Kant ist schuld

„Darin ist jedermann einig, daß Genie dem Nachahmungsgeiste gänzlich entgegen zu setzen sei. Da nun Lernen nichts als Nachahmen ist, so kann die größte Fähigkeit, Gelehrigkeit (Kapazität), als Gelehrigkeit, doch nicht für Genie gelten.“ – Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft, A 181/B 183

„Niemand kann irgendetwas von Wert erreichen, falls er tatsächlich nicht derivativ vorgeht. Nur, indem wir die Errungenschaften der Vergangenheit zu beherrschen lernen und sie dann ergänzen, können wir noch weiter gehen. Auf jedem anderen Gebiet wird diese Wahrheit anerkannt. Ohne das Wissen der Vergangenheit sind wir zu ewiger Primitivität verurteilt.“

„Hätten Bach, Beethoven und Mozart ihre Meisterwerke komponieren können, wenn niemand zuvor Tonleitern und Quintenzirkel entdeckt hätte? Bedeutet dies, dass jene musikalischen Giganten auch nichts weiter als derivativ waren?“

– Fred Ross: Der große Kunstschwindel des 20. Jahrhunderts (PDF)

16 Kommentare zu “Kant ist schuld

  1. Maier sagt:

    Wenn man Tantiemen an einen Komponisten zahlen muss, wenn man eines seiner Kompositionen spielt, müsste dann nicht auch der Komponist wiederum Tantiemen an die Erfinder der jeweiligen Musikinstrumente abführen, die in seiner Komposition zur Anwendungen kommen? Müsste er nicht auch an den Erfinder der Notenschrift einen Teil seines Einkommens abgegeben? Wobei der Erfinder der Notenschrift dann wiederum einen Teil seiner Tantiemen an die Erfinder der Schreibwerkzeugs sowie des Papiers zahlen müsste. Oder irre ich mich?

    • Der Erfinder der Musikinstrumente hat keine Komposition erfunden, sondern Musikinstrumente. Für diese hat man bezahlt. Der Erfinder eines patentierten Musikinstruments erhält in der Tat Abgaben, die letztlich der Käufer des Instrumentes zahlt. Es gibt meines Wissens nicht den einen Erfinder der Notenschrift und die Innovatoren auf dem Gebiet sind alle längst tot.

      • Maier sagt:

        … War natürlich nur ein Beispiel. Mozart ist auch schon tot. Trotzdem muss man GEMA-Gebühr für seine Werke zahlen. Oder nicht?
        Das Thema „geistiges Eigentum“ finde ich irgendwie schwierig zu verteidigen. Denn normalerweise verleiht ja die Knappheit einem Gut seinen Wert. Eine Idee ist aber kein knappes Gut. Einen Kuchen kann man einmal essen. Danach ist er verschwunden. Einen Popsong kann man millionenfach kopieren und millionenfach anhören. Er verbraucht sich dadurch nicht.
        Ich finds schwierig,wie gesagt.
        (Die Pro-Argumente sind natürlich auch nicht von der Hand zu weisen.)

        • Martin sagt:

          „Denn normalerweise verleiht ja die Knappheit einem Gut seinen Wert. Eine Idee ist aber kein knappes Gut“

          Da ist der Denkfehler. Du applizierst das Prinzip der Knappheit falsch. Die Knappheit liegt nicht in der Idee an sich, sondern in dem Vorgang sie zu haben. Wir sollten nicht die Idee selbst als das knappe Gut betrachten, sondern den Vorgang des „Idee haben“.

          • Störk sagt:

            Unsinn. Ideen sind nie knapp, außer wenn sie durch staatlichen Zwang künstlich verknappt werden. Zwischen dem Fall Napoleons und der Reichsgründung durch Bismarck hatten die vielen kleinen deutschen Fürstentümer keinerlei einheitliches Copyright, und genau dieser „rechtsfreie Raum“ führte zu der Schwemme an klugen Büchern, die den Deutschen ihren Ruf als „Volk der Dichter und Denker“ einbrachten.

          • Der Mangel eines Urheberrechts bedeutet nur eines: Dass Schriftsteller auf Mäzene angewiesen sind, dass sie nie unabhängig sein können. Goethe und Schiller konnten nicht von ihren Büchern leben. Schiller war die meiste Zeit verarmt, Goethe Beamter am Hofe Weimars. In England hingegen konnte Alexander Pope erstmals im 18. Jahrhundert von seinen Büchern leben.

          • Martin sagt:

            Natürlich sind Ideen nie knapp.
            *Gute* Ideen aber schon.

        • Dr. Webbaer sagt:

          Das Thema “geistiges Eigentum” finde ich irgendwie schwierig zu verteidigen.
          (…)
          Ich finds schwierig,wie gesagt.
          (Die Pro-Argumente sind natürlich auch nicht von der Hand zu weisen.)

