Gottes Wort ist doch egal

Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es gläubige Christen hinbekommen, ihr eigenes heiliges Buch nicht lesen zu wollen – von dem sie glauben, dass es mehr oder weniger vom Schöpfer des Universums stammt. Die Faulheit und die mangelnde Neugierde vieler Menschen sind wohl grenzenlos. Hier ein typischer Fall, wie es dazu kommen kann:

„Hey, wo bin ich denn hier auf einmal?“

„Du bist im Himmel, Dennis! Ich habe dich zu mir geholt, weil du regelmäßig zur Kirche gehst und betest.“

„Oh, du bist Gott, der Herr!“

„Genau. Und ich möchte dir, Dennis, mein heiliges Buch anvertrauen. Dein Pfarrer und andere Christen haben dir ja bestimmt schon viel erzählt darüber, was ich so denke – als der Schöpfer des Universums, der für dich einen Plan hat. Aber ich denke, es ist am besten, wenn du es von mir schriftlich erhältst.“

Gott reichte Dennis eine Bibel.

„Wow, Gott, das ist ganz toll! Echt, Mann, Danke!“

„Keine Ursache. Übrigens, wenn du dich nicht an die Gebote darin hältst, wirst du auf ewig in der Hölle schmoren nach deinem Tod. Aber zum Glück hast du ja nun das Buch, in dem die stehen. Hier, ich schicke dich auf die Erde zurück.“

Als Dennis in seinem Bett erwachte, dachte er zunächst, er hätte nur geträumt. Aber dann entdeckte er die Bibel in seiner rechten Hand.

„Wow, Mann, das war kein Traum, der Schöpfer hat mir mir geredet.“

Dennis wollte das Wort Gottes gleich aufschlagen, doch dann wurde er von seinem blinkenden Smartphone abgelenkt.

„Verdammt, cool, bei Angry Birds gibt es einen neuen Level!“

Nachdem Dennis den neuen Level von Angry Birds gespielt hatte, ging er erst einmal frühstücken. Dann rief er seine Freundin an und erzählte ihr von seiner Begegnung mit Gott. Sie fand das auch echt cool.

Später, nachdem sie Eis essen waren, kamen Dennis und seine Freundin auf die Bibel zu sprechen. „Hast du das Buch dabei?“, fragte sie.

„Welches Buch?“

„Das Wort Gottes.“

„Ach ne, jetzt, hab ich vergessen. Hey, schau mal, machen wir ein Selfie für unsere Facebook-Gruppe!“

60 Jahre später starb Dennis und schmorte für immer in der Hölle, weil er Gottes Wort nicht gelesen hatte und nicht wusste, was sein Schöpfer von ihm wollte. Und seine Freundin auch. Ende.

So in etwa stelle ich mir das vor, warum gläubige Christen häufig das Wort ihres eigenen Gottes nicht lesen, obwohl ich das selbst als Atheist hinbekomme.

23 Kommentare zu “Gottes Wort ist doch egal

  1. patrick.sele sagt:

    Der folgende Link
    enthält statistische Angaben zur Bibellektüre in Deutschland:

    http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Bibellektuere_2005.pdf

    Gemäss diesen
    Angaben lasen 2005 4 % „häufig“ und weitere 9 % „hin und wieder“ in der Bibel. Die
    Frage ist nun, ob der Anteil derjenigen, welche „gläubige Christen“ sind,
    welche von der Bibel glauben, dass sie „mehr oder weniger vom Schöpfer des
    Universums stammt“ etwa derselbe ist wie der Anteil derjenigen, welche „häufig“
    oder „hin und wieder“ in der Bibel lesen. Wenn man diejenigen, welche
    regelmässig einen christlichen Gottesdienst besuchen als „gläubige Christen“
    definiert, so scheint dies der Fall zu sein. Die Angaben betreffend
    Gottesdienstbesuch können den folgenden Links entnommen werden:

    http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Kirchliches_Leben/Gottesdienstbesucher_Katholiken_1950_2009.pdf

    http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Kirchliches_Leben/Gottesdienstbesucher_Evangelische_1971_2008.pdf

    Bei den Katholiken
    betrug der entsprechende Anteil 2008 13,04 %, bei den Protestanten 4,16 %.

