, sonst ist die „Idee“ des Philosophen wie ein Haus ohne Fundament auf Sand gebaut.

  2. Thomas Bertow sagt:

    „Würde man die Idee natürlich ernst nehmen, dass jeder Mensch sich selbst gehört, dann könnte Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon in seinen Büchern keine stärkere Umverteilung von Eigentum fordern. Denn wenn wir uns selbst gehören, dann gehören uns natürlich auch die Werte, die wir produziert haben.“

    Nur ist die Vorstellung, dass im Kapitalismus jeder die Werte produziert, die dem Geld entsprechen, das er zugeschoben bekommt, nicht mehr als eine Fiktion. Andernfalls müsste man behaupten, dass Daniela Ketzenberger mit einer gefilmten Shoppingtour zehn mal so viel Wert schafft wie ein Ingenieur in einem ganzen Monat.

    Was die angebliche Misanthropie von MSS angeht. Diese hat er ja mit dem Buch „Hoffnung Mensch“ konterkariert. Das ist zwar genauso seicht wie seine anderen, aber widerspricht immerhin dem Bild, das hier von ihm gezeichnet wird.

    • Es gibt einen unterschied zwischen philosophisch objektiven Werten und Marktwerten.
      http://aynrandlexicon.com/lexicon/market_value.html
      Allerdings bedeutet das nicht, dass man andere Menschen zwingen dürfte, philosophisch objektive Werte den Marktwerten vorzuziehen.

      Alleine schon die Kapitel im ersten Teil des Buches:
      „Die Erfahrung des Absurden“ (= Existenzialismus; Individuelle Launen über die Erfordernisse der Realität)

      „Der Seufzer der bedrängten Kreatur“ (= Karl Marx, Marxismus)

      Im dritten Teil:

      „Logik der Zerstörung“ (Ökologie, wenn ich mich nicht sehr irre).

      Also wieder derselbe BS wie immer.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Nur ist die Vorstellung, dass im Kapitalismus jeder die Werte produziert, die dem Geld entsprechen, das er zugeschoben bekommt, nicht mehr als eine Fiktion.

      Wenn freies Handeln stattfindet, fern der Idee der Vergesellschaftung der Produktionsverhältnisse, der Schreiber dieser Zeilen würde den Begriff der Marktwirtschaftlchkeit (vs. ‚Kapitalismus‘ [1]) eindeutig bevorzugen wollen, ist dem wohl so.
      Bitter womöglich für einige, aber sachnah, Abnehmerschaften meinend.
      Der Elvis steckt soz. in uns allen.

      MFG
      Dr. W

      [1] der ‚Kapitalismus‘ ist die marxistische Sicht auf das gemeine Treiben, das unter der Maßgabe der Aufklärung, die individuelle Freiheiten, auch das Handeln betreffend, hat möglich werden lassen – wobei die Schwarmintelligenz oder „Schwarmintelligenz“ geschätzt und gewürdigt bleibt (vs. Elit(ar)ismus -, es spricht aus liberaler Sicht nichts dagegen von der Marktwirtschaft zu sprechen oder zu schreiben, mit oder ohne Attribut

      • Skeptiker sagt:

        Wenn freies Handeln stattfindet […] ist dem wohl so.

        Dem würde ich widersprechen wollen: Es gibt eindeutig auch gewisse (auch nicht-materiell gedachte) Dinge, die man als „Werte“ bezeichnen würde, die aber gar nicht am Markt sind. Zum Beispiel die Familienwerte, Solidarität uswusf.
        Zudem schwangen Marktwerte ständig, siehe „Schweinezyklus“ und es ist schwer vorstellbar, dass „objektive“ Werte sich von Monat zu Monat, abhängig von der Marktsättigung und der Produktionsmenge, verändern.

        Marktpreise [1] stellen vor allen Dingen dann einen entscheidenen, „tatsächlichen“ Wert dar, wenn man der subjektiven Werttheorie folgt (Austrian School). Aber selbst da sind diese Werte eben nicht objektiv, denn subjektiv kann für jemanden die Musik eines Straßenmusikanten sehr viel mehr Wert sein als die Musik eines professionellen Musikers (was man im Ernstfall auch an den Marktpreisen (der ggf. gegen 0 gehen kann!) zeigen könnte), obwohl letzterer Zweifellos mehr verdient.
        In der „klassischen Ökonomie“ – von der ich zugeben weniger gelesen habe als ich gern hätte – gab es den Widerspruch zwischen Gebracht- und Tauschwert.
        Bisher ist mir keine Lösung dieses Widerspruchs untergekommen, der nicht entweder in einer mehr oder weniger subjektiven Werttheorie gipfelte, oder abstrakte „objektive Werte“ definierte, die aber nichts mit Marktpreisen zu tun hatten.

        Hier geht es um „Werte“ ja auch nicht in einem ökonomischen Sinne, sondern im Sinne der Moralphilosophie, der Ethik.

        Bitter womöglich für einige, aber sachnah, Abnehmerschaften meinend.

        Es mag für einige Bitter sein, es ist deshalb aber nicht selbstverständlich richtig.