          Gut angemerkt, ischt schwierig, wird in liberalen Kreisen diskutiert, eine „Silver Bullet“ scheint nicht gefunden.

          Einerseits droht Inhaltegebern ohne dem Konzept „Geistiges Eigentum“ der Existenzentzug, andererseits kann „Geistiges Eigentum“ den Gesamtbetrieb entscheidend lähmen.
          Man behilft sich hier bundesdeutsch bspw. mit der sog. Schöpfungshöhe, das letzte Wort ist, gerade zu Zeiten des Webs, aber noch nicht gesprochen oder geschrieben.
          Rechtsphilosophisch ga-anz schwierig.

          MFG
          Dr. W (der sich sicher ist, dass der hiesige geschätzte Inhaltegeber hierzu schon geschrieben hat, diesbezüglich aber, Alzheimer?, im Moment nicht aufrufen kann)

          • Ich sehe nicht, wie Geistiges Eigentum den Gesamtbetrieb mehr lähmen sollte als Eigentum überhaupt. Wenn man einfach Geld stiehlt und es ausgibt, dann kurbelt das auch die Wirtschaft an, könnte man ebenso argumentieren. Und wenn man ein Patent nachmacht, hat das denselben Effekt. In beiden Fällen hat niemand mehr einen Grund, überhaupt noch etwas zu erfinden oder zu arbeiten – wenn andere Menschen es ihm einfach wegnehmen dürfen.

          • Störk sagt:

            http://imaginäreseigentum.de/de/html/index.html

            Ich kann es hier nicht so ausführlich darstellen, wie es auf der verlinkten Seite geschehen ist, aber: etwas mit eigenen Mitteln nachbauen, was man irgendwo schon mal gesehen hat, oder etwas zitieren, was man irgendwo mal gelesen hat, bedeutet eben nicht, „jemandem etwas wegzunehmen“. Im Gegenteil: das Patent“rechtliche“ Verbot, in einer Dampfmaschine einen „James-Watt-Condenser“ oder in einem Mausbedienbaren Programm eine pixelweise X-OR-Verknüpfung zu verwenden, behindert mich in der Nutzung meines Eigentumes.

          • Über die Details des Patentrechts kann man zwar streiten, aber das Patentrecht als solches bedeutet, dass man das Recht hat, an seiner eigenen Erfindung zu verdienen. Es ist nicht „verboten“ bestimmte Bauteile in den Maschinen eines anderen Herstellers einzubauen, dieser muss lediglich dafür zahlen.

          • Dr. Webbaer sagt:

            @ Andreas :
            Im Softwarebereich ist das mit dem Geistigen Eigentum ein heißes Eisen.
            Auch der Musikbereich leidet, anscheinend besteht die bundesdeutsche Lösung hier darin zu erlauben max. neun sequentiell vorliegende Töne nachzuspielen.
            Nicht so-o prall als Lösung oder „Schöpfungshöhe“.

            MFG
            Dr. W

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Scheint korrekt angemerkt, vgl. :
    -> http://www.korpora.org/kant/aa05/308.html (und folgende Seiten)

    MFG
    Dr. W (der sich selbst natürlich als Genie sieht, ‚genere‘, ‚gens‘ und so, es deshalb aber anders meinen muss, dass mit dem ‚Genie‘ als Kant)

  3. sba sagt:

    Kann man die Kant-Stelle so oder anders lesen. Und zweifelsohne gehört er zu den Leuten, die auch gerne mal mit Absicht missverstanden werden. Was hat er denn hier gesagt – dass Lernen an sich, wie gut man darin auch sein, lein Garant dafür ist, dass etwas Genial(ische)s zu Stande komme. Hat er nicht ganz Unrecht, es braucht noch ein wenig mehr (wozu allerdings auch Fertigkeiten gehören können, die einem ebenso das Lernen erleichtern). Natürlich hat Ross Recht: Ohne irgendwelche Kenntnisse kann man gar nichts schaffen – was Kant, hier, aber auch nicht bestritten hat (obgleich seine Missversteher das evtl. hineingelesen haben mögen).

    Völlig daneben liegt er nun aber mit der Annahme, dass Lernen sich in Nachahmung erschöpfe. Kann sein, dass von da aus eine Linie zu dem anderen Punkt führt, aber dafür bräuchte man mehr Kontext.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Völlig daneben liegt er nun aber mit der Annahme, dass Lernen sich in Nachahmung erschöpfe.

      Hier lag Kant richtig, ganz übel aber das Gesülze über angeblich Genialisches.

      MFG
      Dr. W

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.