Interview mit Ari Armstrong über Abtreibung

Ein Abtreibungsverbot macht Frauen zu Staatseigentum – im Interview für Novo Argumente erklärt der amerikanische objektivistische Philosoph Ari Armstrong, warum die Ideen der Katholischen Kirche und der amerikanischen Personhood-Bewegung verheerende Folgen hätten, würde man sie in Gesetzesform gießen:

http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001712

Wir haben das Interview um die Hälfte gekürzt, weil Armstrong und ich irgendwann eine Art Fachgespräch unter Objektivisten geführt haben – und außerhalb unserer kleinen Welt versteht man das kaum, wenn einem die Hintergründe unbekannt sind. Unter anderem ging es noch um den Unterschied zwischen Ethik und Politik sowie um das Verhältnis von Abstrakta zu Konkreta. In der Novo-Form sollte das Interview für jeden nachvollziehbar sein.

Witzig: Armstrong und ich haben beide Bücher über Harry Potter geschrieben, die unter anderem der Veranschaulichung der objektivistischen Ethik dienen. Values of Harry Potter und Terry Rotter und das Feuer der Freiheit.

Die Frage über das Verhältnis abstrakter philosophischer Debatten zum „realen Leben“ passt gut in diesen Blog, also ergänze ich sie hier:

Andreas Müller: Eine letzte Frage. Einige Menschen glauben, dass abstrakte philosophische Diskussionen über solche Themen mit den konkreten Problemen der Frauen im „echten Leben“ nichts zu tun haben und dass sie insofern unwichtig sind. Was würden Sie darauf antworten?

Ari Armstrong: Es ist falsch, dass „abstrakt“ so etwas wie „von der Realität losgelöst“ bedeutet. Eine richtige abstrakte Diskussion beinhaltet ein weites Spektrum von Fakten und ein weites Spektrum realitäts-basierter Konzepte. Zum Beispiel ist das Prinzip von Rechten höchst abstrakt – und offensichtlich ist ein solches Prinzip eine Voraussetzung, um eine Regierung zu etablieren, welche die Rechte der Menschen anerkennt und schützt. Wir orientieren uns entweder an abstrakten, realitäts-basierten Prinzipien oder an Launen, Unsinn und willkürlicher physischer Gewalt. Geht es nach der „Personhood“-Bewegung, dann orientieren wir uns an den letzteren.

Ich höre die Kritik regelmäßig, dass Philosophie nichts mit dem „wahren Leben“ und den „konkreten Problemen“ der Menschen zu tun haben soll. Ich kann nur vermuten, dass moderne Philosophen und ihre haarsträubenden moralischen Dilemmata dafür verantwortlich sind. Wenn man den Leuten erzählt, dass Fragen wie „Soll man den fetten Mann auf die Gleise schubsen, um den Zug aufzuhalten und Unschuldige zu retten“ die wichtigen ethischen Fragen sind, so erweckt man den Eindruck, dass Ethik keinen Bezug zu den wirklichen Problemen der Realität hat (siehe: Die Ethik des fetten Mannes). Allerdings muss man auch sagen, dass der Objektivismus gerade die Philosophie ist, die das kritisiert und die das wirkliche Leben im Blick hat. Wir sagen sogar, dass einen Philosophie gar nichts zu interessieren bräuchte, hätte sie nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Hat sie aber. Und unsere gesellschaftlichen und persönlichen Probleme lassen sich zu großen Teilen in der letzten Analyse auf schlechte philosophische Ideen zurückführen. Also sollte man sie besser kennen. Und man sollte besser eine Antwort parat haben, wenn man etwas zum Guten verändern möchte.

Übrigens könnt ihr euch für mein Webinar „Was ist Kunst? Die objektivistische Ästhetik“ morgen bereits anmelden. Es sind ja nur zehn Plätze frei. Ziel des Vortrags ist, Kunst besser zu verstehen – was das ist, wie man Kunst bewertet und welche Rolle sie im menschlichen Leben spielt.

11 Kommentare zu “Interview mit Ari Armstrong über Abtreibung

  1. Alexia sagt:

    „Abtreibungsverbot macht Frauen zu Staatseigentum“
    Nicht nur das. Auch zum Eigentum einer x-beliebigen Gemeinschaft, sei es eine Kirche oder die eigene Familie.