    • Die Anzahl der christlichen Kirchenmitglieder ist jedenfalls viel höher als die Anzahl jener, die auch nur gelegentlich in der Bibel lesen. Was wiederum zur Schlussfolgerung führt, dass fast alle Kirchenmitglieder keine gläubigen Christen sind.

      • Alexia sagt:

        Womit wir wieder bei der sehr freien Definition von Christ sind:

        Ein Christ ist jemand, der sich als Christ identifiziert. Fertig.

        Egal was Papst, sonstiger Klerus, andere Christen oder Außenstehende sagen. 🙂

        • Super. Dann definiere ich einen Tisch als als Stuhl, ein Haus als Giraffe, einen Löffel als Glas Wasser. Und anstatt in der Klappsmühle zu landen für den Irrsinn, loben die Leute meine freie, unabhängige Entscheidung, Begriffe beliebig zu definieren.

          • Dann ist ein Christ jetzt ein Moslem, wenn ich das so will. Egal, was Papst, sonstiger Klerus, andere Christen oder Außenstehende sagen.

          • Alexia sagt:

            Nicht wenn du das so willst, sondern wenn derjenige, der früher Christ war und jetzt Moslem ist, es so will.

          • Kreuzdame sagt:

            Ihre Argumentation scheitert wieder mal an den objektiven Gegebenheiten.
            Nirgendwo ist definiert, dass ein Christ die Bibel lesen muss. Er kann
            sich ja auch einfach von anderen (bspw. Klerikern oder Wissenschaftlern)
            erklären lassen, was da so drinsteht und was sonst noch wichtig ist für
            Christen. Wie Alexia richtig erwähnt, war das in der Geschichte auch
            häufig der Fall. Übrigens nicht nur in der Zeit, in der die Kirche
            eigenständige Bibellektüre verbot oder einschränkte, sondern etwa auch
            da, wo die Mehrheit der Christen überhaupt nicht lesen konnte. Ein
            Christ könnte Christus oder den Hl. Geist oder sonstige Offenbarungen zudem auch zum Bsp. in Form von Visionen oder
            ekstatischen Erlebnissen oder auch Sakramenten, Riten, Bildern usw. kennen
            lernen (oder meinen, das zu tun). All das war auch schon in früheren Jahrhunderten gängig.

            Das
            tatsächlich wesentliche
            Kennzeichen für einen Christen ist jdfs. nicht die Lektüre der Bibel,
            sondern die Taufe. Wer getauft ist, ist auf jeden Fall Christ, solange
            er nicht abschwört (und damit Apostat wird). Den Getauften
            gleichgestellt sind so genannte Katechumenen, das sind Leute, die (noch)
            nicht getauft sind, aber eine Taufe anstreben und den Glauben kennen
            lernen wollen und sich zu diesem Zweck einer Gemeinde anschließen. So
            ist das in praktisch
            allen Gemeinschaften geregelt, die sich als Christen bezeichnen. Auch in
            der
            säkularen oder nichtchristlichen Umwelt wird dieses Kriterium
            weitestgehend
            anerkannt. Es gibt ein paar Ausnahmen am Rande (etwa Zeugen Jehovas,
            Neuapostoliker oder Mormonen, historisch auch Gnostiker, Katharer
            u.ä.), bei denen strittig ist, ob sie sich zu recht als Christen
            bezeichne(te)n bzw. ob sie tatsächlich christlich taufen oder nicht.
            Diese Leute bezeichnen sich in der Regel selber als Christen, werden
            aber von den anderen (inkl. Religionswissenschaftlern) nicht ohne
            Weiteres als solche anerkannt. Das sind aber Randphänomene.

