Der neue Schwachsinn

Gegen Ende ihres Lebens sagte die Philosophin Ayn Rand, dass ihr philosophische Auseinandersetzungen keinen Spaß mehr machen – es gab niemanden mehr vom Format Kants, gegen den man argumentieren konnte, sondern nur noch Idioten. Die Zeit ist gekommen, sich an ihre weisen Worte zu erinnern.

Einhörner gibt es wirklich, sagt Markus Gabriel. Der Philosoph will, dass Denken mehr Spaß macht

Aber ausgerechnet die Welt, die gibt es laut Ihrer Philosophie des Neuen Realismus nicht.

Real ist, was real ist. Also Gedanken, Wünsche, Ideen, Träume …

Die menschliche Zivilisation ist eine Truman Show.

Oder ich bin gar nicht ich, sondern jemand anderes, der denkt, dass er Markus Gabriel sei. Vielleicht bin ich schizophren und habe den echten Markus Gabriel heute Morgen in den Keller gesperrt. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, zu zweifeln. Die Hypothese, dass ich in der Matrix lebe, ist willkürlich. Sie ist eine von unendlich vielen.

Die Zitate stammen aus einem Interview mit Markus Gabriel auf ZEIT Online. Laut Medienmeinung ist der Philosoph ein „Wunderkind“, ein „Shooting Star der Philosophie“ und allerlei andere, hoffentlich gut bezahlte Lobhudeleien. Kritische Rationalisten treibt die einhellige Zelebrierung dieses Irrsinns wahrscheinlich ebenso in die Verzweiflung wie Objektivisten und alle anderen Denker, die ihren Verstand noch nicht die Toilette runtergespült haben.

Überraschung: Der „Neue Realismus“ hat nichts mit dem herkömmlichen Realismus zu tun – dieser setzt schließlich auf die Korrespondenztheorie (Aussagen sind wahr, wenn sie mit den Tatsachen der objektiven Realität übereinstimmen). Den „Neuen Realismus“ überhaupt so zu nennen, ist ein Angriff auf den menschlichen Verstand. Soweit wenig originell. Nun soll „Realismus“ bedeuten, dass man willkürliche Aussagen machen kann, die angeblich alle gleichermaßen wahr sein können. Das heißt: 1. Es ist egal, ob Aussagen mit der Realität übereinstimmen und 2. Aussagen dürfen sich widersprechen. Dabei handelt es sich um eine Leugnung der metaphysischen Axiome, was zu Selbstwidersprüchen führt. Zur Hölle mit der Realität, sagt also der „Neue Realismus“.

Wissen Sie, Herr Gabriel: Vielleicht sind Sie in „Wirklichkeit“ (die es zu Ihrem Glück ja nicht gibt) gar kein Philosoph. Vielleicht sind Sie einer von vielen austauschbaren, postmodernen, dumm labernden, Nebelschwaden-produzierenden, Irrationalität-anbetenden Mystikern, von denen heute die philosophischen Fakultäten vollgestopft sind wie der Schädel mit Krebsgeschwüren nach einem Tumorbefall. Wäre doch möglich! Woher wollen Sie wissen, dass das nicht so ist, wenn Sie meinen, man müsste Aussagen nicht anhand der objektiven Realität überprüfen, sondern nur an den „Wünschen, Ideen, Träumen“ in Ihrem anderweitig leeren, allenfalls noch von Spinnweben durchzogenen Kopf?

Wenn Sie tatsächlich jemand anderes sind, der nur glaubt, er wäre ein Philosoph, vielleicht ziehen Ihre Studenten dann eines Tages die Schlussfolgerung, dass Sie schließlich Philosophie studieren wollen und insofern keinen Grund mehr haben, Ihre Seminare zu besuchen?

In der objektivistischen Philosophie gibt es das Konzept der „rationalen Sicherheit“. Wenn alle Beobachtungen und Argumente für eine Aussage sprechen und keine dagegen, dann kann man sich rational sicher sein, dass sie wahr ist. Wenn alles dafür spricht, dass Sie wirklich Markus Gabriel, der „jüngste Philosophieprofessor Deutschlands“ sind, dann sollte man als vernünftiger, zurechnungsfähiger Mensch nicht davon ausgehen, dass Sie jemand anderes sind. Und wenn man es doch tut, ist man verrückt. Jedenfalls hat man das früher so gesehen, bevor „anything goes“ zum Wahlspruch des Westens wurde.

Ich möchte mich hier aber nicht zu sehr dem Zeitgeist verschließen. Vielleicht muss ich Ihnen in diesem Fall sogar Recht geben, Herr Gabriel. In der Tat sprechen nicht alle Beobachtungen und Argumente dafür, dass Sie als Philosophieprofessor arbeiten und unter anderem von Steuergeldern dafür bezahlt werden. In der Tat überwiegen die Argumente, dass dies nicht wahr sein kann, dass es sich um einen Albtraum, eine Wahnvorstellung handelt. Ähnlich wie die Psychoanalyse nur auf ihren Urheber Sigmund Freud zutrifft, so trifft der „Neue Realismus“ vielleicht auch nur auf seinen Urheber zu. Insofern sind Sie vielleicht wirklich kein Philosoph. Mit rationaler Sicherheit sind Sie kein guter Philosoph.