    „Man müsste jede verdächtige Fehlgeburt zum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung machen“
    Das passiert bereits.
    In Iowa wurde 2010 eine Schwangere ins Gefängnis gesteckt, nachdem sie zu Hause die Treppe heruntergefallen ist. Dem Fötus war nichts passiert aber ihr wurde „versuchter Fetozid“ vorgeworfen.
    2009 wurde eine Frau in Mississippi nach einer Totgeburt verhaftet. Spuren von Methamphetamin in ihrem Blut waren genug um ihr vorzuwerfen, „willentlich, ungesetzlich und verbrecherisch“ ihre Tochter getötet zu haben.
    Und so weiter: http://feministing.com/2013/01/17/new-report-shows-how-the-principle-of-personhood-is-already-criminalizing-pregnancy-in-the-us/
    Die Menschenrechte von Schwangeren in den USA werden systematisch ausgehöhlt. Sie werden quasi zu Brutkästen degradiert und verpflichtet, die Schwangerschaft erfolgreich abzuschließen, und wehe nicht!

    „Kindsgeburt als eine Art Strafe“
    Oder als genaues Gegenteil, was auch nicht besser ist.
    Kinder werden gerade in den USA derart flächendeckend als „Segen“ betrachtet, dass negative Aspekte weder geäußert noch sonstwie deutlich gemacht werden dürfen.
    Da kann es schon mal zu so einer Unterhaltung kommen:
    – „Ich wurde vergewaltigt.“
    – „Wirklich? Du hast so ein Glück! Vielleicht bist du sogar schwanger!!! :D“
    – „WTF? o.O“

    Eine Eisverkäuferin in Ohio wurde einmal einem Shitstorm seitens Kunden – und letztendlich auch ihres Chefs – ausgesetzt, weil sie den Tresen desinfizierte, auf welchen eine Mutter ihr Baby mit vollen Windeln gesetzt hat. Die Implikation, dass ihr Goldschatz etwas Unhygienisches an sich haben könnte war wohl ein gewaltiger Affront.
    Links gibt es dafür nicht. Beides passierte in meinem Freundeskreis.

    „Ich höre die Kritik regelmäßig, dass Philosophie nichts mit dem “wahren Leben” […] zu tun haben soll.“
    Im Falle des Objektivismus und speziell Ayn Rands Argumentationen dürfte das daran liegen, dass einige Prämissen die menschliche Natur außer acht lassen. Damit beging sie ironischerweise den gleichen Fehler wie Kommunisten und Sozialisten.

    • Rüdiger sagt:

      Hallo Alexia

      Die Entwicklung des Menschen

      „ist durchaus beeindruckend. Aber “wunderbar” heißt nicht immer “willkommen”.“

      Heutzutage ist es kein Geheimnis mehr, wie man das „Wunder des Lebens“ in Gang setzt. Wenn dieser Zusammenhang in grossem Stil auch in alphabetisierten, durchgeschulten Gesellschaften missachtet wird, enthebt das die Eltern nicht von der Verantwortung für das neue Leben. In echten Notfällen bleibt immer noch die Möglichkeit, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben.

      Das gilt genauso für die meisten Deiner dann aufgeführten Problemfälle von Überforderung etc.

      „In unserer Gesellschaft sind diese Themen tabu weil Kinder dogmatisch-definitionsgemäß ein Segen sind.“

      Erstens sind all diese Themen in unserer Gesellschaft nicht tabu. Es mögen in der Tat viele Menschen Kinder als Segen empfinden, aber niemand wird zum Kinderkriegen gezwungen. Nichtmal einen besonders grossen Druck in diese Richtung gibt es, sonst befände sich die Zahl der Kinder pro Familie nicht in freiem Fall.

      Für Leute, die sich ihres Kindes entledigen wollen, gibt es viele Anlaufstellen. Die Tötung eines Menschen ist dabei nicht notwendig (-> Adoption, Babyklappe, …). Erst recht nicht in einer (leider nicht existenten, aber nicht utopischen) Gesellschaft mit starken Familienstrukturen.