            Ob
            jemand an der Bibel interessiert ist oder an sie oder sonstige Inhalte
            glaubt oder nicht, ist relativ zweitrangig. Es gibt natürlich neben den
            vielen unterschiedlichen Konfessionen, Denominationen und Glaubensrichtungen innerhalb
            des Christentums auch Zweifelnde, Ungläubige, Uninformierte, Experten, Leichtgläubige, nicht
            Praktizierende, Praktizierende, Unfromme und Superfromme und was nicht
            noch alles.
            Das ist aber alles egal, solange ein(e) Getaufte(r) (oder

            Taufanwärter(in)) nicht ausdrücklich und einigermaßen entschieden für
            sich (und idealerweise auch für andere erkennbar) feststellt, er oder
            sie sei kein(e) Christ(in). Dann (und nur dann)
            ist er oder sie das auch nicht mehr, sondern wird wie
            oben schon gesagt „Apostat(in)“ genannt.

            Ebenso naiv und
            uninformiert ist die dem Beitrag zugrunde liegende Hypothese zur
            Bedeutung der Bibellektüre für das Schicksal des Christen nach dem Tod.
            In der Bibel steht ja überhaupt nicht genau und eindeutig drin, was
            gefordert ist, um nach dem Tod nicht in der Hölle zu landen. Es mag
            Christen geben, die solche Dinge aus der Bibel herauslesen, aber
            jedenfalls gehen die Meinungen darüber, was es genau ist und ob die
            Lektüre der Bibel dafür nötig ist oder überhaupt ausreicht und ob und
            welche weiteren Dinge notwendig oder wünschenswert sind und sogar ob
            überhaupt jmd. in der Hölle landet und wie diese zu definieren ist
            (diesseitig, jenseitig, mystisch, esoterisch, symbolisch …), innerhalb
            der christlichen Gläubigen sehr weit auseinander.

            Im Kern hat
            Alexia also völlig recht und es geht bei der Religionszugehörigkeit um
            Selbstdefinition, verbunden allerdings mit gewissen äußeren Merkmalen,
            im Falle des Christentums der christl. Taufe (nicht etwa der
            Bibelfestigkeit, auch nicht der Glaubenstreue oder sonstigen
            innerkirchlichen Qualitäts- oder Verbundenheitsmaßstäben). Sehr ähnlich ist das auch im Fall der anderen großen Religionen.

          • Dann bin ich Christ, denn ich wurde getauft. Dass ich nicht an Gott glaube, ist offenbar von keiner Bedeutung.

            Schließlich weise ich darauf hin, dass nun zwei Kommentatorinnen der Meinung sind, dass einen Christen die Bibel – die Grundlage ihres Glaubens und aller um ihn herum gesponnenen Theologie (wie, dass man durch die Taufe Christ wird) nicht interessieren muss. Dass man die „Heiligen Schriften“ als Christ keineswegs weiter beachten muss, selbst wenn man sie problemlos lesen könnte.

          • Kreuzdame sagt:

            Dass Sie nicht an Gott glauben, ist schon von Bedeutung. Wenn das ausdrücklich heißen soll, dass Sie kein Christ sein wollen, entspricht diese Aussage ja dem, was ich oben als „Abschwören“ oder „Apostasie“ bezeichnet habe. Damit wären Sie dann auch kein Christ mehr. Sie können das Ganze dann noch garnieren durch äußerliche Dinge wie Kirchenaustritt, Verzicht auf Tischgebet oder kirchliche Beerdigung, Abmelden Ihrer Kinder vom Religionsunterricht etc. pp. Worauf es ankommt, ist Ihre Entschiedenheit, kein Christ sein zu wollen.

            Wenn Sie mit der Aussage, nicht an Gott zu Glauben und ein „atheistischer“ Philosoph zu sein, allerdings einfach nur eine gewisse Glaubensferne zum Ausdruck bringen, sich gewissermaßen als „Zweifler“ oder „Suchenden“ oder „Enttäuschten“ kennzeichnen, ohne damit eine bewusste und entschiedene Abkehr vom Christentum zu verbinden, können Sie auch trotzdem noch als Christ durchgehen, wenn Sie wollen. Es kommt wie gesagt ganz auf Sie an.

