Warum lesen viele Christen die Bibel nicht?

(Ergänzung zum letzten Beitrag: Nein, ich fordere nicht ernsthaft das Verbot der SPD. Auch wenn das demokratische Argument gegen ein solches Verbot nichts taugt: Wenn eine Mehrheit im Lande beschließt, eine produktive Minderheit zu berauben, so ist das noch immer Raub und somit moralisch nicht legitim, ob es gesetzlich legal ist oder nicht. Wenn in einem Dorf eine Rockerbande die Mehrheit bildet und das Eigentum einer Minderheit auf sich „umverteilt“, ist und bleibt das Raub. Dasselbe gilt für eine ganze Nation. Die Legitimität von Steuern überhaupt ist durchaus anfechtbar. Aber das Problem hat nichts mit Parteien zu tun und ob man sie erlauben oder verbieten sollte. Die ARD sollte man hingegen tatsächlich abschaffen. Aber das nur beiläufig in Klammern. Ist ja praktisch ausgeschlossen, dass jemand diese harmlose Anmerkung falsch versteht.)

Also, warum lesen so viele selbst bezeichnete Christen die Bibel nicht? Wenn ich das richtig sehe, ist die Bibel auf jeden Fall die Gründungsschrift ihres Glaubens mit den wichtigsten Lehren und zudem entweder:

1. Das unmittelbare Wort Gottes.

2. Das von Gott diktierte und teils vielleicht missverstandene Wort.

3. Ein Werk von Menschen, die Zeugnis von Gott und seinen Propheten geben, wie sie diese wahrgenommen und verstanden haben.

Auf jeden Fall würde also ein gläubiger Christ die Bibel lesen, wenn er ansatzweise rational an seinen Glauben herangeht. Sie ist laut jeder christlichen Auffassung die wichtigste Schrift über den Schöpfer unseres Universums, der für jeden von uns einen Plan hat, der uns vorschreibt, wie wir leben sollen und der uns bei Nichtbeachtung seiner Gebote bestraft.

Nur eine Minderheit von Christen hat allerdings die Bibel gelesen. Das geht aus Umfragen hervor und entspricht meiner persönlichen Erfahrung. Ich rede als atheistischer Philosoph sehr gerne über intellektuelle Themen. Ich greife nach jedem Strohhalm, der sich mir bietet. Ich stürze mich auf alles, was nur ansatzweise einen gewissen Anspruch hat. Wenn mir jemand sagt, dass er Christ ist, na gut, dann rede ich gerne mit ihm über die Bibel und Theologie. In neun von zehn Fällen hatten die Christen von ihrem eigenen Glauben so gut wie keine Ahnung. Und das gehört zu den Aspekten der Realität, die mich in die rasende Verzweiflung treiben.

Es ergibt einfach keinen Sinn. Wenn mir jemand ins Gesicht sieht und sagt, er ist ein überzeugter Christ – für ihn ist also laut Definition die Bibel, wenigstens das Neue Testament, die Grundlage seiner ganzen Weltanschauung – also muss er einfach die Bibel kennen. Wäre ich überzeugt, dass ein allmächtiger Gott uns geschaffen hat, und dass dieser Gott uns etwas über unser Leben mitgeteilt hat in einem Buch, das einem auf der Straße gratis in die Hand gedrückt wird – ich würde einen großen Teil meines Lebens mit dem Bibelstudium verbringen.

Warum tun sie das dann nicht? Lügen sie über ihren Glauben? Es ist jedenfalls ausgeschlossen, dass es sie einfach nicht interessiert, was der Schöpfer des Universums über ihr Leben sagt. Oder? Der Mensch ist das vernunftbegabte Tier. Er muss seine Ethik selbst wählen. Er braucht eine Ethik, um zu wissen, wie er handeln soll. Ein Christ ist jemand, der glaubt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes war und dass das Buch, das seine Worte enthält, ihm eine Orientierung im Leben gibt, eine Ethik. Wie kann man es dann nicht lesen als Christ?

Hätten sie den Wein bei meiner Taufe vergiftet, viel Leid wäre mir erspart geblieben.

6 Kommentare zu “Warum lesen viele Christen die Bibel nicht?

  1. Alexia sagt:

    „Es ergibt einfach keinen Sinn.“
    Mit Schwarz-Weiß-Denken in Richtung Bibel(be)kenntniss = Christ / keine Bibel(be)kenntniss = Nichtchrist werden Dinge sehr schnell unsinnig.

    Meinen eigenen Erfahrungen nach bezeichnen sich allerdings alle möglichen Leute als Christen. Das können sein …
    * Bibelkenner und -gläubige
    * Bibelrosinenpicker welche sich nach beliebten Textstellen mehr oder weniger richten und andere ignorieren
    * Leute, welche an irgendeine Art „höherer“ Macht und an Jesus als tollen Propheten glauben
    * Kulturchristen, welche sich nur als Christen bezeichnen, weil sie Werte toll finden, die gemeinhin als „christlich“ bezeichnet werden. So etwas wie nicht töten, nicht klauen, friedliche Konfliktlösungen suchen …
    * Lippenbekenner, welche Kirchenmitglieder und gleichzeitig atheistisch sind

    * … und so weiter

    Christ ist, wer sich (warum auch immer) als Christ identifiziert. Dass sich nun die diversen Organisationen, sonstigen Gruppierungen und Individuen gegenseitig das Christsein absprechen, spielt keine Rolle.