      „Einen erwachsenen Körper in so einem Zustand würde man als Hirntod betrachten und ggf. nach Entnahme von Spenderorganen die Lebenserhaltungssysteme abschalten.“

      Das steht uns ebensowenig zu. Ein Arzt, der so handelt, verletzt ebenfalls seinen hippokratischen Eid (und das Recht jedes Menschen auf Leben).

      „Der Kompromiss lautet, irgendwo dazwischen eine eindeutige Grenze zu ziehen.“
      Jede solche Grenze ist willkürlich, s.o.

      „Das geht sogar soweit, dass Gesetze, welche eine Organspende eindeutig zur Freiwilligkeit machen, nichtig werden und der komplette Körper einer hirntoten Schwangeren funktionserhaltenden Maßnahmen unterzogen wird, um noch als Brutkammer für das Kind missbraucht zu werden.“

      Sicher ein Extremfall, aber zum Schutz des Lebens nachvollziehbar.

      „Schwangere werden de facto zum Staatseigentum auch wenn es nirgendwo offiziell steht.“

      Nein. Es wird nur verhindert, dass Schwangere das Leben eines anderen Menschen nach ihrem Belieben vernichten dürfen.

      Das Gerichtsurteil in Iowa mit der von der Treppe gefallenen Frau ist selbstverständlich auch Unrecht, da die Unschuldsvermutung nicht beachtet wurde.

      Alles sicher schlimme reale Fälle. Auf der anderen Seite stehen aber weltweit 42 Millionen getötete Menschen pro Jahr. Das sind auch ganz schlimme reale Fälle. Nur ist es eben leichter, sich über diese Fälle hinwegzusetzen.

  2. Rüdiger sagt:

    Zu den Kernaufgaben des Staates – auch des Minimalstaates, den ich befürworte – gehört es nun mal, das Leben zu schützen. Um das Leben seiner Bürger vor Mord und Totschlag zu schützen, muss er diese Handlungen mit Strafen bewehren.

    Und wenn, wie ihr suggeriert, die befruchtete Eizelle noch nicht menschliches Leben darstellt, bleibt die Frage: Wann definiert ihr (in eurer gnädigen Vollmacht, darüber zu entscheiden) dessen Beginn? Nach drei Monaten? Nach sechs Monaten? Jede Grenze ist ja willkürlich. Und da das Leben zu schützen ist, muss es von dessen erstem mutmasslichem Beginn an geschützt werden.

    Ein Kind im Mutterleib ist ein Mikrokosmos. Ich habe mir die bebilderte Wanderung von Lennart Nilsson durch die Schwangerschaft angesehen

    http://www.amazon.de/Ein-Kind-entsteht-Der-Bildband/dp/3442391849

    und kann nur mit höchstem Respekt auf die wunderbare Entwicklung schauen, die sich dort vollzieht. Wie durch Schleier verhangen, vollzieht sich dort in der schützenden Geborgenheit des Mutterleibs eine Reise durch die Evolution (was schon Ernst Haeckel – mit ebensolchem Staunen – angeschaut hat, „die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese“).

    Das verächtliche Gerede vom „Zellhaufen“, mit der die Tötung des Kindes im Mutterleib verharmlost werden soll, ist purer Materialismus: warum sind eigentlich Menschen plötzlich mehr als ein „Zellhaufen“, sobald sie den Mutterleib verlassen haben? Nur weil die menschlichen Qualitäten dort graduell schon etwas weiter entfaltet sind als beim Embryo? Ein gradueller Unterschied ist kein Schnitt. Das Kind wächst, erst innerhalb, dann ausserhalb des Mutterleibes, langsam in die voll entfaltete menschliche Person hinein (in der Regel). Der Prozess beginnt mit der Empfängnis und dauert viele lange Jahre.

    Die Behauptung, Frauen würden durch ein Abtreibungsverbot zu Staatseigentum, ist falsch. In der Schwangeren wächst eine neue Person heran, ein neuer Mensch, über den sie nicht zu entscheiden hat. Sonst könnten Mütter auch später noch ihre Kinder bei Nichtgefallen – z.B. wenn sie feststellen, dass sie sie in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit stören (was heute der Hauptgrund für Kindstötungen ist) – einfach totschlagen.

