„Erleuchtung“ in Buddhismus und Aufklärung

Der Kommentator Bernd hat mir meine teils humoristische Ankündigung des nächstens Webinars sehr übel genommen. Ich habe mich in einem Absatz über die „Kollegen“ lustig gemacht – es gibt nämlich Esoteriker, die bei edudip ebenso Webinare anbieten. In der Tat gibt es sogar eine zusätzliche Plattform nur für esoterische Webinare. In der Tat hoffe ich, dass die Mystiker dorthin abwandern und nur die seriösen Anbieter übrig bleiben.

Nun war mein Spott über die „höhere Ebene des Daseins“, auf die man angeblich nach Besuch meiner Webinare aufsteigt, eine sarkastische Anspielung auf die esoterischen Anbieter. Ich wollte nicht aussagen, dass man tatsächlich auf irgendeine höhere Ebene aufsteigt, wenn man eine Einführung in die Epistemologie besucht.

Ich finde die Bemerkung nach wie vor witzig, aber sie setzt zu viel Vorwissen voraus. Bei der Epistemologie geht es ja um die Erkenntnis – und ebenso in der buddhistischen Idee, man könnte in höhere Daseinsebenen aufsteigen. Demnach wäre man „erleuchtet“, wenn man eine neue Stufe der „Erkenntnis“ erreicht. Das ist in der aufklärerischen Terminologie seit dem 18. Jahrhundert genauso – aber es bedeutet etwas völlig anderes, nämlich einfach die Selbstverbesserung durch klassische Bildung. Wenn ich also meine, man kann mit Epistemologie noch besser „aufsteigen“, ist da ein Funken Wahrheit drin, insofern man besser versteht, wie man wirklich an Erkenntnisse gelangt – nämlich, indem man die Realität studiert. Indem man sich bildet. Und nicht, indem man meditiert. Sherlock Holmes und Dr. MacKay, die ich erwähnte, sind die aufgeklärten Gegenstücke zu aufgestiegenen Wesen im Buddhismus.

Tatsächlich brachte eine Leserin die beiden „Erleuchtungen“ bei der Kritik meines Jugendbuches „Das Prometheus Trio“ bereits durcheinander. Sie dachte, die Aufklärung hätte irgendwas mit Meditieren und Buddhismus zu tun. Im Buch geht es darum, dass eine Gruppe Jugendlicher angebliche UFO-Sichtungen aufklärt und die Bewohner ihrer Kleinstadt mit der Wahrheit „erleuchten“ – mit der Erkenntnis, dass eben kein außerirdisches Raumschiff gesichtet wurde!

Humor ist leider immer wieder gefährlich, weil es immer Leute gibt, die ihn nicht nachvollziehen können. Ich dachte, meine Blogleser sollten eher die Zusammenhänge kennen, also bin ich das Risiko eingegangen. Ich würde diese Ankündigung nicht an anderer Stelle so schreiben. Selbst hier wird es nicht von jedem verstanden. Also keinen Humor mehr in Ankündigungen.

Ich habe ferner notiert:

„Die Teilnehmer sollen verstehen, woher unser Wissen kommt. Und sie werden erfahren, wie man rational denkt – und warum sie auf ihren eigenen Verstand vertrauen können!“

Hierauf bezieht sich die zweite kritische Bemerkung von Bernd:

Aha, jeder Mensch hat also den gleichen Verstand, „dann ist ja alles klar auf der Andrea Doria“.

In der Tat geht es in der Philosophie um universelle Eigenschaften von Menschen. Wir sind alle zur rationalen Erkenntnis der Realität fähig. Dafür müssen wir nicht den identischen Geist haben, sondern nur eine identische grundsätzliche Eigenschaft: Das Vernunftvermögen. Und die haben wir auch alle. Das ist eine Tatsache über den Gegenstand der Philosophie. Das wusstest du nur nicht, Bernd, und ist insofern nicht meine Schuld. Es sei denn, ich hätte selbst das noch ausführlich erklären müssen, bevor ich es auch nur ankündige.

Es tut mir leid, Bernds Eindruck von mir – und vermutlich wohl auch den einiger anderer Leser – durch vermeintliche „Marktschreierei“ beeinträchtigt zu haben (weil manche offenbar glauben könnten, sie würden durch ein Philosophiestudium wirklich zu übernatürlichen Wesen heranreifen können!). Ich finde aber auch, man sollte seinen Mitmenschen zunächst mit Wohlwollen begegnen. Und sich erst einmal überlegen, ob ich das vielleicht anders gemeint haben könnte – wofür es deutliche Anzeichen im Text und im Kontext gab.

Es ist allerdings auch sehr frustrierend zu beobachten, wie der haarsträubende Unsinn in unserer Gesellschaft mir die letzten Möglichkeiten nimmt, humoristische Anmerkungen zu machen. Die Idee, ich hätte das vielleicht wörtlich meinen können mit dem Aufstieg in höhere, übernatürliche Ebenen, ist eigentlich verrückt – und sie ist nur nicht verrückt im Kontext einer verrückten Kultur, in der es tatsächlich viele Menschen gibt, die so etwas glauben.