            Im Übrigen stimme ich Ihrer ursprünglichen Aussage, dass sich Christen eigtl. viel intensiver mit der Bibel und den Inhalten ihres Glaubens beschäftigen sollten, im Grunde genommen voll zu. Das trifft aber natürlich auch für Sie zu. Denn bevor Sie als Getaufter wirklich bewusst und entschieden sagen könnten, ich will kein Christ mehr sein, und damit dann auch aufhören, ein solcher zu sein, müssten Sie natürlich eigentlich auch genauer wissen, was das eigentlich heißt, und sich redlicherweise darüber informieren.

          • „Das trifft aber natürlich auch für Sie zu. Denn bevor Sie als Getaufter wirklich bewusst und entschieden sagen könnten, ich will kein Christ mehr sein, und damit dann auch aufhören, ein solcher zu sein, müssten Sie natürlich eigentlich auch genauer wissen, was das eigentlich heißt“

            Sagt wer? Da Ihnen zufolge jeder vom atheistischen Zweifler zum Fundamentalisten ein Christ sein kann, wenn er denn nur getauft wurde, dann gibt es auch ein breites Spektrum an Menschen, welche die Religion verlassen können – mit einem ganz unterschiedlichen Wissen über „das“ Christentum. Ich kann überhaupt keine Ahnung haben und mich spontan einfach nicht mehr als Christen bezeichnen und Apostasie betreiben bis zum Umfallen. Wenn die subjektive Willkür für Christen gilt, dann gilt sie auch für andere.

            In meinem Beitrag geht es im Grunde nur darum, dass ich es erstaunlich finde, dass sich Christen nicht für ihre eigene heilige Schrift interessieren sollten. Und das ruft nun solchen Widerspruch hervor!

            Wenn ich das Christentum nach meiner gesamten Schulzeit Religionsunterricht, Kommunion, Firmung, etc. noch immer nicht verstanden habe, dann ist es wohl einfach unverständlich. Ich verstehe Dinge auf einer sehr hohen Abstraktionsebene, also scheitert es gewiss nicht an mir.

          • Alexia sagt:

            Kreuzdame und ich versuchen, dir nahezubringen, warum du Christen nicht verstehst und Widersinnigkeiten siehst. Du selbst hast doch gesagt, du es nicht verstehst.

            „Ich verstehe Dinge auf einer sehr hohen Abstraktionsebene […]“
            Vielleicht liegt es daran.
            Du versuchst, bestimmte Definitionen für Dinge zu finden.
            Hier definierst du, was ein Christ ist. Und dann bist du überrascht, dass Christen nicht wie Christen sind.

            Ich selbst abstrahiere nur ungern und ganz besonders ungern abstrahiere ich Menschen. Ich bevorzuge Analogien aus Bereichen, in denen ähnliche Regeln herrschen, die ich bereits verstanden habe. Dinge erfasse ich also eher von der pragmatischen Ebene aus.

            Ich sehe DInge, wie sie sind. Und Christen sind, wie ich bereits beschrieben habe, sehr unterschiedlich. Der (konfessionelle) Religionsunterricht erfasst nur einen verschwindend geringen Teil davon. Dieser Teil enthält die Christendefinition der jeweiligen Konfession (erste Einschränkung), wie sie der jeweilige Klerus kommuniziert (zweite Einschränkung), wie der Religionslehrer diese kommunizierte Definition versteht (dritte Einschränkung), mit abgewandelten Details, die der Lehrer so besser findet (erste Abweichung), wie die Schüler das verstehen (zweite Abweichung) und sich gegebenenfalls nach Belieben zurechtbiegen (dritte Abweichung).

            Es gibt keine objektive Erklärung, weil jeder der gut zwei Milliarden Christen dieser Welt eine eigene Definition von Christsein hat. Manche überlappen sich so stark, dass Unterschiede kaum erkennbar sind. Und manche sind soweit auseinander, dass man sie schon als verschiedene Religionen ansehen müsste.