    • Enrico sagt:

      Hallo,

      danke für den Kommentar. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man über ein Thema emotional statt rational argumentiert. Man könnte z.B. nach Kriterien zu suchen, die einen Menschen ausmachen und dann anhand derer ableiten, ab wann während einer Schwangerschaft von einem Menschen gesprochen werden kann. Statt dessen kommt „in eurer gnädigen Vollmacht“, „verächtliche Gerede“ oder „Tötung… verharmlost. Schade.

      Zitat: „Die Behauptung, Frauen würden durch ein Abtreibungsverbot zu Staatseigentum, ist falsch. In der Schwangeren wächst eine neue Person heran, ein neuer Mensch, über den sie nicht zu entscheiden hat.“

      Wenn die Frau nicht über den Embryo entscheidet, wer dann? Laut dem ersten Satz ganz oben in Deinem Kommentar ist das der Staat, denn er hat die Aufgabe, Leben zu schützen. Der Staat muss also in jeglicher Hinsicht auf die Schwangere einzuwirken können, um Schaden vom Embryo fernzuhalten. Er muss ihr z.B. potentiell schädliche Verhaltensweisen verbieten und sie notfalls mit Gewalt davon abhalten. Damit ist eine Schwangere kein selbständiger Mensch mehr, sondern Eigentum des Staates. Damit ist die Behauptung nicht falsch sondern richtig.

      • Rüdiger sagt:

        Hallo Enrico,

        keine der drei von Dir zitierten Formulierungen war emotional, mehr dazu nachher. Dagegen ist der Passus, bei dem mir die Liebe zum Leben durchgegangen ist, mit dem Verweis auf das Lennart-Nielsen-Buch, emotional ausgefallen, da Liebe ein Gefühl ist. Glücklicherweise ist dieser Passus für die Argumentation nicht notwendig.

        Ich stimme mit Dir überein, dass in politischen Dingen rational argumentiert werden muss. Hier also noch einmal:

        1. Der Staat hat die Aufgabe, das Leben der Menschen zu schützen.
        2. Es gibt keine Frist x, für die gilt: „Ab dem Zeitpunkt ‚Empfängnis + x‘ ist der sich entwickelnde Embryo ein Mensch, vorher nur ein „Zellhaufen“.
        => Denn jede Wahl dieses x ist gleich willkürlich: Warum nicht x + 1 oder x – 1 (oder 0)?
        3. Da ein Irrtum in dieser Frage den unschuldigen Tod von vielen Menschen bedeutet, bleibt keine Wahl als den sich entwickelnde Embryo ab dem Tag 0 zu schützen.

        Nun zu den „emotionalen Formulierungen“:

        „In eurer gnädigen Vollmacht“ ist eine Zuspitzung des Problems, dass die Entscheidung über eine solches Frist x, bis zu der ein Embryo noch ein „Zellhaufen“ ist, eine ungeheuer schwerwiegende Entscheidung über Leben und Tod ist und es fraglich ist, ob man sich einer solche Entscheidung überhaupt anmassen kann.

        „Verächtliches Gerede“ – damit lege ich in Wirklichkeit den emotionalen Gehalt des Begriffs „Zellhaufen“ offen. Einen Menschen als „Zellhaufen“ zu bezeichnen, enthält in der Tat eine ordentliche Portion Verachtung – wenn das Problem ein offenes ist, ist dieser Begriff unangemessen emotional.

        „Tötung“ ist überhaupt nicht emotional. Hätte ich von „Zerhacken, Zerstückeln, mit der Schere das Rückenmark punktieren, vergiften, den lebenden Embryo in eine Schale legen und warten, bis er stirbt“ – hätte ich eher den Vorwurd der Emotion erwartet, obwohl das alles zum Standardrepertoire dessen gehört, was wir mit den „Zellhaufen“ so machen.

        Du sagst, man soll sich die Entwicklung des Embryos genau anschauen, um den richtigen Zeitpunkt zu finden, bis zu dem man ihn töten darf. Ich habe das gemacht und habe keinen solchen Zeitpunkt gefunden. Es ist alles im Fluss, vom Anfang bis über die Geburt hinaus ein langer Prozess. Ich habe keinen Schnitt entdecken können.