        [1] Abgesehen davon sind „Marktpreise“ nicht gleich Marktpreise. Außerhalb der ökonomischen Theorie kann es sehr wohl verschiedene Märkte geben, in denen ein Gut verschiedene Werte hat.
        In Auktionen z. B. bestimmen vordergründig die Abnehmer den Preis und dort gibt es die Tendenz, mehr zu bezahlen als man eigentlich bereit war zu zahlen. Umgekehrte Effekte wird man möglicherweise bei einer Ausschreibung beobachten.
        Das ist in der vorherschenden wirtschaftlichen Schule meines Wissens nur unzureichend berücksichtigt…

    • Martin sagt:

      „Nur ist die Vorstellung, dass im Kapitalismus jeder die Werte produziert, die dem Geld entsprechen, das er zugeschoben bekommt, nicht mehr als eine Fiktion.“ Andernfalls müsste man behaupten, dass Daniela Ketzenberger mit einer gefilmten Shoppingtour zehn mal so viel Wert schafft wie ein Ingenieur in einem ganzen Monat. “

      Sicher. Und? Wieso sollte denn der Unterhaltungswert, den irgendein beliebiger Star für eine große Zahl von Leuten hat, nicht mehr wert sein, als die Arbeit eines Ingenieurs, dessen Tätigkeit eben wesentlich weniger Leuten etwas wert ist? Mal davon abgesehen, das auch von Ingenieuren mitunter keinerlei Wert generiert wird….

  3. Dr. Webbaer sagt:

    Infantilismus könnte hier im Spiel gewesen sein, insgesamt aber ist Deinem Kommentatorenfreund nicht ganz klar geworden, auch nach einigem Bemühen die Recherche betreffend, worin bundesdeutsche humanistische Ausschweifungen genau bestehen.

    Dass merkwürdigerweise Humanisten der hier benannten Art teilweise kollektivistisch, ökologistisch und physiozentrisch (das wichtige Fachwort, vs. anthropozentrisch) unterwegs sind, ist bekannt.

    MFG
    Dr. W

    • Martin sagt:

      Naja, so merkwürdig ist das nicht. Humanisten sind ja nicht die einzigen, die m.E. Etikettenschwindel betreiben.
      Die „Freidenker“ sind ja auch eher auf stramm rotbräunlicher Linie anzusiedeln.

  4. Skeptiker sagt:

    Naja, die GBS will ja Werbung für den Atheismus (oder doch schon „Naturalismus“?) machen, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht für eine kohärente, logische Philosophie, die sich öffentlich positionieren oder möglichst logisch entwickeln will.
    Dass dabei nebenbei einzelne philosophische, historische oder allgemein wissenschaftliche Fragen tangiert werden ergibt sich aus der Materie.
    Wieso sollte man auch zwei Atheistenvereine gründen, einen für Existenzialisten und einen für Utilitaristen usw?

    • Man sollte überhaupt keinen Atheistenverein gründen. Wozu einen Verein um eine von vielen philosophischen Fragen aufbauen? Wozu einen Verein, um die Existenz von Gott zu verneinen? Die GBS ist aber nicht einfach ein Atheistenverein, sondern sie tritt für den „Evolutionären Humanismus“ ein. Die glauben im Gegensatz zu dir sehr wohl, dass ihre ethische Theorie Sinn ergibt.

      • Skeptiker sagt:

        Wenn man es außerhalb des sozialen Kontextes sieht, ist das korrekt, man braucht keinen Verein für eine einzige philosophische Frage.
        Zum Beispiel einen Verein der Nützlichkeitsethiker könnte ich mir aber unter Umständen vorstellen…

        Dass es aber Atheistenvereine gibt folgt aus der gesellschaftlichen Bedeutung, die Religion bis hinein ins 21. Jahrhundert weltweit hat.
        Ob es jetzt angemessen ist, auf diesen Fakt auf eine Art und Weise zu reagieren, der die Bedeutung des religiösen Glaubens [1] implizit sogar noch bestätigt („auch Atheisten brauchen ihre Kirche“), ist eine andere Frage.
        Es gibt ja durchaus reflektierte Atheisten, die offen sagen, dass sie ihren Unglauben als einen, wenn auch winzig kleinen, Teil ihrer Persönlichkeit/ihres Selbstbildes sehen. Ich könnte jetzt erörtern, ob es allgemein sinnvoll ist, etwas, was man erkannt zu haben glaubt als Teil seiner Persönlichkeit zu sehen, aber das ist nicht der richtige Platz dafür.

        @“Evolutionären Humanismus“: Wenn darin mehr sieht als einen Slogan, dann ist das wohl richtig. Es formiert sich hier eine Weltanschauung, die in ihren Grundsätzen bereits ersichtlich wird. Natürlich kann man diese wegen ihrer politischen, philosophischen oder sonstigen Tendenz ablehnen.

        [1] Nicht des alltäglichen, „unproblematischen“ Glaubens von etwas, das man nicht im Sinne von Wissen beweisen kann. Das ist nämlich völlig normal und harmlos und lässt sich wahrscheinlich nicht beseitigen.

  5. Lauchie sagt:

    Wieso folgt aus dem Selbsteigentum „natürlich“ auch, dass die Erzeugnisse der eigenen Arbeit einem selbst gehören? Ich meine, ich unterstütze diese Ansicht aber natürlich oder logisch ist diese Schlussfolgerung sicher nicht

      • Lauchie sagt:

        Ich finde dort keine „natürliche“ oder logische Begründung, nur eine konsequentialistische und auch die nur zwischen den Zeilen.

      • Bernd sagt:

        Ayn Rand hat sicher vieles richtig gesehen. Aber, wie das Zitat von Andreas Müller „…dann gehören uns NATÜRLICH auch die Werte, die wir produziert haben…“ schon besagt, hat die Evolution nach „Erfindung“ der Brutpflege als Keimzelle der evolutionären Ethik das Eigentumsrecht gleich mit erfunden, denn ohne Eigentum (Nest, Höhle, Territorium)ist effektive Brutpflege kaum möglich. Das war auch die Geburtsstunde des Altruismus, der in seiner pervertierten Form beim Menschen in unserer Massengesellschaft zu den bekannten Auswüchsen bis hin zu Christus oder den Selbstmordattentätern führt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.