            Abspaltung, Veränderung, erneute Abspaltung, mehr Veränderung, Verschwinden von Urformen, Verschwinden kompletter Stränge welche in einer Sackgasse gelandet sind …
            Irgendwie kommt es mir vor, als würde Religion eher den Regeln von Evolution folgen. Um bei der Analogie zu bleiben, hast du vielleicht ein Exmoor-Pony beschrieben und wunderst dich, warum Rotbauchunken, Tasmanische Beutelwölfe, Zitronenfalter oder Habichte so total anders sind. Dabei sollten doch Wirbeltiere so sein wie dieses Pony…

            Die individuelle Christendefinition ist ähnlich divers wie der Unterstamm der Vertebrata.

          • Missing Link sagt:

            @Andreas Müller
            Bernd sagt:
            Deine „Engelsgeduld“ ist wirklich
            bewundernswert. Aber gegen die Logik von Karl Valentin kommst du nicht an.
            Die Lebenseinstellung „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ ist in Deutschland heute weit verbreitet. Woran das liegt, weiß ich auch nicht, habe aber natürlich Vermutungen. Du könntest ja mal einen Artikel darüber schreiben.

          • Kreuzdame sagt:

            Entschuldigung, mein Statement klang etwas vorwurfsvoll, so wollte ich das nicht sagen. Wie und warum Sie persönlich sich für oder gegen das Christentum oder den Gottesglauben insgesamt entscheiden und aus welchen Gründen, geht ja niemanden etwas an und mich schonmal überhaupt nicht und ich habe das auch nie und nimmer zu beurteilen. Das war auch nicht meine Idee.

            Natürlich ist jeder, auch wenn er oder sie getauft ist, immer völlig frei in dieser Angelegenheit und kann sich jederzeit und aus jedem rationalen oder emotionalen Anlass oder Motiv entschließen, kein Christ sein zu wollen, ohne anderen irgendeine Rechenschaft zu schulden. Die Entscheidung kann überlegt oder unüberlegt sein und aus jedem noch so nichtigen Grund erfolgen, da hat niemand dreinzureden oder zu kritisieren. Dafür haben wir die Religionsfreiheit.

            Mir ging es darum, dass ich grundsätzlich keinen wirklich gravierenden Unterschied sehe zwischen Leuten, die sich weiter als Christen bezeichnen, obwohl sie sich wenig dafür interessieren und das Ganze nicht sehr ernstnehmen oder kaum kennen, und Leuten, die sich vom Christentum verabschieden, ohne sich wirklich damit beschäftigt zu haben (damit sind wie gesagt nicht Sie gemeint, da ich ja überhaupt nicht weiß, wie intensiv Sie sich damit beschäftigt haben) oder nur aus oberflächlichen Motiven (so Bauchgefühle wie „Religion ist Quatsch“, oder so). Wenn ich sowieso nicht viel von der Religion begreife und sie mich wenig interessiert, ist es doch sicherer, ich bleibe drin, irgendwas könnte ja doch dran sein.

          • Pascals Wette. Wobei dann auch die Gegenargumente greifen – das könnte man nämlich über jede Religion sagen. Vielleicht ist was am Hinduismus dran, also bleibt man lieber – oder wird – Hindu. Und so weiter. In der Abwesenheit von Belegen ist alles Willkür.

          • Kreuzdame sagt:

            Mein letzter Satz erinnerte zugegebenermaßen an Pascals Wette, aber die funktioniert ja (ebenso wie Ihre Argumente gegen den Gottesglauben) nur, wenn man die Existenz Gottes als grundsätzlich falsifizierbare Annahme konstruiert und Gott damit zu einem Dritten, der Welt souverän Gegenüberstehenden verobjektiviert, was selbstredend nicht funktionieren kann. Dass es derartige externe Götter (übernatürliche Wesenheiten, die von außen her in die natürliche Welt hineinregieren) nicht gibt, wussten schon die Israeliten und wurden deshalb strenge Monotheisten. Ein Gottesglaube gegen vernünftig erkannte Wahrheit ist natürlich Unfug.

