Das Irrationale hat einen neuen Gegner

Objektivistische Epistemologie 2 Teaser

Nämlich mein nächstes Webinar. Am besten, ich setze den Termin direkt nach einer Esoterik-Veranstaltung fest. Nach dem Gift wünschen sich bestimmt viele Menschen eine Dosis Gegengift. (Na ja, vermutlich nicht wirklich. Ernsthaft: Mittwoch und Freitag um 19:00 Uhr oder 19:30 haben sich als die beliebtesten Termine durchgesetzt. Wenn das jemandem grundsätzlich nicht in den alltäglichen Terminkalender passt, möge er sich melden.) Es dauert aber noch etwas, bis das Online-Seminar fertig ist.

Unter anderem geht es um folgendes: Das Ausblenden, die Willkür, „Gefühle“, die angeblich dem Verstand widersprechen sollen, die Erpressung der Realität. All das wird die Feuerprobe im Bad der Aufklärung überstehen müssen. Schließlich erfährt man, warum man sich sicher sein kann, dass Wissen wirklich Wissen ist – und Unsinn wirklich Unsinn.

Soweit der kleine Teaser für mein nächstes Webinar. In meiner Akademie könnt ihr auf dem Laufenden bleiben über neue Veranstaltungen. Nun möchte ich noch einige Fragen vom letzten Mal ausführlicher beantworten. Übrigens müssen diejenigen, die nicht dabei waren und kein Interesse an den Seminaren haben, nun keineswegs den Kopf in den Sand oder den Sand in den Kopf stecken. Denn auch für sie dürften die Antworten durchaus interessant ausfallen…

1. Wie verhalten sich Philosophie und die Spezialwissenschaften zueinander?

Genauer gesagt fragte ein Teilnehmer, wie man die Spezialwissenschaften (wie Biologie, Physik, etc.) am besten philosophisch integrieren kann. Ich antwortete, dass man als Wissenschaftler zumindest ein gewisses Grundwissen in Metaphysik und Epistemologie benötigt, um Fehler bei seiner Forschung und deren Interpretation zu vermeiden. Ich sagte außerdem, dass ein Wissenschaftler kein Philosoph sein muss – und ein Philosoph muss (im Gegensatz zu dem, was man mir ständig mitteilt) auch kein Experte in jedem wissenschaftlichen Fachgebiet sein. Oder in irgendeinem. Das ist auch so. Es ist aber noch mehr dazu zu sagen. Jetzt möchte ich die Frage noch etwas weiter fassen – und auf das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft näher eingehen.

„Philosophie beruht nur auf dem, was dem Wissen jedes Menschen mit einer normalen geistigen Ausstattung zugänglich ist. Philosophie hängt nicht von den Entdeckungen der Wissenschaft ab. Das Gegenteil trifft zu.“ (Ayn Rand)

Ein Beispiel ist das Verhältnis von Neurowissenschaften und der Bewusstseinsphilosophie, über das wir gesprochen haben. Ein Philosoph ist dafür da, die allgemeinen Definitionen von „Geist“ und „Gehirn“ zu liefern (die auf Beobachtungen beruhen, erinnert euch an die Begriffsbildung). Wissenschaftler sind dafür da, das genaue Verhältnis von Geist und Gehirn zueinander herauszufinden. Sofern die Forscher einfach ignorieren, was die Philosophen dazu sagen und zum Beispiel die Existenz des Geistes leugnen, so reden sie Unsinn und wir sollten sie ignorieren.

Auf der anderen Seite sagte ich auch, dass Philosophen keine Wissenschaft betreiben sollten – es sei denn natürlich, sie arbeiten wie Wissenschaftler und handeln dann nicht mehr als Philosophen. Beispielsweise ist die Frage nach den letztendlichen Bestandteilen des Universums keine philosophische Frage. Wir wissen als Philosophen nicht, ob die Welt letztlich nur aus subatomaren Partikeln besteht oder nicht. Woher sollten wir das bitte wissen? Das ist eine wissenschaftliche Frage. Vielleicht entdecken Forscher irgendwann etwas Kleineres oder Fundamentaleres. Wir können lediglich an die metaphysischen und epistemologischen Regeln erinnern und etwa sagen, dass die grundlegenden Bestandteile des Universums keine widersprüchlichen Eigenschaften haben können (was manche Quantenphysiker jedoch behaupten).