        Gruss,
        Rüdiger

        • Martin sagt:

          Hallo Rüdiger,

          Ich muss hier etwas anmerken, was auf den ersten Blick absird scheinen mag: Du argumentierst selbst materialistisch. Und zwar in der hinsicht, dass du die materielle Entität des Embryos und Fötus bereits als Menschen festlegst, der alle entsprechenden Rechte hat. Der Mensch ist aber mehr als nur sein Körper (der zunächst einmal die Form eines Embryos hat). Der Mensch ist auch eine Persönlichkeit, die durch verschiedene Faktoren geprägt wird.
          Während der Schwangerschaft wird die Persönlichkeit sicherlich durch die Mutter und ihr Umfeld geprägt. Ich würde sogar sagen, die Mutter ist die erste, die ihrem in ihr heranwachsenden Kind eine Persönlichkeit geben kann. Sie hat die Wahl: Will sie das Kind auf die Welt bringen, so wird schon während der Schwangerschaft eine Beziehung zum Kind aufbauen, es als Persönlichkeit betrachten. Wenn sie keine Kinder haben will, ist es vernünftiger, möglichst früh abzutreiben, bevor sie eine Beziehung zu dem Kind aufbaut. In diesem Fall kann man nicht von Mord sprechen, da sich noch keine Persönlichkeit entwickelt hat.

      • Rüdiger sagt:

        Zu dem Punkt mit dem Eigentum des Staates:

        Deine Prämisse

        „Wenn der Staat, seine Bürger mit Massnahmen belegt, um deren Grundrechte zu schützen, so werden sie hierdurch zum Eigentum des Staates.“

        ist falsch.

    • Alexia sagt:

      „die wunderbare Entwicklung schauen, die sich dort vollzieht“
      Die ist durchaus beeindruckend. Aber „wunderbar“ heißt nicht immer „willkommen“.

      „in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit stören“
      Es gibt durchaus mehr und bessere Gründe für eine Abtreibung. Darunter sind einige gesundheitliche Aspekte und auch die Selbsteinschätzung über die eigenen Fähigkeiten ein Kind aufzuziehen.
      Ein Beenden der embryonalen Entwicklung ist um einiges besser, als ein Individuum aufwachsen zu lassen, welches abgesehen vom gesetzlichen Minimum keinerlei Zuwendungen seitens der Erzeuger erfährt und mit dem Bewusstsein aufwächst, dass es unerwünscht zu ist.

      „In der Schwangeren wächst eine neue Person heran, ein neuer Mensch, über den sie nicht zu entscheiden hat.“

      Damit würde die Mutter ihrerseits um ein Menschenrecht gebracht. Die Entscheidungsgewalt über den eigenen Körper. Und rein biologisch gesehen, wächst in der Schwangeren ein Parasit heran, welcher nicht nur in Einzelfällen sondern fast immer irgendwelche bleibenden gesundheitlichen Probleme verursacht. Das können Allergien sein, welche vor der Schwangerschaft nie auftraten, Inkontinenz welche auch nach der Geburt nicht verschwindet, hormonell bedingtes Übergewicht, Depressionen und einiges mehr. Zu so etwas sollte niemand gezwungen werden.
      In unserer Gesellschaft sind diese Themen tabu weil Kinder dogmatisch-definitionsgemäß ein Segen sind.

      Etliche Horrorstories aus dem wahren Leben gibt es hier: http://www.refugees.bratfree.com
      Vorsicht! Hier schreiben viele Frauen, die von ihrer Umgebung gezwungen werden, so zu tun als würden sie ihre Kinder lieben. Das zu lesen kann unglaublich verstörend sein.