9 Kommentare zu “Der neue Schwachsinn

  1. sba sagt:

    Vielleicht sollte er es „magischer Realismus“ nennen. Und Romane
    schreiben. Obwohl es schwer werden dürfte, den momentanen Größen in dem Bereich den Rang abzulaufen (während es in der Philosophie kaum lebende Konkurrenz gibt…vielleicht ändert sich das ja auch gerade? Ich finde es jedenfalls interessant, dass in letzter Zeit alle paar Jahre jemand auftaucht und zu größerer Bekanntheit gelangt. Vielleicht wird der Markt-Boden ja gerade für Philosophie fruchtbar, vllt. steigt das allgemeine Interesse? Und vllt. bessert sich damit auch, über die Zeit, der Publikumsgeschmack. Man könnte eine hypothetische Linie ziehen von der Orietierungslosigkeit der Postmoderne über die Eso-Welle als ersten kindlichen Versuch, dem abzuhelfen zum Jetzt, vllt. einer Art pubertären rebellischen Phase, in der mit schon etwas mehr Verstand, aber noch wenig Erfahrung allerhand ausprobiert wird. Extrapolation: Entweder geht es so gründlich daneben, dass dann wieder für ewig und drei Tage sämtliche Finger davon gelassen werden, oder es könnte einer Renaissance der Renaissance geben (wie die Kunst sie vorgemacht hat).

    • Alexia sagt:

      „Phase, in der mit schon etwas mehr Verstand, aber noch wenig Erfahrung allerhand ausprobiert wird.“

      Meiner Erfahrung nach ist das ein Dauerzustand der Menschheit. Lauter kluge Leute, aber irgendwie tapsen alle im Halbdunkel herum, stoßen mit dem kleinen Zeh irgendwo gegen, was sich dann als tolle Entdeckung herausstellt. Oder als nicht so tolle Entdeckung.
      Wer dabei möglichst selbstsicher wirkt und nicht zugibt, dass er eigentlich keine Ahnung hat, was als nächstes kommt, wird als erfolgreich angesehen.

      • sba sagt:

        „Wer dabei möglichst selbstsicher wirkt und nicht zugibt, dass er eigentlich keine Ahnung hat…“

        Find ich lustig, genau diese Worte beschreiben exakt den primären Impetus „typisch pubertären“ Benehmens. Und beschreiben auch den größten Fehler, den man machen kann, es auf die Publikumswirkung abzusehen statt auf den Erfolg der Sache. Paradoxerweise liegt dem i.d.R. ein Fehlen an Selbstsicherheit zugrunde, die man aber genau dann am allerdrigendsten braucht, wenn man keine Ahnung hat, was als nächstes kommt – die Zuversicht, damit klarkommen zu können (ohne die weder je ein Mensch auf dem Südpol, noch auf dem Mond gestanden hätte).

        Was mich dann zu der Überlegung weiter führt: Second-Handedness als Symptom nichtgelungenen Erwachsenwerdens? Aber ich bin ja momentan, wie gesagt, vorsichtig zuversichtlich.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      I.p. Realismus gibt es bundesdeutsch mittlerweile auch so etwas:

      -> http://www.zeit.de/campus/2014/06/markus-gabriel-philosophie-neuer-realismus

      Harry (der jetzt aber nicht den hiesigen honorablen Inhaltegeber in diese Liga bringen wollte)

  2. Martin sagt:

    Eigentlich ist das halt Kinderdenken. Das die Leutchen selbst nicht dran glauben, ist aber doch auch offensichtlich. Sie verhalten sich ja konstant entsprechend der Gegebenheiten der objektiven Realität. Und springen nicht etwa vor Züge oder von Häusern, essen Nadelkissen oder Rattengift und baden auch nicht in Schwefelsäure.

    • Grundsätzlich schon, aber solche Philosophien eignen sich hervorragend, wenn die Menschen bestimmte Aspekte der Realität ausblenden wollen, zum Beispiel, dass Sozialismus nicht funktioniert und dass der Kapitalismus die beste Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist. Die postmodernen Dummschwätzer sind daher in der Regel Neomarxisten.

      • Harold Harry Francis Callahan sagt:

        Kapitalismus

        Den es aber nur als linke Sicht auf die Marktwirtschaft (mit oder ohne Attribut) gibt.
        Das muss auch einmal geschrieben werden.

        MFG
        Harry

  3. jaegi sagt:

    Der echte Markus Gabriel hat dieses Buch gar nie geschrieben.

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