            Aber wir schweifen ab. Um die Gottesfrage an sich ging es hier ja nicht. In der Realität wird es sicher auch eine Anzahl von Christen geben, die sich an der Pascal’schen Wette orientieren oder aus anderen Gründen am Glauben festhalten, die vielleicht noch weniger überzeugend scheinen. Oder eben gar nicht so weit denken. Hier ging es nur darum, dass es keinen Grund gibt, sie deswegen oder weil sie das Ganze nicht sooo interessiert für nicht mehr richtig christlich zu halten. Auch diejenigen, die sich aus vordergründigen Motiven und ohne bis zuletzt durchzureflektieren von der Religion abwenden, sind ja nicht völlig konsequent. Ich sehe da wie gesagt keinen großen Unterschied zwischen dem, der sagt: „ich glaub aber trotzdem“ und dem, der sagt: „ich will aber Belege“ (die es ja per definitionem nicht geben kann).

          • Magisches Denken: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Ich muss nicht fünf Mal am Tag beten, ich muss nicht einmal an Allah glauben. Ich kann mich einfach zu einem Muslim erklären und schon bin ich einer. Schade, dass ich verhaftet werde, sobald ich mich einfach zu einem Polizisten erkläre. Dabei ist das doch meine rein subjektive Entscheidung.

          • Störk sagt:

            Andreas,

            Du machst nicht „die Welt“ wie sie Dir gefällt, sondern Dein „Selbstbild“! Die Bibel ist interessant zu lesen, und manche Geschichte, die dem einen als „nachahmenswertes Vorbild“ gilt, ließt jemand anderes als „abschreckendes Beispiel“. Es gibt keine Verpflichtung für Christen, eine bestimmte Sichtweise als allgemein verbindlich zu akzeptieren.

            Mit dem Koran ist es da schon schwieriger…

          • Alexia sagt:

            Religionsangehörige sind keine Gebrauchsgegenstände sondern Menschen mit einer Selbstidentität.

            Ihnen vorzuschreiben, dass sie sich nur als Christ bezeichnen dürfen, wenn sie die Bibel lesen und kennen, funktioniert einfach nicht. Ähnliches gilt auch für Muslime, Buddhisten, Wiccas, Schamanen, Animisten …

            Was auch immer die spirituelle Identität ist eines Menschen ist, sie ist auf jeden Fall individuell und jede Art von Kistendenken wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwo anecken.

            Man könnte vielleicht Unterkategorien und Unter-Unterkategorien definieren, was allerdings eine Sisyphos-Aufgabe wäre. Man hätte irgendwann so um die zwei Milliarden davon.

            Fun fact: Bis ins Spätmittelalter hinein gab es immer wieder Bestrebungen, Bibellektüre duch Laien, also Nichtkleriker, zu verbieten. Zuwiderhandlungen wurden als Umgehung der kirlichen Deutungshoheit gesehen und entsprechend als Ketzerei behandelt. Dazu kam noch der weitreichende Analphabetismus. Wenn wir die Definition „Christ = kennt und glaubt an Bibel“ nehmen, gab es im Europa des 15. Jahrhunderts kaum Christen.

          • Und jetzt können sie ihr heiliges Buch lesen und tun es einfach häufig nicht. Auf jeden Fall kann man nicht willkürlich jemanden als Christen bezeichnen. Selbst, wenn er keiner ist, wenn die Bibel und Jesus keine Rolle für ihn spielen. Man kann sich auch selbst nicht „Christ“ nennen, wenn man nicht an den christlichen Gott glaubt. Wendet man dieses Prinzip der willkürlichen Kategorisierung von Menschen auf andere Fälle an, so könnte man ebenso dich als eine Mörderin bezeichnen. Du hast zwar niemanden umgebracht, aber das ist ja nur die Meinung anderer Menschen, von irgendwelchen Autoritäten, Fakten gibt es sowieso nicht oder sie spielen keine Rolle bei der Benennung von Menschen.

            Man hat natürlich das politische Recht dazu, sich sonstwie zu nennen, was ja keiner bestreitet – also sollte man auch nicht so tun, als würde es jemand bestreiten (!). Aber es ergibt nicht den geringsten Sinn. Und ja, ich erwarte, dass die Menschen ihren Verstand verwenden, wenn es um ihre grundlegenden Überzeugungen geht. Sonst sind sie eben Idioten, womit sie sich selbst und ihrer Umwelt keinen Gefallen tun.