      „wenn sie feststellen, dass sie sie in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit stören (was heute der Hauptgrund für Kindstötungen ist)“
      Nochmal dazu…
      Kennst du dazu Statistiken? Nach meiner Wahrnehmung geschehen die meisten Kindstötungen (also die postnatalen) wegen Überforderung. Das ist dann aber kein Totschlagen sondern geschieht wesentlich häufiger durch Schütteln oder Ersticken mit einem Kissen.
      Dann gibt es noch bloße Vernachlässigung, also ausbleibende Fütterung. Die Frauen, die so etwas tun, haben einfach die Tatsache, ein Kind und damit auch Verantwortung dafür zu haben, komplett aus dem Bewusstsein verdrängt. Sie verdrängten selbst die Schwangerschaft.
      Das sind Menschen, die nie auf diese Situation vorbereitet wurden. Die bloße Idee, ein Kind zu haben, ist ein Konzept so fremdartig wie sonst irgendetwas kaum Vorstellbares.
      Wenn dann irgendwann plötzlich ein Baby zwischen den Beinen lag, wurde es als unreal betrachtet, versteckt und die Frau hat einfach mit dem Alltag weitergemacht.

      Das sind keine bösen Menschen. Sie töten nicht, um sich einen Vorteil zu verschaffen oder aus Hass. Sie sind einfach nur mit der Situation derart überfordert, dass selbst eine Suche nach Hilfe keine Option ist.

      „warum sind eigentlich Menschen plötzlich mehr als ein “Zellhaufen”, sobald sie den Mutterleib verlassen haben?“
      Eigentlich redet man schon lange vorher nicht mehr von einem Zellhaufen. Aber in den frühen Stadien ist diese Bezeichnung – wenn auch polemisch – durchaus zutreffend.
      Das Lebewesen da drin verfügt noch über keine geistigen Prozesse, keine Erfahrungen, keine Erinnerungen, keine Wünsche, Ziele, Motivationen …
      Einen erwachsenen Körper in so einem Zustand würde man als Hirntod betrachten und ggf. nach Entnahme von Spenderorganen die Lebenserhaltungssysteme abschalten.

      „Ein gradueller Unterschied ist kein Schnitt.“
      Stimmt. Aber es gibt eine Zeit, wo der Embryo zwar menschlich ist, so wie ein Finger menschlich sein kann, aber eben noch kein Mensch.
      Und es gibt eine Zeit, auch schon im Mutterleib, wo der Fetus bereits durch die Umgebung geprägt wird und diverse Arten von Erfahrung sammelt, z.B. durch Musik welche die Bauchdecke der Mutter durchdringt.
      Der Kompromiss lautet, irgendwo dazwischen eine eindeutige Grenze zu ziehen. Es ist eine Grenze ab der die Interessen der Mutter und ihre körperliche Autonomie eingeschränkt werden.
      Das geht sogar soweit, dass Gesetze, welche eine Organspende eindeutig zur Freiwilligkeit machen, nichtig werden und der komplette Körper einer hirntoten Schwangeren funktionserhaltenden Maßnahmen unterzogen wird, um noch als Brutkammer für das Kind missbraucht zu werden.

      tl;dr: Schwangere werden de facto zum Staatseigentum auch wenn es nirgendwo offiziell steht.

  3. Skeptiker sagt:

    Seltsam wie die Zeit vergeht…
    Wenn ich einige meiner damligen Blogspots lese, bekomme ich fast den Wunsch, diese zu widerrufen oder erklärend zu kommentieren.

    Dem Autor ist recht zu geben, dass Ethik mit Hinblick auf die praktische Relevanz betrieben werden sollte.
    Man muss vor allen Dingen berücksichtigen: Wenn jemand eine ethische Frage hat, ethische Orientierung in seinem Handeln sucht wie es salbungsvoll und nichtssagend so schön heißt, dann tritt er an den Ethiker mit einem bestimmten Problem heran.
    Mit solchen Problemen sollte sich der Ethiker beschäftigen, nicht mit Problemen der Ethik als logisches System betrachtet.
    Um meinen Namen noch einmal Ehre zu machen (bevor ich ihn vielleicht ablege und sogar schweige): Vielleicht sollte sich so ein Suchender ernsthaft fragen, ob er beim Ethiker das finden kann was er sucht oder ob er eigentlich nicht eine völlig andere Antwort will. Die Ethiker versuchen ja, Probleme des menschlichen Dürfens und Sollens mit Argumenten und Beweisen beizukommen. (Zweifellos ist der Versuch eine wissenschaftliche Ethik zu schaffen in jüngerer Zeit von den Naturwissenschaften inspiriert, oft im Glauben, auf diese Weise zu ähnlich objektiven Wahrheiten zu gelangen.) Deshalb hat die Ethik natürlich die Tendenz, sich in von den praktischen Fragen losgelösten Streitfragen zu verlieren.

