Sterbehilfe-Debatte: Worum geht es überhaupt?

Nach einigen Talkshows zum Thema Sterbehilfe bleibt die Frage offen, worüber da gesprochen wird? Um die rechtliche Situation, um mögliche Gesetzesänderungen, ging es in den Talkshows nur am Rande oder gar nicht. Stattdessen lernte man einige Betroffene und deren Angehörige kennen. Begleiter von schwerkranken Menschen berichteten über ihre Erfahrungen. Manche finden, man sollte so, andere man sollte anders mit dem Sterben umgehen. Die individuelle Selbstbestimmung über das Lebensende wurde nur selten explizit angegriffen. Das ist alles ganz interessant, nur könnte man immer darüber reden. Man hätte auch in einem anderen Jahrhundert oder Jahrtausend diese Debatte führen können.

Warum ist das überhaupt gerade ein Thema?

Darum:

Im Herbst 2015 soll der Bundestag über ein Verbot oder eine Regulierung der Beihilfe zum Suizid entscheiden. Zu tun hat es das Parlament dabei nicht mit einem Gesetzentwurf der Regierung. Vielmehr erstellen Abgeordnete ohne Fraktionszwang verschiedene Gruppenanträge, über die das Parlament abstimmt.

Politiker von SPD, CDU und Grünen haben alle strenge Konzepte vorgestellt, die auf die Strafbarkeit von Beihilfe zum Suizid auf Verlangen hinauslaufen. Es geht darum, dass der Staat Menschen ins Gefängnis werfen soll, die anderen, schwer kranken Menschen auf Verlangen einen Giftbecher reichen. Wer ins Gefängnis geworfen werden soll, darüber streiten sich die Politiker. Es gibt auch Vorschläge, die keine Gefängnisstrafe vorsehen, sondern die das Strafrecht hier als fehl am Platz betrachten. Die größte Aussicht auf Erfolg wird den Verbots-Konzepten zugeschrieben (Überraschung…).

Darum geht es. Es geht nicht um den Wert von Palliativmedizin, um die großartige Tätigkeit von Begleitern am Lebensende, um gute oder böse Ärzte, die letzten Wochen einer Sterbenden, die Rolle von Sterbehilfeorganisationen – es geht um die Frage, ob der Staat Menschen ins Gefängnis werfen darf, die schwerkranken Menschen auf ihr freies Verlangen hin den Giftbecher reichen?

In den Debatten, die ich gesehen habe, konnte ich jeder Position etwas abgewinnen. Auch die Pfarrer, Mönche und andere Gläubige hatten vernünftige Argumente vorzubringen, warum man nicht so leichtfertig Giftbecher herumreichen sollte, warum die Entscheidung für Sterbehilfe oftmals auch eine psychologische ist, die man vermeiden könnte, und warum man die Entscheidung für Sterbehilfe nicht wie eine Chance für die Auffrischung der Ehe darstellen sollte. Es könnte Druck auf die Sterbenden erzeugt werden, in einer Spaßgesellschaft sind Sterbende ohnehin nicht gerne gesehen – kann man alles nachvollziehen. Ethisch war ich eigentlich eher auf der Seite der Konservativen. Politisch aber nicht.

Und um Politik geht es eigentlich. Anlass der Debatte ist die Frage, ob wir bestimmte Menschen ins Gefängnis werfen sollten, die dem Wunsch eines entscheidungsfähigen Erwachsenen nachkommen, dass er sich selbst töten möchte, wenn er schwer krank ist und leidet.

Ich habe keinen Zweifel, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die andere zum Tod drängen würden, wenn sie unbequem werden. Es gibt einige richtig ekelhafte Zeitgenossen da draußen, die für den schnellen Kick oder um eine kleine Unbequemlichkeit zu vermeiden über Leichen gehen. Am Ende entscheidet aber nicht der Abschaum über unser Leben, sondern wir selbst. Und das ist es, was staatlich garantiert werden muss. Dass wir selbst darüber befinden können, den Leuten, denen wir unbequem werden, noch möglichst lange auf den Wecker gehen können, wenn wir wollen, oder dass uns das physische Leid einfach zu viel ist. Ich möchte außerdem meinen eigenen letzten Willen umsetzen, ihr Gift in den Mund zu nehmen und es ihnen ins Gesicht zu spucken, bevor ich mich verabschiede. Im Grunde ist das bereits jetzt meine favorisierte Tätigkeit.

Ein Kommentar zu “Sterbehilfe-Debatte: Worum geht es überhaupt?

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Wichtich war das mit dem Gefängnis, das ist vielen ja nicht klar, wenn sie diese oder jene Meinung haben, es geht aber letztlich, nach Umsetzung der Gesetzesvorhaben für einige auch in den Knast (oder Richtung Enteignung).

    Was bei einer sittlichen Frage wie dieser nicht angemessen scheint.

    Zumal die Selbsttötung in praxi, vgl. -> http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-10/mdr-udo-reiter-gestorben , nicht unterbunden werden kann.
    Es könnte hier, ganz ähnlich wie bei Diebstahl der keiner ist, wenn der Dieb ernsthaft hungert, um Vergleichbares gehen.

    Jedem Menschen sollte das Recht zugestanden werden sich selbst zu töten. – Was dann auch die Beihilfe erleichtern würde, gerne auch im bundesdeutschen StGB.
    Es scheint nicht anders praktikabel, würde aber die Menschenwürde [1] schützen.

    MFG
    Dr. W

    [1] die ‚Menschenwürde‘ ist natürlich eine bundesdeutsche Besonderheit, die an dieser Stelle nicht weiter beschrieben werden soll

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