          • Alexia sagt:

            Wir reden hier irgendwie aneinander vorbei…
            Ich rede von Selbstidentität. Wenn ein Muslim feststellt, dass hinduistische Kultur/Werte/Lehren ihn stärker ansprechen als die Kultur/Werte/Lehren, in welche er hineingeboren ist, dann wird er, sollte er sich sicher genug fühlen, bekannt machen, dass er Hindu ist. Falls er das nicht so empfindet, kann er es zwar dennoch sagen, aber es wäre eine Lüge. Denn es wäre nicht sein wahres Identitätsverständnis.

            Den Begriff „Mörder“ würde ich in eine Überkathegorie „Menschen, die etwas taten“ einordnen. Die Begriffe „Christ“, „Muslim“, „Neopaganist“ etc. bewegen sich eher in Kathegorien wie „Werteorientierung“ oder „spirituelle Identität“. Natürlich überlappen sich Kathegorizierungen bei allen Menschen. Aber ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, parallel laufende Stränge aus Kathegorien und Unterkathegorien nach denselben Definierungsmethoden zu behandeln.

            Ein Mörder ist jemand, der jemand anderen unter bestimmten Voraussetzungen getötet hat. Der Mörder kann zwar glauben, er hätte einen Dämon getötet und sich somit nicht als Mörder identifizieren, aber der Begriff ist nun einmal an die meist objektiv erfassbare Tat gebunden.
            Identität und Orientierung können zwar beobachtbare Taten motivieren, aber für sich allein sind sie von Außenstehenden nicht erfassbar. Um diese geht es aber bei Spiritualität.

            Zurück zum (Nicht-)Christsein…
            Es gibt Menschen in authoritären Positionen, welche bestimmte Regeln für Christen aufstellen. Oder auch für alle Menschen, mit dem Ziel dass alle Christen werden sollen.
            Jetzt gibt es allerdings zahlreiche christliche (oder als christlich bezeichnete) Unterströmungen. Katholizismus und Protestantismus sind zwei, die in Europa ziemlich dominant sind. Dann reihen sich noch die Zeugen Jehovas ein, Mormonen, diverse Babtisten, Methodisten, Born-again-Christen …

            Du behauptest jetzt, dass nur jemand Christ sein kann, der die Bibel kennt, an den darin beschriebenen Gott und an Jesus‘ Lehren glaubt. Das ist eine Definition. (Nicht DIE Definition)

            Der katholische Oberklerus geht noch weiter und schreibt zum Beispiel vor, dass die tatsächliche Transsubstination des Wesens von gesegneten Hostien und Wein zum Fleisch und Blut von Jesus zum christlichen Glauben gehört. Wer das lediglich methaphorisch sieht, ist kein richtiger Christ. Damit wären zumindest schon mal alle Protestanten raus.
            Andere Untergruppen haben wieder andere Anhaltspunkte. Und manche, insbesondere viele Nichtkonfessionelle, sehen die Bibel als tragischen Murks, den zu lesen Zeitverschwendung ist, eben weil vom Original kaum noch etwas übrig ist. Diese bezeichnen sogar Katholiken, selbst solche, die die Bibel kennen und an die Inhalte glauben, als total unchristlich, meist mit Verweis auf den zur Schau gestellten Luxus.
            Auch manche Atheisten meinen mit leichtem Zynismus, dass ein echter Jesus-Anhänger (also Christ) seinen Reichtum an Arme verschenken sollte. Immerhin ist es für Reiche schwer, zu Gott zu gelangen. Hat Jesus gesagt. Damit wären alle ab dem Mittelstand aufwärts raus. Und der katholische Klerus sowieso 🙂

            Also wer darf jetzt die Bedingungen der Überkathegorie „Christ“ festlegen, wenn alle irgendetwas anderes sagen?