Mir ist im Übrigen aufgefallen, dass sich viele Menschen (wie einst ich selbst) heute den Naturwissenschaften zuwenden, um Antworten auf philosophische Fragen zu erhalten. Sie werden diese von den Naturwissenschaften nicht erhalten.

 2. Ist die Willenskraft begrenzt?

Nein.

Meine Antwort darauf in der Diskussion (nach einer Abschweifung über die Grenzen der Willensfreiheit) war weniger eindeutig. Ich sagte, dass die Stärke der Willenskraft von der jeweiligen Person abhängt, die den Willen aufbringen muss – zum Beispiel, eine Diät zu machen. Auch ein Mensch mit einem schwachen Willen kann lernen, seine Schwächen zu meistern. Das stimmt zwar, aber geht der Sache nicht genügend auf den Grund. Durch ein Studium der Geschichte stellen wir fest, dass es Menschen gab, die sich freiwillig zu Tode gehungert, in Klosterwände eingemauert oder in einem aussichtslosen Kampf selbst geopfert haben. Auf der anderen Seite beobachten wir Menschen, die sich immer wieder selbst übertroffen haben, die neue Rekorde aufgestellt haben, neue Entdeckungen gemacht, die eine unheimliche Arbeit erforderten. Wir sind zu ausnahmslos allem fähig, was die Naturgesetze erlauben. Metaphysisch betrachtet ist unsere Willenskraft so unbegrenzt wie unser Wissen. Lautet die Frage also, „Ist meine Willenskraft begrenzt?“ (im Augenblick, etwa durch einen schwachen Charakter, schlechte Erfahrungen), dann musst du dich selbst, deine Psyche, deine Ideen näher ansehen. Wenn die Frage lautet, ob die menschliche Willenskraft allgemein metaphysisch begrenzt ist (außer durch die Naturgesetze), so würde ich das verneinen. Wenn ein Mensch an sich arbeitet, kann auch seine individuelle Willenskraft äußerst stark werden.

3. Warum ist der Test der Reduktion (Rands Rasiermesser) so schwer anzuwenden?

Rands Rasiermesser fordert, dass man erklären soll, auf welchen Voraussetzungen (am besten bis zu den metaphysischen Axiomen) die eigenen Aussagen beruhen. Viele Menschen können die Voraussetzungen ihrer Aussagen nicht benennen – weil sie gar nicht wissen, wovon sie reden. Also können sie ihre Aussagen auch nicht auf deren Voraussetzungen zurückführen und aufzeigen, worauf sie beruhen. Wenn jemand sagt, dass Großkonzerne böse sind und er wiederholt damit lediglich, was er irgendwo gehört hat, so hat seine Aussage bestenfalls die Voraussetzungen einer anderen Person, die die Aussage zuerst getätigt hat. Diese andere Person mag die Aussage auf Beobachtungen stützen können oder auch nicht (ich tippe auf letzteres). Für ihn selbst, den Wiederholenden, den Mitläufer ist der Satz eine freischwebende Aussage. Sie hat für ihn überhaupt keine Verbindung zur Realität. Er äußert sich nur über die bösen Großkonzerne, um sich bei seinesgleichen beliebt zu machen. So etwas kann man nicht ernst nehmen. Philosophisch betrachtet hat er überhaupt nichts gesagt. Wenn jemand nichts sagt, braucht man ihn nicht zu fragen, auf welchen Voraussetzungen seine Aussagen beruhen. Man sollte ihn einfach ignorieren.

Wie ihr seht, kann man eine ganze Menge einfach ignorieren – nämlich den Unsinn. Dank ihres ausgeprägten Ironiebewusstseins ignorieren viele Menschen stattdessen das, was sie nicht folgenlos ignorieren können – die Realität. Die Realität wird euch in den Hintern beißen, wenn ihr sie ignoriert. Mein nächstes Webinar schafft Abhilfe.

Ein Kommentar zu “Das Irrationale hat einen neuen Gegner

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.