Objektivisten gegen sich selbst

„Prüfet alles, das Gute behaltet!“ heißt es im ersten Thessalonicherbrief (Brief von Paulus in der Bibel). Da ich gestern nicht schlafen konnte, habe ich mal wieder stundenlang nach vernünftiger Kritik am Objektivismus – der Philosophie von Ayn Rand, die ich in Deutschland lehre – gesucht. Das Unterfangen passt gut zu meiner Recherche für das dritte Webinar über die objektivistische Epistemologie (das zweite ist leider auch noch nicht fertig). Und nach vernünftiger Kritik muss man leider lange suchen.

Vor allem war ich an Kritik an David Harriman interessiert. Der Physiker tat sich vor einigen Jahren mit Rands Erben, Leonard Peikoff, zusammen. Sie verfassten zusammen das Sachbuch „The Logical Leap. Induction in Physics„. Darin stellt Leonard Peikoff seine Theorie der Induktion vor – und Harriman illustriert sie an historischen Beispielen. Allerdings ging Harriman dabei angeblich teils schlampig vor – oder, wie seine Kritiker meinen, bog er sich sogar die Wissenschaftsgeschichte zurecht. Leider passt das zu den Vorwürfen, die ihm bei einer früheren Veröffentlichung gemacht wurden.

Private Notizen sind privat

Harriman war zuvor als Herausgeber der „Journals of Ayn Rand“ tätig. Harriman soll die Notizen teils so umgeschrieben haben, dass Rand sichere Behauptungen aufstellt, anstelle nur erste Ideen notiert (Rand selbst trennte sorgfältig zwischen Wissen und ersten Ideen). Diese Sammlung von Notizen der Denkerin hatte leider tendenziell eine ähnliche Wirkung auf Rands Ruf wie „Der Wille zur Macht“ von Friedrich Nietzsche auf dessen Reputation. „Der Wille zur Macht“ enthält Notizen von Nietzsche, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. Das Buch wurde von Nietzsches faschistischer Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche (der Philosoph nannte sie „giftiges Gewürm“) als intellektuelle Unterstützung des Nazi-Regimes missbraucht. Die „Journals of Ayn Rand“ enthalten gleichermaßen Notizen der Philosophin, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. Sie plante in den 1920ern – als verarmter Teenager, der in Hollywood Drehbücher korrigierte – einen Roman über einen Charakter, der teilweise an den Kindermörder William Edward Hickman angelehnt war. Rand bezeichnete Hickman zwar als „degeneriert“ und als „Monster“, aber sie stellte ihn sich auch als unabhängiges Individuum vor, das der Masse trotzt, die ihn verurteilt. Sie wollte seine negativen Eigenschaften (wie ein kleines Mädchen zu ermorden) bei der Erschaffung ihres Charakters weglassen und ihn in einen zielgerichteten, positiven Helden umfunktionieren. Dieser Held wäre dann natürlich nicht mehr der Kindermörder Hickman, aber doch ein Charakter, der ein bisschen von ihm inspiriert wurde.

Offensichtlich ist Rands Perspektive bei der Wahrnehmung von Hickman verzerrt. In ihrer Jugend war sie zu jener Zeit stark von Friedrich Nietzsche beeinflusst. Dessen düstere Verachtung der Masse und Glorifizierung des „Übermenschen“, der andere Menschen für seine Zwecke ausnutzt, gab ihr in ihren frühen Tagen sowohl Kraft, als sie auch für großen Frust und finstere Gedanken sorgte. Leider blitzt selbst in Rands publizierten Büchern immer wieder einmal Nietzsche auf. Selbst in The Fountainhead und mehr noch in Atlas Shrugged gibt es Passagen, in denen Rand die große Masse an Menschen sehr negativ porträtiert. Berüchtigt ist die Szene in Atlas Shrugged, in der ein Zug verunglückt. Rand betont die Verantwortung der Wähler, die im Zug mitreisen, weil sie die Politiker gewählt haben, deren Politik letztlich zur Zerstörung der Marktwirtschaft führte. Und somit zum Zugunglück, wobei sie die kausalen Zusammenhänge genau aufzeigt. Allerdings wird in den späteren Werken die düstere Verachtung der Masse immer wieder konterkariert durch eine große Achtung, die Rand für die einfachen, produktiven Menschen aufbrachte. Ein Beispiel ist der Gerichtsprozess gegen den Architekten Howard Roarke in „The Fountainhead“ – die einfachen Arbeiter sprechen ihn als Geschworene frei.

Rands Idee für den Hickman-Roman entstand in einer sehr prekären Phase in Rands Leben, als sie den ganzen Tag über arbeitete und kaum genug Geld für Kleidung hatte – die anderen Hollywood-Aushilfen sammelten sogar Spenden für sie. Sie schrieb sich in manchen Geschichten und Notizen ihren Frust und ihre Wut von der Seele.