8 Kommentare zu “„Erleuchtung“ in Buddhismus und Aufklärung

  1. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:

    @Andreas Müller

    Natürlich habe ich deine flapsigen Bemerkungen nicht wörtlich genommen, aber es ist der Humor des „Billigen Jakob“ und für deine Webinare unpassend, zumal ich weiß, wieviel Mühe du dir machst. Auch als potenzieller Teilnehmer fühle ich mich „auf den Arm genommen“. Ich spotte ja selbst gerne, aber man muß wissen, wo Spott angebracht ist.

    „Das ist eine Tatsache über den Gegenstand der Philosophie.“
    Was soll dieser Satz bedeuten?

    „In der Tat geht es in der Philosophie um universelle Eigenschaften von Menschen. Wir sind alle zur rationalen Erkenntnis der Realität fähig. Dafür müssen wir nicht den identischen Geist haben, sondern nur eine identische grundsätzliche Eigenschaft: Das Vernunftvermögen. Und die haben wir auch alle.“
    Selbstverständlich haben Tiere kein Vernunftvermögen, sondern nur der Mensch, wenn man von rudimentären Eigenschaften bei höherentwickelten Tieren absieht. Aber auch das genetisch bedingte Vernunftvermögen beim Menschen ist sehr ungleich verteilt, ganz zu schweigen von dem, was der Einzelne bedingt durch Umwelt und eigene Antriebsstärke daraus gemacht hat.
    Das klingt mir bei dir alles zu sehr nach politisch korrekter linker Gleichmacherei, was ja sonst nicht deine Art ist.
    Ansonsten gilt natürlich: „Sine ira et studio“. Ich wünsche dir finanziellen Erfolg, damit deine Mühe auch belohnt wird.

  2. Christos Lauziren sagt:

    „Also keinen Humor mehr in Ankündigungen.“
    Da Du gerade dabei bist Zugeständnisse zu machen, schlage ich vor, direkt dazu überzugehen, Deine Artikel in „leichter Sprache“ zu schreiben, oder – noch besser – in X-Berg-Sprache: „Alter, schwör – voll schwul.“ Und dann solltest Du Dich eigentlich auch noch inhaltlich anpassen: Scheiß auf Ayn Rand – Precht ist cooler 😉

    • Ich trage lieber Frauenkleider und lasse mich von der Heinrich-Böll-Stiftung dafür bezahlen, als hier Leute mit meinem Humor zu belästigen.

      Aber ernsthaft: Ich mache keine inhaltlichen Zugeständnisse, aber an formelle Regeln muss ich mich einfach halten. Und es ist eben so, dass man in bestimmten Kontexten (nicht zuletzt dort, wo die Leute Sachtexte erwarten), auf Humor verzichtet. Etwa bei Nachrichtentexten und bei Ankündigungen. Ich möchte vor allem, dass meine kompromisslosen Inhalte verstanden werden. Wenn sich manche bereits an der Ankündigung reiben und nicht dort, wo gerieben wird, dann halte ich mich dort, wo es egal ist, an die Regeln, um sie dort zu brechen, wo sie gebrochen gehören.

      In der Tat gehört der Humortrieb an falscher Stelle zu meinen Schwächen. Ich habe in meinem aktuellen Studium eine Übungs-Pressekonferenz für einen Waffenhersteller veranstaltet (davon wurde abgeraten und ich mag Herausforderungen) und das war praktisch Stand-Up-Comedy. Der Professor hielt meine inhaltlichen Argumente für mehr Waffen an den richtigen Stellen sogar für überzeugend, aber die formelle Präsentation lenkte von der Ernsthaftigkeit meines Anliegens, Polizisten mit automatischen Elektroschockpistolen auszustatten, leider ab.

      • Außerdem ist Richard David Precht ein gänzlich unterschätzter, wirklich genialer Denker.

        • Aeterus . sagt:

          Seit wann?
          Das erste Buch war eher seicht, auch wenn es ganz gut geschrieben war. Allerdings kam einem jeder Satz vor als hätte man ihn schon mal irgendwo anders gelesen.

          • War ironisch gemeint. Da sieht man wieder die Gefahr des Humors.

          • Aeterus . sagt:

            Ich muss zugeben das ich unter einem leichten Sheldon-Cooper Syndrom leide. Außerdem habe ich mich nach dem ersten Buch nicht weiter mit Precht beschäftigt, hätte also aus meiner Warte theoretisch sein können das er sich weiterentwickelt hat

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Es gibt einige Humortheorien, diejenige, der sich der Schreiber dieser Zeilen anschließt lautet in etwa: Humor entsteht aus der Erkenntnis, dass diese für das Erkenntnissubjekt oder für den Weltteilnehmer die Welt betreffend nie umfänglich sein kann.

    Vgl. auch mit:
    1.) Ronald Reagan mit derartigen Späßchen:
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/We_begin_bombing_in_five_minutes

    2.) Umberto Eco in The Name of the Rose:
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Name_der_Rose#Handlung („Jorge“)

    3.) dem in Paris hochgefütterten bekannten Ayatollah:
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Political_thought_and_legacy_of_Ruhollah_Khomeini#Sternness_and_austerity

    MFG
    Harry

    PS:
    Rummy war natürlich auch sehr lustig (auch wenn er hier schlicht recht hat):
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/There_are_known_knowns

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