Kauf dir den Milchkaffee

Ein Milchkaffee in der Mensa kostet zunächst einmal keine 2 Euro, sondern 1 Euro bis 1,40 Euro. Was soll das bitte für eine Mensa sein? Wahrscheinlich die Mensa der privilegierten Zahnärztetöchter, beurteilt an diesen strahlend weißen Zähnen des Modells.

Wir sollen die zwei Euro lieber einem Kind im Tschad geben, damit es Lesen lernt. Der Tschad gehört laut dem Fragile State Index zu den sechs instabilsten Ländern der Welt. Laut Transparency International ist der Tschad außerdem das korrupteste Land der Welt. Wen muss man da zuerst alles bestechen, um Fanla Lesen und Schreiben beizubringen? Der Quasi-Diktator Idriss Déby beherrscht das Land mit seiner „Patriotischen Heilsbewegung“ (das ist der Name der Regierungspartei). Die „Union der Widerstandskräfte“ ist eine gewalttätige Rebellengruppe, die regelmäßig versucht, den Präsidenten zu töten.

Die Wirtschaft von Tschad ist so instabil wie das politische System. Es handelt sich um siebtärmste Land der Erde. 80 Prozent der Bevölkerung ernährt sich von Landwirtschaft zwecks Selbstversorgung. Sie haben ihre eigenen Felder und Ziegen vor der Haustür und leben davon.

In Tschad lesen zu können ist bestenfalls zwecklos, da es keine geeigneten Arbeitsplätze gibt. Es gibt auch kaum Buchläden. Und wenn man mal einen Buchladen entdeckt, kann man auf dem Weg dorthin von der „Union der Widerstandskräfte“ oder von der „Patriotischen Heilsbewegung“ erschossen werden. Schlimmstenfalls führt die Lesefähigkeit zu einer wütenden, desillusionierten Jugend, die entweder aus dem Land flieht oder sich der Regierung beziehungsweise den Rebellen anschließt.

Wie auch immer man die Lage in diesem Land verbessern könnte, man wird es auf jeden Fall nicht erreichen, indem man Kindern das Lesen beibringt. Das kann man später tun, sobald es eine halbwegs stabile politische und ökonomische Lage gibt – und das Lesen und Schreiben den Kindern auch etwas bringt außer dem Bewusstsein, dass sie es niemals außerhalb der Schule werden anwenden können. Es sei denn vielleicht, sie versuchen nach Europa zu fliehen, um dann mit den Flüchtlingsbooten im Meer zu versinken. Eure Kampagne ist also scheiße, Misereor.

Davon abgesehen ist Milchkaffee magenschonender als normaler Kaffee, weil er weniger Koffein enthält. Es ist also im Sinne der „Volksgesundheit“ (eine anderes Gutmenschenanliegen), durchaus den Konsum von Milchkaffee zu fördern. Ein Konflikt tut sich hier also auf zwischen verschiedenen Heils-Ideologien. Vielleicht sollte man die Patriotische Heilsbewegung fragen, was sie dazu sagt.

2 Kommentare zu “Kauf dir den Milchkaffee

  1. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Die Kampagne ist S, die Idee, dass die Alphabetisierung Gesellschaften nützlich ist, die Demokratie „westlicher“ Bauart benötigt diese als Voraussetzung, ist es nicht.

    ‚Weltbessermacher‘ sollten erst einmal ihre philosophisch-sittlichen Grundlagen zu verstehen suchen, gerne auch beim Genuss eines Milchkaffees für zwei Euro in einer Gourmet-Mensa.

    • Mein Argument (ursprünglich das von Dalrymple) lautet, dass die Alphabetisierung nicht der erste und einzige Schritt sein kann in einem kaputten Land. Sonst hat man das, was es schon gab, qualifizierte Jugendliche, die keine Arbeit finden und die aufpassen müssen, nicht von der Regierung oder von Rebellengruppen erschossen zu werden. Ordnung und Sicherheit stehen an erster Stelle.

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