            Ich würde den kleinsten gemeinsamen Nenner vorschlagen. Das ist bei allen Jesus und seine Lehre.
            Christ = jemand der sich an Christus orientiert.
            Viel mehr steckt in dem Wort einfach nicht.
            Diese Lehre könnte man natürlich aus dem Buch erfahren. Aber wenn vorausgesetzt wird, dass alles bis zur Unkenntlichkeit verfälscht wurde, ist das eher sinnlos. Da wärem Mutmaßungen basierend auf Höhrensagen genauso gut.

            Meine Schlussfolgerung:
            Der einzige Mensch, der festlegen sollte, ob jemand Christ ist oder nicht, ist eben jener Jemand. Der Begriff „Christ“ kann nicht objektiv definiert werden.

          • Zum Thema Menschen sind keine Gebrauchsgegenstände: Als ob nur Gebrauchsgegenstände der rationalen Kategorisierung unterworfen wären. Als ob es beleidigend wäre, einen überzeugten Muslim einen Muslim zu nennen, obwohl er sich selbst einen Hindu nennt. Er ist kein Hindu und seine Meinung spielt keine Rolle, sondern die Tatsachen der Realität – das, was er tatsächlich glaubt in diesem Fall.

  2. patrick.sele sagt:

    Mir scheint, dass
    die Diskussion darüber, was genau einen Christen ausmacht in diesem
    Zusammenhang irrelevant ist und mehr Verwirrung stiftet als zur Klarheit beiträgt.
    Aus diesem Grund scheint es mir sinnvoll zu sein, in Bezug auf die hier zur
    Debatte stehenden Gruppen von Menschen den Begriff „Christ“ wegzulassen.
    Dementsprechend beschreibe ich die hier zu betrachtenden Gruppen von Menschen
    wie folgt:

    (A) Diejenigen,
    welchen glauben, dass die Bibel die schriftliche Offenbarung des Schöpfers des
    Universums ist.

    (B) Diejenigen,
    welche regelmässig die Bibel lesen.

    Die Frage ist nun,
    wie gross der Anteil derjenigen in Gruppe (A) ist, welche auch zur Gruppe (B)
    gehören. Andreas Müller behauptet, dass der betreffende Anteil eher klein ist, wobei
    er jedoch für diese Behauptung keinen Beleg vorlegt.

    Die Evangelikalen
    und Pietisten bilden wohl diejenige religiöse Gruppierung, die, erstens, unter
    den zu den Gruppen (A) und (B) gehörenden Personen den höchsten Anteil
    ausmachen und, zweitens, bei welchen der Anteil derjenigen, welche sowohl zur
    Gruppe (A) wie auch zur Gruppe (B) gehören am höchsten ist. Nun liegt der
    Anteil der Evangelikalen und Pietisten an der Bevölkerung in Deutschland meines
    Wissens irgendwo zwischen 1 % und 2 %. Gemäss den in meinem ersten Kommentar
    vorgestellten statistischen Angaben beträgt der Anteil derjenigen, welche
    regelmässig in der Bibel lesen etwa 4 % der Bevölkerung. Wenn man wie erwähnt
    davon ausgeht, dass ein Grossteil der Evangelikalen und Pietisten sowohl (A)
    und (B) angehören, dann scheint mir die Annahme, dass die meisten derjenigen,
    welche zur Gruppe (A) gehören auch zur Gruppe (B) gehören gut begründet zu
    sein.

    • Ich gehe auch davon aus, dass ihr Fundis die Bibel schon regelmäßig lesen werdet. Deine Argumentation läuft, wie bemerkt, allerdings darauf hinaus, dass es so gut wie keine wirklich gläubigen Christen in Deutschland gibt – nur bis maximal vier Prozent. Derweil sind aber rund zwei Drittel der Deutschen Kirchenmitglieder. Im Grunde habe ich kein sonderliches Problem mit deiner Argumentation. Allerdings habe ich ebenso Recht, denn es gibt weitaus mehr Menschen, die sich selbst als „Christen“ bezeichnen, ohne wirklich gläubige Christen in deinem (m.E. durchaus korrekten) Verständnis zu sein.

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