    Und wer von allen Menschen totale Konsequenz im Handeln und Denken erwartet, wird immer über derartiges stolpern. Menschen sind in kaum einer Beziehung konsequent.

    • “Totale Konsequenz”, als ob totale Konsequenz nötig wäre, wenn man als Christ, der an Gott und seine heilige Schrift glaubt, auf welche Art auch immer, das Wort, das angeblich von Gott stammt, zu lesen. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Ich rede von Menschen, die wirklich glauben, dass die Bibel entweder von Gott geschrieben, diktiert oder inspiriert wurde. Die glauben, dass Gott ihr Schöpfer und der Schöpfer des Universums ist, der etwas wichtiges seiner Schöpfung in diesem Buch mitzuteilen hat. Wer das glaubt und trotzdem nicht die Bibel liest, der ist nicht einfach “nicht total konsequent”. Hör mal: Du glaubst, es gibt ein allmächtiges, übernatürliches Wesen, das dich geschaffen hat und das ein Buch für dich geschrieben hat. Und jetzt bringst es es mit dieser Überzeugung fertig, das Buch nicht zu lesen? Das ist eine gute Stufe verrückter als Leute, die sich für Napoleon halten.

      • Alexia sagt:

        Möglicherweise habe ich dich falsch verstanden.

        „Wenn mir jemand ins Gesicht sieht und sagt, er ist ein überzeugter
        Christ – für ihn ist also laut Definition die Bibel, wenigstens das Neue
        Testament, die Grundlage seiner ganzen Weltanschauung – also muss er einfach die Bibel kennen. “

        Das klingt für mich, als wäre alles nach dem ersten Gedankenstrich nicht die Aussage des Christen sondern deine Schlussfolgerung, basierend auf einer bestimmten Vorstellung davon, was ein Christ ist.

        Nur zieht kaum ein Christ diese Konsequenz. Und warum sollten sie auch? Religion kann überaschend liberal sein. Auch wenn das manchen Religionsführern oder -anhängern nicht gefällt. Für die meisten Christen ist die Bibel von Menschen geschrieben, viele Male ungenau oder fehlerhaft übersetzt und aus politischen Motivationen verfälscht worden.

        Manche bevorzugen es aus diesen oder anderen Gründen, sich von den Inhalten erzählen zu lassen, inklusive priesterlicher Deutung.

        Warum sollte das weniger legitim sein als selbst zu lesen? Immerhin sind selbst die jeweiligen muttersprachlichen Versionen für die meisten Menschen verdammt schwierig zu lesen. Ich hatte es selbst mal versucht. Vorne angefangen und irgendwo in der Mitte vom fünften Moses-Buch aufgehört, weil sich mein Gehirn anfühlte als wäre es ein nasser Schwamm, denn jemand verdrallt und verknotet hatte.

        Ich kann kaum von jemandem erwarten, dass er sich nicht nur das antut sondern sich auch bis zur Offenbarung durchkaut. Und alles nur um sich Christ nennen zu dürfen?

        • Störk sagt:

          Nur bis zum 5. Buch Mose? Schwach. Im Grunde ist es mit dem Pentateuch / der Thora doch nicht viel anders als mit Atlas Shrugged: durch John Galt’s Rede muß man sich durchkämpfen und man sollte Zeit dafür einplanen, aber die Geschichten drumherum sind durchaus spannend erzählt.

          • Alexia sagt:

            Ich habe durchaus auch andere Stellen gelesen. Nur nicht vollständig oder linear, sondern lediglich zum Nachschlagen, für den Fall, dass mir einer mit irgendwelchen Zitaten was vom Pferd erzählt.

  2. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Christen sollten natürlich ihre Bibel gelesen haben, insbesondere das Neue Testament, aber, aberrr es ist schon so, dass es sich um Zeugenberichte, eben um Testamente handelt, die auch schon einmal ein wenig lockerer interpretiert werden können bzw. deren Zurkenntnisnahme durch Verlautbarung durch Andere („Paffen“, Theologen) ersetzend sein könnte für den einzelnen Gläubigen.

    Nicht „so cool“ ist es natürlich, wenn Christen gar nicht mehr wissen, was bezeugt worden ist, EKD-mäßig sozusagen die Kässmann oder den Schneider machen, schwules Handeln in der Sakristei [1] promovieren sozusagen.


    Das Christentum war zusammen mit dem Judentum, der Stoa und den altlateinischen Gedanken die Voraussetzung für die Aufklärung, die Reformation soll hier nicht vergessen werden.
    Woanders wären und sind aufklärerische Ideen und Werte zuverlässig unterbunden worden, se-ehr zuverlässig.

    MFG
    Harry

    [1] oder das Wegmachen der sehr kranken Gattin

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