Nun hat Rand natürlich selbst diese Romanidee als einen Irrweg erkannt. Darum schrieb sie den Roman nicht und hielt auch ihre Notizen unter Verschluss. Seit der Veröffentlichung durch Harriman liest man in jedem kritischen Artikel über Rand (also in praktisch jedem Artikel über Rand), sie habe „einen Kindermörder glorifiziert“. Und manche Objektivisten geben Harriman die Schuld daran.

In der Tat halte ich ebenso die Publikation der „Journals of Ayn Rand“ für einen Fehler. Ich weiß ja selbst, wie Autoren ticken und welchen spontanen Quatsch sie sich notieren. Manchmal ist man eben wütend und wünscht sich die zehn Plagen vom Himmel. Das dürfte jedem Menschen so gehen und Autoren haben noch dazu eine rege Fantasie. Als verantwortungsvoller Autor publiziert man seine düsteren Notizen dann aber nicht, und macht vor allem kein Buch daraus. Zum Beispiel habe ich so gut wie nichts über Politik und Wirtschaft geschrieben, als ich noch verworrene (linke) Auffassungen zum Thema hatte. Sondern vor allem Kritik an Religion und Esoterik. Optimalerweise lernen wir dazu – und belästigen die Menschen nicht mit unserem Lernprozess, sondern mit dessen Ergebnis.

Harrimans Kritik an moderner Physik

Leider verlässt sich der Philosoph Leonard Peikoff auf Harriman, wenn es um die philosophische Kritik an der modernen Physik geht. Die Beiden haben es vor allem auf den Urknall, die Quantenphysik, die Relativitätstheorie und die Stringtheorie abgesehen. Nun ist es nicht zutreffend, dass sie diese Theorien einfach als falsch abtun würden. Vor allem Peikoff beschränkt sich sorgfältig auf die epistemologische Kritik an der Vorgehensweise von zum Beispiel Einstein (in The DIM Hypothesis). Und doch bekommt man vor allem nach Harrimans Vorlesungen den Eindruck, dass diese Theorien ziemlich unsinnig sein müssen. Da leider so gut wie jeder, der an dieser Debatte mitmischt, irgendeine Agenda hat, ist es sehr schwierig, die fundierte Kritik von der Pseudo-Kritik zu unterscheiden. Und es ist schwer zu sagen, wie weit Harriman tatsächlich geht mit seiner Kritik an der modernen Physik, weil er diese populär darstellt und dabei zu wenig differenziert.

Qualifizierte Physiker mit objektivistischem Weltbild haben sich jedenfalls teilweise für und teilweise deutlich gegen Harrimans Darstellungen ausgesprochen. Ein „Physicist Dave“ genannter Kommentator taucht überall in diesen Debatten auf. Er nennt keinerlei inhaltliche Argumente und posaunt überall herum, dass Objektivisten angeblich Pseudowissenschaft betreibt würden. Er schreibt auch für den Objektivismus-kritischen Blog „Ayn Rand Contra Human Nature“ nach einem gleichnamigen Buch. Die Kritik auf diesen Blog ist allerdings höchst unfundiert und beruht größtenteils auf Missverständnissen. Was der Blog macht, ist eigentlich eher Trollerei als Kritik.

Wenig überraschend ist Harriman inzwischen aus dem Ayn Rand Institute rausgeflogen. Offenbar hat er sich mit Peikoff zerstritten, wie so viele vor ihm. Peikoff hat leider ein sehr empfindliches Gemüt. Nun ist Harriman für die Atlas Society tätig, die dem Objektivismus zu akademischer Anerkennung verhelfen möchte. In Harrimans neuen Vorlesungen ist keine Rede mehr von der modernen Physik. Auf der Website der Atlas Society wurde die moderne Physik auch schon mehrmals gegen Harriman und Peikoff in Schutz genommen, andererseits wurde auch die epistemologische Kritik teils anerkannt.

Nun ist von einigen etablierten objektivistischen Publizisten Kritik an der Aufnahme Harrimans in der Atlas Society laut geworden. Sie sind der Meinung, dass der Physiker zu schlampig arbeitet und sich gelegentlich die Fakten zurechtbiegt – und diese Herangehensweise lehnen sich natürlich ab, weil sie der objektivistischen Philosophie widerspricht.

Auf jeden Fall ist mir das alles zu verworren. Bis ich mich unabhängig damit befasst habe, werde ich mich gar nicht zur modernen Physik äußern. Für das dritte Webinar zur Epistemologie werde ich voraussichtlich zwar einige von Harrimans Beispielen aufgreifen, aber erst, nachdem ich sie ausreichend gegenrecherchiert und die Kritik daran einbezogen habe. Eine noch so schöne Illustration taugt nichts, wenn sie historisch nicht stimmt. Ausgerechnet wir dürfen unter keinen Umständen irgendwelche Fakten zurechtbiegen oder schlampig arbeiten. Das wäre ja genau das Gegenteil von dem, worum es uns geht!