  4. Alexia sagt:

    „In echten Notfällen bleibt immer noch die Möglichkeit, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben.

    Das gilt genauso für die meisten Deiner dann aufgeführten Problemfälle von Überforderung etc.“

    Diese Überforderung entspringt teilweise der Verantwortungspflicht. Es ist durchaus richtig, dass hier eine Adoptionsfrigabe Abhilfe schaffen kann. Überforderung kann aber auch durch den Erwartungsdruck aus der gesellschaftlichen Umgebung stammen. Da fallen dann gern mal solche Begriffe wie „Schande“, „Sünde“ oder „Strafe“. Der einzige Schutz dagegen ist Geheimhaltung und ein frühzeitiges Abbrechen.
    Dann gibt es noch die (zusätzliche) psychische Belastung, welche eine Schwangerschaft verursacht, die aus einer Vergewaltigung resultierte.
    Und selbst wenn weder Überforderung durch Verantwortung, Erwartungsdruck, noch Vergewaltigung vorliegen, kann niemand von einem Menschen verlangen, sich gegen ihren Willen den „normalen“ physischen und psychischen Risiken einer Schwangerschaft auszusetzen.

    „Das steht uns ebensowenig zu. Ein Arzt, der so handelt, verletzt ebenfalls seinen hippokratischen Eid (und das Recht jedes Menschen auf Leben).“
    Es wäre mir neu, dass Hirntote bis zum altersbedingten Organversagen an Beatmungsmaschinen hängen bleiben. Abgesehen davon entscheiden Ärzte auch nicht allein sondern die Hinterbliebenen.

    „Sicher ein Extremfall, aber zum Schutz des Lebens nachvollziehbar. “
    Es ist eben nicht nachvollziehbar.
    Wenn „Lebensschutz“ über allem stehen würde, wären Blut- und Organspenden obligatorisch. Sind sie aber nicht. Warum? Weil die körperliche Autonomie eines Individuums in unserer Gesetzgebung (eigentlich) über dem Leben eines anderen Menschen steht. Nur eben nicht im Falle einer Schwangerschaft. Da wird sich sogar über Patientenverfügungen hinweggesetzt. Warum? Keine Ahnung. Aber weil das so ist, sind Schwangere de facto keine eigenständigen Menschen mehr sondern wandelnde (und manchmal nicht wandelnde) Brutkammern. Alle anderen dürfen anderen Menschen durch Verweigerung von Organspenden eine (Über-)Lebenschance vorhenthalten. DAS ist Willkühr.

    Man könnte jetzt vielleicht diskutieren, ob man Toten noch ein Recht auf körperliche Autonomie gewährt oder ob die Interessen eines (jeden) Lebenden an einem neuen Organ höher wiegen sollten. Aber wenn die Gesellschaft in diese Richtung entscheidet, muss sie auch konsequent sein und alle Menschen einbeziehen. Nicht nur Schwangere als Zwangsspender und nicht nur Embryonen/Feten als Empfänger mit Garantie.

    „Es wird nur verhindert, dass Schwangere das Leben eines anderen Menschen nach ihrem Belieben vernichten dürfen.“
    Ich denke, ich habe klargemacht, dass Frauen nicht einfach „nach Belieben“ abtreiben. Außerdem handelt es sich beim Embryo in den ersten drei Monaten lediglich um menschliches Gewebe, nicht um einen Menschen. In dieser Zeit wird gerade einmal die Organogenese abgeschlossen. Von einer Prägung mit Erfahrung, welche einen Menschen zum Menschen machen, kann bis hierhin noch keine Rede sein. Die Grenze ist nicht willkührlich. Sie liegt weit vor einen Zeitpunkt, an dem vermutbar ist, dass dort ein Individuum mit menschlichen Sinnen existiert, welches Erfahrungen sammelt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.